Hochrangige Nationalsozialisten und ihre Assimilierung…

Hochrangige Nationalsozialisten und ihre Assimilierung…

17. Oktober 2021 Aus Von Jens Nielsen

in das Leben der Stadt Schleswig nach dem Krieg

Eine lose Folge mehrerer Buchprojekte

Als der in Schleswig geborene ehemalige Fallschirmjägergeneral Herman Bernhard Ramcke (1889-1968) aus französischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, bereitete man ihm am 5.7.1951 am Schleswiger Bahnhof einen großen Empfang. Tausende Bürger und Bürgerinnen begrüßten den verurteilten Kriegsverbrecher Ramcke und trugen ihn im Triumphzug durch die Stadt. Im Rahmen einer von der Stadt Schleswig mit organisierten Veranstaltung, anlässlich seiner Wiederkehr, machte der ehemalige Wehrmachtsgeneral Ramcke in einer Rede u.a. deutlich, dass die „Diffamierungen ehemaliger deutscher Soldaten“ endlich aufhören müsste. Spätestens als er in seinem  Redebeitrag und in seiner Aufforderung nach Beendigung der Verunglimpfung der Wehrmacht auch die Angehörigen der Waffen-SS-Division „Das Reich“ ausdrücklich mit einschloss, hätte klar sein müssen, dass es auch in Schleswig zur wirklichen Entnazifizierung noch ein weiter Weg werden würde. Der benannten SS-Division war das Massaker in Oradour-sur-Glane am 10.7.1944 zum Vorwurf gemacht worden, welches dereinst als Vergeltungsmaßnahme für getötete Wehrmachtssoldaten deklariert worden war. Bei dem Massaker wurden 642 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, Opfer der Ermordungsaktion der Waffen-SS. Ca. 400 Frauen und Kinder die in eine Kirche im Ort eingesperrt waren, während  in dem Gotteshaus Rauchbomben mit Stickgasen vor dem Altar entzündet wurden, kamen darin um. Als Panik ausbrach und die Kirchenfenster barsten, hatte man  die sich in der Kirche befindenden mit Handgranaten beworfen und beschossen. Auch die Männer und Jungen des französischen Dorfes wurden an diesem Tag unbarmherzig liquidiert und sofort darauf verbrannt.  Auch Bernhard Ramcke selbst war wegen der Geiselnahme und Ermordung französischer Zivilisten, der Plünderung privaten Eigentums und der absichtlichen Zerstörung und Niederbrennung von zivilen Wohnhäusern im März 1951 als Kriegsverbrecher verurteilt, auf Grund seines Alters und unter Anrechnung der Untersuchungshaft aber dann auf freiem Fuß gesetzt worden. Diese Verurteilung aber hatte im Schleswig des Jahres 1951 kaum eine Bedeutung. Ramcke starb 1968 in Kappeln. Bei seiner Beisetzung war auch eine Ehrenkompanie der Bundeswehr anwesend – was im In- und Ausland sehr kontrovers diskutiert wurde.

Doch nicht nur der Wehrmachtsgeneral Bernhard Ramcke, sondern auch zahlreiche andere hochrangige Nationalsozialisten fanden in der Stadt Schleswig nach dem Krieg Unterschlupf oder gar eine neue Beschäftigung. Das soeben auf dem Buchmarkt erschienene Buch „Professor Tod. Der Vorgang Heyde/Sawade und seine Folgen“ beschäftigt sich zwar vorrangig mit dem in der NS-Zeit durch seine Funktion als Obergutachter bei den als „Aktion T4“ bezeichneten Morden an kranken und behinderten Menschen bekannt gewordene Professor Dr. Werner Heyde, zeigt aber in diesem Kontext auch einige Personen der Justiz und aus der Medizin auf, die als ehemalige Nationalsozialisten in der Stadt Schleswig unterkamen oder in ihr tätig waren. Werner Heyde war nach Kriegsende aus seiner Inhaftierung geflohen und über mehrere Jahre in Flensburg untergetaucht. Unter dem Decknamen Dr. Fritz Sawade konnte er sich erneut als Arzt und Gutachter eine neue Existenz aufbauen und blieb über viele Jahre unbehelligt. Seine Enttarnung 1959 deckte ein erschreckend großes Unterstützungsnetz an namhaften Mitwissern aus Politik, Justiz und Ärzteschaft auf, die Heyde/Sawades wahre Identität aus Eigennutz, aus Solidarität mit einem alten Parteikameraden und aus Angst vor Aufdeckung der eigenen NS-Vergangenheit verschwiegen hatten.

