Drei Verkehrsunternehmen sollen im Akkunetz fahren

Drei Verkehrsunternehmen sollen im Akkunetz fahren

11. Februar 2021 Aus Von Andreas Franke
Clic, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Angebote im SPNV-Vergabeverfahren ausgewertet – Zwei neue und ein bekanntes Verkehrsunternehmen sollen beauftragt werden – Ausschüsse stimmen Vergabe zu

Überraschender Ausgang im Vergabeverfahren zum Akkunetz: Gleich drei verschiedene Eisenbahnverkehrsunternehmen sollen beauftragt werden. Die Osthannoversche Eisenbahnen Aktiengesellschaft (OHE), die RDC AUTOZUG Sylt GmbH und die NBE nordbahn Eisenbahngesellschaft mbH & Co. KG haben die wirtschaftlichsten Angebote abgegeben und sollen künftig die Akkuzüge in Schleswig-Holstein betreiben. Nach dem Wirtschaftsausschuss hat heute auch der Finanzausschuss des Landtages der Vergabeempfehlung des Nahverkehrsverbundes für Schleswig-Holstein (NAH.SH GmbH) zugestimmt.

Im Mai 2020 hatte die NAH.SH GmbH die Ausschreibung im Auftrag des Landes und der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) gestartet. Das Akkunetz umfasst insgesamt 10,4 Millionen Zug-Kilometer und elf Bahnlinien in drei verschiedenen Losen. Im Januar hatten fünf Bieter insgesamt zwölf Angebote für die unterschiedlichen Lose abgegeben. Die NAH.SH GmbH hat die Angebote in den vergangenen Wochen fachlich sowie wirtschaftlich geprüft und bewertet und dem Land die Vergabeempfehlung gegeben.

Verkehrsminister Dr. Bernd Buchholz: „Wir sind mit dieser bisher größten Ausschreibung im Schienenpersonennahverkehr in Schleswig-Holstein und der ersten bundesweiten Großausschreibung mit Akkutriebzügen neue Wege gegangen. Ich danke den Mitgliedern des Wirtschafts- und des Finanzausschusses, dass sie unseren Vergabeentscheidungen zugestimmt haben. Ich freue mich, dass wir damit den Zuschlag für drei wirtschaftliche und gute Angebote geben können. Mit dieser Vergabe wird Schleswig-Holstein ein weiteres Mal bundesweit Vorreiter im Bahnverkehr sein.“

Zwei neue Bahnunternehmen im echten Norden

Die Osthannoversche Eisenbahnen Aktiengesellschaft (OHE) übernimmt damit ab Dezember 2022 den Betrieb im Los Ost. Es beinhaltet die Strecken RE 83/84 Kiel – Lübeck, RB 89 Lübeck – Lüneburg, RB 87 Kiel – Preetz und RB 76 Kiel – Schönberger Strand. Die OHE löst DB Regio als bisherige Betreiberin ab. Die OHE gehört zum NETINERA-Konzern, der im benachbarten Niedersachsen mit den Unternehmen erixx GmbH und metronom Eisenbahngesellschaft mbH bereits ein bedeutender langjähriger SPNV-Betreiber ist. Wegen des Streckenabschnitts zwischen Lauenburg und Lüneburg ist die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) am Verfahren beteiligt.

Die RDC AUTOZUG Sylt GmbH übernimmt ab Dezember 2023 den Betrieb im Los Nord und löst die DB Regio dort als bisherige Betreiberin ab. Das Los Nord umfasst die Strecken RE 72 Flensburg – Kiel, RB 73 Eckernförde – Kiel, RE 74 Husum – Kiel, RB 75 Rendsburg – Kiel und RB 64 Husum – Bad St. Peter-Ording.

Im Los Ost-West bleibt die NBE nordbahn Eisenbahngesellschaft mbH & Co. KG beim Fahrplanwechsel im Dezember 2023 die Betreiberin und erbringt ihre heutigen Leistungen damit unverändert weiter. Das Los Ost-West umfasst die LinienRB 63 Büsum – Heide – Neumünster und RB 82 Neumünster – Bad Oldesloe. Die neuen Verträge mit den drei Betreibern sollen bis zum Dezember 2035 laufen.

Das Fahrplanangebot entspricht auf den bestehenden Strecken weitgehend dem Status quo, ergänzt durch zusätzliche Früh- und Spätverbindungen. Die Frühverbindungen werden insbesondere die Attraktivität des Nahverkehrs im Berufsverkehr erhöhen. Darüber hinaus sollen die neuen Verkehrsunternehmen auch die zu reaktivierenden Strecken zum Schönberger Strand sowie nach Rendsburg-Seemühlen betreiben. Dies gilt auch für die Taktverdichtung zwischen Kiel und Preetz, die mit der Streckenbeschleunigung Kiel – Lübeck geplant ist.

