„Nichts als Asche“ – Teil 4

„Nichts als Asche“ – Teil 4

22. Januar 2022 Aus Von Jens Nielsen

Ein historischer Fortsetzungsroman aus der Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig. Kapitel 4.

Bild: Jens Nielsen

Kapitel 4

Ein Unheil kommt selten allein

„Mäuse-Urin! Und ich sage Dir, es war Mäuse-Urin!“ Abelke sah ihre Freundin irritiert an. „Wie kommst Du denn jetzt auf Mäuse-Urin?“, fragte sie dann. Sobald sie das Haus des Bunthmakers verlassen hatten, hatte sie ohne Pause auf Caterina eingeredet. Die vielen Menschen, die feindselige Atmosphäre, der heilkundlich nicht zu rechtfertigende Aderlass und die weinende Frau. All das hatte einen enormen Redebedarf bei ihr ausgelöst. Dabei hatte sie ganz vergessen, dass es eigentlich Caterina gewesen war, die ihr bei der Behandlung des Kürschners einen warnenden Blick zugeworfen und die sie aus dem Hause geschoben hatte, um Abelke dringlich über etwas zu informieren, was sie beobachtet hatte. Caterina hatte ihrem Wortschwall kaum zugehört und jetzt sprach sie mitten in eine Redepause von Abelke hinein und antwortete ohne einen Zusammenhang: „Mäuse-Urin“, obwohl Abelke sie gar nichts gefragt hatte. „Was meinst Du mit Mäuse-Urin? Was soll das jetzt?“. Sie war es gewohnt, dass ihre Herrin und Freundin als Heilerin manchmal in Rätseln sprach, nur schien ihr diese Wortmeldung jetzt gänzlich sinnlos zu sein. „Ich hatte mich die ganze Zeit gefragt, woher ich diesen Geruch kannte, den ich im Zimmer des kranken Bunthmakers gerochen hatte. Außer einem leichten Geruch von Erbrochenem, war eindeutig ein Geruch von Mäusen im Raum wahrzunehmen“, erklärte sich Caterina jetzt. „Aber wie soll uns das weiterhelfen? Ich habe übrigens nichts dergleichen gerochen“, entgegnete Abelke. „Ich hatte schon so ein komisches Gefühl, als die Bunthmakersche ihren Bericht begann. Irgendetwas passte da nicht zusammen. Das sagt mir mein Gefühl und darauf konnte ich mich bisher immer verlassen“, sagte Caterina. Abelke musste ihr recht geben, Caterina schien über einen besonderen Sinn zu verfügen, was die Befindlichkeit anderer Menschen anging. Vieles bei ihren zu behandelnden Kranken konnte sie wahrnehmen, obwohl diese mit ihr noch gar nicht über ihre Gebrechen gesprochen hatten. In der Anfangszeit war Abelke fasziniert von dieser Gabe gewesen. Im Laufe der Zeit, in der sie mit Caterina zusammengearbeitet hatte, hatte sie sich an die Tatsache gewöhnt, dass ihre Freundin sensibler für andere Menschen war als manch ein anderer. Beunruhigend fand Abelke nur den ernsten Gesichtsausdruck Caterinas, als sie diese jetzt eindringlich von der Seite ansah. „Der Duft von Mäuse-Urin in einem Zimmer kann eigentlich nur zwei Gründe haben, entweder wurde der Raum lange nicht gekehrt und das Stroh lange nicht ausgewechselt, oder aber es liegt ein anderer Grund vor, über den ich lange nachgedacht habe“, machte Caterina ihren Gedankengang deutlich. „Nun spann mich nicht länger auf die Folter.