„Nichts als Asche“ – Teil 1

„Nichts als Asche“ – Teil 1

3. Januar 2022 0 Von Jens Nielsen

Ein historischer Fortsetzungsroman aus der Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig. Prolog und Kapitel 1.

Braunes Buch. Bild: Jens Nielsen

Jens Nielsen veröffentlicht seinen Fortsetzungsroman „Nichts als Asche“ in loser Abfolge auf Schleswig LEBT!

Das neue Jahr beginnt für mich gleich mit einem Highlight. Jens Nielsen fragte mich im Dezember, ob ich mir vorstellen könnte, dass er in loser Abfolge seinen Roman „Nichts als Asche“ in unserem Stadtmagazin veröffentlichen könnte. Für mich war das keine Frage und war von seiner Idee sofort mehr als begeistert und sagte umgehen zu und so freue ich mich unfassbar den Schleswig LEBT! -Lesern heute den ersten Teil des historischen Romans, der zur Zeit der Hexenverfolgung in Schleswig spielt. Ich möchte den interessierten Leser aber nun auch nicht weiter auf die Folter spannen und hier folgt nun der erste Teil. Viel Spaß dabei!

Andreas Franke (Schleswig LEBT! – Initiator)


Prolog

Das erste was einem in dieser kleinen Kräuterküche auffallen konnte, war die absolute Stille, die in ihr herrschte und die fast vergessen machen konnte, dass der Raum erfüllt war vom Duft frisch geschnittener Kräuter, die überall im Raum zum Trocknen aufgehängt waren. Außer einem alten Tisch und einem großen Kupferkessel über einer alten und rußigen Feuerstelle war die Küche fast gänzlich leer und es war kaum noch zu erkennen, dass vor kurzem ein geschäftiges Treiben in ihr geherrscht und das niedrig gehaltene Herdfeuer eine wohlige Wärme verbreitet hatte. Aus einer knorrigen und knirschenden Holztür, die den einzigen Zugang zu diesem Raum darstellte, trat eine alte Frau, der man schon allein auf Grund ihrer Hände und ihrer gebeugten Gestalt ansah, dass sie im Leben viel und schwer gearbeitet hatte. Mit einer feierlichen Ruhe und Langsamkeit schloss die Frau die Tür hinter sich und blickte aus ihren grauen Augen still in der Küche umher, als wolle sie jeden Winkel, jedes Detail noch einmal erfassen, bevor sich irgendetwas unausweichlich und für immer in diesem Raum veränderte. Schließlich nickte sie still vor sich hin und warf einen Blick aus der Fensteröffnung, die zur Straße hinausging. „Schon bald Mittag!“, flüsterte die alte Frau vor sich hin, „bald werden sie kommen.“ Unmittelbar darauf griff sie in ihre Tasche, zog heimlich ein kleines, aber wohlriechendes Lederbeutelchen hervor und küsste es mit zittrigen Fingern. Dann verließ sie den Raum genauso, wie sie ihn vorgefunden hatte. Und wieder war es ganz still.

