„Nichts als Asche“ – Teil 5

„Nichts als Asche“ – Teil 5

29. Januar 2022 Aus Von Jens Nielsen

Ein historischer Fortsetzungsroman aus der Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig. Kapitel 5.

Bild: Jens Nielsen

Kapitel 5

Verleumdung

Die nächsten Tage nach der Beerdigung des Bunthmakers waren sehr schwer für Caterina und Abelke. Zusammen mit Hans Toffelmakers Mutter und mit dem kleinen Johann saßen sie oft zusammen in der kleinen Kräuterküche, um zumindest die nächstanstehenden erforderlichen Arbeiten zu erledigen und auch um sich abzulenken. Eine Lösung war ihnen nicht eingefallen und auch Caterina hatte ihren Plan verworfen, ihren Bruder um Hilfe zu bitten, hatte dieser doch unlängst zu ihr gesagt: „Wenn Du als Toversche einst brennen musst, was bleibt mir über, als dem Rauch aus dem Wege zu gehen.“ Er würde ihr nicht helfen. Allein, um seine Position als Ratsherr und Stadtvogt nicht zu gefährden, würde er nichts für sie tun. Elisabeth Toffelmakers war, anders als ihr Sohn, eine kleine zierliche gebeugte Frau mit einer sehr schnellen Auffassungsgabe. Sie ging Caterina oft zur Hand, wenn es neben der Betreuung von Kranken in der Stadt auch noch im Haushalt so einiges zu tun gab, was selbst Abelke nicht mehr gut allein erledigen konnte. Und auch Caterina und Hans Toffelmakers Sohn Johann versorgte sie als Großmutter mit, wenn es erforderlich war. Sie war nicht nur eine sehr verständige ältere Dame, die schon das Wissen um Kräuter und Wurzeln vor Jahrzehnten erlernt hatte, ohne dass man so recht wusste woher. Auch ihre Art zu trösten und zuzuhören, hatte Caterina schon so manches Mal wieder auf den Weg geführt, wenn sie an ihrem Mann im Besonderen und an dem Tun der Menschen im Allgemeinen zu verzweifeln drohte. Merkwürdig, dass Mutter und Sohn Toffelmaker des gleichen Blutes sein sollten. Elisabeth Toffelmakers Kenntnisse von Salben und Tinkturen stammten oft aus einer Zeit, die sehr weit zurück lag, doch waren ihre wirkungsvollen Rezepte es wert, beibehalten und übernommen zu werden. Das hatte Caterina des Öfteren voller Ehrfurcht feststellen müssen.