“ Abelke konnte die Spannung nicht länger ertragen. „Nun Abelke, das Zimmer war sauber und schien vor kurzem erst frisch durchgelüftet zu sein. Der starke Geruch nach Mäusen aber ließ mich an ein ganz bestimmtes Kraut denken. Und als mir das klar geworden war, war alles andere ganz leicht“ „Was war leicht?“ Abelke verstand jetzt gar nichts mehr. Caterina blieb jetzt stehen und zog Abelke in einen kleinen Feuerlöschgang zwischen den Häusern. Sie begann jetzt sehr viel leiser zu sprechen: „Der Geruch von Mäusen ist ein typischer Geruch für die Verwendung von Geflecktem Schierling. Sollte meine Annahme stimmen und der Kranke sich vor unserem Eintreffen tatsächlich mehrmals übergeben haben, so ist nur eine Lösung möglich: Hans Bunthmaker wurde vergiftet! Die Aderlässe des Quacksalbers aus Eckernförde haben ihm vermutlich den Rest gegeben, falls die Vergiftung dem armen Mann nicht ohnehin so schwer geschadet hat, so dass keine Rettung mehr möglich war. Hans Bunthmaker wird sterben. Noch in dieser Nacht.“ Abelke sah ihre Freundin völlig entsetzt an. Wenn die Bunthmakersche tatsächlich ihren Mann willentlich und wissentlich vergiftet hatte, welchen Grund sollte es dann noch gehabt haben, sowohl den teuren Arzt aus Eckernförde als auch die beiden Frauen kommen zu lassen? Abelke und Caterina sahen sich gleichzeitig an. Beide waren jetzt bleich geworden. Plötzlich lag alles glasklar vor ihnen. Wenn Frau Bunthmaker die Täterin war und nach ihrer Tat noch nach dem Arzt und der Heilerin verlangte, wollte sie jemandem offenbar die Tat im Nachhinein in die Schuhe schieben. Was aber war jetzt zu tun? Was konnte überhaupt noch getan werden? Die beiden Frauen sahen sich ratlos und ängstlich an und beschlossen, zunächst nach Hause zu gehen. Langsam und resigniert trotteten sie die Straße hinunter. Die Sache musste in Ruhe überdacht werden. Jetzt durfte kein Fehler passieren, kein falscher Schritt mehr gegangen werden. Caterina fing leicht an zu zittern und dachte ernsthaft darüber nach, ihren Bruder Peter als Stadtvogt in dieser Sache zu Rate zu ziehen. Wenn sie daran schon dachte, musste es wirklich sehr ernst um sie stehen, war das Verhältnis der Geschwister doch nicht besonders gut. Es war nun gerade erst drei Jahre her, dass drei Frauen in Schleswig der Hexerei angeklagt worden waren und öffentlich auf dem Rathausmarkt verbrannt wurden. Die Schreie und der Geruch, der in der Luft lag, waren grauenvoll gewesen. Wie schnell stand man offenbar unter Verdacht. „Herr im Himmel“, dachte Caterina, „schütze uns vor allem Unbill.“ Die beiden Frauen konnten nicht ahnen, dass die Schlinge sich schon zu diesem Zeitpunkt immer fester um sie zu zuziehen begann.