Durch die Fensteröffnung strahlte die wandernde Mittagssonne, so dass der frisch gescheuerte Kupferkessel, als ihre Strahlen ihn erreichte, auf seltsame Art in einem glühendroten Licht matt zu leuchten begann. Schließlich hörte man von oben herab aus dem Haus leichte tapsende Schritte und man konnte alsbald darauf einen etwa zehnjährigen barfüßigen Jungen erkennen, welcher jetzt vorsichtig in dem gleichen Raum erschien, den die alte Frau soeben verlassen hatte. Auch wenn der Junge frisch und festlich gekleidet war, konnte man seinen ebenen aber sehr blassen Gesichtszügen und seinen Augenringen durchaus ansehen, dass er große Trauer zu bewältigen hatte. Sein gänzlich schwarz gehaltenes Gewand und seine dunklen Haare standen in einem unübersehbaren Kontrast zu seiner weißen Haut, die etwas Kränkliches hatte. Wie abwesend strich der Junge über den Kupferkessel und sog mit tiefen Atemzügen den Duft des Raumes ein. Dann legte er seinen Arm fast stützend auf den alten Tisch und seinen Kopf auf dem Arm, während seine Augen gedankenverloren aus dem Fenster blickten. Dies war der Arbeitsbereich seiner Mutter gewesen, welchen er sonst in ihrer Abwesenheit nie zu betreten gepflegt hatte. Nur einmal war er heimlich und ohne ihr Wissen eingetreten, um die vielen Behältnisse mit den Kräutern in Ruhe zu betrachten, die sauber angeordnet in dem Raum auf dem Regal gestanden hatten, um die vielen unterschiedlichen und so anregenden Düfte in sich aufzunehmen. Irgendwie hatte er sich aber unwohl gefühlt, allein in dem Raum und ihn danach nur noch im Beisein seiner Mutter betreten. Oft durfte der Junge mit ihr am Tisch sitzen, wenn sie hier gearbeitet hatte und genauso oft hatte dabei ehrfurchtsgebietend das alte Buch mit den vielen Flecken und Rissen vor ihm auf dem Tisch gelegen, welches jetzt verschwunden war. Der Tisch war dann immer übersät gewesen von vielen unterschiedlichen duftenden Pflanzen, von Pilzen und von getrockneten Kräutern, deren Namen er sich nie hatte merken können, auch wenn die Mutter versucht hatte, ihm die Namen, die Bedeutung und die Wirkung der Pflanzen immer wieder geduldig zu erklären. Es hatte ihn nie wirklich interessiert und die Bedeutungen der Pflanzen und ihre Wirkungsweise wollten in seinem Kopf einfach nicht hängen bleiben, jetzt aber hätte er gerne jedenfalls ein paar der fremd klingenden Namen in seinem Gedächtnis behalten. Nur so, um sie leise vor sich hinsagen zu können. Doch sein Kopf schien jetzt völlig leer zu sein.

Eine Weile stand der Junge so am Tisch, als würde er in ihn und in das ganze Haus hineinhorchen wollen. Dann richtete er sich plötzlich auf und blickte über sich an die Decke. Eilends zog er ein Kräuterbündel von dem Band über ihm ab, welches quer durch die ganze Küche gespannt war, und wollte mit seiner Beute den Raum hastig verlassen – aber irgendwie war es, als könne er sich aus der Küche, die er vorher eher scheu und heimlich betreten hatte, nun nicht mehr lösen. Nachdem er schon einige schnelle Schritte Richtung Tür gemacht hatte, drehte er wieder um und ging mit seinem Kräuterbündel langsam zum Tisch zurück. „Hier steckst Du also“, sagte eine Stimme plötzlich, während die alte Frau auf den Jungen zuging und ihm wie liebkosend die Hand auf den Kopf legte. Sie war unbemerkt hinter ihm in die Kräuterküche getreten, ohne dass er sie in seine Gedanken versunken bemerken konnte. Der Junge wandte müde den Kopf und blickte zu der alten Frau hoch. „Ach Großmutter“, sagte er, „wenn doch nur alles so wie vorher sein könnte.“ „Daran darfst Du nicht denken Johann“, sagte die Alte, die ihre Lippen plötzlich fest zusammenkniff, so dass sie fast weiß wurden. „Es wäre gut, wenn Du vergessen könntest, was war. Du könntest uns sonst in große Schwierigkeiten bringen.“ Der Junge entgegnete nichts und starrte angestrengt auf den Boden. „Komm“, sagte die Großmutter und nickte mehrmals, als wollten die Worte nicht so recht aus ihr herauskommen, „gleich werden sie da sein. Dein Vater und seine neue Frau – Deine neue Mutter.“ Mit diesen Worten schloss sie das Kind in ihre Arme und verschloss die Worte, die sie eigentlich hatte sagen wollen, tief in ihrem Herzen. Sie durfte den Jungen nicht in Gefahr bringen. Das hatte sie ihrer Schwiegertochter versprechen müssen, bevor diese von den Schergen des Stadtvogtes geholt worden war. „Weine nicht Johann“, sagte die alte Frau nur und versuchte sich mühsam zu beherrschen. Deine neue Mutter soll eine Frau aus einem guten Haus sein. Und sie ist sehr schön. Wie siehst Du nur aus. Sie werden gleich da sein.“

