„Nichts als Asche“ – Teil 2

„Nichts als Asche“ – Teil 2

8. Januar 2022 Aus Von Jens Nielsen

Ein historischer Fortsetzungsroman aus der Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig. Kapitel 2.

Bild: Jens Nielsen

Kapitel II

Eine selbsterfüllende Prophezeiung

Caterina und Abelke gelangten auf der Hinterseite des Gebäudes sofort in den Wirtschaftsteil des Bunthmakerschen Hauses, der sie heute, obwohl er sich nicht in unmittelbarer Nähe zur Werkstatt befand, mit einer Geruchsnote empfing, die wohl am ehesten mit einem Gemisch aus muffigem Pelz, Rauch und frischem Brot zu beschreiben war. Hans Bunthmaker war auch in der Vergangenheit immer mal wieder krank gewesen. Einmal soll es so schlimm gewesen sein, dass er seine Abgaben nicht mehr zahlen konnte, und seine Steuern gepfändet werden mussten, aber irgendwie hatte er sich bisher immer wieder berappelt und seinen Kopf aus der Schlinge gezogen – ohne Caterinas Hilfe in Anspruch zu nehmen. Jetzt aber musste er bedrohlich krank geworden sein. Seiner Haushaltsführung und dem Zustand des Gebäudes jedenfalls war es nicht anzusehen, dass die Menschen, die in ihm lebten, unter Geldknappheit litten. Doch auch hier auf der schlichteren Hinterseite des Hauses hielt sich offenbar jetzt keine Menschenseele auf. „Hallo!“, rief Caterina laut in den hinteren dunklen Teil des Gebäudes, welcher ja eigentlich von der Straße aus der repräsentative vordere Teil war. Doch auch jetzt kam keinerlei Antwort.

Langsam spürte Caterina, wie der Ärger in ihr hochkroch. Sie hatte weiß Gott besseres zu tun, als in ein Haus einzutreten, nachdem sie zur Hilfe gerufen wurde, um dann darin niemanden vorzufinden. Hinrick sollte ihr nur in die Finger kommen, dann würde sie ihm aber unmissverständlich ihre Meinung kund tun. Als Schwester des Stadtvogtes stand ihr wahrlich eine andere Behandlung zu. Zudem war es, auf Grund der ungünstigen Lichtverhältnisse und der bis an die Decke vollgepackten Regale, ausgesprochen dunkel hier im unbelebten Teil des Hauses und sie fror noch immer an den Füßen. Und auch Abelke scharte jetzt vernehmlich mit ihren Holztrippen auf dem gestampften Lehmboden, da auch sie nun langsam ungeduldig wurde. Ernst schaute sie sich im Wirtschaftsteil des Hauses um, insofern man hier überhaupt etwas erkennen konnte und kaute dabei nervös auf dem Rand ihres Überwurfes herum. „Komm“, sagte sie schließlich zu ihrer Herrin und Freundin, indem sie die Initiative in die Hand nahm, „lass uns nachsehen gehen.“ Sie nahm einen der sauber aufgeschichteten Kienspäne vom Regal neben sich und tastete sich damit bis zur Küche im nächsten Raum vor, in der erfahrungsgemäß immer ein Herdfeuer vor sich hin glomm, bereit jederzeit neu entzündet zu werden. Hier entzündete Abelke gekonnt den Kienspan und gemeinsam suchten sich die Frauen den Weg in den vorderen Teil des Hauses, wo sich neben dem Verkaufsraum für feingewirkte Pelze und Felle auch die Schlafkammer der Bunthmakers befand. Auch hier schien alles ruhig und verlassen. Als Abelke schließlich vorsichtig die Tür zur Schlafkammer aufdrücken wollte, hielt Caterina sie zurück. „So etwas schickt sich nicht“, sagte sie. Doch dann blieben beide wie angewurzelt stehen, als die offensichtlich nur angelehnte Tür von allein knarzend vor ihnen aufschwang. Der ohnehin nicht sehr große Raum dahinter war fast voller Menschen, die sich zum Teil flüsternd unterhielten, so dass das Alkovenbett[1], welches an der Südseite der Kammer in die Wand eingearbeitet worden war, in der Menge kaum noch zu erkennen war. Caterina und Abelke unterdrückten ihre Verwunderung und Caterina, bei der nun sofort ihre professionelle Seite als erfahrene Heilerin ihr weiteres Verhalten vorgab, sprach laut in den Raum hinein, ohne jemand bestimmtes zu meinen, da sie weder die Hausherrin noch den Meister noch den Gesellen Hinrich Lange im Gedränge ausmachen konnte, der sie geholt hatte: „Ihr habt nach mir rufen lassen? Weshalb?“ Immer noch sprach niemand mit den beiden Frauen und ihnen wurde nur widerwillig Platz gemacht, als die beiden jetzt begannen, sich einen Weg durch das Gedränge Richtung Bett freizuschieben, in dem sie den Patienten vermuteten. An den missbilligenden Blicken der Männer, die ihnen im Weg standen, konnten sie unschwer erkennen, dass sie hier nicht willkommen waren. Plötzlich teilte sich die Menge und auf der anderen Seite der nun frei werdenden Gasse erschien ein kleiner untersetzter Mann vor dem Bett, der mit einer aufwendig gearbeiteten blauen Kappe, einem langen und ausladendem Mantel und einem großen aus dem Mantel herausragenden Halskragen angetan war. Er trug einen vollen grauen und übermäßig langen, an den Enden leicht eingedrehten Bart, an dem ihn die beiden Frauen auch vom weiten sofort erkannten. Es war Christoffer Schmidt, seines Zeichens Arzt aus dem nahegelegenen Eckernförde. Wieder hätte Caterina gerne im hohen Bogen ausgespuckt, aber an dieser Stelle und vor den vielen Leuten verbat es sich von allein. So etwas gehörte sich in diesem ehrbaren Haus einfach nicht und würde sie und Abelke nur in Misskredit bringen. Die Feindseligkeit im Raum war ohnehin weiterhin zu spüren. So begnügte sich Caterina damit, sich dreimal unauffällig am linken Ohrläppchen zu ziehen, um das vermeintlich Böse, welches diesen Raum offensichtlich umgab, abzuwehren.

