Buchvorstellung: Das Elend der Verschickungskinder von Anja Röhl

Anja Röhl: Das Elend der Verschickungskinder
Kindererholungsheime als Orte der Gewalt

Von 1950 bis 1990 wurden in Westdeutschland 8 bis 12 Millionen Kinder im Alter von 2 bis 10 Jahren ohne Eltern zur „Erholung“ verschickt. Anja Röhl war Verschickungskind und ist zugleich Autorin des im Januar erschienen Sachbuchs über die Kinderverschickung. Sie beginnt mit der Schilderung des Auslösers, der sie an die Öffentlichkeit treten und Geschichten betroffener Frauen und Männer sammeln ließ. Seither haben sich als Reaktion auf Berichte in Presse und Fernsehen Tausende zu Wort gemeldet. Aus deren Erlebnissen geht hervor, dass sich in den Kinderkurheimen ab den 50er Jahren ein dunkles Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte bis in die 90er Jahre hinein abspielt, von dem viele noch heute meinen möchten, so etwas könne es nicht gegeben haben. Die Betroffenen aber, die sich mit Grauen erinnern, berichten immer wieder davon, dass man ihren unglücklichen Kindertränen bei der Rückkehr nach 6 Wochen nicht glaubt. Schließlich verliert sich die Erinnerung an ihr Trauma, ja sie beginnen oftmals, es selbst zu bezweifeln.

Aus der Vielzahl der Berichte kristallisiert sich das Bild einer Systematik, der es massenweise gelingt, Kinder, die zur heutigen Eltern- und Großelterngeneration gehören, als medizinische Versuchsobjekte, als willkommene Einnahmequelle, als Objekte sadistischen Lustgewinns und sexueller Übergriffe zu missbrauchen. Wodurch das möglich wird, führt Anja Röhl in den einleitenden Kapiteln auf. Es geht nicht nur aus den Berichten der Betroffenen hervor, sondern die pädiatrischen Fachliteratur zeigt, dass sich in der NS-Zeit ausgebildete Mediziner nach dem Krieg zu Pädagogen aufschwingen und Ratschläge erteilen, wie Kinder in Kuren zu behandeln seien. Die Zahlen belegen zudem, dass eine gewaltige Geldmaschinerie hinter der Verschickung steckt.

Beim Lesen der im ersten Teil aufgeführten Fakten bleibt einem das Entsetzen im Halse stecken, wenn klar wird, dass keinerlei Interesse bestanden hat, den Kindern mit Liebe zu begegnen. Während die Eltern dachten, ihre Kinder würden in den sechswöchigen Kuren aufgepäppelt, erlebten fast alle Zöglinge Gewalt, Demütigungen und Missbrauch.

Von diesen Geschehnissen handelt der mittlere Teil des Buches. Aus acht Heimorten, verstreut über die alte Bundesrepublik, in der es weit über 1000 Heime gab, sind Erinnerungen von Verschickten eingeblendet. Die Autorin streut gelegentlich notwendige Erläuterungen vor dem Hintergrund der Zeit und der Heimgeschichte ein. Bebilderungen illustrieren die Architektur der Grausamkeit. Schon um dieses wichtigen Teils halber sollte das Buch eine weite Verbreitung finden. Erst in den Erinnerungen anderer können die eigenen Erlebnissen wiedergefunden, kann entdeckt werden, dass die doch keine Einbildung sind. Wieviel Leid in der Folge, wieviel Verlust elterlicher Wärme und Bindung, wieviel missglückte Lebensentwürfe entstehen, während Millionen von kleinen Kindern allein und mit gnadenloser Eiseskälte behandelt in die Verschickung getrieben wurden?

Die Autorin zeigt die Vernetzungen auf, die aus dem ursprünglichen Gedanken der Hilfe, ein perfides System schaffen, welches sich vorrangig an wehrlosen Kleinst- und Vorschulkindern bedient. Nach dem Krieg überlebt in den Köpfen der Erziehungsstil der Nazis. In ehemaligen Heimen der Kinderlandverschickung und in schnell errichteten neuen macht die schwarze Pädagogik weiter. Bis in die 90iger Jahre gilt die Devise, den Willen der Kinder zu brechen. Sechs Wochen danach werden sie den Eltern als „geheilt“ überstellt.

Der letzte Teil des Buches, wird eingeleitet mit Auswertungen der bis zum November 2020 gemachten Angaben von rund 3.000 Befragten und Angaben zur Anzahl der Heime und ihrer Verteilung über die Länder. Angeführt werden Bestrafungen für unwillkürliche Vorgänge. Erbrechen, Weinen, Einnässen, wofür die Kinder „nichts können“, erzeugen Gewalthandlungen bei Schwestern und Pflegern.

Im Schlussteil schlägt die Autorin vor, sich wissenschaftlich, immer aber unter direkter Beteiligung der Verschickten, mit den Ursachen auseinanderzusetzen. Sie arbeitet eine Reihe unbedingt untersuchungswerter Ursachenstränge heraus. Wer sich diesen Ausführungen stellt, dem treibt es zum wiederholten Male die Tränen in die Augen, wenn ihn nicht zuvor die Wut hinwegschwemmt über die zum Teil in Kirchen, Politik und Medizin waltende Ignoranz und ihr konzertiertes Wegblicken vom Offensichtlichen.

Als Betroffene habe ich das Buch von Anja Röhl mit Schmerz und großem Interesse gelesen. Auch bei mir holte ein Bericht die Erinnerungen aus der Tiefe hervor. Meine eigene Aufarbeitung ist, wie bei allen Verschickungskindern, noch nicht beendet. Doch dank Anja Röhls Buch bin ich ein großes Stück weitergekommen, und so meinem Ziel, irgendwann in Ruhe und Gelassenheit zurückblicken zu dürfen, näher.

Karin Diestel

Buchangabe:

Anja Röhl:
Das Elend der Verschickungskinder
Kindererholungsheime als Orte der Gewalt
2021 Psychosozialverlag, Gießen
ISBN 978-3-8379-3053-5 (Print)
ISBN 978-3-8379-7764-6 (E-Book-PDF)