Erster Advent: “Weihnachten in der Speisekammer”

Erster Advent: “Weihnachten in der Speisekammer”

28. November 2021 Aus Von Andreas Franke

Von Paula Dehmel

Bild von Alexei_other auf Pixabay

Unter der Türschwelle war ein kleines Loch. Dahinter saß die Maus Kiek und wartete. Sie wartete, bis der Hausherr die Stiefel aus – und die Uhr aufgezogen hatte; sie wartete, bis die Mutter ihre Schlüsselkörbe auf den Nachttisch gestellt und die schlafenden Kinder noch einmal zugedeckt hatte; sie wartete auch noch, als alles dunkel war und die tiefe Stille im Haus herrschte. Dann ging sie. Bald wurde es in der Speisekammer lebendig. Kiek hatte die ganze Mäusefamilie benachrichtigt. Da kam Miek, die Mäusemutter, mit den fünf Kleinen und Onkel Grisegrau und Tante Fellchen stellten sich auch ein “Frauchen, hier ist etwas Weiches, Süßes”, sagte Kiek leise vom obersten Brett herunter zu Miek, “das ist etwas für die Kinder”, und er teilte von den Mohnkuchen aus. “Komm hierher, Grisegrau”, piepte Fellchen und guckte hinter der Mehltonne vor, “hier gibt’s Gänsebraten, vorzüglich, sag ich dir, die reine Hafermast; wie Nuss knuspert sich`s.” Grisegrau aber saß in der neuen Kiste in der Ecke, knabberte am Pfefferkuchen und ließ sich nicht stören. Die Mäusekinder balgten sich im Sandkasten und kriegten Mohnkuchen. “Papa”, sagte das größte, “meine Zähne sind schon scharf genug, ich möchte lieber knabbern; Knabbern hört sich so hübsch an.” “Ja, ja, wir wollen auch lieber knabbern”, sagten alle Mäusekinder, “Mohnkuchen sind uns zu matschig”, und bald hörte man sie am Gänsebraten und am Pfefferkuchen. “Verderbt euch nicht den Magen”, rief Fellchen, die Angst hatte, selber nicht genug zu kriegen, “an einem verdorbenen Magen kann man sterben.” Die kleinen Mäuse sahen ihre Tante erschrocken an; sterben wollten sie ganz und gar nicht, das musste schrecklich sein. Vater Kiek beruhigte sie und erzählte ihnen von Gottlieb und Lenchen, die drinnen in ihren Betten lägen und ein hölzernes Pferdchen und eine Puppe im Arm hätten; und dass in der großen Stube ein mächtiger Baum stünde mit Lichtern und bunten Flimmerstaat und dass es in der ganzen Wohnung herrlich nach frischem Kuchen röche, der aber im Glasschrank stünde und an den man nicht herankönnte. “Ach”, sagte Fellchen, “erzähle nicht soviel, lass die Kinder lieber essen.” Die aber lachten die Tante mit dem dicken Bauch aus und wollten noch viel mehr wissen, mehr als der gute Kiek wusste. Zuletzt bestanden sie darauf, auch einen Weihnachtsbaum zu haben, und die zärtlichen Mäuseeltern liefen wirklich in die Küche und zerrten einen Ast herbei, der von dem großen Tannenbaum abgeschnitten war. Das gab einen Hauptspaß. Die Mäusekinder quiekten vor Entzücken und fingen an, an dem grünen Tannenholz zu knabbern, das schmeckte aber abscheulich nach Terpentin, und sie ließen es sein und kletterten lieber an dem Ast herum. Schließlich machten sie die ganze Speisekammer zu ihrem Spielplatz. Sie huschten hierhin und dorthin, machten Männchen, lugten neugierig über die Bretter in alle Winkel hinein und spielten Versteck hinter den Gemüsebüchsen und Einmachtöpfen. Was sollten sie auch mit dem dummen Weihnachtsbaum, an dem es nichts zu essen gab! Als aber das Kleinste ins Pflaumenmus gefallen war und von Mama Miek und Onkel Grisegrau abgeleckt werden musste, wurde ihnen das Umhertollen untersagt, und sie mussten wieder artig am Pfefferkuchen knabbern. Am anderen Morgen fand die alte Köchin kopfschüttelnd den Tannenast in der Speisekammer und viele Krümel und noch etwas, was nicht gerade in die Speisekammer gehört. Ihr werdet euch schon denken können, was!