Auf den 4. Schleswiger Barocktagen

Auf den 4. Schleswiger Barocktagen

2. August 2021 Aus Von Andreas Franke

Schleswig, Holm, 17. Juni 2021. zum dritten Mal in Folge besuche ich die Schleswiger Barocktage auf dem Hof des Hauses an der Süderholmstraße 23. Jörg Nadler veranstaltet dieses Event nun bereits zum vierten Mal und zum zweiten Mal unter erschwerten Corona-Bedingungen, was sehr bewundernswert ist. Auf den Barocktagen wird den Besuchern die Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts in unserer Region nahe gebracht, wobei das Augenmerk auf dem Alltagsleben dieser Zeit liegt. Gezeigt wird zum Beispiel allerlei Handwerk, wie das Bierbrauen, die Textilverarbeitung, oder die Holz- und Metallverarbeitung. Es gibt also viele Interessante Dinge zu entdecken und zu lernen. Die Barocktage sind also alles andere als ein “Kostümfest”, wie ich leider immer wieder in meinem Umfeld hören muss. Hier wird Wissen vermittelt und die damalige Zeit erlebbar gemacht. Jeder der Darsteller verfügt über ein umfangreiches Wissen und hat spannende Dinge zu erzählen und man darf hier gern das eine oder andere Loch in den Bauch fragen und bekommt fundierte Antworten.

Gleich nach dem Betreten des Hofes zeigt ein Brillenmacher sein reichhaltiges Angebot an Brillen aus vergangenen Tagen. Mich erstaunte, wie modern einige von ihnen auf mich wirkten, wenn man sie heute im Alltag tragen würde, würde vermutlich niemand merken was für ein Schätzchen man da auf der Nase trägt. Tatsächlich konnte man diese Kleinode auch tatsächlich, ausprobieren und käuflich erwerben.

Auch in diesem Jahr war der Walfang im 18. Jahrhundert wieder ein spannendes, wenn auch aus heutiger Sicht gruseliges Thema. Da ich nun schon zum wiederholtem Male die Veranstaltung besucht habe, war es interessant zu erleben, dass ich bei jedem einzelnen Besuch ein neues Stück Wissen mit nach Hause nehmen durfte. Auch die Ausstellungsstücke erweitern sich von Mal zu Mal und die dazugehörigen Informationen ebenfalls. Wenn man die Barocktage also schon einmal besucht hat, braucht man bei einem erneuten Besuch keine Angst haben sich zu langweilen. Wirklich nicht. Ich finde das großartig.

Johan Nepomuk Piepmeyer aus Minden hat unsere schöne Stadt ebenfalls wieder besucht, diesmal als Dessinateur. Er zeigte einige sehr interessante Hilfsmittel, die ihm seine Arbeit erleichterten, z.B. beim perspektivischen Zeichnen und Festhalten von Proportionen. Auch den Scherenschnitt, der damals sehr beliebt war, wurde uns nähergebracht und erläutert. Dabei kann man nur mit dem Kopf schütteln, was man zu dieser Zeit meinte aus den Profilen der Menschen heraus lesen zu können. Zum Teil sehr haarsträubend, überheblich und rassistisch, aber das 18. Jahrhundert wäre nicht die Zeit der Aufklärung, wenn man diese Dinge auch begann kritisch zu hinterfragen.

Zeitmessung, Uhren auch so ein spannendes Thema, dass uns auf den Schleswiger Barocktagen anhand zahlreicher Originale nahegebracht wurde. Interessant, wenn man sieht, wie sich die Uhren, die nicht zuletzt auch als Status-Symbol dienten, über die Jahre entwickeln. Von durchdachten Sonnenuhren, über mehr oder weniger ungenauen “Schätzeisen” die nur über einen Stundenzeiger verfügten zu immer genaueren und filigraneren Meisterwerken der Feinmechanik mit Kettenantrieben deren einzelnen Kettenglieder nur Millimeter groß sind. Alles handgemacht ohne jegliche Hilfe irgendwelcher Produktionsmaschinen. Extrem erstaunlich zu was der Mensch so in der Lage ist. Entsprechen kostbar waren diese Uhren schon zu ihrer Zeit. Faszinierend.

