Warum ich das Buch „Am Anfang war das Wort“ geschrieben habe

Warum ich das Buch „Am Anfang war das Wort“ geschrieben habe

18. April 2021 Aus Von Jens Nielsen

Warum ich das Buch „Am Anfang war das Wort. Die Schleswiger Nachrichten in der Zeit des Nationalsozialismus 1921 bis 1945 – Eine Quellenforschung“ geschrieben habe…

Warum schreibt man im Jahr 2021 noch ein Buch über die Zeit des Nationalsozialismus? Ist nicht alles schon zig Mal gesagt oder geschrieben worden? Warum noch ein weiteres Buch zu diesem Thema? Muss man die Zeit nicht langsam mal ruhen lassen? Warum hast Du Dir ausgerechnet die Schleswiger Nachrichten dafür ausgesucht, um das Thema zu veranschaulichen? Es könnten die typischen Fragen sein, die man so oft in diesen Tagen liest, wenn man das Thema Nationalsozialismus am Wickel hat. Das ist auch in meiner Heimatstadt Schleswig nicht anders. Tatsächlich sind solche Fragen seit Erscheinen des Buches des Öfteren an mich herangetragen worden. Zum Teil direkt und zum Teil über Dritte. Dies hier ist ein unfertiger Versuch, die Fragen zu beantworten…

Warum also schreibt man, schreibe ich so ein Buch. Ich habe in den letzten Jahren generell oft darüber nachgedacht, wie eigentlich meine und die nachfolgenden Generationen mit der deutschen Geschichte von 1933 bis 1945 heute umgehen. Aktuelle politische Ereignisse und das Erscheinen der AfD auf der politischen Bühne haben mich wundern lassen, warum keine Vergleiche zu bereits durchlebten politischen Fehlern aus der Vergangenheit gezogen werden und warum die große Gefahr besteht, dass sich Geschichte tatsächlich wiederholt. Meine Generation hat die Nazi-Zeit weder selbst erlebt noch konnten unsere Eltern uns aus eigener Anschauung davon erzählen, weil sie selbst noch zu klein waren. Welche Möglichkeiten gibt es somit für uns, mit dem kaum Sagbaren, Unvorstellbaren besser oder überhaupt umgehen zu können? Unsere Eltern haben beschlossen, darüber nicht mehr zu sprechen und erst recht unsere Großeltern hatten ein großes Interesse, den Mantel des Vergessens über diese Zeit auszubreiten. Es wurde aber nicht nur nicht mehr darüber gesprochen, es wurde sich auch nicht mehr dazu verhalten. Und wir heute? Wie können wir über etwas sprechen, was wir selbst in Wirklichkeit nie ganz verstanden, geschweige denn verinnerlicht haben. Das Deutschland der Nachkriegszeit bestand aus Opfern und aus Tätern und aus Helden des Widerstandes. All diese wurden sich mehr oder weniger genau angeguckt. Man „vergaß“ aber, sich die riesengroße Menge an Mitläufern anzusehen, sie zu analysieren und ihre Beweggründe verstehen zu wollen. Unter anderem unter dieser inkonsequenten „Aufarbeitung“ unserer Geschichte leiden wir meiner Meinung nach bis heute. Die große Masse mit der gleichgebliebenen Mentalität der Mitläufer fällt uns nun womöglich auf die Füße.

Ich habe vor Schreiben des Buches mir mit der Frage „Was wäre gewesen, wenn Hitler an der Macht geblieben wäre …?“ versucht darüber Klarheit zu verschaffen, welche Haltung ich womöglich eingenommen hätte, wenn ich in dieser Zeit gelebt hätte. Wichtig war mir dabei, mir bewusster zu machen, auf welcher Seite ich mich damals vermutlich wiedergefunden hätte. Das Ergebnis meiner Selbstanalyse war sehr ernüchternd. Die Frage scheint mit den Erfahrungen aus unser heutigen Lebenswelt kaum beantwortbar und jede Antwort müsste dem Wunschdenken entsprechen, auf der Seite der Widerstandskämpfer und Verfolgten gewesen zu sein. Auf Grund einer angeborenen aber mittlerweile korrigierten Hüftfehlstellung hätte ich aber das Erwachsenenalter ohnehin nicht erreicht, hätte man die damalige Gesetzgebung weiterhin zur Anwendung gebracht.

Auch wenn die meisten glücklicherweise noch nie mit Rassismus oder Antisemitismus selbst zu tun gehabt haben und diese Themen mehr als „Schnee von gestern“ begreifen oder als ein Thema sehen, das nur solche Menschen immer wieder hervorholen, die sowieso ständig alles politisieren müssen, sind wir doch viel dichter dran als wir wahrhaben wollen. Auch 76 Jahre nach Kriegsende werden wir doch immer wieder aufs Neue und in unterschiedlichster Weise mit den Folgewirkungen des Nationalsozialismus konfrontiert – manchmal ohne es zu wissen oder das Bewusstsein dafür zu haben.

