Lichtverschmutzung: Recht auf Nacht notfalls einklagen

Gelbe Laternen sind für Mensch und Tier viel weniger störend als grell weißes Licht. Foto: Rainer Borcherding

Übermäßige Straßenbeleuchtung ist in immer mehr Kommunen ein Konfliktthema. Dabei werden die vollkommen unverbindlichen DIN-Normen oft fälschlich als „Vorschriften“ ausgelegt. Grelle neue Lampen stören aber nicht nur Anlieger im Schlaf. Sie schädigen das gesamte Nachtleben der Natur in vielerlei Weise.

Hierzu erklärt der Insektenkundler Rainer Borcherding, Sprecher des BUND Schleswig-Flensburg: „Jede neue Straßenlaterne ist ein Beitrag zum Insektensterben. Wenn wir durch dauerhafte Beleuchtung die Nacht „wegleuchten“, verdrängen wir damit auch alle Lebewesen, die nachtaktiv sind. Das ist über die Hälfte unserer heimischen Tiere – vom Glühwürmchen bis zur Eule.“

Der Mittlere Weinschwärmer ist ein besonders attraktiver heimischer Nachtfalter, der von Kunstlicht angelockt wird und oftmals an Lampen verunglückt. Foto: Rainer Borcherding

Viele fliegende Nachtinsekten wer den durch künstliches Licht aus den verbliebenen Naturoasen heraus gelockt. Nachtfalter, aber auch viele Wasserinsekten, fliegen geblendet um die Laternen, verunglücken dort, vergeuden ihre knappe Lebenszeit oder werden unnötig leichte Beute von Fressfeinden. Das Problem ist aus Sicht des BUND dramatisch: „Derzeit nimmt die Lichtverschmutzung jedes Jahr um sechs Prozent zu” betont Borcherding. „Es wird höchste Zeit, dass Bund, Land und Kreise die Kommunen beraten, wenn es um die Anpassung der Beleuchtung geht. Was in den DIN-Normen steht, ist die Sichtweise der Lampenindustrie. Die will vor allem immer mehr Lampen an die Kommunen
verkaufen.“

Auch perfekt tarnfarbige Nachtfalter wie das “Grüne Blatt“ sind an einfarbigen Hauswänden gut sichtbar und ein leichtes Opfer für Vögel. Foto: Rainer Borcherding

Entscheidend für die Störwirkung von Lampen auf Nachtinsekten und auch Menschen ist die Lichtfarbe. Grell weißes Licht mit über 3000 K “Temperatur” lockt Insekten besonders stark an und kann beim Menschen zu Schlafstörungen führen. Gelbes Licht dagegen mit 2400 K und darunter ist für aktive Insekten und schlafende Menschen harmloser. Zudem sollten möglichst viele Lampen ab 22 Uhr mit Bewegungsmeldern geschaltet sein oder spätestens um Mitternacht ganz erlöschen. Dazu Borcherding: “Das Sicherheitsargument ist nicht unwichtig, aber es rechtfertigt keine Ausrottung ganzer Artengruppen.

Beleuchtung ist ein Eingriff in die Natur und da gilt das Minimierungsgebot. Auch die Verhältnismäßigkeit muss gewahrt werden. Ganze Landstraßen dauerhaft zu beleuchten, weil vielleicht drei Fußgänger dort vorbei kommen, ist unverhältnismäßig und damit eigentlich unzulässig. Leider besteht in dieser Thematik noch wenig Sensibilität, auch bei den Behörden.”

Betroffene Anlieger mit Schlafstörungen könnten ihr “Recht auf Nacht ” auch einklagen betont der BUND. Der Landesgeschäftsführer Ole Eggers erläutert: “Es gibt zum Schutz der Nacht noch kaum Urteile. Aber durch die neue DIN-Norm zur Straßenbeleuchtung von 2015, die oft falsch angewandt wird, kommt es immer öfter zu Konflikten. Dem muss im Interesse der Natur, aber auch der betroffenen Menschen, Einhalt geboten werden.”

Der BUND Schleswig-Holst ein bietet auf seiner Homepage ein Infofaltblatt zum Thema Lichtverschmutzung an. Einen umfangreichen “Leitfaden zur Neugestaltung und Umrüstung von Außenbeleuchtungsanlagen” für Kommunalvertreter*innen gibt es auf der Website des Bundesamtes für Naturschutz.


Ein weiterer Beitrag zum Thema Lichtverschmutzung, die auch in Schleswig weit verbreitet ist: https://schleswig-lebt.de/2020/02/17/lichtverschmutzung/