Schleswig Deine Schätze

Schleswig Deine Schätze

18. November 2021 0 Von Jens Nielsen

Schleswig ist Goethestadt und das mehr als sie weiß…

Warum heute unscheinbar erscheinende Häuser in Schleswig manchmal unwissentlich die Zeugen bedeutsamer Stadtgeschichte sein können.

An vielen Häusern in der Stadt Schleswig geht man vorbei – in den meisten Fällen ohne ihre Geschichte zu kennen. Das Haus Gallberg Nr. 17 ist so ein Haus, hinter dessen heute unscheinbar wirkenden Fassade, sich aber in alten Zeiten Wissenswertes verbarg, wenn man sich die Geschichte des alten Hauses genauer betrachtet: Dieses Haus hat eine lückenlos nachweisbare, kaum bekannte Beziehung zum Leben des berühmten deutschen Dichters Johann Wolfgang von Goethe, welcher als einer der bedeutendsten Repräsentanten deutschsprachiger Dichtung gilt.

Seit vielen Jahren ist hinlänglich bekannt, dass sich im St. Johannis- Kloster in Schleswig unter anderem der klassizistische Leuchter und das Tafelsilber aus dem Hause Goethes befinden, die dereinst durch Erbschaft nach Schleswig gelangten. Wie sich aber jetzt durch intensive Forschung herausstellte, ist die Verbindung zwischen Goethe und der wunderschönen Schleistadt Schleswig um einige Ecken herum noch wesentlich intensiver und vielfältiger gewesen.

Dreh- und Angelpunkt dieser Verbindung zu Goethe ist das Haus Gallberg 17 in Schleswig. Johann Jacob Olldrech (auch Olderogge, Ohlrock oder Ohlrogge benannt), ein gut „betuchter“ Tuch- und Seidenkaufmann in Schleswig, bewohnte dieses Haus zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Er war am 3.7.1670 in Thumby in Angeln als Sohn des dortigen Küsters geboren worden und starb noch vor 1739 in Schleswig. Verheiratet war er mit Anna geb. Nickelsen (+ vor 1739) aus der Nordseestadt Tönning, Tochter des namhaften Chirurgen Peter Nickels. Das Ehepaar Olderogge hatte mindestens drei Kinder, wovon ein Sohn, Detlef Georg Olderogge, direkt von Schleswig aus nach Riga ging und als Russisch herzoglicher Rent- und Proviantmeister für das Herzogtum Livland und Lettland später Vertrauter des Zaren Peter des III aus dem Hause Holstein-Gottorf wurde. Am 21.06.1758 wurde Olderogge von Kaiser Franz I. (Kaiser des Heiligen römischen Reiches) als Detlef Georg von Olderogge in den Adelsstand erhoben. Von Olderogge hatte neben vielen anderen Kindern zwei Söhne, die in dem Zusammenhang dieser Darstellung eine große Rolle spielen: Johann Georg von Olderogge (* ca. 1742) und Heinrich Wilhelm von Olderogge (1744 – 1792). Diese beiden Brüder von Olderogge aus Riga, dessen Vater aus Schleswig kam, wurden später Studiengenossen Johann Wolfgang von Goethes und waren mit ihm und seiner Schwester Cornelia eng befreundet.

Die Brüder „von Olderoggen“, deren Großvater in Schleswig bis zu seinem Tode ansässig blieb, besuchten die beiden Geschwister Goethe oft in Frankfurt und gefielen, laut zeitgenössischer Quellen, der Schwester Cornelia durch ihr vornehmes und geselliges Wesen besonders gut. Sie gehörten beide zur Tischgesellschaft Goethes und er verbrachte viel Zeit mit dem Geschwisterpaar. Zusätzlich gehörten die beiden Brüder mit Goethe zu den Studenten des sogenannten „Schonkopfschen Kreises“, benannt nach dem Wirt, welcher die Räume bei den Treffen des Kreises zur Verfügung stellte. Hier wurde diskutiert, gedichtet und auch gesungen.

