„Nichts als Asche“ – Teil 3

„Nichts als Asche“ – Teil 3

15. Januar 2022 Aus Von Jens Nielsen

Ein historischer Fortsetzungsroman aus der Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig. Kapitel 3.

Bild: Jens Nielsen

Kapitel 3

Dunkle Wolken

Frau Bunthmaker lächelte jetzt geistesabwesend vor sich hin. Zufrieden hatte sie die vor ihr liegenden Reste der zerschnittenen Pflanzenwurzeln mit dem Tuch, darinnen sie aufbewahrt worden waren, zusammengerollt und diese mit einer ausladenden Bewegung ins Herdfeuer der Kochnische geworfen. Die Frau, von der sie die Wurzeln schon im letzten Herbst auf dem Markt gekauft hatte, hatte die Pflanze beim Anpreisen als Gefleckten Schierling bezeichnet. Sie hatte sie jedoch gewarnt, die Medizin in nur sehr geringen Mengen anzuwenden, machte sie doch die Haut auch schon bei geringer Dosierung gegen Schmerz unempfindlich. Darüber hinaus sei sie besonders bei Krämpfen und gleichgeartetem Husten erfolgreich anzuwenden. Der nun aufsteigende schwarze Qualm, der sich schnell über die Feuerstelle ausbreitete und Tuch wie auch Pflanze verzehrte, war alsbald verflogen und nur die Reste des verbrannten Tuches glommen noch ein wenig in der Glut nach. Frau Bunthmaker starrte in die Flamme. Fast so, als werde sie von der Helligkeit und der Hitze magisch angezogen. Wie lange schon hatte sie auf diesen Tag unbewusst hingearbeitet, ohne ihn wirklich geplant zu haben. Wie lange schon war ihr die Anhänglichkeit, die Weinerlichkeit und die penetrante Fürsorge ihres Mannes so zuwider gewesen, dass sie ihn in den letzten Monaten kaum mehr hatte ertragen können. Sie hatte ihm in den letzten Monaten zunehmend nur noch barsch und kurz angebunden auf seine vielfältigen Fragen antworten können, die er mit seiner dünnen Greisenstimme vorgetragen hatte. Immer hatte er alles so genau wissen wollen. Wohin sie ging. Wann sie vorhatte wiederzukommen. Wie es um ihre Gesundheit stand. Ängstlich hatte er jeden ihrer Schritte überwacht. Bis sie es schließlich nicht mehr aushielt und begann, nach Möglichkeiten zu suchen, um sich in ihrem Leben nicht kontrollierte Freiräume zu verschaffen. Anvertrauen konnte sie sich niemandem. Mit wem hätte sie auch darüber sprechen sollen? Zuerst hatte sie es mit Lügen und mit Ausreden versucht, um ihre immer häufiger vorkommende Abwesenheit vor ihrem Gemahl zu erklären. Selbst wenn sie nur auf den Markt ging, hatte er angefangen ihr hinterher zu spionieren und sie überwachen zu lassen. Doch die immer neuen und fantasievoll vorgetragenen Ausreden brachten Frau Bunthmaker nur wenig Erleichterung, klammerte er doch umso mehr an ihr. Schließlich kam sie auf die Idee, ihm schlaffördernde Kräuter zu verabreichen, um ihn stiller und gleichgültiger werden zu lassen. Das Wissen um die Wirkung bestimmter Kräuter, derer man in der Natur leicht habhaft werden konnte, hatte sie dereinst schon von ihrer Mutter mit auf den Weg bekommen, die die Krankenpflege für die Familie pflichtgemäß übernommen und diese schon früh an sie als ihre älteste Tochter weitergegeben hatte.