Christoffer Schmidt hatte sich, nachdem er das Bunthmakersche Haus wutschnaubend verlassen hatte, sogleich in den Stall auf der Hinterseite des Gebäudes begeben, um die Stadt so schnell wie möglich gen Eckernförde zu verlassen. Er konnte sich kaum mehr beruhigen, hatte ihn dieses vermaledeite Weib doch ein weiteres Mal in der Öffentlichkeit brüskiert. Wütend zerrte er an den Zügeln, um sein armes Reitpferd aus dem Stall zu ziehen. Als er unmittelbar darauf feststellen musste, dass sein Pferd beim Verlassen des Stalles zu lahmen begann und er sich daraufhin leihweise ein sehr viel schlechteres Ersatzpferd aus dem Bunthmakerschen Stall hatte geben lassen müssen, war das Maß für ihn endgültig voll. Auf dem ganzen Weg nach Eckernförde fluchte er laut in den Wald hinein und es war ihm dabei fast egal, ob er gehört oder sogar erkannt wurde. Bereits früh am nächsten Morgen tauchte er jedoch in Schleswig erneut auf und ließ sich, nun merklich kaltblütiger, alsbald auf dem Rathaus am Großen Markt melden. Hier hatte er sich zunächst vorbei an den beiden Wachen mit ärztlicher Autorität Zugang zum Rathaus zu verschaffen gewusst und sich auch vom Ratsdiener, der ihn gleich am Eingang in Empfang genommen hatte, nicht abweisen lassen. „Was ist Euer Begehr?“, hatte ihn dieser gleich am Aufgang zu den Räumen des Amtsschreibers gefragt. „Ich will eine Klage vorbringen!“, hatte der Arzt den Diener kurz angebunden wissen lassen. „Dann solltet ihr, wie dafür vorgesehen, am kommenden Freitag in den Vormittagsstunden hier erscheinen“, wies ihn der Amtsdiener so zurecht, als hätte er diese Aussage am heutigen Tag schon ein Dutzend Mal von sich gegeben. Doch Christoffer Schmidt war jetzt um keinen Preis mehr dazu zu bewegen, wieder umzudrehen, egal was für ein Wochentag heute war und zu welcher Stunde er regulär hätte erscheinen dürfen. So hatte er weiterhin darauf bestanden, sofort vorgelassen zu werden und den Diener dabei fest angesehen. „Ihr könnt jetzt nicht vorsprechen. Der Rat tagt in diesem Augenblick“, beharrte dieser. Der Rat der Stadt Schleswig setzte sich aus zwei Bürgermeistern und sechs Ratsverwandten zusammen. Diese waren auf Lebenszeit ernannt worden, während der Bürgermeister aus der Mitte des Rates anfänglich alljährlich gewählt worden war. Schon seit geraumer Zeit aber war der Bürgermeister ohne Wahl für eine Reihe von Jahren im Amt, ohne neu gewählt worden zu sein. Der Rat der Stadt, mitsamt den beiden vorstehenden Bürgermeistern, war nicht nur für die gesamte Verwaltung Schleswigs zuständig, auch die Befugnisse des Stadtgerichtes, einschließlich der höheren Gerichtsbarkeit und der Rechtsprechung lag in ihren Händen. Aus diesem Grund war es Schmidt wichtig, sofort vorgelassen zu werden, um dem Amtsschreiber sein Anliegen schnellstmöglich vorzutragen. Auf dass es den Herren alsbald vorgelegt werden sollte. „Ich muss eine Hexe zur Anzeige bringen“, sagte er eindringlich und sofort erschien wieder dieses dunkle charakteristische Rot in seinem Gesicht, welches immer in Erscheinung trat, wenn er sich aufregte. „Nun“, entgegnete der Gerichtsdiener – hellhörig geworden – und man sah seinem Gesichtsausdruck an, dass sich die Sachlage offensichtlich gerade zu ändern begann, „ich will sehen, was ich tun kann.“ In diesem Moment erschien ein untersetzter Mann oben am Treppenabsatz. Nicht nur durch seine schwere polierte Amtskette, sondern auch durch seinen aus weißem Leinen bestehenden gestärkten Mühlsteinkragen und den Pelzbesatz an den Ärmeln war er ohne Zweifel als einer der Bürgermeister der Stadt zu erkennen. Auch sein gepflegter Kinn- und Schnurrbart wies auf einen gewissen Wohlstand hin. Christoffer Schmidt starrte den Mann, immer noch unten an der Treppe stehend, fasziniert an. Allein die Amtskette und der ebenfalls silberglänzende Gürtel des Bürgermeisters mit der daran angebrachten prunkvollen Messerscheide und der dazugehörigen Waffe musste ein Vermögen wert sein. In letzter Minute besann sich der Arzt der Situation, in der er sich befand, beherrschte sich, schloss seinen Mund, den er vor lauter Bewunderung vor dem geachteten und geschätzten Mann weit offen hatte stehen lassen und machte eine höfliche Verbeugung Richtung Treppe. Johannes Beer, der erste Bürgermeister der Stadt, war nun schon einige Jahre im Amt und hatte in dieser Zeit an Leibesfülle mächtig zugelegt. Ursprünglich war er vor seiner Zeit als Bürgermeister nicht nur Mitglied des Rates, sondern zusätzlich noch Apotheker von Beruf gewesen. Als ein solcher hatte er die herzoglich privilegierte Apotheke am Großen Markt geführt. Christoffer Schmidt hatte als Arzt selbst in Eckernförde davon reden hören, dass Beer schon in seiner Zeit als Apotheker eine unliebsame Konkurrenz in den immer zahlreicher werdenden Kräuterfrauen und den über die Lande ziehenden Heilern und Heilerinnen gesehen hatte und diese auf das härteste bekämpfte und ihre Tätigkeiten und den Verkauf einzugrenzen suchte. Jetzt als Bürgermeister erfüllte zusätzlich der Tatbestand der Zauberei den gottesfürchtigen Mann mit der allergrößten Abscheu. Als Bürgermeister war er mächtig stolz auf das große eindrucksvolle Haus mit Hof, Backhaus und dazugehöriger Steinbude bei den Marianer-Wohnungen nahe des Domes, welches ihm gehörte.