Johann Georg von Olderogge kam Ostern 1764 im Alter von ca. 22 Jahren nach Leipzig an die Universität. „…Er war groß und von schöner Gestalt, obwohl ohne einnehmende Gesichtszüge und nicht sehr gesprächig, aber in dem was er sagte, Geist, große Gesinnung und gebildetes Urteil verratend, ein angenehmer Gesellschafter von ausgesprochener Höflichkeit, der auch untergeordnete Persönlichkeiten mit Liebenswürdigkeit ertrug.“

Sein Bruder Heinrich Wilhelm von Olderogge bezog Ostern 1765, also ein Jahr später, mit etwa 21 Jahren die Universität in Leipzig. Danach ging er am 22.10.1768 auf die Universität nach Kassel. Er „…war nicht so lang wie sein vorgenannter Bruder, aber schön von Gesicht und sehr lebhaft und gesprächig, dabei bisweilen Unpassendes vorbringend, überhaupt noch etwas unbesonnen, indessen gleichfalls von liebenswürdigem Charakter. In den neunziger Jahren war er Hofrat und Assessor im Gerichtshofe der peinlichen Sachen zu Riga.“

Nach Abschluss ihres Studiums traten beide Brüder eine große Europareise an und besuchten u.a. dabei auch Schleswig. 1768 begegnet Cornelia Goethe den Brüdern Olderogge als Studienkollegen ihres Bruders zum ersten Mal. Ihr in den alten Aufzeichnungen beschriebenes mangelndes Selbstwertgefühl steigerte sich im Zusammenhang mit dem Besuch der Brüder zu einer psychischen Krise mit einem Hautausschlag, so wird in den Quellen berichtet. Cornelia Goethe beschreibt selbst den Besuch von Georg und Heinrich von Olderogge aus Livland in ihren Aufzeichnungen. Sie schreibt darüber, dass am 26. Oktober 1768 die beiden Brüder in Frankfurt ankamen, um am folgenden Tag ihren Besuch im Haus am großen Hirschgraben bei Goethes abzustatten. Wegen seiner Ähnlichkeit mit einem guten Freund Cornelias (Arthur (Harry) Lupton) weckte der Jüngere der beiden Brüder sofort ihr Interesse. Nach Johann Wolfgang Goethes eigenen Beschreibung war er etwa zwanzig Jahre alt, „von kleinerem Wuchs als der ältere“, seine „Züge von bezaubernder Schönheit, wie die Mädchen es gerne sehen.“ (Cornelia Goethe, BCS: 57) Auch den Moment, als sie ihm vorgestellt wird, hält Cornelia in ihrem Tagebuch fest:

Es gefiel ihr, „… wie er sie ansah, wie er ihr beim Abschied die Hand küsste und drückte, als «wolle er sie […] nicht mehr zurückgeben.“ (Cornelia Goethe, BCS: 63)

Als Trauzeuge des oben erwähnten Schleswiger Kaufmanns Johann Jakob Olderogge, der Großvaters der beiden Brüder, wird in den alten Unterlagen der Steruper Pastor Peter Goldschmidt genannt. Dieser Peter Goldschmidt schrieb in seinen damals aufsehenerregenden Büchern von „… unheimlichen Dingen, wie z.B. von Wetter- und Schadenszaubern, von Werwölfen und von Geistermessen.“ Goldschmidt, den sogar Theodor Storm in der Novelle „Renate“ in seiner Gestalt und seinem Wirken beschreibt, hat in seinen Werken „Höllischer Morpheus“ und „Verworffener Hexen- und Zauberer-Advocat“ eine schreckenerregende Fundgrube an volkskundlichem Wissen über den Geisterglauben hinterlassen. Johann Wolfgang von Goethe schöpfte für seine „Walpurgisnacht“ speziell aus diesem, seinem Werk. So ist das unscheinbare Haus am Gallberg über Umwege doch über mehrere Ecken mit dem „großen Dichterfürsten“ Goethe und mit Schleswig verbunden. Möge das geschichtsträchtige Gebäude vor dem Abrissbagger bewahrt bleiben, der in Schleswig so oft und so gerne schon große Wunden in das historisch gewachsene Stadtbild schlug.