In diesem Augenblick hörte man das Rattern eines Wagens die Straße heraufkommen und der Junge zuckte unmerklich in den Armen seiner Großmutter zusammen. Er wollte seine neue Mutter nicht sehen. Sie könnte gleich wieder gehen, wenn es nach ihm gegangen wäre. Sein Vater hatte, seitdem seine Mutter abgeholt worden war, noch nie eine Frau mit uns Haus gebracht, wobei es doch stadtbekannt war, dass er ein Schürzenjäger und Frauenheld war – auch schon in der Zeit als die Mutter noch im Hause und am Leben war. Nur hatte der Vater vorher keine von denen heiraten wollen. „Johann“, rief es plötzlich aus der Diele. Der Vater hatte das Haus betreten und mit ihm seine frisch angetraute neue Ehefrau. Hans Toffelmaker war ein großer und stattliche Mann ohne Haare, aber dafür mit einer enormen Leibesfülle. Johann lief seinem Vater entgegen, der zwar die Arme ausgebreitet hatte, nicht aber um seinen Sohn zu begrüßen, geschweige denn zu umarmen. Toffelmaker hielt nichts von Zärtlichkeiten Kindern gegenüber und befürchtete seinen Sohn damit zu verweichlichen. So deuteten seine weit ausgestreckten Arme offenbar eher an, dass er seinen Sohn mit großer Geste ankündigen wollte, als er zu seiner Frau sagte: „Hier bringe ich Dir Johann, meinen Sohn. “ Dann verließ Hans Toffelmaker wie zufällig die beiden und wandte sich seiner Mutter zu, vordergründig um sie zu begrüßen, da diese eher zurückhaltend am Eingang der Kräuterküche stehengeblieben war, eher wohl aber, damit Johann und seine neue Mutter sich kennenlernen konnten. Johann richtete sich schweigend auf, um ein wenig größer zu wirken als er war, und stand nun ein wenig unbeholfen vor der jungen schönen Frau. „Du weißt ja, dass ich jetzt Deine Mutter bin Johann…“, finge diese das Gespräch an und versuchte den Jungen an beide Hände zu nehmen. Dieser entzog sich ihr jedoch sofort und entgegnete hitzig: „Du bist nicht meine Mutter. Ich habe keine Mutter mehr. Meine Mutter ist tot.“ Die fremde Frau, die unwillkürlich erschrocken und leicht befremdet einen Schritt zurück gewichen war, hielt Johann jetzt ganz fest an den Händen, beugte sich dann herunter und flüsterte ihm leise ins Ohr: „Ich weiß Johann, ich weiß, dass Deine Mutter tot ist. Und das ist auch gut so, für uns alle. Sie war ja eine Hexe…“ Johann starrte die ihm völlig fremde Frau an und begann sie schon jetzt abgrundtief zu hassen.

Kapitel I.