Christoffer Schmidt war für die Frauen kein Unbekannter, hatte es doch des Öfteren schon so manchen unterschwelligen Zwist zwischen ihm und seiner Meinung als Arzt und Caterina gegeben, die das Auftreten des Mediziners oft als blasiert und in seinen Heilmethoden als ungenügend und wenig kenntnisreich empfunden hatte. Das hatte sie ihm aber wohlweislich nie so deutlich gesagt, da er als Mann und gut beleumundeter Arzt seine Vorteile daraus zu ziehen gewusst hätte. Im Zimmer konnte man trotz der Ausdünstungen der vielen Anwesenden unverkennbar den süßlichen Geruch von Blut wahrnehmen, der sich deutlich über die Menge erhob, je näher man der Bettstatt kam. Der kranke Hans Bunthmaker lag auf mehreren Kissen gebettet regungslos in seinem Schrankbett. Jetzt wo sie sich einen Weg durch die Menge weiter in den Raum Richtung Bett gedrängt hatten, konnten Caterina, und auch Abelke hinter ihr, ihn deutlich sehen. Bunthmakers Augen waren fest geschlossen und sein Gesicht war ungewöhnlich bleich. Fast hätte man erstaunt sein können, wie klein und mickrig der Mann jetzt war, wenn man ihn an guten Tagen einmal über den Sweinsmarkt hatte stolzieren sehen. Oft hatte er dabei einen auffällig großen Hut und ebensolch große Trippen unter seinen teuren Schweinslederschuhen getragen, wenn er das Haus verließ, so dass seine wahre Größe wohl nur wenigen bekannt war. Auch seinen eigentlichen Namen, der ursprünglich Hans Iwersen lautete und auch so in die Steuerlisten der Stadt eingetragen war, kannten nur wenige. Bunthmaker hatte, wie schon sein Vater in Schleswig vor ihm, Pelze von einheimischen Kleintieren verarbeitet und damit Handel getrieben und es so zu einigem Ansehen gebracht. Jetzt aber wirkte er zerbrechlich, eingefallen, leicht krumm und unscheinbar auf seinem Lager. Der Kranke zitterte, obwohl bereits mehrere Decken über ihn gebreitet worden waren. Als Caterina ihre Hand an seine Stirn hielt, obwohl der Eckernförder Arzt ihr nur unwillig Platz am Bett gemacht und sie missbilligend von der Seite betrachtet hatte, erschrak sie kurz von der schweißigen Kälte, die von dem Gesicht des Patienten ausging. Als sie schließlich prüfend seine knotigen und leicht krummen Hände ergriff, war ihr bereits klar geworden, was die offensichtliche Schwäche des Kranken hervorgerufen hatte. Sie musste dazu nicht mal die halbvoll mit dunklem Blut gefüllte Schüssel betrachten, die am Fußende der Bettstatt achtlos auf einen kleinen Schemel gestellt worden war. In diesem Moment aber schob der Arzt sie und Abelke wortlos und herrisch zur Seite, um seinen alten Platz zurückzuerobern und um sich am Arm Bunthmakers zu schaffen zu machen. Offenbar wollte er seine begonnene Behandlung nunmehr weiter fortsetzen. Bevor Caterina noch protestieren konnte, hatte Schmidt sehr routiniert den Arm mit seiner Aderpresse abgeschnürt, genau so gekonnt die Lanzette am Arm angesetzt, um den Patienten wohl jetzt ein zweites Mal ausgiebig zur Ader zu lassen. „Ich muss ihm noch einmal Blut aus seinem Körper ableiten, um auch wirklich sicher zu gehen, dass sich die Lähmung der Glieder zurückentwickelt und die schlechten Säfte entschwinden“, sagte er laut vernehmlich und leicht überheblich in den Raum hinein, über die Köpfe der beiden Frauen hinweg, als würde es hier um eine Vorführung gehen, die der hochgelehrte Mann vor seinem lernenden Publikum vollführte. Fast hätte man das Geschehen insgesamt für eine medizinische Vorlesung halten können, nur reagierte keiner der Anwesenden auf die dozierenden Worte mit einem Gesichtsausdruck des Verstehens. Auch Caterina bemerkte beim genaueren Hinsehen jetzt Menschen im Raum, die sie aus Schleswig gut kannte, die mit Heilkunst garantiert nichts am Hut hatten und die ihr sonst zum größten Teil auch freundlicher gesonnen waren.