Der Bürgermeister beachtete Schmidt nicht weiter, kam jetzt eilends die knarzende Treppe herunter und ging zielstrebig auf eine Tür zu, von der der Arzt zunächst nicht wusste, wohin sie führte. Von einer vom Amtsdiener angekündigten Ratsversammlung war nichts zu bemerken. „Hoher Herr“, rief Christoffer Schmidt jetzt ein wenig linkisch, wohl wissend, dass das vermutlich nicht die vorgesehene Anrede für einen Bürgermeister war, „es befindet sich eine Hexe in der Stadt“. Wie vom Blitz getroffen, blieb Beer in der Tür stehen, die er soeben geöffnet hatte. Man erkannte einen Raum dahinter, der offensichtlich mit Regalen und Folianten darauf vollgestellt war. „Wen meint Ihr?“, fragte der Bürgermeister mit eiskalter leicht knarrend klingender Stimme, drehte sich um und sah den Arzt durchdringend an. Schmidt musste unwillkürlich schlucken, als er die vielbeschriebene Abscheu des Bürgermeisters vor Zauberinnen, Kräuterfrauen und selbsternannten Heilkundigen jetzt so schnell offen zu Tage treten sah. „Kommt in mein Amtszimmer“, forderte Beer den Arzt unmittelbar darauf auf, während er zwei der großen und schweren Folianten zielgerichtet und ohne lange zu suchen aus dem Regal in dem Raum, den er kurz betreten hatte, mit sich nahm. Während der Bürgermeister schweren Schrittes und hörbar schnaufend die soeben zurückgelegten Treppen wieder hinaufstieg, so dass diese, wie auf dem Hinweg, wieder leicht zu ächzen begonnen hatte, sprach er weiter: „Das muss eingehend besprochen werden.“ Schmidt stieg ihm fast beseelt hinterher. Von seiner anfänglichen Wut war jetzt nichts mehr zu spüren. Zu sehr war er jetzt davon beglückt, dass dieser hochachtbare Mann in anzuhören bereit war, hatte er doch nur mit der Aufnahme der Anklage bei einem mürrischen Schreiber gerechnet. Im Vorbeigehen fing Schmidt noch den erstaunten Blick des Amtsdieners auf, welcher wohl ebenfalls von der plötzlich hervortretenden Tatkraft des übergewichtigen Bürgermeisters überrascht wurde. „Wer ist es und was werft ihr der Frau vor?“, fragte Beer in seinem Amtszimmer, während er sich in seinem prunkvollen Sessel zurechtrückte und die samtenen Kniebundhosen glattstrich. Schmidt hatte jetzt das merkwürdige Gefühl, als hörte der Bürgermeister nicht zum ersten Mal von diesem Tatvorwurf der Hexerei, als dieser jetzt routiniert seinen Schreiber, der sich bisher unbemerkt im Hintergrund gehalten hatte, leise aufforderte zu protokollieren. „Ich klage Caterina Eggerdes, Frau des Hans Toffelmaker in Schleswig, der Schadenszauberei an! Sie hat mich am gestrigen Abend verflucht und einem mir anbefohlenen Kranken wohl mit ihrem gottlosen Wirken schwer geschadet. Des Weiteren hat sie heute des Nachts mein Pferd verhext, so dass es zusammenbrach. Weiterhin klage ich sie an, in der Vergangenheit verbotene Zauberei und dazugehörige Sprüche angewandt zu haben, angeblich um zu heilen. Sie hat gotteslästerliche Reden geschwungen und auch hat sie allerlei Tränke und Salben genutzt, die doch der ehrbaren Apothekerkunst vorbehalten sein sollten.“ Schmidt war in Wirklichkeit bei keiner Behandlung Caterinas je zugegen gewesen und kannte ihre Methoden nur aus Erzählungen und aus eigenen Mutmaßungen. Den letzten Satz über das Recht des Apothekers auf den Verkauf derlei Pflanzen und das Anmischen von Salben hatte er nur eingebracht, um den Bürgermeister als Apotheker in jedem Fall auf seine Seite zu bringen. Belegen hätte er diese Behauptung nicht können. Der Bürgermeister schnaubte vernehmlich geringschätzend durch die Nase und sagte. „Das genügt und reicht hinlänglich für eine Anklage.“ Dann ließ er nach dem Stadtvogt rufen. „Kennt Ihr sie? Ist sie schon aktenkundig hier geworden?