Eine ungewöhnliche Anfrage

Eigentlich hatte sie es schon immer gehasst. Caterina ließ das kleine Messer fallen und verließ leise fluchend kurz ihre kleine Kräuterküche, in der sie begonnen hatte Zwiebeln und auch Knoblauch in feine Stücke zu schneiden. Sie rieb sich mit dem linken Handrücken in ihrem linken Auge, während sie die andere Hand an ihrer Schürze abwischte. Es war kaum zu verhindern gewesen, dass die unsichtbaren Verdunstungen der doch ansonsten so nützlichen Zwiebel ihr auch dieses Mal wieder ins Auge gesprungen waren. Merkwürdig nur, dass immer nur ihr linkes Auge von dem unerträglichen Brennen der reizenden Pflanzensubstanz betroffen schien, während das rechte Auge lediglich leicht zu zucken begann, so wie jetzt auch. In ihrer Kräuterküche Knoblauch und vor allem auch Zwiebeln in größeren Mengen bereit zu halten war trotz aller Ungemach nicht ganz unwichtig, ergab diese pflanzliche Kombination zusammen mit Wein und Ochsengalle vermischt doch nach neun Tagen Mazerieren in Caterinas penibel ausgescheuertem Kupferkessel nach dem Abseihen der Flüssigkeit ein vortreffliches starkes Augenwasser. Dieses Wasser als Spülung half so hervorragend gegen manche Entzündung im Auge, die in dieser Jahreszeit mit ihren kalten Winden so häufig in Schleswig anzutreffen war. Nur allein der beim Schneiden weniger brennende Knoblauch reichte für das Augenwasser nicht, es mussten immer auch geschnittene Zwiebeln dazu. Außerdem verhalfen Caterina die Zwiebeln, zusammen mit dem Hundeschmalz, zu einer vortrefflichen Salbe, die sie des Abends nach langem Stehen und Gehen auf ihre geschwollenen Füße streichen konnte.

Caterina rieb sich immer noch leise fluchend an ihrem Auge herum, als sie hinter sich die Tür gehen hörte. Das leichte Knirschen der schmiedeeisernen Türangeln war ihr über die Jahre mehr als vertraut, so dass sie es kaum noch bewusst wahrnahm. Eine jüngere Frau erschien in der Tür und sah ihre Herrin mitfühlend an. Ursprünglich war sie als Magd vor Jahren in Caterinas und ihres Mannes Hans Toffelmakers Hause angestellt worden, aber im Laufe der Zeit war sie ihrer Herrin immer mehr eine Vertraute, wenn nicht gar eine sehr gute Freundin geworden, deren Unterstützung Caterina auch zunehmend immer dringlicher benötigte. Abelke Stenbruggers stammte, soweit sie selbst zurückdenken konnte, schon immer aus Schleswig. Schon ihre Eltern hatten lange in einer Bude im unteren Teil der „Torffstrate“ gewohnt, als Abelke in den Haushalt des Toffelmakers aufgenommen wurde.

Caterina und Abelke setzten sich zusammen wieder an den großen derben Tisch in der Kräuterküche mit seiner leicht fettig wirkenden und völlig mit Scharten und Kerben übersäten Oberfläche und Caterina blinzelte ihre Freundin aus ihrem rot geriebenen Auge schelmisch an, wobei das Blinzeln nur halb dem Saft der Zwiebeln und halb der hellen Sonne geschuldet war, die jetzt durch die obere Hälfte der Eingangstür herein flutete. Erstmals seit vielen dunklen Monaten erreichte das hereinscheinende Sonnenlicht auch wieder die andere Seite der Zimmerwand und beleuchtete die Tatsache, dass Hans Toffelmaker und seine Frau Caterina in Schleswig nicht ganz unvermögend sein konnten. Es gab hier nicht nur aufwendig gestaltete und farblich gefasste Möbelstücke, vor allem die sauber gefügten und mit Fugenleisten überdeckte Holzbohlen auf dem Boden zeugten von einem gewissen Wohlstand, Sie ließen, anders als in den Buden und Verschlägen der ärmeren Leute, die aus dem Boden kriechende Kälte, den Staub und auch die Spinnweben nur erschwert hindurch. Gerade Abelke kannte aus der ärmlichen Behausung ihrer Eltern in der Schleswiger „Torffstrate“ ganz andere Böden und wusste die wohlgescheuerten Bohlen im Hause Toffelmaker/Eggerdes wohl zu schätzen.

