Eine Reise in das Gestern von Schleswig

Die Bücher von Jens Nielsen sind immer Zeitreisen in die Vergangenheit. Der Mix von Geschichte und Geschichten der Jahrhunderte in seinen Werken schließt nicht nur nebenbei die verpassten Lücken aus dem ursprünglich mal staubtrockenen Geschichtsunterricht vergangener Tage, sondern verschafft auf spannende und faszinierende Art und Weise vor allem neue gänzlich andere Einblicke in die Stadtgeschichte der historischen Stadt Schleswig.

Wer wissen will, wie lebendig Vergangenheit sein kann, der muss Jens Nielsen zuhause besuchen. Obwohl seit vielen Jahren nicht mehr in Schleswig wohnend, ist seine Arbeit und sein literarisches Werken immer noch mit seiner Geburtsstadt verbunden. Und wenn er auf seinem Sofa sitzend, in seiner Wohnung in Kiel, die ohnehin mehr einem Museum oder einem Antiquitätengeschäft als lediglich einem Wohnraum gleicht, mit blumigen Sätzen vom Mittelalter bis in die Gegenwart erzählt, wenn er vom Leben der „Graumönche“ im alten Franziskanerkloster in Schleswig berichtet, um kurz darauf die Geschichte des in Teilen mittelalterlichen Schleswiger Rathauses einzuschieben, das beinahe kurzfristig durch ein anderes Gebäude ersetzt worden wäre, dann steht das Gestern plötzlich mitten im Raum. “Die Vergangenheit beantwortet immer auch Fragen der Gegenwart”, sagt Nielsen und beginnt, von seinen Stadtführungen in Schleswig zu erzählen, bei denen die Leute immer gerne auch länger bleiben, weil Nielsen nebenbei so manche faszinierende Anekdote aus dem Leben der Stadt zu erzählen weiß und auch die Besucher und Besucherinnen selbst Geschichten aus ihrem Leben preisgeben können und das auch gerne tun. “Das sind dann die wirklichen Geschichtswerkstätten”, sagt der 50-jährige, “ich nenne weniger Daten und versuche mehr die Menschen, die einst hier in der Stadt gelebt haben, wieder zum Vorschein zu holen. Und dann vergleichen die Leute oft ihr Leben mit dem der Menschen von früher und stellen Zusammenhänge her oder nehmen deutliche Unterschiede war.

Seit 1998 verwandelt der Museumspädagoge in Schleswig Geschichte in Geschichten. Zunächst als gesprochenes Wort, ab 2019 auch in Buchform. Seine Veröffentlichung über das „Graukloster“ in Schleswig mit dem Titel „Wenn es Dir gut tut, dann komm…“ ist seit letztem Sommer in den Buchgeschäften in der Stadt Schleswig zu beziehen. Und während Experten und Expertinnen bisher glaubten, dass die Buchfans eher spannende historische Romane für ihre kleinen Alltagsfluchten suchen, weiß man mittlerweile, dass sie beim Lesen stadtgeschichtlicher Literatur auch zusätzlich noch schlauer werden wollen. Das bieten die Bücher von Jens Nielsen in einem sehr hohen Maße.

Für gute historische Bücher werden alle verfügbaren Quellen durchgearbeitet

„Ein gutes Buch über ein historisches Thema vermittelt etwas, was man vorher nicht gewusst hat”, erklärt Jens Nielsen, der das Grundrezept für historische Fachbücher durch eine zusätzliche eigene literarische Note verfeinert hat: Im Idealfall gleichen seine Bücher einer anregenden Bildungsreise oder einer anschaulichen Stadtführung, die sich bequem vom heimatlichen Sofa aus unternehmen lässt.

