Inklusionsgespräch im Hotel „Alter Kreisbahnhof“

Inklusionsgespräch im Hotel „Alter Kreisbahnhof“

13. November 2021 0 Von Andreas Franke
Christian Judith moderierte das Gespräch zum Thema Inklusion. Foto: Andreas Franke

Schleswig, 09.11.2021. Dorothee Tams lud im Namen der Grünen zu einem Partei- und Institutionsübergreifenden Gespräch ein. 18 Personen folgten ihrem Aufruf und fanden sich um 19:00 Uhr im Hotel „Alter Kreisbahnhof“ ein um sich zum Thema „Inklusion in Schleswig“ auszutauschen. Gekommen waren Vertreter der lokalen Politik (Die Grünen, SPD, Freie Wähler), der städtischen Verwaltung, der AWO. Aber auch normale Bürger*innen unserer Stadt waren anwesend, entweder weil sie das Thema Inklusion einfach interessierte, oder es sie selbst in irgendeiner Form betraf. Christian Judith, selbst betroffen und seit vielen Jahren in der Behindertenbewegung aktiv und Inklusionsberater, leitete das Gespräch an diesem Abend. Er war begeistert von dem von Klaus Katzer organisierten Inklusionslauf mit Weltrekord in Haithabu und ist gleichzeitig der Meinung, dass diese großartige Veranstaltung nur ein Anfang sein kann und in Schleswig durchaus noch mehr in Sachen Inklusion geschehen kann und muss.

So wurden Themen wie die Barrierefreiheit des Schleswiger Rathauses, aber auch anderer Verwaltungsgebäude oder der Schleswiger Innenstadt allgemein erörtert und dort real existierender Einschränkungen für Bürger*innen mit Handicap besprochen. So berichtet Christian Judith davon, dass er seinen Zahnarzt zum Beispiel nicht nach dessen Qualität auswählen kann, statt dessen muss er den Arzt wählen, dessen Praxis er überhaupt mit seinem Dreirad betreten kann, dies gilt oft auch für Läden in der Ladenstraße, Restaurants und viele andere Gebäude in unserer Stadt. Dass es bei Inklusion aber nicht nur um das Überwinden der bereits genannten Gegebenheiten und deren Überwindung geht wurde ebenfalls klargestellt. Ein wichtiger Teil ist eben auch das Miteinander und das Zusammentreffen von Menschen mit Einschränkungen (welcher Art auch immer) und „Otto Normal“. Ein gutes Beispiel sei z.B. der oben bereits erwähnte Inklusionslauf, sagt Judith weiter. Er schlägt deshalb vor, beispielsweise Festivals und Events in der Stadt inklusiver zu gestalten, als es bis heute üblich ist. Stichworte wären z.B. Gebärden-Dolmetscher*innen bei Events mit Live-Musik die simultan die Texte übersetzen, Blindenleitsysteme auf Veranstaltungen, bessere Zugänglichkeiten der Gelände für Rollstuhlfahrer*innen.

Weiter wurde der Blick auf existierende Ausgrenzung jenseits von physikalischen Barrieren gelenkt, nämlich auf die Verwendung zu komplizierter Ausdrucksweise/Sprache beim Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen wie z.B. Lernschwächen. Die Verwendung leichter Sprache wäre überfällig und wünschenswert, gerade auch von Seiten aller demokratischer Parteien müsste hier mehr geschehen, wenn man Teilhabe ernst nehmen und Menschen mit Behinderung auch in der Politik mitnehmen wolle, so die durchgängige Meinung der Anwesenden. Fremdwörter, durch einfache deutsche Wörter zu ersetzen, muss man ganz bewusst üben und ist schwerer als man im Allgemeinen denkt und richtig schwierig wird es dann zum Beispiel bei dem Thema offizieller Formulare der Ämter und Behörden. Seminare zum Erlernen leichter Sprache wären sicherlich wünschenswert und auch dringend notwendig für einen inklusiven Umgang mit beeinträchtigen Menschen.

Während „normale“ Menschen sich Dinge überlegen, die für Menschen mit Behinderungen gut sein müsste, ist Klaus Katzer der Meinung, dass man vielmehr die Betroffenen fragen müsse, was sie sich eigentlich wünschen. Zu dieser Erkenntnis ist er während der Organisation seines Inklusionslaufes gekommen, so Katzer, dass führe zu einem wichtigen Wechsel in der Perspektive und damit zu anderen Ansätzen und bedarfsgerechteren Lösungen.