“, sah sich Schmidt jetzt ermutigt zu fragen. „Darüber werdet ihr beizeiten unterrichtet, wenn es zum Prozess kommt“, entgegnete der Bürgermeister jetzt wieder eisig. Beer ging dabei in Gedanken die vielen Geschichten durch, die er über Caterina, ihren Mann und die zum Haushalt gehörende Magd bereits gehört hatte. Erst kürzlich war er von einem Betrugsfall unterrichtet worden, in den der Mann der Eggerdes, Hans Toffelmaker, und der Rüstungsschmied Platensleger verwickelt waren. Ohnehin wollte er der Geschichte nachgehen und den Toffelmaker verhaften lassen. Auch über die Magd Abelke, so war doch ihr Name glaubte er sich zu erinnern, war vereinzelt berichtet worden. Wurde doch ihr Vater dereinst in einem Hurenhaus in Schleswig ergriffen. Bisher war keine dieser Geschichten zu Anzeige gebracht worden, aber was nicht war, konnte ja noch werden. Jakob Stenbrugger, Abelkes Vater, war auf Wunsch einflussreicher Bürger dereinst nicht mit dem Tod bestraft, sondern lediglich ausgepeitscht und aus der Stadt geprügelt worden. Man müsste wohl nur einmal tiefer graben, dann würde all das Böse und Verdorbene dieser Frauen schon zum Vorschein kommen. „Ich erhebe nun Anklage gegen diese Frau, Caterina Eggerdes“, wiederholte sich Christoffer Schmidt nun, um den Bürgermeister wieder in die Wirklichkeit zurückzuholen. Dessen Gesichtszüge wirkten jetzt wie erstarrt, als er so unsanft aus seinen Gedanken gerissen wurde. „Welche Beweise könnt Ihr gegen diese Frau vorbringen? Gibt es Zeugen für dieses Verbrechen?“ fragte er mit schneidender Stimme. „Oh, ja. Ich kann Euch eine Fülle von Schleswigerinnen und auch Schleswigern nennen, die diese Vorgänge gesehen haben und zur Not auch beeiden können. Fragt den ehrwürdigen Stadtvogt Peter Eggerdes, der war selbst auch zugegen“, antwortete der Arzt beflissen. „Soso, der Eggerdes auch“, dachte Bürgermeister Beer jetzt laut nach und strich sich nachdenklich übers Kinn. Es sah nicht gut aus, wenn ein hochrangiger Vertreter der Stadt und gleichzeitig auch ein Mitglied des Rates in solch Vorkommnisse verwickelt schien. „Könnt Ihr beeiden, dass sich alles so zugetragen hat?“ „Ja, das kann ich auf Ehre und Gewissen“, brach es fast von allein aus Christoffer Schmidt heraus. Er war vor lauter Eifer sogar halb aufgestanden und machte erneut einen Bückling. „Bleibt ruhig stehen. Ihr haltet Euch dann in dieser Sache zu meiner Verfügung. Ich will Euch nun in Euren Geschäften auch nicht länger aufhalten.“ Mit diesen Worten war Schmidt offenbar entlassen. Er verließ, sich rückwärts verbeugend, das Amtszimmer und wäre fast über den Amtsdiener gestolpert, der im Beisein des Stadtvogtes soeben vor der Tür Aufstellung genommen hatte, um nach Aufforderung einzutreten. „Nur herein Eggerdes“, rief jetzt der Bürgermeister von seinem Sessel aus, „ich habe dringlich mit Euch zu sprechen. Der hochgewachsene Stadtvogt betrat den Raum. Leicht nervös strich er sich wiederholt den Spitzbart an seinem Kinn, der sich keck immer wieder von allein in die Höhe reckte. Während der Eckernförder Arzt geschäftig die Treppe hinuntergeeilt war, um den Rückweg anzutreten, kam Peter Eggerdes eher zögerlich näher an den obersten Bürgermeister heran. Noch bevor der Amtsdiener die Tür ganz hinter ihm geschlossen hatte, war ihm klar, dass etwas passiert sein musste, was ihn als Amtsperson im hohen Maße fordern würde. Der Bürgermeister hatte diesen seltsamen Blick aufgelegt, den er nur hatte, wenn etwas Gravierendes passiert war. Peter Eggerdes beschloss sich in acht zu nehmen, als er jetzt seine höfliche, nur sehr leicht angedeutete Verbeugung direkt vor dem Tisch des Bürgermeisters machte. Als Ratsherr stand ihm sein gelebter Standesdünkel vor dem Bürgermeister durchaus zu. Eggerdes versuchte bei seiner angedeuteten Begrüßung zu ignorieren, dass der Bürgermeister gerade mit einem der großen Wälzer, die er von unten mitgebracht hatte, mutwillig eine große braunschwarze Spinne auf dem Tisch zerdrückt hatte. „Eggerdes, ich habe ein dringliches Anliegen an Euch. Eilt mir dem davonreitenden Arzt auf dem Weg nach Eckernförde nach, ohne Euch sehen zu lassen. Bringt mir so viel in Erfahrung über ihn, wie Ihr nur zusammentragen könnt. Mit wem trifft er sich? Wo kehrt er ein? Welche Schwächen hat er? Ihr wisst schon. Ich hoffe am Freitagvormittag wieder von Euch zu hören. Die Zeit drängt. Und denkt daran, der Arzt darf Euch in keinem Fall erkennen. Die Sache ist zu heikel, als dass ihr Eure Leute schicken könntet. Ihr haftet mir persönlich dafür. Außerdem betraue ich Euch mit einer etwas heiklen Angelegenheit. Ich möchte, dass Ihr nach Eurer Rückkehr aus Eckernförde einen Täter dingfest macht. Ich denke da an … Euren Schwager Hans Toffelmaker.“

