Schleswig im Wandel

Bestandsaufnahme 10.04.2019

Seit mehr als 30 Jahren erlebe ich Schleswig. Seine Wandlungen kommen gewiss an den unterschiedlichsten Orten erkennbar zum Vorschein. Sie alle hier aufzuzählen oder zu bewerten wäre müßig. Die Raupe der späten Nachkriegsjahre hat sich in Schleswig jedenfalls als nicht gar so gefräßig erwiesen wie andernorts, dafür liebe ich diese Stadt. Allerdings hatten sich notwendige Wachstumsveränderungen für einige schläfrige Jahre in ein Stadium der Verpuppung verzogen. Seit kurzem nun macht diese Puppe Anstalten aufzuwachen und in schmucker Erneuerung … aber was rede ich da, weit entfernt davon, zum strahlend schönen Schmetterling zu werden, scheinen letzte Transformationen eher zu misslingen. Wohin uns die Zukunft führt? Wir werden sehen!

In Facebook schlug ein jugendbewegter Ideengeber jüngst vor, die gerade entstehende Hertie/Karstadt-Brache zur Beachvolleyballstätte umzuwidmen.

Die Hertie/Karstadt-Brache 2019 im April © BD

Ausreichend leichte Bekleidung der Volley-“Ballerinen” vorausgesetzt, stünden am Zaun fraglos die Gleichen, die derzeit noch die trutzigen Abbruchmaschinen bewundern. Leider wären sie jedoch von den klimatischen Bedingungen der Jahreszeiten stark beeinträchtigt. Im Winter könnte man ja Schneevolleyball anbieten, ein der Phantasie entsprungener und mittlerweile in der Gebirgswelt Bayerns tatsächlich schon umgesetzter Freizeitsportgedanke.

Ein Spaziergang im Jahr 2050

Doch lassen wir einfach mehr als 30 weitere Jahre hinter uns und begeben uns ins Jahr 2050 und auf die Königswiesen, wo das inzwischen siebte Jahrhundert-Hochwasser seit dem Jahr 2020 gerade wieder gut abgetrocknet ist.

Langsam zieht sich die Schlei in ihr Ostseebett zurück © KD

Vor wenigen Wochen noch schwappte es bis an den Rand der Königstraße. Vor uns stehen die immer noch verglasten Blöcke jener Bebauung, die als “urbane Stadthäuser” bezeichnet gegen Ende des zweiten Jahrzehnts hochgezogen wurden und in den zwanziger Jahren noch voll blühenden Lebens waren. Spätestens seit dem vierten Schleihöchstwasser ist aber klar, dass die Regierung sich weiterhin weigern wird, die Schlei näher zur Ostsee hin mit einem Sperrwerk zu versehen. Seitdem beginnt der Niedergang. Etliche Mieter sind ausgezogen, jetzt werden es immer mehr. Die verzweifelte Immobiliengesellschaft versucht gegenzusteuern. Höchstpreisige Mietwohnungen sollen zu Eigentum gewandelt werden. Wer zwanzig Jahre oder länger wohnt, darf günstig kaufen. Keiner will!

Schöner Leerstand © BD

Zu unserem Glück ist der Weg von den Königswiesen in die höher gelegene Innenstadt nicht blockiert. Wir treten frei zwischen den Klötzen der missglückten Lösung hinaus auf die große immer noch nicht autofreie Kreuzung Königstraße-Poststraße. Da elektrischer Strom die meisten Fahrzeuge antreiben soll, wurde aus politischen Gründen der Erwerb eines Elektro-Mobils massiv gefördert. Im Ergebnis drohen jetzt mehr Städte im Individualverkehr unterzugehen als in den Fluten der Ozeane. Ob das vorübergehend eingeführte zwangsweise Car-Sharing der Weisheit letzter Schluss sein wird, ist zurzeit Gegenstand vieler Debatten.
Die Ampelanlage führt uns sicher auf die andere Straßenseite, unverändert sehen wir rechts und links in der Poststraße Gebäude aus der Frühzeit des 20ten Jahrhunderts. Fassadenelemente, die keinen anderen als ornamentalen Zwecken dienten, sind nicht alle verschwunden, einige wurden sogar liebevoll restauriert. Sie fielen nicht jenem Zeitgeist zum Opfer, der seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts mehr Bausünden zeugte, als dass er Schönheiten hervorgebracht hätte.

Ausgerechnet die der Straße ihren Namen verleihende Post wurde als Neubau zwischen die alten Fassaden gequetscht.

