Offener Brief an die Stadt Schleswig

Über die Sprache einer ins Absurde gesteigerten, fehlgeleiteten Architektur in Schleswig: Lichterflut und Ampelwahn!

Nach dem Ende unseres Berufslebens zogen meine Frau und ich vor einigen Jahren an die Königswiesen mit einem zu der Zeit noch weiten, freien Blick über die Schlei, im sommerlich startenden Frühling mit Vogelgezwitscher in den Büschen, mit ruhigen dunklen Nächten vorm Fenster, und bei klarer Sicht im Winter mit den Sternen der Milchstraße über uns. Doch! Wir wussten schon, uns würden in nicht allzu ferner Zukunft einige Neubauten den freien Blick auf die Schlei einschränken. So weit so akzeptabel. Dem Wachsen der neuen Bauten schauten wir mit skeptischem Interesse zu. Heute sind wir überzeugt, dass fehlende Vorstellungskraft gepaart mit mangelnder Kompetenz bei völliger Abwesenheit eines Willens zur Teilhabe an der planerischen Gestaltung unserer Umwelt bei den für die Genehmigungen Verantwortlichen vorgelegen haben müssen.

Wie kommt man zu einem derart vernichtenden Urteil? Der Architekt selbst glaubt, wir nähmen ihm seine Baukunst übel, weil sie unserem freien Blick im Wege steht. Mitnichten! Wäre es so einfach, dann teilten wir nicht mit vielen Schleswigern ein Gefühl des Unbehagens beim Anblick dieses am Ufer der Schlei entstandenen Monstrums. Woraus das entsteht, verschließt sich weder einer Analyse noch der Interpretation. Unser Ergebnis steht allerdings im krassen Widerspruch zur gefälligen Selbstdarstellung seines Entwerfers. Beginnen wir mit dem Rand der eigentlichen Königswiesen. Das Gelände erlebte durch die Landesgartenschau im Jahre 2008 eine – nicht überall als geglückt empfundene – Aufwertung. Doch seinem Zweck als Stadtpark für jeden kam es seither gut nach. Eine natürliche Grenze zu dem besagten, heute fertig bebauten Gelände bildete ein sich organisch dahinschlängelnder von Buschwerk und hohem Schilf umrahmter Bachlauf. Die Ränder auf die niedrigst mögliche Höhe gestutzt mit von Baggerschaufeln geglätteten Seiten, deutete er an, was die Bauten sichtbar vormachten: Aussperrung natürlichen Wachsens, schließlich sollen die neuen Bewohner freien Blick haben. Sollen sie?

Da gibt es den zum Aussichtsturm umgestalteten ehemaligen Wasserturm. Von seiner obersten Plattform bot sich ein hervorragender Rundumblick im Osten beginnend vom Dom zum Stadthafen, über die Königswiesen zur Schlei mit der Möveninsel im Süden, weiter bis zum Wikingturm und Segelhafen und darüber hinaus nach Westen in Richtung Schloss. Wendet sich der Betrachter jetzt jedoch nach Norden, so erfasst das Auge statt der ansteigenden Silhouette der Stadt vor sich das flache Dach mit einer sperrig sich in den Himmel reckenden ausziehbaren Leiter zum nächsthöheren Stockwerk wie bei den übrigen Häusern, dazu die mit stählernen Gittern versehenen Balkone und die hell geklinkerte, großflächig verglaste Fassade des ersten der hier entstandenen Gebäude, hinter deren Fenstern die Bewohner granteln, dass der tumbe Bau im Wege stehe, außerdem leuchte er des Nachts. Aber die Betrachter auf der Aussichtsplattform gibt es schon nicht mehr, denn die eiserne Tür in den Turm hinein ist mit einem Vorhängeschloss gesichert, der Weg ist versperrt. Wann geht wohl auch das Licht hier aus, wie lange steht der Bau noch?