Caterina blickte, nach ihrer blitzschnellen Einschätzung der Lage im Raum, den Arzt jetzt mit weit offenem Mund an. Ihr fehlten inzwischen die Worte für so eine offenkundige Inkompetenz, war der Kranke doch offensichtlich bereits jetzt so entkräftet, dass jeder weitere Blutverlust zu den schlimmsten Befürchtungen Anlass geben musste. Und auch Abelke drückte vor Wut ihre Fingerspitzen so kräftig in ihre Handballen, dass die Haut ganz weiß an den Eindruckstellen wurde. Zusätzlich schüttelte sie unmerklich den Kopf. Beide, Caterina und Abelke, hatten schon selbst oft Patienten zur Ader gelassen und waren von der Methode des Blutablassens grundsätzlich sehr überzeugt – nur nicht, wenn dadurch die Heilung verzögert oder in diesem Fall gar verhindert wurde. Schmidt säuberte nach erfolgter Behandlung seine wohl von altem Blut verkrustete Lanzette oberflächlich mit einem gelb-rot gefleckten Lappen, der wohl dereinst einmal weiß gewesen war, und verstaute alles in seiner mitgebrachten Tasche. Abschließend ließ er, nachdem er die Blutung gestoppt und die kleine Wunde abgedeckt hatte, ein Fläschchen Thymianöl aus der Tasche auf dem gleichen Schemel stehen, der ihm schon vorher als Ablage des Blutauffangbehälters gedient hatte, ohne ein Wort über die Anwendung des Öls zu verlieren. Als er sich schließlich anschickte, seinen ärztlichen Besuch, die beiden Aderlässe und das zurückgelassene Ölfläschchen in Rechnung zu stellen, platzte Caterina endgültig der Kragen. Zusätzlich hatte sie erst jetzt in ihrer grenzenlosen Empörung gesehen, dass auch die Frau des Bunthmakers, die ja offenbar den Gesellen um Hilfe zu ihr geschickt hatte, völlig verweint die ganze Zeit hinter ihr gestanden hatte, ohne sich bemerkbar zu machen und ohne sich als ihre Auftraggeberin erkennen zu geben. Da diese sich nun anschickte, völlig willenlos die Forderungen des Arztes zu begleichen, fühlte Caterina sich aufgerufen zu protestieren und den weiteren Verlauf der Behandlung selbst in die Hand zu nehmen. Ein zusätzlicher Blick auf den jetzt totenblassen und fast völlig ausgebluteten Hans Bunthmaker genügte ihr, um das Geschäftsgebaren des Arztes aus Eckernförde lauthals vor all den Menschen in Frage stellen zu wollen. Sie empfand die Methoden des studierten Mediziners als eine unsägliche, sehr gefährliche Rosskur und sah keinen Grund mehr, sich in ihrer Kritik nunmehr zurückzuhalten. Doch Abelke stieß ihr mit ihrem Ellenbogen unauffällig in die Seite und raunte ihr zu: „En ska tû mè di Hund’, èn è ve.“[2] Caterinas Mund klappte wieder zu und sie schluckte ihre ebenfalls im südjütischen Dänischen auf der Zunge liegenden Worte wieder hinunter, die sie dem Arzt ins Gesicht hätte schleudern wollen. Stattdessen scheuchte sie jetzt all die herumstehenden Menschen mit weit ausgebreiteten Armen aus dem Zimmer: „Schert Euch raus. Hier gibt es nichts mehr zu sehen für Euch. Der Kranke braucht jetzt absolute Ruhe“ Und tatsächlich leisteten die ersten Männer, die direkt an der Tür gestanden hatten, ihrer Anweisung Folge. Sei es, weil sie dem nun sehr bestimmenden Auftreten der Heilerin nichts zu entgegnen hatten, oder aber weil mit der augenscheinlichen Beendigung der Behandlung des Arztes das Maß der Unterhaltung für sie beendet erschien. Vielleicht wären sie geblieben, wenn sie den sich anbahnenden Disputs registriert hätten.