Bestimmte Erziehungsziele, Lebenseinstellungen oder Werte- und Normenvorstellungen sollten dahingehend dringend überprüft werden. Für uns Nachgeborene in Deutschland bleibt trotzdem vieles abstrakt. Besonders die Erfahrung von Grausamkeit, Krieg und Völkermord in dieser Dimension ist für uns nur unwirklich zu erahnen und nicht wirklich emotional zu erfassen. Auch wenn die Geschichte der Judenverfolgung als geschichtliches Thema für den einen oder die andere schon immer sehr interessant gewesen sein mag, fehlt es oft schon allein an der Vorstellung wie es passieren konnte, dass die deutsche Bevölkerung die Machtergreifung eines bekennenden Rassisten und Antisemiten wie Adolf Hitler einfach hingenommen hat. Wie ist das zu begreifen, da man doch wissen musste was kam?

Vieles Gelesene oder in Filmen gesehene bleibt von unserer eigenen Lebensrealität immer noch weit entfernt, denn obwohl man weiß, dass all das real passiert ist, dass all diese Menschen in Konzentrationslagern zusammengepfercht waren, dass sie dort gefoltert und gedemütigt wurden und auf bestialische Art zu Tode kamen, erscheint es einem in den gelesenen Büchern und in den Filmen manchmal fast so, als wäre es eine ausgedachte, maßlos übertriebene Horrorgeschichte. Zu schrecklich ist die Auseinandersetzung damit. Wie aber kann es erreicht werden, dass wir trotzdem mehr Zugang zur Geschichte bekommen, dass die Erlebnisse trotz allem Gräuel für uns greifbarer und nachvollziehbarer werden?

Die Antwort liegt in der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, sowohl mit der Familiengeschichte in dieser Zeit als auch mit der Geschichte des eigenen Geburts- und/oder Wohnortes. Sowohl in den Familien selbst als auch in den Archiven schlummert so manches Material, welches dringend ausgewertet werden sollte. Die persönliche Forschung setzt Lern- und Erfahrungsprozesse in Gang, die sonst verschüttet blieben. Was ist naheliegender, als sich auch mit der Geschichte der Zeitung in meiner Geburtsstadt zu beschäftigen, die in der Zeit meinungsbildend war und es bis heute geblieben ist.

Vermutlich gibt es heutzutage Jugendliche, die sich genauso wenig für den Faschismus interessieren wie fürs Abwaschen, Müll rausbringen und Gartenarbeit. Kann das verändert werden? Kann auch die Schule das Thema (wieder) mehr, besser, anschaulicher und somit nachvollziehbarer in den Mittelpunkt stellen? Es steht zu befürchten, dass die NS-Zeit im Unterricht so wie in meiner Schulzeit immer noch zu verkürzt und nicht umfassend behandelt wird. Ziel scheint noch immer nicht zu sein, tatsächlich zu begreifen, was passiert ist, sondern mehr das Thema nur erwähnt und dem Lehrplan entsprechend abgehandelt zu haben. Zeitzeugen und -zeuginnen, die diese Zeit noch miterlebt haben, wird es bald nicht mehr geben. Und so wird eine Auseinandersetzung mit dem Thema immer schwerer anschaulich zu vermitteln, wenn man nicht selbst aktiv wird, das vorhandene Wissen zu erfahren und für sich erlebbar zu machen. Zum Glück setzen sich immer noch vereinzelt Lehrer dafür ein, dass die NS-Zeit trotz des engen Lehrplans mehr Platz im Unterricht bekommt und didaktisch sehr viel anschaulicher aufbereitet wird.

Wenn wir und wenn die Schule dabei helfen kann, mehr kritisch denkende Demokraten auf den Weg zu bringen, dann müssen wir viel mehr darüber diskutieren, wie es zum Rassismus und zum Antisemitismus, wie es zur Ausgrenzung und letztendlich zum Völkermord an Juden kam. Und wir müssen uns dort gemeinsam Gedanken machen, wie wir heute gegen alle Ausprägungen des Faschismus angehen können, die ja leider in unseren Tagen wieder sehr aktuell sind. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Familien- und Lokalgeschichte kann dabei ein Anfang sein, denn nur wer sich über seine eigenen Geschichte im Klaren ist, kann eine authentische und nachhaltig prägende Position gegen dem Nationalsozialismus und seinen Folgewirkungen einnehmen.

