„Unter der Rose…“ – ein feministisches Buch?

„Unter der Rose…“ – ein feministisches Buch?

24. November 2020 Aus Von Jens Nielsen
Foto: Wolfgang Pittkowski

Oft wird mir seit Veröffentlichung des Buches „Unter der Rose-24 Lebensbilder herausragender Frauen der Schleswiger Stadtgeschichte“ die Frage gestellt, ob es nicht eine Verfälschung der Geschichte wäre, Frauen der Stadtgeschichte in der heutigen Zeit in den Fokus zu nehmen, die gesellschaftlich oder vielmehr soziokulturell bedingt, eben geschichtlich nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. In einigen Fällen wird mir sogar eine eher feministische oder im wissenschaftlichen Kontext unangebrachte, weil moderne Sicht auf die Geschichte der Stadt unterstellt. Ich habe mich dann gefragt, ob man es nicht auch als eine „ehrliche“ Sicht auf die Geschichte bezeichnen könnte, die ausschließlich der Wahrheit verpflichtet wäre, soweit sie denn noch zu rekonstruieren ist.

Geschichte, so wissen wir, ist nicht das was wirklich geschehen ist, sondern lediglich das was aufgeschrieben und der Nachwelt überliefert wurde. Es empfiehlt sich von daher immer, genauer hinzugucken, wer was aus welchen Gründen hat aufschreiben lassen. Alle Schreibenden sind schon immer von persönlichen Ansichten, von politischen und religiösen Neigungen und vor allem von ihren Gefühlen beeinflusst worden. Wir können also immer davon ausgehen, dass das was wir als Geschichte bezeichnen, letztendlich aus einem Sammelsurium an ausgewählten Fakten und Meinungen besteht, welches so manches Mal, so steht es zu befürchten, mit völlig frei erfundenen „Tatsachen“ bereichert wurde, die einem heute nicht mehr nachzuvollziehendem Ziel dienten.

Das dürfte dann auf die Geschichte von Frauen in Schleswig genauso zutreffen. Da aber auch in unserer Zeit keine und keiner auf die Idee kommen würde, ihr oder sein Leben nach dem Vorbild unserer Vorfahren zu leben und Gesetze und Glaubensvorstellungen nach historischen Interpretationen heute noch zur Anwendung zu bringen, muss auch eine moderne Sicht auf die Gegebenheiten der alten Zeit und auf die Historie von Frauen erlaubt sein, um Geschichte wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Es steht zu befürchten, dass die frühesten Quellentexte zur Geschichte unserer Region von schreibkundigen Mönchen bearbeitet und ausgewertet wurden, von Männern, die in dieser Zeit glaubten, dass Frauen keine Seele hätten und für das Böse leichter zugänglich oder sogar selbst Quell des Bösen wären. Sollten es die gleichen Männer gewesen sein, die in Schleswig die „Schwarze Greet“ als amtierende Königin von Dänemark in der Überlieferung zur „Hexe“ machten und Mechthild von Holstein als Herzogin von Schleswig zur „Tochter des Teufels“?

Wenn man mit einer moderneren Sicht Streifzügen durch die Geschichte unternimmt, wird sehr schnell aufgedeckt, dass beispielsweise die französische Königin Marie Antoinette die ihr zu Beginn der Französischen Revolution in den Mund gelegten Worte „…dann sollen sie doch Kuchen essen“ vermutlich nie gesagt hat und dass Maria Stewart keine mörderische Hure war und auch Lucrezia Borgia offensichtlich niemanden vergiftete. Ganz zu Schweigen von der Person der biblischen Maria Magdalena, die letztendlich geschichtlich zum Teil als Prostituierte und als Geisteskranke dargestellt wurde.

Das Buch „Unter der Rose…“ untersucht das Lebensbild einiger Frauen aus Schleswigs Historie und Legende, die einen unauslöschlichen Eindruck auf die Stadt hinterlassen haben, nach bestem Wissen und Gewissen und nach intensiver Forschung. Dabei geht es in einigen Fällen um Frauen die verdrängt, deren Leben verschwiegen oder in der Darstellung verfälscht wurde, Frauen die mit ihrem Tun in ein schlechtes Licht gerückt wurden, deren Leben aber das Werden und Wirken der Stadt Schleswig entscheidend mitgeprägt haben. Andere Frauen werden erstmalig mit ihren verdienstvollen Taten erwähnt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Jens Nielsen. „Unter der Rose. 24 Lebensbilder herausragender Frauen der Schleswiger Stadtgeschichte“. 160 Seiten, 12 €.

Das Buch kann bequem direkt bei jens@agentour-zeitensprung.de bestellt werden oder über die Buchhandlung Liesegang (Tel.:04621/23118) und die Buchhandlung Schröder in Schleswig bezogen werden (Tel.:04621/22202).