Im Ratskeller zu Schleswig

Es war überraschend schnell dunkel geworden, als der Stadtvogt den nicht allzu langen Weg von Eckernförde zurück nach Schleswig angetreten hatte. Doch trotz der Dunkelheit lag nach den langen kalten Monaten eindeutig endlich ein leichter Hauch von Frühling in der Luft. Nicht nur die Natur, auch die Menschen in den Städten und auf den Dörfern hatten schon in den letzten Tagen hörbar aufatmen können, war doch mit den ersten kräftigen Sonnenstrahlen am Tag die Jahreszeit des Todes und der Krankheit noch einmal wieder an ihnen vorbei gegangen. Von den Feldern ringsherum erhob sich, trotz der eingebrochenen Dunkelheit, der kräftige Geruch nach Erde, und zwischen dem toten Unterholz vom letzten Jahr konnte man noch immer schemenhaft die ersten grünen Pflanzen des Jahres auf dem Waldboden erkennen. Doch für all das hatte Peter Eggerdes jetzt keine Augen. Zu viel hatte er in seinem Kopf zu verarbeiten. Der Stadtvogt hatte in Eckernförde Dinge erfahren, die nicht nur den Bürgermeister interessieren, sondern auch seine Schwester Caterina schwer belasten würden, sollte er sein Wissen mitteilen. Man hatte ihm während seiner eindringlichen Nachforschungen mitgeteilt, dass nicht nur seine Schwester, sondern auch der Arzt Christoffer Schmidt in Eckernförde in dem Ruf standen Zauberer und Magier zu sein. Schmidt war des Weiteren sogar noch als Nekromant benannt worden. Für einen Mann mochte das angehen und Schmidt würde bei einer Anzeige vermutlich unbehelligt bleiben, seine Schwester aber brachten die Gerüchte, die wohl schon über Jahre in der Stadt kursierten, in ernsthafte Gefahr. Außerdem hatte Caterina wohl Unbedachtes und auch Wohlbedachtes zu oft und vor den falschen Leuten ausgesprochen und sich damit viele Feinde gemacht. Wie gehetzt wandte er sein Pferd zum Waldrand hin, kurz leicht irritiert von der leicht bedrohlich wirkenden Geräuschkulisse nicht zuordenbarer Waldtiere und den noch so fern erscheinenden Lichtern der Stadt, die ihm jetzt unwirklich und fremd entgegenblinkten. Was er zu tun hatte, duldete keinen Aufschub und er wusste, er musste es leise und heimlich tun. Das war er seiner Schwester und dem Ansehen der Familie schuldig. Und war er es sich selbst nicht auch schuldig, wollte er Stadtvogt bleiben? Schon ragte groß und finster das Schloss der Gottorfer vor ihm auf. Man hörte, wie im Turm gerade der Hammer ausholte und die Glocken ließen die späte Stunde zur Stadt Schleswig herüberschallen. Doch auch wenn die Stadt doch fast erreicht sein musste, bogen sich die Äste der dicht zusammenstehenden Bäume an dieser Stelle so leicht im Wind, dass ihre Bewegung, gegen den Nachthimmel gesehen, wie Arme und knorrige Finger erschienen. „Verschonet mich ihr Kreaturen der Nacht“, flüsterte Stadtvogt Eggerdes zu sich selbst in Richtung Wald, machte das Kreuzzeichen in die Luft, spuckte auf den Waldboden, gab seinem Pferd fast hektisch die Sporen und ritt am Schloss vorbei eilends auf die Stadt zu. Schon bald hatte er den düsteren, immer leicht moderig riechenden und abschüssig gelegenen Vorort mit dem Namen „Lollfuß“ mit seinen vereinzelten Hütten passiert und die Reste des Stadtgrabens mit dem hohen Stadttor fast erreicht. Die hereingebrochene Dunkelheit stellte für ihn als Stadtvogt und damit auch als obersten Anführer der Stadtwache kein Hindernis für den Eintritt in die Stadt dar. Zumal das Stadttor, auf das er jetzt zu galoppierte, ohnehin seine eigentliche Funktion als Teil der Befestigung lange verloren hatte. Trotzdem schlüpfte Peter Eggerdes aus alter Gewohnheit durch eine kleine Seitenpforte und mit Hilfe eines geheimen Klopfzeichens in die Stadt – und atmete erleichtert auf. Kurz darauf hatte er mit seinem Pferd den sicheren Rathausmarkt im Zentrum erreicht.