Wettbewerb trotz schwieriger Rahmenbedingungen

Die Vergabe fand in einem schwierigen Umfeld statt: Die Verkehrsunternehmen leiden massiv unter den Auswirkungen der Coronakrise, weil ihnen die Fahrgeldeinnahmen wegbrechen. Zudem war die Anzahl der Bieter bei Vergabeverfahren in Schleswig-Holstein zuletzt zurückgegangen, nachdem die Nord-Ostsee-Bahn (NOB) ihre Leistungen an die DB Regio AG verloren hatte. Auch deutschlandweit beteiligen sich an vergleichbaren Vergabeverfahren durchschnittlich nur etwa drei Bieter. Mit Angeboten von fünf Bietern lag Schleswig-Holstein damit deutlich über dem Schnitt.

Zum ersten Mal hatten Land und NAH.SH bei der Ausschreibung eine Loslimitierung eingeführt: Dadurch schlossen sie aus, dass die beiden großen Lose Ost und Nord an ein Verkehrsunternehmen vergeben werden. NAH.SH-Geschäftsführer Dr. Arne Beck: „Wir freuen uns, dass unsere Rechnung aufgegangen ist und wir eine so hohe Wettbewerbsintensität im Vergabeverfahren hatten. Mit RDC und der OHE gewinnen wir zwei neue Unternehmen für den schleswig-holsteinischen Schienenpersonennahverkehr. Ich bin sicher, dass das Land und auch die Fahrgäste von diesem Wettbewerb und der neuen Vielfalt auf der Schiene profitieren werden.“

Die Fahrzeuge für den Betrieb werden den künftigen Verkehrsunternehmen gestellt. Auch für die Instandhaltung sind sie nicht verantwortlich. Das übernimmt der Fahrzeughersteller Stadler Pankow GmbH mit einem neuen Instandhaltungswerk, das in Rendsburg gebaut wird. Mit der Umstellung der Verkehrsverträge auf das Bruttoprinzip geben die Verkehrsunternehmen außerdem erstmalig die Erlösverantwortung an das Land ab. Die neuen Betreiber sind dabei auch vertraglich verpflichtet, das Personal der bisherigen Betreiber zu den bisherigen Konditionen zu übernehmen.

Der Hintergrund zum Vergabeverfahren:

Vor dreieinhalb Jahren hat das Land Schleswig-Holstein das Vergabeverfahren „SH-XMU“ mit dem Ziel gestartet, möglichst emissionsfreie Fahrzeuge für den Schienenverkehr zu beschaffen und gleichzeitig die Wettbewerbssituation bei Fahrzeugen und Verkehrsleistung zu verbessern. Das Verfahren gliedert sich in vier Vergaben.

In der Vergabe SH-XMU I war die Stadler Pankow GmbH am 1. Juli 2019 als Entwickler, Hersteller und Lieferant der 55 Züge ausgewählt worden. Stadler wird außerdem für 30 Jahre für die Instandsetzung der Züge verantwortlich sein.

Das Land hat nach erfolgreicher zweiter Ausschreibung (Vergabe SH-XMU II) die Paribus Holding GmbH & Co KG beauftragt, die Züge zu kaufen und anschließend für 30 Jahre an die vom Land auszuwählenden Eisenbahnverkehrsunternehmen zu vermieten. Das Hamburger Unternehmen wird damit die erste große Beschaffung von Batterietriebzügen in Deutschland und wohl auch in Europa seit mehr als 50 Jahren finanzieren. Dazu nimmt Paribus eine vom Land gewährte Kapitaldienstgarantie in Anspruch und kann so eine günstige Finanzierung sicherstellen. Paribus wird zusätzlich die Bauphase technisch begleiten.

Um eventuellen Anfangsschwierigkeiten bei der neuen Antriebstechnologie zu begegnen und eine reibungslose Einführung der neuen Akkutriebzüge zu erleichtern, soll der Fahrzeughersteller Stadler ab November 2022 zunächst eine Vorserie von fünf Triebzügen ausliefern. Die restlichen Triebzüge sollen dann ab Mai 2023 bis Mitte 2024 sukzessive in Betrieb genommen werden.

Für die Übergangszeit von Dezember 2022 bis Dezember 2024 hat das Land nach einer weiteren Teil-Ausschreibung (Vergabe SH-XMU III) DB Regio beauftragt, eine Transferflotte bereitzustellen. Diese umfasst 22 Dieseltriebzüge des Typs Coradia Lint 41 von Alstom für den Betrieb und bis zu vier weitere als Werkstattreserve. Die Fahrzeuge, die bereits heute in den Netzen Ost und Nord eingesetzt werden, sollen in Kiel instandgehalten werden.

Mehr zum Nahverkehr gibt es unter: www.nah.sh