Die Poststraße mit dem Neubau der Post Mitte rechts © BD

Es blieb in dieser Straße der einzige, er soll in Kürze abgerissen werden. Die Postbank ging in einem Bankenverbund unter. Sie residiert jetzt gegenüber im alten Commerzbank-Gebäude, Brief- und Paketdienste sind an Großkonzerne wie GoogleFly und AmazonTrans gefallen. Jetzt können die ihre Drohnen-Flotten ohne einschränkende staatliche Regulierung zum Nutzen aller Bürger hin- und herfliegen lassen. Im übrigen wurden auch die Dienste des Einwohnermeldeamtes diesen Konzernen überlassen. Seit angeblich mindestens 15 Jahren sollen sie bessere und genauere Daten über sämtliche Bewohner der Erde auf sichereren Servern platziert haben, als Behörden und Ämter sie jemals bieten könnten.

Der Hang” eine Utopie

Und jetzt endlich können wir den Blick heben zum Ende der Poststraße, wo auf dem Platz des früheren Karstadthauses längst nicht mehr Volleyball gespielt wird.

Vorm Balkon der Stadtbücherei werden 200 m frei bebaubar auf 50 m Breite © BD

Oder etwa doch? Das Gewimmel der Menschen auf dem Stadtweg gleicht einer Völkerwanderung. Wie kam es dazu? Was zieht sie an? Ist verkaufsoffener Sonntag? Mitnichten! Sehen wir uns an, was von 2020 bis 2022 in drei Jahren entstand, als Schleswig seine Flügel ausbreitete und durch eine gelungene Transformation den Zugang zur Haupteinkaufsstraße aus jahrzehntelanger Dornrosenagonie zur belebtesten Attraktion norddeutscher Städte gestaltete:
Der Ausgangsgedanke galt dem Problem, zu verhindern dass eben eröffnete Läden nach kurzer Zeit schon wieder von der Bildfläche verschwinden. Unsoziales Franchising und exorbitante Quadratmetermietpreise durfte es nicht geben. Beim Bummel, aber auch beim eiligen Durchqueren sollte sich eine Umgebung darbieten, die abwechslungsreich, angebotsvielfältig und lebendig erscheint. Dennoch musste sie unverwechselbar sein, so noch nirgends verwirklicht. Einerseits kein imitierendes Surrogat einer Märchenwelt, kein Disneyland, andererseits aber doch wieder so voller überraschender Momente, dass nie Langeweile das Hirn ermüdet, noch weniger aber Buntheit es überreizt. Sogenannte Galerien, wie man sie allenthalben in Großstädten als glasüberdachte Prunkbauten hat entstehen sehen, schlecht kopiert von den weniger zahlungskräftigen kleinen, fielen da von vornherein aus. Sie beherbergten allenthalben Läden der immer wieder gleichen Firmenketten. Architektur und Soziales, Wohnen und Besuchen, Kaufen und Genießen sollten ineinandergreifen.

Die Neubebauung durfte, ja musste dabei ganz und gar kleinteilig werden und bleiben. Schon nach außen sollte sie zeigen, dass hier nur Reparaturbetreiber, Musikerinnen, Kleinhändler, Blumenfrauen, Holzschnitzerinnen, Buddelschiffbauer, Feinschmeckerinnen, Metallbauer, Schlüsselschmieden, Malerinnen, Sattler, Polsterer, Kunsthandwerker, Wortschmiede, Lebenskünstlerinnen, Garköche, Kaffeerösterinnnen und Teekocher leben und arbeiten und nicht irgendwelche Konzerne. Der Bau führt Menschen aus allen Bevölkerungsschichten zusammen, die sich auf 30 m² bis 40 m² eine Existenz aufbauen, indem sie ihre Gäste bewirten, sie mit ihren Künsten bereichern, ihnen vorlesen, vortanzen, vorsingen, ihnen Dinge bauen oder verkaufen und spielerisch offen sind, neue und alte Lebensformen zu verbinden. Jedem wird nach wie vor die Gelegenheit gegeben Anteilseigner des gesamten Baues zu werden, stets aber nur im Maß des jeweils eigenen Ladens, von dem jede bzw jeder maximal einen besitzen bzw. pachten darf.

Dafür musste die Stadt in den ersten Jahren viel Geld in die Hand nehmen, es gelang allerdings den Kreis und das Land mit ins Boot zu holen, zudem wurde der Sozialetat entlastet, denn ein Großteil der Existenzen wurde durch diesen Bau vom sogenannten Rand der Gesellschaft in deren Mitte gelotst. Vorsichtige Hilfen von Sozialarbeitern und Arbeitsberatern halfen in den ersten Jahren die unterschiedlichen Bedürfnisse und Lebensbedingungen so zusammenbringen, dass daraus ein gemeinsames Ziel formuliert werden konnte.

