Renate – ein Verschickungskind aus den 50er-Jahren

Die Eltern müssen geglaubt haben, sie ermöglichten ihrem Kind eine erholsame, kindgerechte Verschickung, um zu gesunden. Viel zu leicht griffen die Ärzte in den 50er- bis 70er-Jahren, und vereinzelt auch noch länger, zum Formular und entschieden so über die nächsten Wochen und häufig auch über das weitere Leben ihrer kleinen Schützlinge. Und wenn keine Vorerkrankung gefunden wurde, dann befand der begutachtende Schulmediziner das Kind für zu dick, zu dünn, zu schwach, zu blass. Auch ein neues Geschwisterchen führte häufig dazu, dass das schon “Große” für einige Wochen aus der Familie genommen wurde. Die Krankenkassen entschieden mit einem Blick auf das ärztliche Attest: Bronchitis? Also Nordsee. Unruhe? Also Berge. Es wurde unterteilt in Kinderkurkliniken (mit Arzt) und Kindererholungsheime (ohne Arzt). Möglichst vor der Einschulung sollten die Kinder in den Genuss dieser Verschickungen kommen. Bereits mit 2 Jahren wurden Kleinkinder in den Zug gesetzt und auf die Reise geschickt. Häufig ohne betreuende Begleitung, allein unter vielen Kindern, jedes mit einem um den Hals hängenden Pappschild, worauf der Name stand, so wurden sie durchs Land gefahren.

Die Eltern haben in den meisten Fällen ihr Kind in den Sammeltransport gesetzt, weil sie glaubten, sie täten ihrem Kind etwas Gutes, denn so würde dem Heimweh vorgebeugt. Diese Aussage des Arztes wurde nicht angezweifelt, es herrschte noch Obrigkeitsdenken. Ein Winken, die Türen schlossen sich, die Eisenbahn fuhr an, dem Ziel entgegen. Mal lag das in den Bergen, mal an der See, immer aber weit von Zuhause.

Ein dunkler Eingang in eine ungewisse Zukunft

Das kleine Mädchen, von dem ich hier erzählen möchte, nennen wir es Renate, fuhr Mitte der 50er in den Harz. Sie war noch nicht ganz 6 Jahre alt und zum ersten Mal von zu Hause fort. Sie war auch noch nie von den Eltern getrennt und hatte Angst. Angst vor den fremden, weinenden Kindern, Angst nie wieder nach Hause zu dürfen, Angst die Eltern verloren zu haben. Sie verstand nicht, warum sie zu dünn für die Schule sein sollte und wusste nichts über das Ziel.

Nach vielen Stunden kamen die erschöpften, tränenleeren Kinder am Bahnhof von Bad Sachsa an. Ein Bus nahm die Verängstigten auf und brachte sie in das Kindererholungsheim. Endlich angekommen, endlich Erwachsene. Doch anstatt die Kinder zu trösten, sie zu beruhigen, wurde ihr Gepäck durchsucht und alles einkassiert, was die Kleinen an ihr Zuhause erinnern könnte. Die Kuscheltiere, das eigene Kissen, die tröstenden Bonbons, alles musste hergegeben werden. Systematisch wurden die kleinen Seelen vom ersten Moment an gebrochen. Es galt, zerstöre das “Ich”, baue es dann nach Deiner Vorstellung wieder auf, so werden sich die Kinder ruhig verhalten und keinen Ärger machen.

Das Haus repräsentiert bis heute den Geist früherer Jahre

Diese Art der Erziehung war noch für Jahrzehnte ein Überbleibsel aus der Nazizeit. Kleinkinder mussten hart gemacht werden, darum ließen Frauen ihre Babys schreien. Erwachsene hatten immer Recht, Meinungen eines kleinen Kindes zählten nicht. Bisher war die kleine Renate damit recht gut klar gekommen, sie kannte es ja nicht anders.

Wie eine schwarze Burg ragte es vor den Kindern auf

Der Alltag folgte festen, immer gleichen Regeln. Das Frühstück wurde im Esssaal eingenommen, es war reichhaltig insofern, als es als ein dicker Brei auf den Teller kam. Die meisten Kinder quälten sich, um den Teller leer zu essen und glaubte man, es geschafft zu haben, wurde eine neue Kelle auf den Teller gefüllt. Das führte bei einigen zum Erbrechen. Da die Kinder nicht aufstehen und nicht sprechen durften, erbrachen sie sich neben oder auf den Tisch, auch Renate. Energisch wurde in die kleine Hand der Löffel gepresst und die “Schwester” verlangte, dass das Erbrochene wieder auf den Teller und dann in den Mund gelöffelt wurde. Oft saßen einige Kinder noch stundenlang vor dem erneut gefüllten Teller und quälten den Brei sich rein.

Eine weitere Erniedrigung bestand in dem Verbot, die Toilette “außer der Reihe” zu benutzen. Dreimal am Tag legten die vielen Kinder ihre Händchen auf das Vorderkind. Diese „Eisenbahn“ ging die ganze lange Treppe hinauf. Jedes Kind wartete gleichsam als Wagon, bis es endlich an die Reihe kam. Für das Einnässen gab es Strafen, so musste auch die kleine Renate nachts, barfuß und im Nachthemd, auf dem kalten Flur stehen.

Abseits des Ortes lag dieses Heim

Nach sechs Wochen war die Tortur endlich vorbei und Renate wurde wieder, zusammen mit vielen anderen Kindern, in den Zug gesetzt, der sie nachhause bringen sollte. Gebrochen, verstört und dünner wurde Renate von ihrer Mutter am Bahnsteig in Empfang genommen. Sie war still geworden, doch irgendwann platzte alles aus ihr heraus. Aber was sie da erlebte, war genaugenommen eine weitere Misshandlung. “Das kann gar nicht sein. Nimm dich nicht so wichtig. Du hast zu viel Phantasie” wurde ihr entgegnet. Bis vor 10 Jahren hat Renate nicht sicher gewusst, ob sie all das wirklich erlebt hatte.

Von dort führte der Weg direkt in den Wald

Aber vor 10 Jahren kamen die Bilder zurück. Viel klarer als bisher, denn nun stand sie als alte Frau vor dem ehemaligen Verschickungsheim und erkannte alles wieder. Ihre Erinnerungen hatten das Geschehene über mehr als 50 Jahre bewahrt.

Mittlerweile wird das Schicksal der Verschickungskinder durch Presse und auch durch die Politik aufgegriffen, es liegen tausende Berichte der Betroffenen vor und es werden täglich mehr. Die Lawine ist nicht mehr aufzuhalten.

Renate weiß jetzt, ihre Erinnerungen entsprechen der Wahrheit, nun muss sie nur noch mit dem Erlebten leben lernen.

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen Artikel, Karin. Er macht sehr nachdenklich. Auch ich sollte mal wegen Bronchitis so verschickt werden, aber zu meinem Glück haben sich meine Eltern dagegen entschieden. Statt dessen haben sie regelmäßig mit mir die Sommerferien an der dänischen Nordseeküste verbracht, was ich immer sehr geliebt habe.

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