Als im Rahmen der Landesgartenschau ein empfindsam gestaltender Planer den Turm neu erschuf, hatte er den genialen Gedanken, auf den gemauerten Sockel eine lichte Holzkonstruktion zu setzen, innerhalb derer bei Dunkelheit ein geheimnisvolles Leuchten die geschickt angeordnete Wandverkleidung durchdringt und die stählerne Wendeltreppe hinauf kaum erahnen lässt. Dergestalt verbinden sich Licht und Schatten wie Bäume und Himmel. Das kürzlich fertig gewordene Gebäudeensemble hingegen blendet mit großen gläsernen Elementen selbst dort noch, wo dahinter die Fassade aus statischen und raumgestalterischen Gründen massiv sein musste. Als sich der Architekt gleich nach der Landesgartenschau mit dem Bau eines solitären Würfels aus Glas und glatten weißen Glasalflächen ein vier Stockwerke hohes Büro- und Wohngebäude am Rand der Königswiese hinstellte, war es ja fast noch ein spannungsvoller Witz, wie es so selbstherrlich dastand und den Aussichtsturm zum bedeutungslosen Nichts keine 50 m daneben erscheinen lassen wollte. Die Pointe jedoch misslang, dem kunstvoll aber wirkungslos herbeigeredeten 2° Energiekonzept des „Split-Level-Stadthauses“ steht entgegen, dass fürs Fensterputzen und Fassadereinigen von außen schweres Gerät und Hebezeug herangefahren werden muss. Und im Innern ruft eine ständige Dauerbeleuchtung bei Tag und Nacht dem Besucher zu: „Sieh her, hier bin ich Fahrstuhl, vergeude nicht Deine Energie, verschwende meine!“

Es nimmt denn auch nicht Wunder, dass knapp 10 Jahre später die Ausführung der übrigen Bauten sich anlehnt an die Machart dieses frühen Einlings, ja sie zum Stil übersteigern will und – dabei scheitert! Wieso wir das behaupten? Weil Masse – auch an Geld – eben nicht von selbst schon Klasse bedeutet. Wird eingangs gezeigt, wie die gedankenlose Behandlung eines Baches Natur aussperrte, so erlebten die Schleswiger während der Bauzeit, dass auch die Menschen vom Hauptzugang zu ihrem Stadtpark ausgesperrt wurden. Gnädig ließ die Bauherrin – Mutter des Architekten und Nutznießerin einer vor Zeiten geschiedenen Ehe – Jahre später aber immer noch zwei Monate vorm Ende der Bauphase den Weg über die Brücke wieder für die Allgemeinheit freiräumen, eigentlich war das erst für Juni 2019 geplant.

Es ging immer schon nur um „Exklusivität“, wörtlich also ums Ausschließen. Stimmt nicht? Doch! Das Gelände ist weitgehend hoch umzäunt, auch die immergrüne Pflanzung aus meist einheitlichem Kirschlorbeer dient nicht dem Hereinholen von Natur, sondern unterstreicht mauergleich in ihrer langweiligen Allgegenwärtigkeit, Ihr seid draußen, wir sind drinnen. Die Pflasterung von Wegen und Straßen betont mit ihrer steinernen Gegensätzlichkeit zum Grün der Königswiesen das Prinzip der Exklusion. Im Hintergrund weist eine Schranke, die sich auf ein Code-Signal hin öffnet, auf die Möglichkeit hin, das Gelände in jene andere Richtung zu verlassen, doch Zutritt von außen gewinnt nur der Berechtigte!

Dort verlief die einst öffentliche Wiesenstraße – so findet sie sich vollständig in ihrer Länge auch immer noch bei Google-Maps eingezeichnet. Doch wurde sie erst zur Gartenschaufläche, dann aber im Tausch für die neue Eigentümerin umgewidmet zur Privatstraße. Die biegt jetzt so unverschämt frech in die Kurve des Strandweges ein, dass es dort kaum 20 m vor der nächsten einer weiteren, neuen Ampel bedarf, schließlich sollen Porsche & Co nicht warten, wenn die täglich zur Mittagszeit sich von der Domschule her aufstauende Autoschlange mit mehr oder minder begabten Fahrerinnen und Fahrern wütend immer nur wenige nach links in die Königstraße entlässt und jene die rechts einbiegen wollen meist gänzlich blockiert. Leider wurde dem Bedürfnis der Grundeigentümerin nach dicht an der Straße liegender Bebauung zuvörderst Rechnung getragen, statt planend voraus zu schauen und Straßenführung samt Kreuzungsverkehr im Blick zu haben. Fahrradfahrer, die von der Poststraße kommend in den Stadtpark wollen, riskieren jedes Mal Leib und Leben, wenn sie quer über die Rechtskurve des Strandweges geradeaus fahren, weil sie keine Lösung erkennen, was für sie hier geplant sei.