Die vier saßen nun am Morgen des dritten Tages nach der Beerdigung um den blankgescheuerten Holztisch, waren zutiefst beunruhigt und es viel allen schwer, etwas Sinnvolles zu beginnen. Die Frauen waren zwar in letzter Zeit wiederholt des Nachts umhergestreift und hatten nützliche und heilbringende Pflanzen gesucht und Wurzeln ausgegraben, so wie sie es oft im Dunkeln taten, um allein zu sein und niemand fremden zu begegnen. Die ersten Frühblüher im Jahr brachten so manches nahrhafte und für den Menschen wichtige an die Erdoberfläche. Doch auch das Sammeln und Graben hatte ihnen keinen Frieden gebracht und jetzt wollte keine so recht mit dem Tagewerk beginnen. Schließlich hielt Caterina die quälende Lethargie nicht mehr länger aus, stand auf und nahm sich einige Kräuter von dem dünnen Seil herunter, welches quer durch die Kräuterküche gespannt war, legte diese auf den Tisch und nahm einige weitere Utensilien hervor, die sie für ihre Arbeitsvorbereitungen brauchte. Wie durch ein verabredetes Zeichen machten sich jetzt auch die anderen beiden Frauen an den Kräutern zu schaffen und begannen geschäftig, diese in kleine Stücke zu schneiden, froh der Teilnahmslosigkeit zu entrinnen und etwas zu tun zu haben. Anschließend machten sich alle gemeinsam daran, den übergroßen Vorrat an frisch gepflückter Knoblauchrauke zu sortieren und zu zerkleinern, war diese Pflanze jetzt im Frühjahr doch ein besonders wichtiges Kraut, da es die Müdigkeit nach der langen dunklen Jahreszeit vertrieb. Die frisch geschnittene Pflanze war außerdem nicht nur bei Husten hervorragend geeignet, es wirkte zerkaut und gequetscht auch noch um eitrige Wunden damit zu behandeln. Caterina hatte es auch schon erfolgreich gegen Bettwanzen und gegen andere Insektenstiche eingesetzt, auch schwur sie auf die grundsätzlich entgiftende und kräftigende Wirkung der Pflanze. Elisabeth Toffelmaker hatte jetzt begonnen über dem Herdfeuer etwas Wollfett zu erwärmen, um darin klein gehacktes Scharbockskraut einzurühren. Die nach der Abkühlung entstehende Salbe war besonders für schmerzhafte, nässende, blutende oder juckende Auswölbungen am After sehr lindernd. Während die Frauen noch mitten in der Arbeit waren und selbst Johann begonnen hatte, das Scharbockskraut mit zu sortieren und von Erde zu befreien, brach Abelke endlich das Schweigen und sagte zu Caterina: „Ich bin ja jetzt schon einige Zeit bei Dir und wir haben schon viele Tränke und Salben und Öle und Umschläge miteinander zubereitet, doch nie habe ich Dich die Sprüche bei der Herstellung sagen gehört, auf die doch angeblich bei der Fertigung so große Stücke gehalten wird.“ Caterina zuckte erschreckt zusammen und auch Elisabeth Toffelmaker sah erstaunt von ihrer Arbeit auf. „Ich kenne solche Sprüche nicht“, entgegnete Caterina vorsichtig „und in solchen Zeiten ist es auch besser sie nicht zu kennen.“ „Und Ihr, Mutter Toffelmaker? Kennt Ihr solche Sprüche und wollt Ihr sie mir nicht beibringen?“ Auch Elisabeth Toffelmaker winkte vom Herd müde ab und schüttelte nur den Kopf. „Die Pflanzen wirken oder sie wirken eben nicht. Da kann auch ein Spruch nichts daran ändern.“ „So manche Frau, die versucht hat, ihre Salbe mit derlei Sprüchen aufzuwerten, fand sich schnell vor dem Stadtgericht wieder. Besonders unserer Bürgermeister Johannes Beer wartet als Apotheker nur auf eine Frau, die ihre Salben verkauft und mit Sprüchen daherkommt, die die Heilwirkung der Inhaltsstoffe erhöhen sollen. Vergiss das besser ganz schnell wieder“, schaltete Caterina sich jetzt wieder ein. „Ich verstehe aber nicht, wieso der Arzt aus Eckernförde, dieser Christoffer Schmidt, die Heilkunst betreibt und Salben und Tränke verkauft, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden und auch Apotheker wie Johannes Beer ihre Salben und allerlei andere Dinge verkaufen dürfen, während es bei den Frauen, die das alte Wissen beherrschen und anwenden, Unrecht sein soll. Das ist doch nicht gerecht“, entrüstete Abelke sich. Sie musste an ihren Vater denken, der wegen des Aufsuchens eines Hurenhauses aus der Stadt geprügelt worden war. Damals war es bei ihm eine schwere Sünde, so hieß es, und man ließ ihn am Leben, während der Ehebruch bei Frauen immer noch als unverzeihliches Verbrechen galt und mit dem Tode bestraft wurde. Elisabeth Toffelmaker legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter. „Ich habe Angst“, sagte Abelke unvermittelt, „große Angst. „Ich auch“, gab Caterina zu und spürte wieder ihr altes Augenzucken auf der rechten Seite.

Abelke verfolgte aus dem Augenwinkel, während sie heimlich ihre Wimpern trocknete, die Bewegungen von Caterina, die jetzt unter den Tisch in eine Kiste griff und aus einer kleinen Schatulle ein umwickeltes Tüchlein hervorholte, welches sie Abelke in die Hand drückte. „Öffne es“, sagte Caterina jetzt. „Du weißt was das ist?“ Hervor kam eine spindelförmige weißliche Wurzel, die auch jetzt noch schwach den Duft von Mäuse-Urin verströmte. „Ja“, flüsterte Abelke „das ist die Wurzel des gefleckten Schierlings. Ihr erzähltet davon. Warum besitzen wir hier so eine Wurzel?“ „Nun“, sagte Frau Toffelmaker unvermittelt „die Pflanze ist als betäubendes und als entkrampfendes Mittel sehr wirkungsvoll. Man muss nur die richtige Menge kennen.“ Abelke wurde klar, wie viel sie noch von den älteren Frauen zu lernen hatte. Eine falsche Dosierung konnte einen gut gemeinten Heilungsversuch schnell zu einem Mord werden lassen. „Johann“, sprach Caterina ihren Sohn liebevoll an „geh doch mal zu Deinem Vater in die Werkstatt. Ich möchte mit Deiner Großmutter und Abelke etwas wichtiges besprechen – unter Frauen“. Während sie das sagte, zwinkerte sie Johann zu, so dass dieser gehorsam die Kräuterküche verließ. Solche angekündigten Gespräche versprachen für ihn meist recht langweilig zu werden. Während er sich zur Werkstatt aufmachte, schloss Caterina die Tür, setzte sich dann wieder an den Tisch und nahm jeweils eine Hand der beiden Frauen in die ihren. „Ich möchte, dass Ihr beiden mir etwas ganz fest versprecht! Sollte ich je verhaftet werden und brennen müssen, lasst mir ein ausreichend großes Stück einer Schierlingswurzel zukommen!“ Abelke und Elisabeth blickten Caterina fest in die Augen und sagten nichts, aber ihren Blicken war zu entnehmen, wie sie darüber dachten.