Eine Zeit lang hatte Frau Bunthmaker auch mit Bilsenkraut experimentiert und es ihrem Manne in kleinen Dosen in die Nahrung gestreut, doch hatte dies ihn sehr schnell zu krank werden lassen. Er hatte nur kurze Zeit später über körperliches Unwohlsein, über einem schweren Kopf, Herzproblemen und über Sehstörungen geklagt. Eine Zeit lang hatte sie es still genossen, dass er nun häufiger bettlägerig war und ihr nicht mehr so oft nachspionieren konnte, aber dann ging ihr seine Weinerlichkeit und seine greisenhafte Stimme auch von seinem Bett aus zunehmend auf die Nerven. Mal musste sie ein Kissen verrücken, mal eine Decke feststopfen. Auch machte er sich jetzt laut jammernd immer wieder dafür verantwortlich, dass die Einnahmen zurückgingen, da er selbst kaum noch arbeitsfähig war und die Aufträge immer öfter an den Gesellen Hinrick Lange delegiert werden mussten, der sich aber nur sehr bedingt auf die anspruchsvolle Verarbeitung kleinerer Nagetiere verstand. Die Auftragslage entwickelte sich dramatisch zum Schlechteren. Schließlich drohten der Familie tatsächlich ernsthafte Geldsorgen, so dass sie auch langfristig ihre Abgaben an die Stadt nicht mehr in vollem Umfang tilgen und ihre Lieferanten oft nicht mehr sofort bezahlen konnten. Daraufhin hatte die Bunthmakersche das Bilsenkraut weggelassen und es ging ihrem Mann schlagartig für kurze Zeit wieder besser. Danach hatte sie die letzten Wochen ihr Los tapfer ertragen und das kleine Tuch mit dem Schierling darin vorerst fest eingewickelt ganz nach unten in ihre Aussteuertruhe gelegt. Da hatten es nun gelegen und war kurz davor, in Vergessenheit zu geraten. Gerade heute aber hatte Frau Bunthmaker ihren Mann in seiner Anhänglichkeit kaum noch ertragen können und sich deshalb an das Tuch mit den inne liegenden Wurzeln wieder erinnert. Sie hatte ursprünglich vorgehabt, ihm lediglich eine kleine Menge der Wurzel als Narkosemittel in den Wein zu mischen. Doch sie musste die Menge des starken Giftes unterschätzt oder sich in der Dosierung vertan haben. Obwohl er sich, wie geplant, bereits kurz nach dem Genuss des Weines entkräftet ins Bett gelegen hatte, hatte er sie zunächst immer noch rufen können. Sie solle ihm mehr Decken bringen, da ihm so kalt sei. Argwöhnisch war sie zu seiner Bettstatt geeilt, nur um bestätigt zu finden, dass bereits sämtliche zur Verfügung stehenden Decken um ihn herumgestopft waren. Er schien sie aber nicht mehr wahrzunehmen, so taub schienen seine Haut und sein Gefühl geworden zu sein. „Frau“, hatte er schließlich wieder gerufen, „ich kann nicht atmen. Meine Brust fühlt sich wie zugeschnürt an, als wäre sie mit festen Eisenklammern umspannt.“ Immer leiser war seine Stimme und seine Atmung immer schwerfälliger geworden, bis er schließlich in einen unruhigen Schlaf gefallen war. Frau Bunthmaker hatte später weder dem Arzt aus Eckernförde noch Caterina und ihrer Gehilfin erzählt, dass ihr Mann noch kurz vor Eintreffen Christoffer Schmids zuletzt noch wieder wach geworden war und nur leise und schwer verständlich über ein starkes Brennen im Mund, über Schluckbeschwerden und über ein Lähmungsgefühl der gesamten Zunge geklagt hatte, bevor er in einen Zustand geriet, der ihn des Sprechens unfähig machte. Frau Bunthmaker hatte es im Nachhinein für sinnvoller gehalten, die vielfältigen Anzeichen seiner angeblichen Krankheit bei der Beschreibung seiner Symptome nicht zu erwähnen. Auch das Erbrochene ihres Mannes, welches in großen Schwällen zuerst noch aus ihm hervorgebrochen war, hatte sie eilends vorher beseitigen und den Raum stark lüften lassen, lange bevor die Hilfe eintraf. Sie hatte der Magd und dem Küchenmädchen weiterhin strengstens einschärfen müssen, kein Wort darüber zu verlieren, als diese das Erbrochene aufwischen mussten. Hans Bunthmaker hatte bald darauf mit panischen Augen und bei vollem Bewusstsein in seinem Schrankbette liegend schon nicht mehr protestieren und sein Befinden selbst nicht mehr beschreiben können, als der herbeigeeilte Arzt ohne lange Untersuchung gleich sein Schneidewerkzeug an des Patienten Arm ansetzte, um das erste Mal Blut zu entnehmen.