„Caterina“, sagte Abelke nachdenklich, während sie mit geübten Griffen die übrig gebliebenen Zwiebeln und den Knoblauch mit dem scharfen Messer gekonnt in winzige Würfel schnitt. „Jo, mien Deern“, antwortete Caterina, froh das Messer ein weiteres Mal absetzen zu können, um sich ebenso ein weiteres Mal am Augenlied zu reiben. Sie atmete merklich auf bei der Feststellung, dass der Berg an noch zu bearbeitenden Zwiebeln und dem Knoblauch schon sehr viel kleiner geworden war. „Caterina“, wiederholte Abelke jetzt mit mehr Nachdruck. „Nun spuck schon aus, was Du auf dem Herzen hast“, sagte Caterina. Sie kannte ihre Freundin und Gehilfin sehr genau. „Worüber denkst Du nach?“. Man musste bei Abelke zu jeder Tageszeit auf irgendwelche Merkwürdigkeiten gefasst sein. Sie dachte sich oft und gern fantasievolle Geschichten aus und überforderte ihr Gesprächsgegenüber manchmal auch mit überbordendem Einfallsreichtum. Oft sprach sie sehr schnell und sehr viel, so dass man ihren Redefluss irgendwann immer mal wieder stoppen musste. Heute aber wollten die Worte nicht so recht aus ihr heraus. (Eigentlich sprachen beide Frauen das typische Niederdeutsch, so wie es hier zu Lande im Schwange war. Zum besseren Verständnis wird das Gesprochene aber im Folgenden übersetzt). Gerade hob Abelke ein drittes Mal zu sprechen an, da hörte man die Haustür leicht ächzen und das so typische Geklapper von Holzpantoffeln auf dem Eingangsstein war zu vernehmen.

„Kundschaft“, murmelte Caterina und legte nicht unwillig das scharfe Messer und den Knoblauch beiseite, für den sie sich gerade statt der Zwiebel zum Wohle ihres Auges entschieden hatte. Es kam in dieser Jahreszeit verhältnismäßig oft vor, dass sie an ein Krankenlager gerufen, oder ihre Dienste anderweitig, auch außerhalb der Stadt, benötigt wurden. „Frau Eggerdes“, rief eine leicht unterdrückte und rauchige männliche Stimme aus dem Eingangsbereich des Hauses. „Komm nur näher“, forderte ihn Caterina auf und kam dem Mann freundlich, aber immer noch mit rotem Auge, auf der Diele entgegen. „Mein Meister …“, druckste der ältere Mann herum, der nun auf dem Kopfsteinpflaster der Diele stehengeblieben war, drehte verlegen seinen abgetragenen Hut in den Händen und wusste nicht so recht was er sagen sollte. Als ihm die Hausherrin Caterina Eggerdes in ihrer hochgewachsenen ehrfurchtgebietenden Gestalt entgegentrat, wurde er sogar ein wenig blass, soweit man dies gegen das helle Sonnenlicht überhaupt erkennen konnte. Der Mann wich zurück und drückte nervös seine am Hinterteil abgeschabte Hose gegen die große schöne Truhe, die in der Diele nahe dem Eingang stand und räusperte sich mehrmals. „Hvad er der på færde Hinrick?“ fragte Caterina Eggerdes und fühlte, wie sie langsam ungeduldig wurde, hatte sie doch gerade erst mit genauso wenig Erfolg versucht, ihre Freundin zum Sprechen zu bewegen. Immer wenn sie ungehalten oder aufgeregt war, wechselte Caterina, so wie auch jetzt, vom Niederdeutschen ins Dänische und wer sie kannte, wusste das als Alarmzeichen wohl zu deuten. Der Mann schwieg indessen weiter beharrlich und blieb auch weiter verlegen und mit gesenktem Kopf an der großen und mit eindrucksvollen Schnitzereien verzierten Truhe stehen, die seit der Hochzeit von Hans Toffelmaker und Caterina Eggerdes vor ein paar Jahren unverrückt in der Diele stand. Nur die Augen des Mannes gingen weiterhin verstohlen zwischen der Hausherrin und ihrer Magd, die, als sie die dänischen Worte hörte, neugierig und auch alarmiert hinzugetreten war, hin und her. Caterina und Abelke kannten den Mann, der da so linkisch vor ihnen stand, beide schon eine Weile. Hinrick Lange, so hieß er und war Geselle bei Hans Bunthmaker am „Sweinsmarkt“ und ansonsten nicht auf den Mund gefallen, besonders wenn er mit den anderen Gesellen und Knechten auf dem Rathausmarkt zusammenstand. Schließlich gab sich der Mann doch einen Ruck, holte tief Luft und entgegnete: „Ihr sollt sofort kommen sagt die Herrin, dem Meister geht es sehr schlecht.“ Dann drehte er sich um und rannte mit seinen laut klappernden Holzschuhen aus dem Haus, ohne sich um die beiden Frauen weiter zu kümmern.