Anne Platensleger hatte bei sich in ihrem Hause zunächst nur untätig am Tisch gesessen und nachgedacht. Da sich für sie die Gelegenheit mit Buntmakers Gesellen Hinrick Lange zu sprechen, so wie sie es den Frauen auf dem Sweinsmarkt versprochen hatte, in naher Zukunft nicht so ohne weiteres von allein ergeben würde, hatte sie sich ein Herz gefasst, um sich auf den Weg zu machen, obwohl ihr nicht mehr ganz wohl bei der Sache war. Nach dem Gespräch mit Wiebeke Butelmaker hatte sie beschlossen, wesentlich vorsichtiger zu sein. Einer Hexe sollte man nicht ins Gehege kommen hatte Wiebeke gesagt. Und damit hatte sie wohl recht. „Hinrick“, rief Anne überlaut, während sie nun in seine Werkstatt trat, um sich kurz bei ihrem Ehemann abzumelden. Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass der Bunthmaker-Geselle mit ihrem Ehemann den gleichen Vornamen teilte. „Ja, mein Herz, was gibt es denn?“, fragte Hinrick Platensleger sehr viel leiser als sein Weib vorher, während er verschwitzt neben ihr zwischen zwei Rüstungsteilen auftauchte, die er gerade lautstark mit einem Hammer bearbeitet hatte. „Ich brauche einen neuen Pelzbesatz für Deinen Überwurf“, erklärte Anne, „der alte scheint mir doch zu sehr von Motten zerfressen zu sein. Ich will zum Bunthmaker gehen und einen aussuchen.“ „Pelzbesatz?“, fragte Hinrick Platensleger nachdenklich und wischte sich dabei mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. „Du hast mir doch gerade erst einen neuen Überwurf nähen la…“. Noch bevor er aber zu Ende gesprochen hatte, hatte Anne sich schon umgedreht und war aus der Werkstatt entschlüpft. Platensleger zuckte unwillkürlich mit den Schultern und widmete sich dann wieder dem Ausbeulen der Rüstungsteile. Vermutlich war seiner Frau wohl mehr daran gelegen, auf den Markt zu gehen und Geld auszugeben. Wie gut, dass er gerade einen neuen Auftrag hatte. So teuer konnte so ein kleines Stückchen Pelz nicht sein, dachte er. Währenddessen war Anne bereits aus dem Haus geeilt und hatte, so wie schon vor Tagen, erneut den Weg Richtung Sweinsmarkt genommen. Trotz der hellen Frühlingssonne, die jetzt schon richtig Kraft zu haben schien, war es ihr, als sollte dieser Vormittag schon merkwürdig beginnen, hatte sie doch so ein Gefühl von Unwirklichkeit in sich. Irgendwie fühlte sich dieser Tag so an, als hätte sie ihn schon einmal durchlebt. Auch der Mann mit der Weidenkorbkiepe, der hinter ihr schlenderte, kam ihr so vor, als ob sie ihn schon einmal irgendwo gesehen hatte. Nur wo? Als sie sich kurz verstohlen umgesehen hatte, war ihr der etwas grimmig aussehende Mann dann letztendlich doch völlig unbekannt vorgekommen. Vermutlich spielte ihre Erinnerung ihr gerade einen Streich und der Mann war ein gänzlich Unbekannter. Auch blieb er jetzt stehen und vertiefte sich in etwas am Straßenrand, was Anne aus der Entfernung nicht erkennen konnte. Sie beschloss sich nicht weiter mit ihm zu beschäftigen. Schon nach kurzer Wegstrecke sah sie vom weiten das Haus des verstorbenen Bunthmakers mit seinem markanten Holzschild, welches mit schwarzem Trauerflor umwickelt war „Moin Hinrick“, rief Anne von der Tür aus in den Verkaufsraum, bevor sie etwas zögerlich eintrat. „Moin auch“, antwortete ihr Hinrick Lange, der mit einer Lederschürze angetan hinter dem Verkaufstresen stand. Lange sah Anne geschäftig und erwartungsvoll an, fühlte er sich doch ab jetzt als alleiniger Mann im Haus, wenn nicht sogar als Kürschner selbst. Enttäuscht zog er aber ein langes Gesicht, als er Anne Platensleger im Verkaufsraum vollends gewahr wurde. Anne betrat das Geschäft und wühlte zunächst hektisch und nervös in den weichen Pelzresten, die zur Anschauung in einer Kiste auf dem Tresen standen. Wenn der Geselle seinen ersten Großauftrag gewittert oder vielmehr sich gewünscht hatte, musste er wohl oder übel einsehen, dass mit der Platenslegerschen nicht viel Geld zu erwarten war. Man munkelte schon länger, dass die Auftragslage der Rüstungsschmiede deutlich zurückgegangen war. Mürrisch wie es nun mal seiner Persönlichkeit entsprach, fragte er Anne: „Was wollt Ihr?