Die eigene Haltung gegenüber den Rechten der Behinderten ist ebenfalls ein Thema an diesem Abend. Wie kann es angehen, fragt Christian Judith, dass 12 Jahre nach Unterzeichnung der Behindertenrechtskonvention, es Menschen mit Behinderungen immer noch unmöglich ist das Schleswiger Rathaus zu betreten? Die Konvention ist geltendes Recht und kein Kindergeburtstag! Wie kann das sein? Das ist ein Bruch der Menschenrechte und strukturelle Gewalt, darüber müsse man sich im Klaren sein.

Holger Hoffmann ist der festen Überzeugung, dass man die Menschen auch weiter für das Thema Inklusion sensibilisieren muss, denn viele Menschen sind bei diesem Thema oft noch zu gedankenlos. Eine Möglichkeit wäre es, einmal einen Menschen mit Behinderung zu bitten sein Leben aus seiner Sicht, mit den ganz alltäglichen Problemen, darzustellen. Man könne diese Sicht dann z.B. auch hier im Stadtmagazin Schleswig LEBT! Veröffentlichen und zugänglich machen, schlägt Holger Hoffmann in diesem Zuge vor. Schleswig LEBT! wäre auf jeden Fall mit dabei. Selbstverständlich. An dieser Stelle hat Christian Judith einen weiteren Vorschlag. Gemeinsam könne man sich beispielsweise in Rollstühle setzen, oder mit Blindenstöcken einmal selbst Schleswig erkunden und die Stadt dabei aus der Sicht behinderter Menschen hautnah erleben. Wo kommt man rein? Wo nicht? Dann könnte man diese Erlebnisse entsprechend medial aufbereiten.

Bärbel Kahlund, forderte eine Art Beirat für Inklusion im Schleswiger Rathaus, denn es gäbe dort für alle möglichen Themen einen „runden Tisch“, für das Thema Inklusion allerdings nicht. Im Rathaus und der Verwaltung muss einfach mehr getan und erforderliche Prozesse beschleunigt werden. In Schleswig gibt es noch wahnsinnig viel zu tu, so Kahlund weiter, dazu gehören auch inklusive Spielplätze, die die Freien Wähler gern in der Stadt sehen würden. Beginnen möchte man damit auf den Königswiesen, aber nicht nur dort, letztendlich muss jeder Spielplatz in der Stadt inklusiv gestaltet werden.

Aufklärung und Haltung sind die dicken Bretter, die es beim Thema Inklusion in Schleswig zu bohren gilt. Nicht reden, sondern machen lautet das Motto, alles auf Augenhöhe und in Zusammenarbeit mit den Betroffenen, denn wir „Normalos“ sollten nicht glauben, dass wir wissen, wie alles am besten geht. Jeder sollte sich mal in sich hineinschauen und sich ehrlich machen, ob er wirklich so inklusiv ist, wie er meint zu sein. Vermutlich wird man dabei auf die eine oder andere unvollendete Baustelle treffen. Man könnte sich zum Beispiel einmal die Frage stellen: Wenn mich heute Abend ein Rollstuhlfahrer zuhause besuchen möchte, könnte er das ohne Beeinträchtigung und Hindernisse tun? Vermutlich nicht. Mehr persönlicher Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung ist sicher ebenfalls der Sache förderlich. Mehr gemeinsame Kontakt- und Berührungspunkte, Veranstaltungen und Aktivitäten für die Zukunft.

Eins wurde bei diesem Gespräch an diesem Abend deutlich, dass Thema ist vielfältig und komplex, so wie die Menschen selbst. Es gibt eine Menge zu bereden und noch mehr zu tun, zu verändern und zu verbessern.

Ein weiteres Treffen in diesem offenen und parteiübergreifenden Format soll es am 01. Februar 2022 geben, der genaue Ort steht allerdings noch nicht fest und wird rechtzeitig bekannt gegeben. Wer sich für das Thema Inklusion interessiert und sich einbringen möchte, sollte sich den Termin unbedingt vormerken.