Jetzt blickte Frau Bunthmaker zufrieden in das Halbdunkel des Alkovenbettes, wo ihr Mann noch immer lag. Außer dass man seine Brust jetzt gelegentlich beim Atmen rasseln hörte, lag er nunmehr ganz still. Das Zittern hatte aufgehört und er schien tief zu schlafen. Vorsichtig, um ihn nicht womöglich noch zu wecken, nahm sie prüfend seine Hand, so wie sie es vorher bei Caterina gesehen hatte. Wie erwartet lag diese noch immer eiskalt in der ihren. Zufrieden legte sie die Hand ihres Mannes zurück auf das zerwühlte Laken, auf dem auch die mittlerweile braun gewordenen Blutstropfen vom vorausgegangenen Aderlass noch gut zu erkennen waren.

Hans Bunthmaker starb noch am Abend, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, dachte Frau Bunthmaker erleichtert und beglückwünschte sich selbst zu der Idee, die Schwester des Stadtvogtes als Heilerin noch dazu geholt zu haben. Diese Eingabe war ihr in letzter Minute erst gekommen. Etwas Besseres hätte ihr gar nicht einfallen können, als die Eggerdes mit der Behandlung ihres Mannes zu betrauen. Als sie den Gedanken genügend ausgekostet hatte, lief sie schreiend und wehklagend aus dem Haus auf die Straße. Die wenigen Menschen, die sich jetzt noch hier aufhielten, starrten sie zunächst entsetzt an. Schließlich erbarmte man sich ihrer, nahm sie am Arm und führte sie zurück in ihr Haus. Die Nachbarn übernahmen jetzt das, was zu übernehmen war, während Frau Bunthmaker teilnahmslos die ausgestreckten Hände schüttelte und die Beileidsbekundungen über sich ergehen ließ, die ihr jetzt zuhauf von allen Seiten entgegengebracht wurden. Nach altem Brauch wurde der Leichnam gewaschen und würdevoll zurechtgemacht. Im Haushalt der Bunthmakers fand sich die längliche Stollentruhe aus der Diele, auf der der Hausherr aufgebahrt wurde. Man wachte die ganze Nacht an seinem Totenlager, so wie es von jeher gemacht wurde. Am dritten Tage wurde der Tote, unter Anteilnahme vieler Schleswiger und Schleswigerinnen zu Grabe getragen, waren doch die penibel ausgeführten Pelzarbeiten des Kürschners eine Zeit lang in der Stadt groß in Mode gewesen. Frau Bunthmaker, die am Arm einer Nachbarin zum Kirchhof geleitet wurde, war tief erleichtert, hatte sich die Mühe und die lange Geduld, die sie aufgewendet hatte, doch am Schluss bezahlt gemacht. Tief drückte sie ihr Gesicht in den Umhang einer der fürsorglichen Frauen, die sich so aufopferungsvoll um sie, um die Aufbahrung und um die Beerdigung gekümmert hatten. Auch die Mitglieder der Schleswiger Pelzer-Gilde hatten ihren pflichtschuldigen Teil dazu beigetragen. Sechs Mitglieder der Gilde hatten Hans Bunthmaker das letzte Geleit gegeben und seinen Sarg getragen, der in seiner Zierlichkeit fast einem Kindersarg ähnelte. Drei weitere trugen die Kerzen.