Noch kann auf diesem Hang eine Zukunft für viele gestaltet werden © BD

Heute bietet sich “der Hang” als erfolgreiches Modell all jenen an, die sich nicht mehr hängen lassen wollen. Ob auch die bisherige Trennung von Wohnen und Arbeiten aufgehoben werden kann, erweist sich erst dann, wenn das ehemalige Martin-Luther-Krankenhaus, das 2050 endgültig in die Jahre gekommen ist, den Betreibern des Hanges nicht mehr zur Wohnung dienen muss, sondern umgebaut worden sein wird zu einem neuen “Hang”, der langsam über die rechte Seite der Moltkestraße von ihrer halben Höhe herab über die Michalisallee hinweg bis zum Beginn des Stadtweges wachsen wird.

Weiter rechts die Moltkestraße hoch gehts über die Michaelisallee hinweg © BD

Wir vermuten, dass wenigstens weitere 25 Jahre ins Land gehen müssen, bis es soweit ist, dass Jung und Alt in diesem besonderen Stadtteil sich tummeln und wohlfühlen.

Schon in der ersten Planung war es nicht verwunderlich, dass eine wichtige Forderung der Stadtbücherei galt, sie musste bleiben, ja integriert werden mit ihren Angeboten von Lesen und Lauschen. Dafür bot sich die breite Terrassenfläche vor ihrem Eingang.

Die Bücherei darf bleiben, vom Balkon aus wächst ein neuer Stadtteil heran © BD

Sie verlängerte sich in den Entwürfen der Planer zur Leseterrasse mit Cafébetrieb, an den Tischen Anschlüsse für digitales Lesen und Hören, das Gebäude selbst wuchs bis zum Straßenrand. Das frühere Hertiegelände auf der anderen Seite der Moltkestraße lag ja nicht von ungefähr an einem Hang. Die Höhe der Bücherei wurde aufgenommen und über die Straße hinweg der gesamte Bereich in breiter Fläche überbrückt. Die Verschwenkung der Straße darunter in scharfer Links- und Rechtskurve blieb in voller Absicht des umso langsamer nur darunter hinrollen könnenden Verkehrs erhalten, wie auch der anschließende Einbahnstraßencharakter des oberen Teils der Poststraße. Der gesamte ehemalige Hang ist jetzt so bebaut, dass er als Hang sichtbar geblieben ist. Unterirdisch gibt es eine automatisierte Versorgungsstraße im hinteren Teil, worüber die Anlieferung von Waren für die vielen Läden geschieht. Hier hinten liegt auch die Wasserversorgung, die Entwässerung, der Fernheizungsanschluss, die Stromversorgung, die Leitungen der Kommunikationseinrichtungen, die technischen Einrichtungen mitsamt einigen Kleinstfahrstühlen für Warenverkehr.

Oberirdisch sind auf allen Dächern Gärten und Laufwege zum Spazieren entstanden, Brücken erlauben den Besuchern von einem Garten zum nächsten zu wechseln. Hängepflanzen ranken sich über die Geländer und zeigen im Sommer, dass sich in der sonnigen Südlage ein ganz besonderes Kleinklima entwickelt hat, selbst mediterrane Pflanzen gedeihen hier. Die zwischen den Läden und Geschäften sich schlängelnden Wege sind so angelegt, dass die Terrassierung abkürzende Treppen erlaubt. Wer aber gebunden an Rollstuhl oder Gehwagen hindurch rollen oder gehen muss, findet von der Bücherei oben bis zum Austritt ganz unten am Stadtwegeingang zur Einkaufszone eine langsam abfallende, hin- und her sich windende Strecke, die durchaus zwar mit Hindernissen wie Gartenstühlen, Auslagen oder Ausstellungsstücken, immer aber mit Genuss durchmessen werden kann. Hilfreiche Hände werden gern jeden Besucher unterstützen, der auf dem Weg nach oben oder unten vorankommen möchte. Und tatsächlich gibt es diesen Weg doppelt, nämlich auch über die Gärten und Dächer! Zwischendrin erheben sich manchmal Türmchen über das Gewimmel, darin findet man nun nicht selten die Macher und Existenzgründer der ersten Stunde, wie sie auf ihre neue, anscheinend ganz organisch gewachsene Stadt blicken und gern von den Mühen der Anfangszeit berichten.

Schleswig, meine Stadt, ich mag dich!

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