Nur vereinzelt hatten die hinausdrängenden Menschen bemerkt, dass Christoffer Schmidt eine auffällige Röte ins Gesicht gestiegen war, maßen dem aber keine große Bedeutung bei. Sein Gesicht war allerdings mittlerweile so rot geworden, dass er wohl selbst einen Aderlass zu Regulierung seines Blutdruckes hätte gebrauchen können. Nachdem er nun doch von Bunthmakers Frau seine Bezahlung erhalten hatte, hinderte er, trotz seiner Wut, die Leute aber keineswegs daran, den Raum weiterhin zu verlassen. Die Auseinandersetzung, die jetzt folgen würde, hätte zwar nach seinem Dafürhalten unbedingt ein paar Zuschauer vertragen können, da er aber das Ergebnis der Unterredung für vorhersehbar hielt und er ohnehin nicht daran dachte, sich lange mit dem Weib abzugeben, ließ er die Menschen ziehen. Als sich die Anwesenden bis auf Bunthmakers Eheweib, den Arzt, Caterina und Abelke mehr und mehr entfernt hatten, fiel Caterina auf, dass auch ihr Bruder, der Stadtvogt Peter Eggerdes, der mit den anderen im Raum gewesen war, sich anschickte das Zimmer zu verlassen – ohne sich zu erkennen zu geben. Bevor dieser jedoch die Tür erreichte, drehte er sich noch einmal um und warf seiner Schwester sekundenlang einen sehr eindringlichen stechenden Blick zu, aus dem man interpretieren konnte, dass er nur so viel bedeuten konnte wie „Geh nicht zu weit, Schwester. Sei Dir Deiner Grenzen und Deiner Herkunft bewusst. Ich warne Dich!“ Dann fiel die Tür auch hinter ihm zu und die vierköpfige Gruppe blieb allein im Zimmer zurück. Wie erstaunt war aber der Arzt, als Caterina offensichtlich keine Anstalten mehr machte, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Sie wandte sich sofort von ihm ab und gab Abelke Anweisungen, die Beine des Patienten hochzulegen, während sie Hans Bunthmaker jetzt löffelweise einen wohlweislich mitgebrachten Sud aus Mangold, Spinat, Karotten, Petersilie, Dill und Basilikum einflößte, der ihr als blutbildend bekannt war und der den Kranken kräftigen sollte. Trotz ihrer äußersten Konzentration murmelte sie dabei aufgebracht leise und unverständliche Flüche und Verwünschungen gegen den Arzt vor sich hin, ohne es zu merken. Hatte dieser ihren Patienten doch in Lebensgefahr gebracht. Als sie kurz aufblickte, hatte der Arzt das Zimmer fast wutschnaubend verlassen. „Das wirst Du bereuen“, brüllte er noch, aber Caterina konnte sich jetzt nicht weiter darum kümmern. Während sie dem Kranken weiterhin Flüssigkeit zuführte, setzte sich Abelke zu der noch immer völlig aufgelösten Frau des Bunthmakers, die jetzt am Fußende des Schrankbettes Platz genommen hatte, auf dem Schemel, der von der Schüssel mit dem Blut und dem Thymianöl befreit worden war. Als die Frau sich nach langer Zeit wieder beruhigen konnte, während Abelke ihr mitfühlend über den Kopf strich, trocknete sie ihre Tränen an ihrer Schürze und hob müde den Kopf. „Nun erzählt“, sagte Abelke ermunternd, „was ist denn passiert?“ „Mein Mann liegt nun schon länger auf dem Lager siech danieder“, hob sie an. „Ohne einen erkennbaren Grund wurde ihm eines Morgens schwarz vor Augen. Er fiel hin und als er wieder erwachte, konnte er nicht mehr richtig laufen. Sein Zustand verschlechterte sich zunehmend von Tag zu Tag. Er bekam immer wieder Probleme, weil er umknickte, wenn er sich hinstellen oder gehen wollte. Das ging über Wochen so. Heute kam er dann schließlich gar nicht mehr von seinem Lager hoch. Er konnte weder Arme noch Beine bewegen. Da bekam ich Angst und rief in meiner Not nach dem Großknecht, der den Doktor aus Eckernförde kommen lassen sollte. Gleichzeitig schickte ich unseren Gesellen zu Euch, da ich hörte, dass Ihr in der Heilkunst bewandert seid und ganz in der Nähe Eure Wohnstätte habt.“