Frau Bunthmaker wandte sich jetzt zaghaft an die Frau zu ihrer rechten Seite, die mit angemessener Würde vor sich auf den Friedhofsboden starrte: „Ach, hätte ich sie doch nur nie gerufen und sie um Hilfe gebeten!“, murmelte sie zerknirscht in sich hinein. „Wen denn? Wovon sprecht ihr?“, fragte die Frau leise. Es war Anne Platensleger, die Frau des Rüstungschmieds Hinrick Platensleger, die eng neben ihr stand. Platensleger gehörte sowohl ein Haus in der Mühlenstraße als auch eines in der Kälberstraße in Schleswig. Von dem Ehepaar Platensleger wusste Frau Bunthmaker, dass sie im Streit mit Hans Toffelmaker, mit Caterinas Mann, lagen. Angeblich hatten sich die beiden über ein Geschäft erzürnt. Hans Toffelmaker hatte, so munkelte man, dabei das Geld eines dänischen Edelmannes, welches ihm für Hinrick Platensleger zur Anfertigung eines Harnisches[1] anvertraut worden war, für eigene Geschäfte ausgegeben. Um die Rückzahlung des ihm zustehenden Geldbetrages musste der Platensleger wohl mehrere Male mahnen. Er hatte dies mit Hilfe seiner Gesellen und unter Androhung von Strafe wohl auch getan. Caterina war daraufhin, so hieß es, mit ihrem kleinen Sohn Johann an der Hand, ihrem Mann zur Seite geeilt und hatte Drohreden und Verwünschungen auf Dänisch gegen Hinrick Platensleger ausgestoßen. Man erzählte sich sogar, dass sich Caterina später des Nachts vor dem Haus des Rüstungsschmiedes herumgetrieben haben und sich an seiner Türschwelle zu schaffen gemacht haben solle. Genaueres wusste man aber nicht zu erzählen.

„Na, die Töversche“, entgegnete Frau Bunthmaker jetzt verhalten und drehte sich danach vorsichtig und leicht verstohlen nach beiden Seiten um. Doch niemand anderes schien ihre Worte gehört zu haben. Die anderen Frauen in der Nähe der beiden starrten weiterhin gemeinsam in das frisch ausgehobene Grab und sahen nicht nach links oder rechts. „Wen meint Ihr denn?“, flüsterte Anne Platensleger jetzt leicht beunruhigt zurück. „Caterina Eggerdes, die Hexe. Die meine ich. Schon stark, dass ihr Bruder der Stadtvogt solch eine Person noch frei herumlaufen lässt. Auch wenn es sein eigen Fleisch und Blut ist.“ Jetzt rückten auch die anderen Frauen plötzlich neugierig näher an die beiden heran. Was wusste die Bunthmakersche, was sie noch nicht wussten? Frau Bunthmaker zog offensichtlich fröstelnd ihre Schultern hoch, lächelte aber insgeheim zufrieden in ihren Überwurf. „Ihr habt es doch gesehen. Ihr wart doch dabei, als die Heilerin alle Anwesenden aus dem Zimmer vertrieb“, schluchzte sie. „Sie wollte offenbar keine Zeugen, bevor sie meinen Mann tötete. Der Aderlass allein hätte ihm gutgetan und er war augenscheinlich schon auf dem Weg der Heilung. Sie aber hat ihm irgendwelche Tränke eingeflößt und auch das verschriebene Öl des Arztes einfach ignoriert. Es hätte ihm bestimmt helfen können“ Die Frauen blickten sich jetzt hinter ihr bestätigend an. Genau so war es gewesen. Caterina Eggerdes hatte alle Anwesenden förmlich aus dem Raum gejagt und es war für jeden sichtbar gewesen, dass sie mit der Behandlung des Arztes in keiner Weise einverstanden gewesen war. Wer weiß, was sie wirklich im Schilde führte. Nichts Gutes konnte von so einer Frau ausgehen. „Die Eggerdes also“, flüsterte jetzt auch Anne Platensleger vor sich hin. Bestimmt waren auch die nächtlichen Besuche vor ihrem Haus, bei denen Caterina angeblich gesehen worden sein sollte, nur etwas Bösem zuzuschreiben. Sie hatte es schon immer gewusst, dass die Schwester des Stadtvogtes eine Zauberin war. Wer sonst trieb sich bei Dunkelheit in der Stadt herum und kannte allerlei Tränke und Sprüche. Und jetzt schien es hier auch andere Zeuginnen zu geben. Seit dieser Geschichte mit dem unterschlagenen Geld war die Auftragslage ihres Mannes als Rüstungsmacher auffällig schlecht geworden. Kein Wunder, sollte tatsächlich Zauberei im Spiel sein.

