Wie Phönix aus der Asche

Wie Phönix aus der Asche

14. September 2021 0 Von Andreas Franke
Foto: Landesmuseen Schleswig-Holstein

Die Restaurierung des Tobsdorfer Chorgestühls

Mit einer Ausstellung, die vom 17. September bis 6. Februar im Lapidarium von Schloss Gottorf zu sehen ist, wird ein spannendes Restaurierungsprojekt für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht. „Wie Phönix aus der Asche – Die Restaurierung des Tobsdorfer Chorgestühls“ rückt erstmals die Themen Kunsttechnologie und Restaurierung auf der Schlossinsel in den Fokus. Die interaktive Ausstellung bietet den Museumsbesucherinnen und -besuchern einen facettenreichen Blick hinter die Kulissen eines Forschungs- und Restaurierungsprojekts.

Das Chorgestühl ist ein wertvoller Kunstfund. Vollkommen unscheinbar lag es auf dem Dachboden einer Kirche im rumänischen Siebenbürgen. Während einer Exkursion im Jahr 2006 entdeckten es die Studierenden des Studiengangs Konservierung und Restaurierung von Möbeln und Holzobjekten der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim (HAWK). Was auf den ersten Blick nach einem morbiden Bretterhaufen aussah, entpuppte sich als einst prächtiges, zweiteiliges gotisches Chorgestühl.

Durch umfangreiche Analysen der Gestaltungs- und Werktechnik konnten die Studierenden um die damalige Fachprofessorin Dr. Gerdi Maierbacher-Legl nachweisen, dass es sich tatsächlich um ein Werk des Meisters Johannes Reychmut aus Schäßburg von 1537 handelt. Neben den Seriennummern und Tischlerzeichen waren es vor allem die signifikanten Blockintarsien, eine frühe Form der Serienproduktion, die diese Zuschreibung bestätigten.
Als unrestaurierbar erschien dieser spektakuläre Fund zunächst. Doch trotz des katastrophalen Erhaltungszustands war allen Beteiligten schnell klar: dieses Chorgestühl muss wieder aufgestellt werden. Aufgrund des ausgeprägten Holzschädlings- und Schimmelbefalls sowie der massiven Feuchtigkeitsschäden glich die Holzsubstanz stellenweise einem Schwamm und zerfiel bei bloßem Kontakt.

Bei der Restaurierung des Sakralmöbels wurden modernste Techniken und Methoden angewandt: angefangen von der giftfreien Schädlingsbekämpfung im Stickstoffzelt, der Beurteilung der Holzfestigungsmaßnahmen im Krankenhaus mit Hilfe von CT-Aufnahmen bis hin zur Herstellung von Holzergänzungen mittels CNC-Fräse und Digitaldrucken auf Holz. Seit 2019 steht das Tobsdorfer Chorgestühl nach zehn Jahren umfangreicher Arbeit wieder in Siebenbürgen.

Die HAWK hat eine außergewöhnliche Wanderausstellung konzipiert, die den Prozess und die großen Herausforderungen dieser Chorgestühl-Restaurierung sehr anschaulich dokumentiert und Interessierte sowie Fachleute gleichermaßen anspricht. Anhand von verschiedenen Rekonstruktionen können die Museumsbesucherinnen und -besucher die historischen Werktechniken und Materialbeschaffenheiten kennenlernen und nachvollziehen. Darüber hinaus vermitteln mehrere Hands-On-Stationen haptische Eindrücke. Ergänzt wird die Ausstellung mit vier didaktischen Kurzfilmen.

Nun ist die Ausstellung auf Schloss Gottorf zu Gast und setzt damit die Zusammenarbeit der Hochschule mit den Landesmuseen fort. Seit zehn Jahren verbindet die Stiftung und der Studiengang Konservierung und Restaurierung an der HAWK Hildesheim eine sehr fruchtbare Kooperation, die sich in verschiedensten Projekten niederschlägt und sehr erfolgreich zur wissenschaftlichen Erforschung sowie zur Sammlungspflege und Erhaltung des Gottorfer Sammlungsbestands beiträgt.

Am „Europäischen Tag der Restaurierung“, dem 10. Oktober wird auf Schloss Gottorf um 14 Uhr Dr. Dipl.-Rest. Ralf Buchholz, Werkstattleiter an der HAWK Hildesheim und Projekt-Begleiter von der ersten Stunde an, einen Einblick in die herausfordernde Arbeit am Tobsdorfer Chorgestühl geben. Er berichtet über die Schwierigkeiten und Probleme während des Projekts, aber auch über die erzielten Erfolge dieser international für Aufsehen sorgenden Restaurierung.
Wegen der Corona-Pandemie kann es während der Laufzeit der Ausstellung auch zu kurzfristigen Änderungen kommen, deshalb ist es wichtig, sich vor einem Besuch auf unserer Internetseite www.landesmuseen.sh oder in unserem Servicecenter zu informieren: service@landesmuseen.sh und 04621/813 222.

Öffnungszeiten

  • Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr
  • Sonnabend und Sonntag von 10 bis 18 Uhr