Damit diese Reise aber auch einen bleibenden Eindruck hinterlässt, achtet er bei seiner Quellenforschung auf viele spannende Details. Er durchforstet Archive nach uralten Dokumenten und antiquarische Literatur nach vergessenen Geschichten. Er versenkt sich monatelang ins Internet oder in diesem Fall ins Studium der Lebensbiografien von Frauen für sein neues Buch. „Die Recherche für so ein Buch dauert manchmal ziemlich lange, bis alle Informationen zusammengetragen sind“, sagt der Pädagoge, der ursprünglich mal als Erzieher im Kleinkindbereich gearbeitet hat. Manchmal werden sogar historische Briefe zitiert, um die Stadtgeschichte Schleswigs glaubwürdig darzustellen. „Die Kunst besteht allerdings oftmals darin, beim Schreiben nicht in die Informationsfalle zu tappen“, sagt Jens Nielsen. „Wenn man monatelang stapelweise Material gesammelt hat, will man auch alles irgendwo unterbringen. Das kann allerdings den Unterhaltungswert eines Buches beträchtlich schmälern.” Deshalb müssen Fakten und Geschichten kunstvoll zu einem Ganzen verwoben werden.

Niemals aber darf man die geschichtliche Wahrheit dabei verändern. Denn die häufigste Frage an den Buchautoren und Stadtführer ist oft: Stimmt das alles? Selbst wenn niemand je mehr erfahren kann, was Menschen in früheren Jahrhunderten gefühlt und gedacht haben, soll seine Beschreibung immer so geschichtsnah wie möglich wirken. Welche Kleidung haben welche Menschen damals getragen? Was hat ein Laib Brot gekostet? Wie lebten die Frauen unterschiedlicher Jahrhunderte? Die Leser und Leserinnen faszinieren besonders Fragen aus dem täglichen Leben –im Zweifelsfall interessiert das sogar mehr als der Stammbaum des Herzogshauses der Herzöge von Schleswig-Holstein Gottorf.

Als Jens Nielsen für seine Stadtführungen im Sommer vor ein paar Jahren seine Lebenspartnerin Kirsten Freienstein mit ihrer Harfe einlud, zeitgenössische Musik auf ihrem Instrument vorzustellen, lauschten die Besucher verzückt den himmlischen Klängen in den angenehm kühlen Räumen des Grauklosters in Schleswig, als könne die Harfnerin die Eintönigkeit des Alltages mit zauberhaften Klängen in einen schönen Traum verwandeln. Und sie vermag es tatsächlich. Niemand hatte damit gerechnet, wie lange die Besucher und Besucherinnen auch nach Ende der Veranstaltung noch blieben und ins Erzählen kamen. “Das hat etwas damit zu tun, dass das Erklingen einer Harfe eine andere Sinnlichkeit und Wirkung hat, als viele andere Instrumente “, weiß Nielsen.“ Durch das Erklingen der Harfe lassen sich mögliche Kommunikationsblockaden sehr leicht beseitigen“

„Je mehr sich die Gegenwart zunehmend in virtuelle Welten verflüchtigt, desto größer ist das Interesse an der Erfahrbarkeit der Geschichte als Gegengewicht“, sagt Nielsen. Sein neues gerade erschienenes Buch soll nun einen Beitrag zur Geschichtsschreibung der Stadt Schleswig leisten, bei dem der Schwerpunkt ausschließlich auf den Lebenswelten von Frauen liegt.

“Als Autor hat man u.a. auch die Chance darauf hinweisen, dass es zu allen Zeiten Frauen auch in Schleswig gegeben hat, die sehr viel mehr waren als angeblich nur Dekoration oder Lustobjekt”, sagt Jens Nielsen.”Diese oft propagierte Opferrolle für Frauen ist historisch nicht haltbar”, ärgert er sich manchmal, “natürlich waren unterschiedliche Epochen wie das Mittelalter von Männern dominiert, aber Frauen haben immer auch äußerst wertvolle und sehr überlebensnotwendige Beiträge geleistet. Es gab Eheverträge, Testamente und auch Zunftbestimmungen, die sie auch schon in ihrer Zeit absicherten. Sie waren nicht per se die rechtlosen Statistinnen im Leben eines Mannes, der nach Herzenslust mit ihnen umspringen konnte.“

Das Buch „Unter der Rose- 24 Lebensbilder herausragender Frauen der Schleswiger Stadtgeschichte“ ist für 12 € in den Buchhandlungen Liesegang und Schröder in Schleswig zu beziehen. Auch der Klosterführer „ Wenn es Dir gut tut, dann komm…Das Grau- oder St. Paul-Kloster zu Schleswig“ ist dort für 5,99 € zu bekommen.

Jens Nielsen: Unter der Rose

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