Jörg Nadler lebt eigentlich von der Fischerei auf der schönen Schlei, da ist natürlich klar, dass ihm das Thema Fischerei sehr am Herzen liegt und er dies den Besuchern freudig näher bringt. Wie bei ihm üblich, mit großem Reichtum an Detailwissen. Auch seine Seilerei ist ein beständiger Teil der Barocktage und gerade die kleinen Besucher nutzen gern die Möglichkeit einmal selbst ein Seil zu produzieren, wozu durchaus einiges an Ausdauer notwendig ist. Ein Seil zu machen ist kein Sprint, eher ein kleiner Marathon, bei dem es wichtig ist beständig eine bestimmte Leistung abzurufen. Mädchen machen dies wie selbstverständlich und es gibt entsprechend genderspezifische Endergebnisse und Qualitäten bei den produzierten Seilen aus Naturfasern.

Ob nun für die Jagt oder im Krieg, Schusswaffen waren aus dem 18. Jahrhundert nicht wegzudenken und die entsprechenden Schießvorführungen auf den Barocktagen sind auch ohne Bleimunition ein besonderes Erlebnis und werden vom Publikum immer sehr interessiert bestaunt und alle aufkommenden Fragen werden gern beantwortet, wie man in dem nachfolgendem Video sehen kann.

Auch die Jagd im 18. Jahrhundert und der Beruf des Jägers und deren vielfältigen Aspekte werden auf den Barocktagen ausführlich beleuchtet. Zum einen die Unterschiede im Jagdrecht von damals und heute, deren gesellschaftlicher Bedeutung zur damaligen Zeit, als auch der Umgang mit dem Mitgeschöpf Tier. Der Tierschutz spielte damals nämlich noch keine weitreichende Rolle, dass Tier hatte, nach damaliger Meinung, keine Seele und damit z.B. auch keine Schmerzempfinden oder gar Gefühle. Aber dies begann sich in dieser Zeit ebenfalls langsam zu ändern und man machte sich, auch in den Reihen der Berufsjägerschaft, Gedanken über den Umgang mit dem Tier und dessen Leid.

Für mich ein besonderes Highlight auf den diesjährigen Schleswiger Barocktagen war der jüdische Bänderhändler “Herschel Plaumbaum”, der im echten Leben Ibrahim Karabed heißt. Er erzählt von dem jüdischen Leben in unserer Region im 18. Jahrhundert und warum das Leben für die jüdische Bevölkerung in den damaligen Toleranz-Städten, wie in diesem Fall Rendsburg, von großem Vorteil für sie war, im Gegensatz zum Leben in Gegenden unter deutscher Herrschaft mit ihrem sehr willkürlichem Schutzbrief-System. Diese Schutzbriefe erinnerten mich sehr daran, wie man in heutiger Zeit noch mit Fremden, ich meine in diesem Falle Flüchtlinge, umgeht und deren Leben, Berufsausübung, und auch Reisefreiheit innerhalb Deutschlands, oder auch EU, radikal einschränkt. Manchmal ist es erschreckend, wie wenig der Mensch über Jahrhunderte dazu lernt.

Nicht zuletzt erfährt man von Ibrahim Karabed auch einiges über die jüdische Religion und Gebräuche, was koscher ist, was nicht und warum das so ist und wo die Unterschiede zur christlichen Bevölkerungsgruppe liegen. Diese sind übrigens kleiner, als man vermuten mag. Ich fand das sehr spannend und man hat meine Neugier zu diesem Thema durchaus geweckt. Danke dafür!

Für mich war es wieder eine sehr gelungene Veranstaltung, die unserer Stadt sehr gut zu Gesicht steht. Jörg Nadler war dann am Sonntagabend auch zufrieden mit der Besucherzahl, denn er trägt ja auch das finanzielle Risiko der Barocktage. Auch ist es immer schön zu hören, dass Nachbarn und Freunde ihn und seine Veranstaltung nach Kräften unterstützen. So darf man dann hoffen, dass sich die Schleswiger Barocktage langsam in unserer Stadt als regelmäßige Veranstaltung mit Niveau etablieren und uns erhalten bleiben.

Das wars von meinem Besuch auf den 4. Schleswiger Barocktagen und zum Schluss folgen dann, wie auch schon in den letzten Jahren ein paar Eindrücke in Form von statischen und bewegten Bildern. 🙂

Wir sehen uns auf den nächsten Schleswiger Barocktagen.