Wie kann es denn ohne jene oben behauptete Inkompetenz bei gleichzeitigem Desinteresse am Wohl der Bürger dazu kommen, dass die Auswirkungen von Licht- und Lärm auf die direkte Umgebung unter den Tisch fielen? Weiß man beim Bauamt nicht, dass harte, flächige Gebäudefronten exquisite Schallreflektoren sind? Wenn Feuerwehr und Krankenwagen mit Sirenengeheul die Königstraße entlangrasen, verliert sich dieses eben nicht mehr im Laub und den Ästen der längst gelichteten Bäume und Büsche entlang der Königswiese, sondern hallt verstärkt zwischen den Bauten hin und brandet an die Fenster und Balkone der Anwohner auch der neuen Besiedlung, was für den laufenden Verkehrslärm zwar weniger heftig, doch zumindest ebenso gilt.

Vielleicht hatte der Architekt die erforderlichen Prozentpunkte Kunst am Bau im Sinn, als er die Eingänge der Neubauten mit schaufenstergroßen Leuchtflächen versah, auf denen schwarz und riesig die Nummerierung der Häuser abzulesen ist, vielleicht auch soll sich bloß eine meist schon im fortgeschrittenen Alter befindliche, erlesene Klientel in ihrem Hauszugang nicht irren. Wieso diese Tafeln allen Bewohnern mit voller Lichtstärke durch die ganze tiefe Nacht hindurch heimleuchten, das erschließt sich den nahen Anwohnern allerdings ebensowenig wie die blendend hellen Ladenbeschriftungen von Maklerbüro und Schönheitsfarm in dem zum Ensemble zählenden Bürogebäude gegenüber dem Schlei-Center. Nicht genug dieser Megabeleuchtung, erhielten die Wege zwischen den Stadthäusern doch jüngst jede Menge hüfthoher Laternchen. Die sollten ihr Licht nach unten auf den Gehweg richten, um Besucher und Anwohner sicher in die Häuser zu geleiten. Tatsächlich haben fast alle Laternen einen von oben nach unten gerichteten Strahler in ihrem Innern. Das genügte dem Entwickler jedoch nicht, ergänzend ist auf der Unterseite des Lampenraumes ein Reflektor eingebaut, der das Licht von unten zum überkragenden Lampenschirm oben zurückwirft. Und erst dessen Reflexion soll dann als Streulicht auf den Weg treffen. Letzteres gelingt nur bedingt, ein erheblicher Teil des vom Reflektor zurückgeworfenen Lichtes tritt nach oben in die Atmosphäre ein, beleuchtet und bestrahlt natürlich auch die drumherum stehenden Häuser, eigene wie fremde.

Gegen diesen Lichtersturm gelingt es heute nur noch den hellsten Sternen am Himmel, einen Weg zum Auge der Kritiker zu finden. Daher wenden sie sich mit diesem Schreiben an die anderen Leuchten unserer Stadt: Womöglich mögen Sie wenigsten bei einem kleinen Teil der genannten Mängel Abhilfe schaffen? Z.B. den Turm wieder zu eröffnen, dauerhaft sein nächtliches Leuchten nicht zu verbannen, dafür aber Sorge zu tragen, das der Lichtflut am Rande der Königswiesen zumindest in tiefer Nacht Einhalt geboten wird. Für den unvermeidlichen Sirenenklang der Wehren erhalten wir hoffentlich bald Erleichterung durch die Verlegung der Feuerwache. Auch der übrige Straßenverkehrslärm wird irgendwann vermutlich durch das Verschwinden von Verbrennungsmotoren geringer, die unsäglichen Fassaden aber werden sich wohl kaum mit Eierkarton-Elementformen garnieren lassen, wie einst das Karstadt-Gebäude.

Ob wir bessere Antworten erhalten, als die in die Freude über die „urbane Bebauung“ gekleideten Hinweise auf die wirtschaftliche Bedeutung der privaten Investition in diesen neuen Stadtteil? Wir dürfen gespannt sein und warten auf Antwort, auch warum dem Investor Freiheiten gewährt wurden, die sich heute unweigerlich in dem Sonderstatus dieser Enklave ausdrücken. Deshalb formulierten wir all das in diesem offenen Brief an unsere Stadt als ausdrückliche Bitte, Projekte wie dieses künftig zu vermeiden. Und diese Information mag gern auch an alle Einwohner gehen, weshalb wir Presse,  Parteien und Ratsfraktionen einbezogen haben.

Karin und Berthold Diestel

Schleswig, 11.09.2019

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