Caterina und Abelke blickten dem Gesellen verwundert hinterher, wie er eilig mit seinen schweren Holzpantoffeln um die nächste Hausecke verschwand, nicht bevor er dreimal vernehmlich auf das Pflaster vor dem Haus gespuckt hatte und man ihn leise „Toi, toi, toi“ hatte murmeln hören. Caterina war verärgert über so viel Missachtung ihrer Person, immerhin durfte sie als Frau eines ehrbaren Schleswiger Bürgers und als Schwester des Stadtvogtes ein wenig mehr standesgemäße Behandlung schon erwarten. Sie war es gewohnt, dass man sie, wenn sie um Hilfe gebeten wurde und kommen musste, auch zu der kranken Person geleitete und dass man ihr Schutz auf den Straßen gewährte und in dunklen Zeiten sogar voran leuchtete. Von diesem Entgegenkommen war jetzt wahrlich nichts zu bemerken. Trotzdem sie ungehalten war, machte sich Caterina schnell, aber umsichtig an ihre Vorbereitungen und suchte gezielt einige Kräuter zusammen, wickelte sie in ihr leicht speckig anmutendes Rollmäppchen und schob sie zu den anderen Utensilien in ihre große Tasche, die immer bereitstand. Ihr wichtigstes Handwerkszeug aber – ihre Hände – hatte sie naturgemäß natürlich immer dabei und im wahrsten Sinne des Wortes „griffbereit“. Auch Abelke war als ihre Gehilfin zügig fertig und stand mit ihrem hastig übergeworfenen Umhang und einem selbstgewebten Überwurf bereits vor der Tür, als Caterina sich zum Gehen anschickte. Caterina zog die beiden Türhälften hinter sich zu und beide Frauen machten sich eilig auf den Weg. Schnell überquerten sie die „Lange Strate“ und folgten eilends ihrem steinigen und staubigen Straßenverlauf. Die alten Schleswiger Straßen und Gassen waren fast menschenleer um diese Zeit und so kamen sie zügig voran. Der Geselle Hinrick Lange war bereits ganz aus ihrem Blickfeld entschwunden und auch das Klappern seines hölzernen Schuhwerks war bald nicht mehr zu vernehmen.

