Wenn das „T-Wort“ das Portemonnaie um 400 Euro pro Monat dicker macht

Wenn das „T-Wort“ das Portemonnaie um 400 Euro pro Monat dicker macht

27. Dezember 2021 Aus Von Andreas Franke

Mehr Geld und kürzere Arbeitszeiten durch Tarifvertrag im Kreis Schleswig-Flensburg

NGG-Regionalchef Philipp Thom.

Sie haben früher Feierabend und am Monatsende mehr Geld im Portemonnaie: Vollzeitbeschäftigte, die im Kreis Schleswig-Flensburg nach Tarif bezahlt werden, arbeiten pro Woche 47 Minuten weniger als Arbeitnehmer, in deren Firma kein Tarifvertrag gilt. Auch in puncto Bezahlung sind Tarif-Angestellte klar im Vorteil – und verdienen im Monat durchschnittlich über 400 Euro mehr. Darauf hat die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten hingewiesen. Die NGG-Region Schleswig-Holstein Nord beruft sich hierbei auf eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Danach beläuft sich die wöchentliche Arbeitszeit in tarifgebundenen Betrieben in Schleswig-Holstein und Hamburg bei Vollzeit auf 38,7 Stunden. Ohne Tarifvertrag sind es 39,5 Stunden. Das tarifliche Monatseinkommen liegt aktuell bei rund 3.730 Euro (ohne Tarif: 3.310 Euro).

„In wirtschaftlich unsicheren Zeiten werden die Vorteile von Tarifverträgen besonders deutlich. Sie bieten häufig auch einen besseren Schutz vor Kündigungen oder regeln die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes“, sagt NGG-Regionalchef Philipp Thom. Im Gastgewerbe Schleswig-Holsteins sei es etwa jüngst gelungen, ein Weihnachtsgeld per Tarifvertrag zu vereinbaren, der von der Politik für allgemeinverbindlich erklärt wurde – sodass alle Beschäftigten der Branche im Norden einen festen Anspruch darauf haben. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts erhalten in Deutschland aktuell 87 Prozent aller Tarif-Beschäftigten ein Weihnachtsgeld. In Betrieben, die sich nicht an Tarifverträge hielten, kann laut Böckler-Stiftung nur rund jeder zweite Arbeitnehmer mit der Sonderzahlung rechnen.

Mit Sorge betrachtet die NGG, dass immer mehr Unternehmen einen Bogen um Tarif-Standards machten. Laut Böckler-Stiftung galt zuletzt nur noch für 51 Prozent aller Beschäftigten in Schleswig-Holstein und Hamburg ein Tarifvertrag. Im Jahr 2003 waren es noch 70 Prozent. Die Politik dürfe der Tarifflucht nicht länger tatenlos zusehen, fordert Gewerkschafter Thom. So könnten Tarifverträge über sogenannte Allgemeinverbindlichkeitserklärungen für ganze Wirtschaftszweige verpflichtend gemacht werden. „Dies würde gerade Beschäftigten in kleinen Betrieben wie Gaststätten, Pensionen und Bäckereien zugutekommen“, so Thom.

Auch der Einfluss von Betriebsräten sei entscheidend für die Arbeitsbedingungen im Unternehmen: In Branchen wie der Ernährungsindustrie oder dem Bäckerhandwerk kümmerten sich die Arbeitnehmervertreter etwa um den Schutz vor Corona-Infektionen im Job – und sorgten dafür, dass Auftragsspitzen oder -rückgänge nicht zulasten der Beschäftigten gingen. Nach Angaben der Arbeitsagentur beschäftigt das Lebensmittel- und Gastgewerbe im Kreis Schleswig-Flensburg aktuell rund 6.100 Menschen.