Um mich mit meinem Wunsch nach Erhellung der Vorgänge in der NS-Zeit in Schleswig und nach wirkungsvoller Aufklärung abzusichern, bat ich die Universität Flensburg um ein wissenschaftliches Gutachten über mein Buch. Darin heiß es abschließend:

„…Wer sich für die Schleswiger Verhältnisse (Nachrichten und Lokalgeschichte im NS) interessiert, wird fündig, da unterschiedliche Aspekte der Schleswiger Stadtgeschichte und der jeweilige Blick der Nachrichten darauf in einem Band dokumentiert werden…“

„…Ergiebig sind einzelne Abschnitte, die sich auf die Entwicklung der Schleswiger Nachrichten in den 1920er und 1930er Jahren sowie auf die Rolle der Hauptschriftleiter Bödewald und Michel beziehen. Die bereits zu Beginn der 1920er Jahre stark deutschnationale Prägung der Nachrichten, wie sie beispielsweise bei der Berichterstattung über den Kapp-Putsch deutlich wird, wird gut herausgearbeitet, ebenso die frühe antisemitische und deutschvölkische Grundposition beider Redakteure…“

„…Auch die Rolle der Schleswiger Nachrichten bei der Etablierung der nationalsozialistischen Herrschaft in den 1930er Jahren wird nachvollziehbar verdeutlicht, etwa das Agieren des Hauptschriftleiters Michel bei der Bücherverbrennung 1933, der die Teilnahme als Bekenntnis zum neuen nationalsozialistischen Staat früh einfordert. Auch werden die Vorgänge mit passenden und teils umfangreichen Zitaten aus der Berichterstattung der Schleswiger Nachrichten belegt. Die Motivation Michels und die intendierte Atmosphäre bei der Bücherverbrennung werden so eindrücklich belegt…“

„…Ebenso werden Rolle und Relevanz der Schleswiger Nachrichten bei der Pflege des „Führerkultes“, der „Verpflichtung der Jugend auf den NS-Staat“, bei der Konstruktion eines NS-Geschichtsbewusstseins aus Elementen der Schleswiger Stadtgeschichte (Haithabu als Ausgrabungsstätte, Holm und Schloss Gottorf) und nicht zuletzt bei der Denunzierung von Personen, (SPD-Mitglieder oder in Ungnade gefallene Parteimitglieder der NSDAP) oder bei Berichten über die Arbeit der Heil- und Pflegeanstalt Schleswig-Stadtfeld verdienstvoll und überzeugend dargestellt…“

„…Die Abschnitte zu einzelnen Stationen der NS-Geschichte Schleswigs und der Berichterstattung alternieren mit Abschnitten zur Biographie des Hauptschriftleiters Fritz Michel. Dass der Journalistenberuf lediglich eine Verlegenheitslösung für ihn war, sein Engagement in unterschiedlichen Vereinen und in einer Freimaurerloge (einschließlich der daraus resultierenden Schwierigkeiten beim vergleichsweise frühen Eintritt Michels in die NSDAP im Jahre 1933) werden genau dokumentiert. An anderen Stellen der Arbeit schließen sich Informationen zur weiteren Karriere Michels im NS-Gauverlag in Kiel (seit 1937) und bei der „Deutschen Zeitung im Ostland“ mit Redaktionssitz in Riga an. Hier kommt Michels tief verwurzelter Antisemitismus zum Ausdruck, mit dem er indirekt den Holocaust legitimierte, ohne dafür nach 1945 politisch oder juristisch zur Verantwortung gezogen zu werden. Abschließend berichtet die Arbeit von der Anschlussbeschäftigung von Michel und weiteren ehemaligen Redakteuren bei den Schleswiger Nachrichten in der Nachkriegszeit und betont damit zu Recht problematische personelle Kontinuitäten…“

Das Fazit: „Das Wirken der Schleswiger Nachrichten in der Stadt trug maßgeblich zur weiteren Ausbreitung der Parteiideologie der NSDAP in der Region und zur Mehrheitsfähigkeit des Nationalsozialismus bei“ ist folgerichtig und nachvollziehbar…“

https://buchliesegang.buchhandlung.de/shop/article/44415260/jens_nielsen_am_anfang_war_das_wort.html

Titel: „Am Anfang war das Wort. Die Schleswiger Nachrichten in der Zeit des Nationalsozialismus 1921 bis 1945 – Eine Quellenforschung“

  • Autor: Jens Nielsen
  • Verlag : BoD – Books on Demand
  • Sprache : Deutsch
  • Gebundene Ausgabe : 122 Seiten
  • ISBN-10 : 3753406406
  • ISBN-13 : 978-3753406404
  • Preis: 19,99 €

In allen Buchgeschäften bestellbar!