Aktion 5 – Bahnhof Schleswig – Dialog und Weiterbau JETZT!

Aktion 5 – Bahnhof Schleswig – Dialog und Weiterbau JETZT!

3. Oktober 2021 0 Von Marlies Jensen-Leier

Wir würden uns auch auf die Schienen setzen, um es voranzubringen. Aber muss es so weit kommen?

September 2021. Nachdem unsere Kommune auf unsere Aktionen zur Verkehrswende keine Dialogbereitschaft in der Sache zeigt , haben wir jetzt – auch – das Bahnhofs-Projekt von uns aus in die Hand genommen: Spätestens seit 2008 wird unsere Kommune ihrer Zuständigkeit – Einsatz für Mindestanforderungen an den Bahnhof einer 25.000-EinwohnerInnen-Stadt – nicht gerecht. Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht kann Jahre dauern. Darauf kann Schleswig nicht warten – insbesondere nicht, weil

  • die Förderung des ÖPNV wesentlicher Faktor zur Vermeidung von CO2 ist! Angesichts des Klimawandels ist ein Ausbau des Bahnverkehrs, sind attraktive Bedingungen für BahnkundInnen, ist eine sofortige Beendigung des Schleswiger Bahnhofsdesasters unabdingbar.
  • der Bahnhof von a. o. Bedeutung für unsere Stadt ist, weil er
    • an der Hauptbahnstrecke zwischen Nordeuropa und der Welt liegt
    • Tor zu einer Weltkulturerbe-Region ist (inzwischen mit UNESCO-Prädikat!)
    • Tor zu der Stadt mit dem zweitreichsten Kulturerbe in Schleswig-Holstein.

Wir schämen uns, dass BesucherInnen unserer Stadt durch eine solches Tor müssen.

Ein Blickwinkel auf den Verlauf

  • Der Ursprung des Desasters ist begründet in der Entwicklung der Deutschen Bahn AG. Mit ihrer Konzentration auf die Metropolen, mit „global Playing“ und dem Verkauf ihrer einst stattlichen Bahnhöfe verlor sie das Wohl ihrer Kundschaft, das noch vor wenigen Jahrzehnten bis hinein in die Regionen bestens gegeben war, aus den Augen.
  • Das Angebot der Bahn an die Stadt Schleswig im Jahr 2008, den Bahnhof zum Preis eines Einfamilienhauses zu erwerben, wurde von der Kommune abgelehnt.
  • Eine gut durchdachte Beschlussvorlage der Fraktion der GRÜNEN zum Erwerb des Bahnhofs durch die Stadt (zur Ratsversammlung am 10.9.2012) wurde abgelehnt.
  • Vorschläge der Zukunftswerkstatt Schleswig in Kooperation mit den GRÜNEN, Wirtschaftsverbänden und Ostseefjord Schlei wurden vom Tisch gewischt.
  • Als 2013 der Investor Hubert Herr das Schleswiger Bahnhofsgebäude für 188.000 Euro ersteigert, wird das Projekt zunächst sowohl vom Bauausschuss als auch von der Bevölkerung begeistert begrüßt.
  • In einer öffentlichen Versammlung zum Thema „Zukunft des Bahnhofs“ im Hohenzollern, zu der die Freien Wähler Schleswig (FWS) eingeladen hatten (an der die mitunterzeichnende M. J.-L. teilgenommen hat), stellt Hubert Herr in aller Form sein Projekt „Eventbahnhof Schleswig“ vor. Er erklärt u. a., er habe ein Jahr lang keine Antwort auf seinen Bauantrag erhalten. Anwesende Ratsleute widersprechen dem nicht. Er räumt im Verlauf seines Vortrags ein, dass auch er Fehler gemacht habe. Während der Veranstaltung wird deutlich, dass in den sozialen Medien offenbar eine niveaulose Debatte zum Thema stattfindet, die sich gegen Hubert Herr richtet.

Wie kann es sein, dass Stadt und Kreis angesichts der Bedeutung des Bahnhofs für unsere Stadt/Region nicht von vornherein, d. h. gleich nach dem Erwerb durch Hubert Herr, in ureigenem Interesse auf den Investor zugegangen sind? Was macht es mit einem Menschen, der mit einer guten Idee in die Stadt kommt und auf ein solches Desinteresse stößt?

Wie ist es möglich, dass ein Bauherr mit dem Umbau eines Gebäudes von derartigem öffentlichen Interesse beginnt und – offenbar ohne detaillierte Abstimmung – damit sichtbar weit fortschreiten kann, ohne dass die in der Region zuständigen Behörden sich rechtzeitig einschalten? Dürfen wir von unseren RepräsentantInnen nicht so viel diplomatisches Geschick erwarten, dass ein Projekt von derartiger Bedeutung zum Wohle der Stadt und ihrer BürgerInnen zustande kommt? Inzwischen sind 13 Jahre verstrichen!

