Die Beliebungen in Schleswig – Zusammenschlüsse auf Gegenseitigkeit in guten wie in schlechten Zeiten

Wenn man sich in Zeiten von Corona tagtäglich mit den sich täglich potenzierenden Zahlen der Neuansteckungen und der Sterbefälle konfrontiert sieht, fühlt sich so manche(r) nicht nur in Schleswig an die Zeiten der Pest und anderer Seuchen vorangegangener Jahrhunderte erinnert. Und auch wenn die momentan grassierende Pandemie bei weitem nicht die Schrecklichkeit der Pest oder der Pocken besitzt, so kann man doch sehr gut die Angst und die Hilflosigkeit der Menschen heute wieder nachvollziehen, wie sie damals diese gefahrvolle Zeit erlebt haben.

In der schweren Pestzeit des 17.Jh. sind in Schleswig die Beliebungen gegründet worden. Im Jahre 1629 beispielsweise wütete in Schleswig die Krankheit in einem solchen Maße, so dass in diesem Jahr als erste die „Alte Beliebung“ aus der Not heraus entstanden ist. Wegen der großen Sterblichkeit und der Gefahr der Ansteckung übernahmen die Nachbarn, die sonst ihre nachbarschaftlichen Hilfsdienste bereitwillig angeboten hatten, nicht mehr selbstverständlich das Tragen der Särge und das Bestatten der Toten. Es kam zu großen Problemen, da viele Tote nicht zeitnah unter die Erde gebracht und die Angehörigen nicht versorgt werden konnten. 1638 folgten in weiteren Pestwellen die Gründungen der Friedrichsberger und 1650 die Holmer Beliebung. Auch die „Lollfußer Beliebung“ ist vor 1651 in der Pestzeit gegründet worden, nur ist ihre erste Satzung nicht mehr im Original erhalten, so dass das Jahr ihrer Gründung im Verborgenen liegt. Alle Beliebungen, außer der „Stadtfelder Beliebung“, die auch erst in der Pestzeit 1712 gegründet wurde, haben heute noch Bestand. Die „Stadtfelder Beliebung“ löste sich 1948 auf.

Die Mitglieder dieser neugegründeten Beliebungen fühlten sich nicht nur dem Christentum als Fundament verbunden, sondern sie gründeten mit ihrem Zusammenschluss auch eine neue Form der städtischen Solidargemeinschaft, eine Gemeinschaft zur gegenseitigen Hilfestellung. So wurden die Beliebungen nicht nur eine Totenkasse, oder ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, sondern auch eine Form von ehrenamtlicher Nachbarschaftshilfe in schwerer Zeit. Auch die Entschädigung bei unverschuldeten Brandschäden konnte von dieser Versicherung übernommen werden. In Notzeiten füreinander da zu sein und den Schwachen in der Gesellschaft zu helfen, waren Tugenden, die in den Satzungen der Beliebungen enthalten waren und sind und die uns allen auch heute noch gut zu Gesicht stehen würden. Doch nicht nur dem Tod und Leid wurde begegnet, auch das Leben wurde und wird noch heute einmal jährlich gefeiert.

Bietet nicht gerade die Corona-Krise uns sehr anschaulich die Möglichkeit, auch wenn wir uns aktuell unserem Gegenüber nur auf maximal 2 Meter nähern dürfen, zu erkennen, wie wichtig, unabhängig von der Versorgung der Kranken und Bestattung der Toten, ein gemeinsames Miteinander zur gegenseitigen Unterstützung ist und wie groß die Notwendigkeit ist, dass traditionelle Zusammenschlüsse wie die Beliebungen in Schleswig mit ihrer alten und jetzt  wieder erschreckend aktuellen Idee, wieder neu belebt werden können und müssen . Ich würde es begrüßen, wenn Traditionsgemeinschaften dieser Art ihr Wirken und ihre Wirkung wieder stärker in der Öffentlichkeit präsentieren könnten, damit auch den nachwachsenden Generationen klar wird, dass Beliebung mehr ist, als nur im schwarzen Anzug und Zylinder mit Marschmusik durch die Stadt zu marschieren und zu feiern.

Mein Vater Reinhold Nielsen war über viele Jahre Ältermann der Lollfußer Beliebung und hat das Wirken der Beliebung als wichtiges gesellschaftliches Miteinander in Schleswig entscheidend mitgeprägt und uns als Kinder Traditionsbewusstsein im positiven Sinne vermittelt.