Nicht wenige Juristen und Ärzte aus der Stadt Flensburg und aus Schleswig waren an dieser Verschleierungsaktion beteiligt – aus gutem Grund, hatten sie doch alle ihre eigene Geschichte. Keiner der Mitwissenden ist jedoch für seine Taten später verurteilt worden. Noch Jahrzehnte nach diesem Skandal, der das Ausmaß der Assimilierung ehemaliger Nazi-Größen in die Strukturen der noch jungen Bundesrepublik zum Teil offen legte, gibt es noch immer neue Blickwinkel und unveröffentlichte Forschungsergebnisse, die den Vorgang Heyde/Sawade in ein anderes Licht tauchen. Der Historiker und Publizist Jens Nielsen legt mit diesem Buch ein Werk vor, dass das Thema „Euthanasie“ und den Umgang mit der einstigen Nazi-Elite in der Nachkriegszeit neu „in die Köpfe holt“ – denn „nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten“ (Zitat: August Bebel).

Titel: Professor Tod. Der Vorgang Heyde/Sawade und seine Folgen

Erscheint in den nächsten Tagen bei BoD

ISBN: 9 78375439 5547

Seiten: 196

Preis: 15,99 €

Vita des Autors:

Jens Nielsen, 1969 in Schleswig geboren, gelernter Pädagoge, lebt als Museums- und Kulturpädagoge und mittlerweile hauptberuflich als Publizist in Kiel. Vorher jahrzehntelange Selbständigkeit mit seiner „Agentour Zeitensprung“ im Bereich Museumspädagogik und „Living history“. Er war freier Mitarbeiter u.a. im Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte Schloss Gottorf in Schleswig und im Landesmuseum für Volkskunde im Freilichtmuseum Molfsee bei Kiel.

Es erschienen von Nielsen zunächst in loser Reihenfolge zahlreiche kunsthistorische Kirchenführer im Auftrag der jeweiligen Kirchengemeinden im gesamten Bundesgebiet. Ab 2019 brachte er Werke im eigenen Auftrag zu historischen, zunächst auf die Stadtgeschichte Schleswigs bezogene Themen heraus, so „…, wenn es Dir gut tut, dann komm. Das Grau- oder St. Paul-Kloster zu Schleswig“ (2019), „Unter der Rose. 24 Lebensbilder herausragender Frauen der Schleswiger Stadtgeschichte“ (2020), „Am Anfang war das Wort. Die Schleswiger Nachrichten in der Zeit des Nationalsozialismus 1921 bis 1945 – eine Quellenforschung“ (2021), „Krumme Touren. Ein Streifzug durch die Geschichte des organisierten Verbrechens in der Region Schleswigs im frühen 19. Jahrhundert. Kritische Studien zur Sozialgeschichte Schleswigs“ (2021), „Das Dominikanerkloster St. Maria-Magdalena in Schleswig. Das schwarze Kloster in Sagen, Legenden und in historischen Tatsachen“ (2021). Besonders zeitgeschichtlichen Forschungsthemen gilt sein Interesse: So erscheint jetzt im Oktober 2021 „Professor Tod. Der Vorgang Heyde/Sawade und seine Folgen.“ In dem Buch „Schweigepflicht. Dr. Waldemar Freienstein. Ein Thüringer Arzt im Nationalsozialismus“ (Oktober 2021 im Kirchschlager Verlag/Thüringen) arbeitet Nielsen zusammen mit der Autorin und Psychologin Kirsten Freienstein die Familiengeschichte ihres Großvaters auf, dem Urgroßvater der gemeinsamen Tochter.Auch die Veröffentlichung von „Lang schon verschwunden ist die Burg. Geschichten von der Möweninsel und ihren Bewohnern im Laufe der Jahrhunderte.“ ist noch für den Herbst 2021 geplant.Weiterhin ist gerade das Buch „Du bist nichts. Ein geraubtes Leben. Eine Zwangsadoption im nationalsozialistischen Schleswig des Jahres 1944“ über das Schicksal der eigenen leiblichen Mutter in Vorbereitung.