Eine spannende Reise in das 18. Jahrhundert

Eine kleine, aber sehr feine Veranstaltung: Die 2. Schleswiger Barocktage am Holm.

Zu Besuch bei den 2. Schleswiger Barocktagen am Holm

Bereits zum zweiten Mal veranstaltete der mehrfach ausgezeichnete historische Darsteller Jörg Nadler am vergangenen Wochenende dieses sehr feine Event und lies, zusammen mit den anderen Darstellern in ihren authentischen Kostümen, alle Besucher an ihrem unglaublich großen Wissen über die Zeit des Spätbarock und Rokoko teilhaben.

Die Veranstaltung fand im lauschigen Ambiente des Hinterhofes des Fischereibetriebes Nadler an der Süderholmstraße 23 statt. Zu betreten durch einen langen schmalen Gang zweier schmucker Holmer Häuschen. Ich hatte ein bisschen das Gefühl, dass ich in die bekannte alte Science-Fiction-Serie „Time Tunnel“ aus meiner Kindheit geraten bin und beim durchqueren des Ganges aus meiner Zeit direkt in eine andere, bereits vergangene Zeit gereist bin. Manch einer erinnert sich vielleicht.

Am Ende der eigentlichen Zeitreise und Ankunft in der Zeit zwischen 1750 bis 1770 konnte man die Menschen und ihr Handwerk in dieser Zeit bestaunen und das war aus der unserer heutigen Sicht sehr interessant und lehrreich. Gerade auch die klein Besucher staunten mit großen Augen und folgten den Erzählungen und Erklärungen zum Leben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Auch wenn sie, zum Beispiel bei Themen wie dem Walfang durchaus sehr leise wurden.

Walfang. Blutig und gefährlich.

Sehr anschaulich wurde das blutige und gefährliche Handwerk des Walfangs zu der damaligen Zeit erklärt. So wurden verschiedenste Werkzeuge gezeigt und ihre Funktion genau beschrieben. Zu dieser Zeit wurden viele Dinge des täglichen Lebens aus dem Speck oder Barten der Meeressäuger hergestellt. Das ging von Lampenöl oder Kerzen, bis zu elastischen Blattfedern für Kutschen die z.B. aus den bis zu 3 Meter langen Barten der Tiere hergestellt wurden.

Der Brillenmacher.

Beim Brillenmacher konnte man tatsächlich Brillen bestaunen (und auch erwerben), die bereits mehrere hundert Jahre auf dem Buckel haben. Echte kleine Schätze der Handwerkskunst, mit zum Teil wunderbarer und trickreicher Mechanik und erfindungsreicher Funktionalität. So wird aus einer Lupe die man schick als Medallion tragen konnte durch simples auseinander Klappen eine kleine Lesebrille. Manche dieser alten Brillen hatten sogar noch die originalen Gläser. Der Brillenmacher gestaltet aber auch neue Brillen und alles sind wunderbare Einzelstücke. So konnte man eine Brillengestell aus Leder und Federn bestaunen, oder auch feine Gestelle aus Silber.

Bier brauen unter freiem Himmel.

Sehr anschaulich und wunderbar erklärt wurde das Brauen von Bier und auch viele Geschichten drumherum erzählt. Wusstet ihr, dass man Bier bis nach Indien exportiert hat? Ich jedenfalls nicht. Der Grund war, dass man zu der damaligen Zeit wegen der dortigen Wärme und des Klimas in Indien selbst kein Bier brauen konnte. Damit dieses Bier für den Export nach Indien die lange Schiffsreise um den halben Planeten übersteht, musste es sehr stark sein.

Was macht der Fischer mit der Muskete?

Er ging damit auf Robben-Jagd. Den Besuchern wurde die Funktionsweise und der aufwendige Ladevorgang einer originalen englischen Muskete vorgeführt und auch erzählt was dabei so alles schief gehen kann. Auf das einlegen einer der großen Bleikugeln wurde natürlich verzichtet uns so konnten wir Besucher erleben, dass ein Schuss aus dieser historischen Waffe ordentlich Wums macht. Sehr anschaulich auch der durch das Schwarzpulver erzeugte Pulverdampf. Man kann sich förmlich vorstellen, was es bedeutete wenn diese Waffen militärisch auf den Schlachtfeldern der damaligen Zeit eingesetzt wurden.

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Berufsjäger und Scharfschütze.

Auch ein Berufsjäger aus der Barockzeit erzählte über sein Leben, die damaligen Jagdmethoden und präsentierte ebenfalls seine Jagdwaffe. Diese war deutlich zielgenauer als die einfache Muskete des Fischers aber eben auch für die einfachen Leute unerschwinglich. Der Ladevorgang ist weitgehend identisch mit der Muskete, allerdings plumpst die Bleikugel hier nicht einfach in den gezogenen Lauf der Waffe. Hier musste der Schütze mit einem kleinen Holzhämmerchen etwas nachhelfen. Der gezogene Lauf verleit der Kugel beim Flug einen Drall und stabilisiert dadurch die Flugbahn des Geschosses, daher ist diese Waffe, in Punkto Treffgenauigkeit, der Muskete weit überlegen. Lauter ist sie ebenfalls, wie wir alle die dabei waren erleben durften. 😉

Im Kriegsfalle, so erfuhr man, wurden die damaligen Berufsjäger auch als Scharfschützen eingesetzt und die gezeigte Arbeitskleidung des Braunschweiger Jägers entsprach auch der Uniform beim Militär. Diese Braunschweiger Truppen wurden sogar, auf Seiten der Engländer, im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg eingesetzt und so mancher dieser Soldaten blieb später in Übersee und begann dort eine neue Existenz und kehrte nicht mehr nach Europa zurück.