Ein leicht dunstiges Licht brach sich aus dem Ratskeller Bahn und durch die Dunkelheit hörte er, da die Stunde des Zapfenstreichs noch weit entfernt war, Fetzen von Fidel- und Cornamusenklang unter dem Rathaus hervor tönen. In der Hoffnung, den Gesuchten hier anzutreffen, zügelte er das Pferd und brachte es im nahen angrenzenden Stall unter. Als er die schwere Tür zum Ratskeller unwillig aufstieß, war der Raum gedrängt voll von Menschen. Männer wie Frauen standen zum Teil dicht zusammen, zum anderen saßen sie fast aufeinander und machten ein Geschrei zusätzlich zur Musik, dass man sein eigenes Wort kaum mehr verstand. Dazwischen tanzten Menschen auf engstem Raum oder torkelten betrunken durch die Menge. Der Schein der Unschlittkerzen, die an verschiedenen Stellen unter den Balken auf einem Kreuzholz schwebten, ließ so manches stadtbekannte bärtige und teils auch vernarbte Gesicht im ansonsten eher dunkel erscheinenden Raum erkennen. Man sah zuweilen auch Gestalten, denen man des Nachts lieber nicht allein begegnet wäre. Es schienen sich hier aber nicht nur Strolche und auch Handwerksburschen zu vergnügen, in Nähe der Musikanten, die unweit des Zuganges zur guten „Bürgerstube“ auf ihren Tonnen standen oder saßen, erkannte man vereinzelt vornehmere Ratsherren und gut beleumundete Bürger der Stadt im Getümmel. Hier stand auch Hans Toffelmaker. Er hatte seinen Mantel über den einen Arm gelegt, an dem anderen hing ihm ein üppiges Mädchen. Aber das von den Musikanten vorgetragene Musikstücklein schien ihm nicht zu gefallen, denn er riss dem einen Fidler seinen Bogen aus den Händen, warf alsbald darauf eine Handvoll Münzen auf die Tonne und verlangte, dass sie ihm einen schnelleren Springtanz spielen sollten, so wie er in vielen Städten gerade in Mode gekommen war. Als die Musikanten ihm unmittelbar gehorchten und wie wahnsinnig geworden die gewünschte Tanzmelodie erklingen ließen, schrie er nach Platz auf der Tanzfläche und torkelte in das ohnehin schon bewegte Knäuel an Leibern. Einige Handwerkerburschen glotzen stumpf in den Raum und beobachteten, wie ihm das Mädchen im Arm lag, fast so wie die Beute eines gierigen Raubvogels in seinen Fängen.

Peter Eggerdes hatte Toffelmaker auf der Tanzfläche noch nicht gesehen. Er wandte sich ab und trat an den vorderen Schanktisch, um mit dem Wirt zu sprechen, den er förmlich anbrüllen musste, um ihn zu erreichen. Als er ihn nach Hans Toffelmaker fragte, wies der Wirt nur mit einem Kopfnicken in Richtung Tanzfläche, zu der es kaum ein Durchkommen gab, ohne sich selbst dabei zu gefährden. Am Tisch nahe dem Tresen sah Peter Eggerdes ein paar wohl bekannte Schleswiger Bürger. Er erkannte Oleff Schomaker, Benedictus Sarow und Thomas Kalunth aus der „Langen Straße“, die bei einem Krug Wein saßen, und er setzte sich vorerst zu ihnen, um eine gute Gelegenheit abzupassen und Toffelmaker zum Sprechen auf die Straße zu führen. Doch noch bevor ein Gespräch am Tisch beginnen konnte, insofern dieses bei dem Tumult überhaupt möglich gewesen wäre, kam Toffelmaker auch schon selbst herbei gestürmt und schrie dem Wirt zu, ihm einen kühlen Trunk zu beschaffen. Der am Tisch sitzende Thomas Kalunth aber, dem die Zunge bereits schwer geworden war, fasste Toffelmaker am Arm und riss ihn auf einen leeren Stuhl herunter. Nun Hans!“ rief er, „Bist Du noch nicht Deiner Dirne überdrüssig! Was soll Deine Caterina dazu sagen? Komm, lass uns einen ehrbaren Würfel zusammen werfen!“ Dabei zog er einige Würfel unter seinem Gewand hervor. Peter Eggerdes sah eine Weile dem Spiele zu und wünschte sich, dass die Nacht vergehen und der frühe Morgen endlich kommen möge, damit er Hans Toffelmaker unauffällig allein sprechen konnte. Zu delikat war die ganze Angelegenheit. Dem gänzlich betrunkenen Toffelmaker schien das Würfelglück nicht gewogen zu sein, weil die Augen seiner geworfenen Würfel oft eine zu geringe Summe bildeten. „Tröste Dich Hans!“ sagte Benedictus Sarow neben ihm, während er schmunzelnd seinen Gewinn an Münzen auf dem Tisch zusammenstrich. „Pech im Spiel bedeutet Glück in der Liebe! Schnapp Dir dein Mädchen hier und lass Dich nach allen Regeln der Kunst von ihr verwöhnen.“ Das Mädchen war aber bereits entschwunden und hatte sich inzwischen wahllos mit einem anderen Mann in der Menge beholfen, der nach ein paar Münzen aussah und an dessen Arm sie jetzt hing. Toffelmaker stierte grimmig vor sich hin und schlug schließlich fluchend auf den derben Tisch, so dass der Krug Wein umfiel.