Der Schleswiger Geister-Bahnhof

Können Ratsleute sich überhaupt vorstellen, was dieser Bahnhof für Menschen ohne Auto bedeutet? – z.B. für eine Frau abends oder nachts allein, die vom Gleis 3 abfahren muss? Der tote Bahnhof. Die lange beängstigende unwirtliche verdreckte Unterführung mit ständigen Pfützen. Mitunter kein zweiter Fahrgast. Mitunter beängstigende Gestalten. Beim Warten am Gleis im Rücken die schwarze Nacht. Brache. Wildnis. Unsicherheit. Furcht. Oder abends oder nachts anzukommen auf Gleis 1. Der tote Bahnhof. Kein Bus mehr. Kein Taxi – oft auch tagsüber nicht (in Husum stehen noch um Mitternacht 7 Taxis am Bahnhof). Bestimmt hat sie Freunde, die Frau am Bahnhof. Bestimmt würde einer sie abholen. Aber will sie ihre Freunde wecken, nur, weil ihre Kommune es nicht schafft, die notwendige Daseinsvorsorge für ihre BürgerInnen zu regeln? Die Frau geht zu Fuß durch die menschenleere Stadt. Sie braucht über eine Stunde vom Bahnhof nach Hause durch die dunkle Nacht. Auf dem Rücken der schwere Rucksack. Oder: An der Hand der Rollkoffer, der lärmt durch die schlafende Stadt. Im Nacken die Angst. Im Kopf die Fragen: Wie wird es weitergehen, wenn ich den Weg zu Fuß nicht mehr schaff? Muss ich mir jetzt, mit über 70 und angesichts des Klimawandels (nachdem ich seit dem Bericht des Club of Rome – 1972 – bewusst auf ein eigenes Auto verzichtet hab) ein Auto anschaffen, nur weil meine Kommune es nicht hinkriegt…?“

Nach Kontaktaufnahme zum Investor

Wir haben Hubert Herr gut begründet und in aller Form einen Brief geschrieben, aus dem sich ausführlicher Schriftwechsel und gute Gespräche ergaben. Dabei haben wir u.a. erfahren, dass im Jahr 2017 die DB-Netz-AG, die bis dahin im Bahnhof Schleswig ca. 200 Quadratmeter Büros angemietet hatte, die Gleisbauabteilung und weitere Büros, welche bisher auf mehrere Standorte in Flensburg, Rendsburg und Schleswig verteilt waren, am Bahnhof Schleswig bündeln und unterbringen wollte. Dazu wurden 250 Quadratmeter ausgebaut/ein Anbau errichtet. Aufgrund des Baustopps durch die Bauverwaltung Schles-wig im Oktober 2016 und der langjährigen Posse, hat sich die DB-Netz-AG inzwischen anderenorts Räumlichkeiten angemietet, ist komplett aus dem Bahnhofsgebäude ausgezogen und hat den Vorvertrag für weitere Fläche zurückgezogen. – Einmal mehr ein vertane Chance für unsere Stadt.

Nach Schriftwechsel und Telefonaten mit Hubert Herr (Juli/Sept. 2021) dürfen wir festhalten:
Vor Bauantrag habe auf seine Initiative eine Ortsbegehung mit einem Vertreter der Bauaufsicht stattgefunden. Nach Bauantrag sei von Seiten der Kommune niemand zu einem Gespräch auf ihn zugekommen. Hubert Herr hat uns erklärt: „Ich möchte das Schleswiger Bahnhofs-Projekt liebend gern fortsetzen und zu Ende bringen. Ich bin zu Kompromissen bereit. Aber man muss aufeinander zugehen, Schritt für Schritt. Kompromissbereitschaft der Schleswiger Kommune und der Denkmalbehörde ist bei diesem Projekt zwingend erforderlich. So kann für Schleswig, seine BürgerInnen und für die Region etwas Gutes und Schönes entstehen.“

Wir fordern von uns aus Wiederaufnahme der Bauarbeiten am Bahnhof JETZT!

Wir fordern Versöhnung mit dem Investor, echten Dialog und gemeinsame Planung zur zügigen Wiederherstellung der Infrastruktur und Umbau zum geplanten „Event-Bahnhof“. Das muss jetzt diplomatisch errungen werden. Dabei gilt es, alle denkbaren Ermessensspielräume zu nutzen.

Wir wollen von uns aus an diesem Dialog teilnehmen.

        Dorothee Tams                       Marlies Jensen-Leier