Irgendetwas machte Caterina an der Beschreibung stutzig und hellhörig, aber sie sagte nichts, sondern lauschte weiter den Erzählungen der Frau, die jetzt mit sehr viel festerer Stimme weiter sprach, obwohl die Angst in ihrer Stimme immer noch deutlich herauszuhören war: „Was geschieht jetzt mit ihm? Muss er sterben?“ Ehe Abelke der Frau antworten konnte, warf Caterina ihr einen warnenden Blick zu. „Wir tun was wir können“, sagte Abelke daraufhin nur. „Die kommende Nacht wird es zeigen“. „Haltet Euren Mann nur recht ordentlich mit Decken warm, lasst seine Beine so wie sie sind und flößt ihm immer wieder von dem Sud ein und gebt ihm mit einem Schwamm Wasser zu trinken, soviel er in seiner Lage aufnehmen kann. Wir sehen morgen wieder nach ihm. Gott schütze ihn und Euch“ Als Caterina Abelke beim Hinausgehen energisch an den Ellenbogen fasste, war Abelke klar, dass ihr irgendetwas wichtiges entgangen war, was ihre Freundin und Herrin nun dringend mit ihr besprechen wollte. Neugierig näherte sie sich dem Ausgang des Gebäudes. Auf der Türschwelle am Ausgang stießen sie auf Hinrick Lange, der die beiden zu spät gesehen hatte, um noch weglaufen zu können, als Caterina ihn an seinem teilweise abgetragenen Gewand festhielt. „Warum hast Du nicht auf uns gewartet, als Du uns abholen solltest. Es hätte Dir gut zu Gesicht gestanden, wenn Du uns geführt und meine große Tasche getragen hättest.“ Der Geselle blickte jetzt verstockt auf die Straße und hatte offenbar den Entschluss gefasst, die Frage nicht beantworten zu wollen. Mit einem Ruck entzog er sein Gewand den Händen der Heilerin und wollte um die Hausecke davonlaufen. „Hinrick Lange“, rief ihm Caterina entrüstet hinterher, „ich kannte schon Deinen Vater, Gott hab ihn selig, und der hätte solch Verhalten sicher nicht geduldet.“ Plötzlich blieb der Geselle ruckartig stehen, „Lasst meinen Vater und Gott aus dem Spiel“, rief er über die Schulter zurück, „Vater wusste schon damals, dass Ihr eine Toversche[3] seid!“ Völlig erstarrt blieb Caterina stehen und starrte auf die Hausecke, hinter der der Geselle jetzt verschwunden war. Nur das Klappern seiner Holzpantoffeln war noch zu hören. Abelke musste ihre Freundin fast gewaltsam auf die Straße ziehen. Plötzlich begann es zu dunkeln und ein harter Wind setzte von der Schlei her ein, der für die Jahreszeit eindeutig zu kalt erschien.

Fortsetzung folgt…


TEIL 1


[1] Eingebautes Schrankbett

[2] Sønderjysk, sinngem.: „Man muss mit den Hunden bellen, bei denen man ist.“

[3] Zauberin