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Obwohl ich wusste, dass es ordentlich knallen wird, habe mich heftig erschrocken.
Also wackelt es am Ende des Filmchens leicht. Sorry! 🙂

Handwerk. Ein Seil entsteht.

Mit großem Interesse verfolgte ich, wie die anderen Besucher ebenfalls, wie ein Seil in Handarbeit entsteht. Die Kinder die die Apparatur bedienen durften hatten sichtlich Spaß dabei, auch wenn es ihnen Durchhaltevermögen und einiges an Muskelschmalz abverlangte. In der Barockzeit wurde diese Arbeit tatsächlich oft von Kindern gemacht. Kinderarbeit war damals nichts Besonderes, denn Kinder mussten durch zum Broterwerb in den ärmeren Schichten beitragen.

Auch die Herren trugen damals Strumpfband

Bei Strumpfbändern denkt man allgemein sofort an die Damenwelt, aber in der damaligen Mode trugen auch die Herren Strumpfbänder. Ihre Strümpfe wurden über das Knie gezogen und dann dort mit dem Band fixiert. Anschließend wurde das Beinkleid von oben darüber gezogen. Auffällig auch mit welcher Qualität damals z.B. die weißen Hemden der Fischer genäht wurden. Von Hand mit akkuraten im Millimeterabstand gesetzen Nadelstichen. Diese Kleidung war darauf ausgelegt lange zu halten und war wertvoll. Etwas zu dem unsere heutige Wegwerfgesellschaft zurück finden sollte.

Solarenergie wurde schon lange vor unserer Zeit genutzt

Eine wunderbares Kleinod, ein Tabakdöschen mit im Deckel integriertem Brennglas. So konnte man bequem sein Pfeifchen entzünden und das wirklich bequem, rasend schnell und sauber.

Aber was tun wenn die Sonne nicht schein?

Dann griff man auf Feuerstein und Schlageisen zurück. Mit den Funken, die erzeugt werden wenn man mit dem Eisen gegen den Feuerstein schlägt und etwas Zunder (hier die Flugsamen eines Rohrkolbens), bekommt man ebenfalls sein Tonpfeifchen in Gang.

Rauchen schadet der Gesundheit

In diesem Falle sind damit nicht nur die bekannten Folgen des Tabakkonsums gemeint. Sondern auch die Nutzung der damals üblichen weißen Tonpfeifen. Gern schmauchte man ein Pfeifchen bei Ausübung seiner Tätigkeiten, um die Hände für sein Werk frei zu haben klemmte man die Pfeife gern zwischen die Zähne. Der Ton der Pfeife ist allerdings härter als der Zahnschmelz und in Folge dessen bildete sich im Gebiss je eine halbmondförmige Lücke in den Zähnen des Ober- und Unterkiefers. Man hat bei Ausgrabungen Schädel mit diesen typischen Abnutzungen gefunden und die Enden der Tonpfeifen passen exakt in die Lücken hinein. Ich habe dazu mal den folgenden Beitrag verlinkt: Zahnschäden durch Tonpfeifen

Fischerei am Holm

Der Holm ohne Fischerei ist für einen echten Schleswiger natürlich undenkbar und so wurden die typen Fischerei-Werkzeuge präsentiert, samt eines der typischen Fischerboote dieser Zeit. Bei dem gezeigten Boot handelt es sich allerdings nicht um eines der Boote die hier typischer Weise auf der Schlei von den Holmer Fischern eingesetzt wurden, sondern um ein so genannte Smakkejolle. Diese wurden auf der westlichen Ostsee von Dänemark bis zur Lübecker Bucht verwendet und die Smakkejollen waren die kleinsten küstentauglichen Fischerboote auf der Ostsee und das vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre. In dieser ganzen Zeit gab es nur kleine Änderungen an den Smakkejollen.

Auf der Schlei wurden zeitgleich andere Fischerboote, die bekannten Schleikähne eingesetzt. Im Gegensatz zur Smakkejolle hatten diese einen Flachboden, dieser war für die Fischerei auf der Schlei mit ihren oft flachen Uferbereichen vorteilhafter, denn die Smakkejolle hatte einen größeren Tiefgang. Auch sind die Schleikähne beinahe doppelt so lang wie die 5 Meter lange Smakkejolle. Mit etwas Glück dürfen wir auf einer der nächsten Veranstaltung Jens Nadlers ein Modell eines großen Schleikahns bewundern.

Noch ein paar Impressionen zum Schluss

Ein paar Bilder die, wie ich glaube die Stimmung auf dem 2. Schleswiger Barocktagen widerspiegeln. Einfach nur mal so…

Weitere Informationen zu Jörg Nadler

Wenn ihr mehr über Jörg Nadler erfahren möchtet, dann sei euch auch seine schöne Webseite „Historischer Fischer“ (https://www.historischerfischer.de/) wärmstens ans Herz gelegt.

Ich freue mich bereits auf die nächsten Schleswiger Barocktage und falls ihr es in diesem Jahr verpasst habt, dann solltet ihr es wirklich beim nächsten Mal diese Zeitreise nachholen. Unbedingt!

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