Obwohl die Sonne noch immer schien, war es dieser Tage doch noch immer ziemlich kalt und windig in den Straßen der Stadt. Zu lange hatten die noch immer dunkel wirkenden Häuser auf den Schein der Sonne verzichten müssen, so dass es an einigen Hausfronten bei Berührung immer noch so wirkte, als ob diese die Kälte in ihrem Gebälk und in den Backstein- und Lehmwänden festhalten wollten. Es wurde Zeit, dass endlich der Frühling kam. Auch die wenigen Menschen auf den Straßen zogen sich mit hocherhobenen Schultern und eingezogenem Nacken in ihre Umhänge zurück und blickten fest auf den Boden vor sich hin. Caterina blinzelte kurz in die Sonne, wobei ihr rotgeriebenes Auge sich als besonders empfindlich herausstellte und wickelte sich jetzt ebenfalls fest in ihren Umhang. Zusätzlich verschränkte sie ihre Arme dicht vor dem Körper, um dem Wind, der unbarmherzig zwischen den Häusern wehte, möglichst wenig Durchschlupfmöglichkeiten in ihre Unterkleidung zu gewähren, auch wenn ihr die Tasche dabei ein wenig hinderlich wurde. Abelke schien es da leichter zu haben, da sie sich, zusätzlich zum Umhang, noch mit ihrem gewebten Überwurf bedecken konnte, der offenbar weniger Wind durchlies. Außerdem trug sie unter ihren Schuhen aus reinem Rindsleder, die sie von ihrer Herrin geschenkt bekommen hatte, noch die untergeschnallten „Trippen“ aus Holz, die es ihr nun ermöglichten, nicht in die überall auf den Straßen vorherrschenden Unrathaufen und Pfützen treten zu müssen. Caterina hatte ihre „Trippen“ vergessen, zu sehr war sie noch in Gedanken über das schlechte Benehmen des Gesellen gewesen. Das bedauerte sie jetzt zutiefst, als sie die feuchte Kälte von unten heraufkriechen fühlte. In tiefes Schweigen gehüllt, was bei Abelke, wenn man sie besser kannte, in anderen Situationen schon auffällig gewesen wäre, marschierten die beiden Frauen in Richtung des Hauses des Meisters Bunthmaker am „Sweinsmarkt“. Sein auf dem schön ausgesägten Wappenschild aufgemaltes Zunftzeichen mit den zwei aufrechten Löwen, einen gekrönten Wappenpelzmantel zwischen sich haltend, war schon von weitem gut zu erkennen. Meister Bunthmaker war weit über Schleswigs Grenzen hinaus bekannt, für seine sauber verarbeiteten Felle, die oft aus feinstem Eichhörnchenpelz und anderen Wald- und Wiesentieren bestanden.

Plötzlich blieb Caterina wie angewurzelt stehen und hielt auch ihre Magd und Freundin Abelke am Überwurf ruckartig zurück. Sie hatte auf dem prächtigen Zunftzeichen des Bunthmakers zwei Raben entdeckt, die sich ihr Gefieder putzend dort niedergelassen hatten, so dass das hölzerne Schild sich leicht bewegte. „Als ob wir nicht schon genug Ungemach an diesem Tag haben würden“, schnaubte sie und spuckte drei Mal kräftig vor sich auf den Boden, so wie sie es kurz zuvor bei Bunthmakers Gesellen Hinrick Lange schon gesehen hatte. „Diese Raben bedeuten Unglück“, seufzte Caterina und zog Abelke zur Hinterpforte des zweistöckigen Handwerkerhauses, obwohl sie ursprünglich vorgesehen hatte, an der großen schweren Tür zu klopfen, die in die geräumige Diele des Hauses führte. Verstohlen verfolgte Caterina aus den Augenwinkeln weiter die Raben, die sich ungestört auf dem Zunftschild gegenseitig mit ihren Schnäbeln putzten. „Dem Himmel sei Dank“, atmete Caterina erleichtert auf, als die leicht quietschende Hintertür des Hauses hinter beiden ins Schloss fiel, so als wären sie gerade einer großen Gefahr entronnen, die sich über ihnen zusammengebraut hatte. Abelke hatten den beiden Vögeln keine große Bedeutung beigemessen und blickte auch jetzt ihre Freundin und Herrin leicht überrascht an, sagte aber immer noch nichts. Caterina aber tastete sich durch den halbdunklen Eingang und ihr ungutes Gefühl verstärkte sich, als ihr niemand zur Begrüßung entgegenkam. Selbst Hinrick Lange war jetzt nirgend mehr zu sehen, obwohl er doch das Haus lange vor ihnen betreten haben musste und um ihre Ankunft wusste. Irgendetwas an diesem Tag war so ganz anders, als er hätte sein müssen, das spürte Caterina jetzt ganz deutlich.

Fortsetzung folgt…


Teil 2