„Ei, bist Du gar eifersüchtig, Hans“, sagte Thomas Kalundt vergnügt, als ob er jedes Wort auf seiner ohnehin schon schweren Zunge auskosten wollte, „aber tröste Dich wiederum, soeben sehe ich Dein Weib den Ratskeller betreten und sich nach Dir umsehen.“ Bei diesen Worten sah man den Pantoffelmacher aufzucken und schnell wie ein Wiesel wollte er durch die Hintertür den Keller verlassen, als Eggerdes seinen Schwager am Gewand packte. „Nicht so eilig Hans. Ich habe mit Dir zu reden.“ „Nicht jetzt“, entgegnete Toffelmaker verblüfft, stierte seinen Schwager trunken an und versuchte sich aus dem Griff Eggerdes zu befreien. Caterina war inzwischen auf die Gruppe aufmerksam geworden und drängte sich durch die Menge in Richtung des Schanktisches, in dessen Nähe ihr Bruder und ihr Mann gerade ein wütendes Ringen miteinander begangen. Es fügte sich, dass der Stadtvogt beide Handgelenke Toffelmakers zu fassen bekam und dieser nun praktisch wie gefesselt vor ihm stand. Keiner von ihnen hatte dabei einen weiteren Ton verlauten lassen, aber als sie sich in die Augen sahen, wusste Peter Eggerdes in dem Moment plötzlich, dass er es nicht mit einem angeheirateten Verwandten, sondern mit einem Feind zu tun hatte. Toffelmakers von Trunkenheit gerötete Augen sprühten jetzt aus einem ihm unbekannten Grund geradezu vor Hass und Ablehnung. Dies schien auch Benedictus Sarow am Tisch wahrzunehmen, er versuchte aufzustehen, um dem Stadtvogt zur Hilfe zu kommen, hatte aber zu viel von dem Wein genossen und taumelte auf seinen Platz zurück. Peter Eggerdes erkannte, kurz bevor Caterina den Tisch erreichte, dass jede Mühe, die Sache klein zu halten, vergeblich sein würde und dass der Tumult nur noch größer werden würde, je mehr er auf sich aufmerksam machte. Und so richtete er sich auf und schrie mit lauter Stimme in Richtung Toffelmakers: „Hans Toffelmaker, Du bist ein Lump, ein Ehebrecher und ein Schürzenjäger. Das weiß hier jeder. Ich aber klage Dich des Betruges an. Betrug an dem Rüstungsschmied Hinrick Platenslegers in Schleswig und fordere Dich auf mit mir zu kommen.“ Die Musik setzte aus. Auf einmal war es fast ruhig geworden im Ratskeller. Caterina hatte ihren Mann inzwischen erreicht und starrte sprachlos und entsetzt auf ihren Bruder, als dieser an ihr vorbeiging und ihr ins Ohr flüsterte, so dass wohl nur sie es hören konnte: „Und Dich Schwester muss ich bald ebenfalls anklagen, so sagte mir der Bürgermeister – wegen Schadenszauber und Hexerei! Bald nun hast Du ausgetanzt und Dein Körper wird dem Feuer verfallen sein.“

Fortsetzung folgt…


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