Die Frauen geleiteten Frau Bunthmaker nach Hause, die jetzt vorgab, nach der Beerdigung erschöpft und müde zu sein und nun für sich sein zu wollen. Den anderen Frauen aber stand nicht der Sinn danach jetzt auseinander zu gehen. Kaum hatten sie die arme Frau in ihrem Haus am Sweinsmarkt abgeliefert, rotteten sie sich vor dem Gebäude zusammen und wisperten verschwörerisch miteinander. Hier schien sich etwas aufregend Bedrohliches für die Stadt anzubahnen und das wollte man in keinem Falle missen. Sie hatten es ja tatsächlich selbst gesehen, dass sich der Arzt aus Eckernförde und die Eggerdes aus der Langen Straße nicht grün waren. Und jetzt erzählte auch Anne Platensleger von ihren Erfahrungen mit Hans Toffelmaker und seiner Frau Caterina. Empört und aufgebracht tuschelten die Frauen weiter, bis eine von ihnen, die die Bedächtigste in der Gruppe zu sein schien, einwandte, dass Caterina doch eigentlich nur den Kranken Bunthmaker vor den Blicken der Menge hatte schützen wollen und sie doch auch so manches Gute in der Stadt bewirkt hatte. Sie selbst war das eine oder andere Mal hilfesuchend bei Caterina erschienen und hatte immer zufriedenstellende und kundige Hilfe gefunden. Doch ihre Bedenken wurden zur Seite gewischt. Welchen Grund hätte es sonst gehabt haben können, dass Caterina Eggerdes die bewährte Behandlung des angesehenen Arztes aus Eckernförde vor aller Welt Augen so missachtet hatte. Zustimmend nickten die anderen. „Und habt ihr gesehen, was für Blicke Bunthmakers Geselle Hinrick Lange der Zauberin zugeworfen hat? Es schien doch, als hätte er Angst vor ihr.“ „Stimmt, und auch ihr Bruder hat ihr als Stadtvogt nicht unterstützend zur Seite gestanden. Da ist doch ´was im Busch.“ Die Frauen hatten sich jetzt in Rage geredet und Jede versuchte die andere mit etwas mit Caterina Erlebtem zu übertrumpfen. „Habt Ihr nicht auch gemerkt, wie abweisend und böse die Menschen im Krankenzimmer vom Bunthmaker Caterina und Abelke gegenüber waren? Bestimmt gibt es noch mehr Menschen in Schleswig, die über die Zauberei dieser Hexe zu klagen haben.“ „Wir müssen Hinrick Lange dazu befragen. Bestimmt weiß er mehr. Er hat eindeutig vor ihr Angst gehabt.“ „War nicht auch Hans Juversen von Hans Toffelmaker dereinst beinahe durch einen Spieß umgebracht worden, als er im Streit mit dem Ehepaar Hans Toffelmaker und Caterina Eggerdes wegen angemahnter Mietschulden lag“, wusste jetzt eine andere zu erzählen. Hatten sich nicht Henneke Putters und Roleff Ruscher darüber beklagt, dass sie unmittelbar nach einer Behandlung Caterinas einen Hexenschuss erlitten hätten? Mehr und mehr Geschichten wurden zusammengetragen, bis den Frauen nichts mehr einfiel, sie ruhiger wurden und sich schließlich voneinander verabschiedeten.

Eine Jede ging mit dem Vorhaben aus der Gruppe, noch mehr über diese Sache erfahren zu wollen. Anne Platensleger wurde von den anderen Frauen zusätzlich beauftragt, Bunthmakers Gesellen Hinrick Lange zu befragen, wenn sie wieder einmal im Verkaufsraum des Kürschners zu tun hatte. Da Anne den gleichen Weg wie Wiebeke, des Beutelmachers Asmus Butelmakers Frau, hatte, gingen die beiden nun ein Stück schweigend nebeneinander her Richtung Stadttor. Erst auf Höhe der Minricks-Brügge nahm Wiebeke Butelmaker das Gespräch wieder auf, nachdem sie schon vorher mehrmals durch lautes Räuspern versucht hatte, die Aufmerksamkeit ihrer Weggefährtin auf sich zu lenken. Diese hatte aber verbissen die ganze Zeit vor sich hingestarrt und den Überwurf fest um sich gewickelt, so dass ihr Gesicht kaum noch aus den Stoffbahnen herauslugte. „Man hört ja so manches in der Stadt“, begann Wiebeke vorsichtig. „Ja? Was hört man denn?“, entgegnete Anne abwesend, die in Wirklichkeit zu sehr mit dem beschäftigt war, was sie soeben erfahren hatte. „Man soll ja nicht alles glauben, was so geredet wird“, hub Wiebeke wieder an. “Eigentlich sollte man gar nichts darauf geben, aber…“ Sie machte eine bedeutungsschwere Pause. „Erzähl schon, was Du zu sagen hast“, entgegnete Anne jetzt leicht gereizt, von ihren eigentlichen Gedanken abgebracht worden zu sein. Inzwischen waren die beiden Frauen fast am nördlichen Stadttor angekommen. Hier war der Wind noch eisiger und so wickelten sie sich nun fester in ihre Überwürfe. Wiebeke nickte nur kurz vor sich hin, um die schnell vorübergehende Aufmerksamkeit ihrer Gesprächspartnerin nicht wieder zu verlieren. „Die Heilerin Caterina wurde mit Abelke in der vergangenen Woche auf dem Friedhof gesehen. Bei Anbruch der Dunkelheit sah man sie unverkennbar zwischen den Grabstellen herumhuschen.“ Wiebeke flüsterte jetzt fast, als sie weitersprach: „Man soll sogar gesehen haben, dass beide etwas aus der Erde genommen und in einem Korb davongetragen haben.“ „Was, wirklich?“ Anne Platensleger war jetzt ernsthaft erschrocken und hellwach, passten diese Beobachtungen doch genau zu dem, worüber sie selbst gerade nachgedacht hatte und was sie glaubte, vor ihrer eigenen Tür beobachtet zu haben. Was trieb sich die Heilerin und Schwester des Stadtvogtes, Caterina Eggerdes des Nachts mit ihrer Gehilfin in der Stadt herum? Und jetzt auch noch auf dem Friedhof. Ihre Augen begannen erregt zu funkeln, während Wiebeke sich jetzt ängstlich umsah, bevor sie weitersprach: „Ich darf Dir nicht verraten, von wem ich es habe. Aber die Frau, die es mir erzählt hat, ist absolut zuverlässig.“ „Wie konnte die Bunthmakersche nur solch eine Person zu ihrem kranken Mann rufen?“, empörte sich Anne jetzt. „Sie wird es nicht gewusst haben“, mutmaßte Wiebeke. „Es weiß ja kaum einer in der Stadt.“ „Wir müssen die anderen Frauen warnen. Um unser Gesundheit und aller Seelenheil willen. Stell dir vor, die Eggerdes findet ein weiteres Opfer in der Stadt. Das dürfen wir nicht zulassen“. Anne wirkte jetzt sehr entschlossen und wollte sofort zur Tat schreiten. „Pass bloß auf“, raunte Wiebeke jetzt, „wenn sie dir auf die Spur kommt, bist du selbst dran. Man darf einer Hexe nicht ins Gehege kommen.“ „Du hast recht“, stimmte Anne ihr erschrocken zu. „Wir dürfen uns nicht zu erkennen geben. Besser ist, wir schweigen vorerst.“ Ihr plötzlicher Tatendrang war sofort wieder verschwunden. Am Stadttor trennten sich die beiden Frauen still und ohne noch ein Wort zu sagen voneinander. Während Wiebeke das Tor durchschritt um sich auf der anderen Seite Richtung dem Dorfe Moldenit aufzumachen, bog Anne jetzt, in ihre alte Grübelei versunken, in die Lange Straße ein. Vorsichtig stakste sie um die großen Kothaufen von Kühen, Pferden und Schweinen herum, die sich hier zuhauf auf der Straße türmten. Sie hatte nicht bemerkt, dass der Mann am Tor ihr mit scharfem Blick misstrauisch hinterhergeguckt hatte, war doch der letzte Wortwechsel der Frauen, so leise er nach ihrem Dafürhalten auch gesprochen worden war, vom Wind direkt an sein Ohr getragen worden. „Weibsvolk“, murmelte er in seinen Bart und spuckte vor sich auf den Boden. Dann folgte er Anne unauffällig, indem er sich einen Korb über die Schultern warf, wie man ihn so oft bei Handwerkern auf der Straße sah, die zum großen Markt führte.

Fortsetzung folgt…


[1] Teil der Rüstung

TEIL 1 / Teil 2