“. „Nun“, sagte Anne etwas unsicher geworden, war sie doch durch den alten Bunthmaker einen höflichen und zuvorkommenden Tonfall gewöhnt, „ich wollte Dich mal etwas fragen.“ „Fragen?“, entgegnete Hinrick Lange, dem nun endgültig die Hoffnung auf einen lohnenden Auftrag verloren geben musste. „Ja“, sagte Anne, die jetzt die Flucht nach vorn als die beste Möglichkeit eines klärenden Gesprächs für sich ausgewählt hatte, „man hört in der Stadt, dass Du die Eggerdes, die Schwester des ehrbaren Stadtvogtes, schon von früher her kennst.“ „Warum? Wer will das wissen?“, fragte Lange jetzt argwöhnisch. „Niemand, niemand“, beschwichtigte Anne jetzt eiligst, mich interessiert das nur so.“ „Soso“, sagte der Geselle, gänzlich misstrauisch geworden, „und dafür kommt Ihr extra in den Laden?“ Anne sah ein, dass sie so nicht weiterkam. Sie musste dem Gesellen mehr anbieten, damit er redseliger wurde. „Hör zu Hinrick“, sagte Anne und beugte sich weit nach vorne über den Tresen. Auch wenn Lange zunächst unwillkürlich zurückgewichen war, wurde er doch neugierig und beugte sich jetzt ebenfalls nach vorn, um der Frau des Rüstungsmachers zuzuhören. „Es ist noch nicht lange her, dass mein Mann mit dem Toffelmaker, dem Mann der Eggerdes, in Streit geriet. Noch immer ist dieser Streit nicht abgeschlossen und auch dem Rat mittlerweile wegen Betruges angezeigt worden. Der Toffelmaker hat offensichtlich 100 Taler veruntreut, welches meinem Mann zur Anfertigung eines Harnisch zugedacht worden war. Als wir das Geld mit Hilfe unserer Knechte und Gesellen zurückholen wollten, hat Caterina Flüche gegen uns ausgestoßen – und das vor ihrem eigenen Kinde. Unsere Leute sind dann unverrichteter Dinge wieder umgekehrt. Bis heute blieb das Geld verschwunden. Seitdem treibt sich die Eggerdes immer mal wieder des nachts vor unserem Haus herum. Unsere Nachbarn wollen gesehen haben, dass sie wiederholt an der Hauswand gegraben hat. Es ist aber nirgends etwas zu finden, was ein- oder ausgegraben wurde. Rund ums Haus sieht es völlig unverfänglich aus, außer das natürlich die Hühner an unserer Hauswand gescharrt haben. Aber auch da ist nichts zu finden. Mir war aber so, als hätte man ähnliches in der Stadt unter der Hand schon einmal berichtet. Ich meine das Graben in der Nacht und so. Man sagte mir, dass Du da eventuell mehr wüsstest?“ Hinrick Lange räusperte sich mehrmals und tippte nun unruhig vernehmlich mit den Füßen auf den Holzboden. Seine anfängliche Ablehnung war jetzt einer gewissen Nachdenklichkeit gewichen. „Nicht hier“, sagte er dann und öffnete die Tür, die vom Verkaufsraum in die hinteren Bereiche des Hauses führten, „kommt!“ Neugierig folgte Anne dem Gesellen, der leise die Tür hinter ihnen schloss.

Lange hub an zu berichten: „Ich stamme ursprünglich aus Jübek. Nicht nur meine Eltern auch meine Vorväter kamen von dort. Hätte ich dereinst dort Arbeit auf einem Hof gefunden, wäre ich vermutlich nie hier in der Stadt gelandet und nie in eine Lehre gegangen. Mein älterer Bruder war als Hoferbe bestimmt und für mich gab es vorerst keine besonderen Pläne…“ Anne kaute ungeduldig auf ihrem Überwurf und trommelte mit überkreuzten Armen mit den Fingern auf ihre Ellenbögen, so dass Hinrick Lange sich genötigt sah, den Inhalt seiner Erzählung etwas abzukürzen. „Im Dorfe Esperstoft ganz in der Nähe unseres Hofes gab es dereinst eine Frau, der man nachsagte, dass sie der Zauberei mächtig gewesen sei. Sie hieß Botellt Alsen und war nicht nur im Dorf, sondern auch im ganzen Kirchspiel leidlich geduldet, weil sie in so mancher Not geholfen hatte. Meine Eltern hatten aber nie Kontakt mit ihr, das müsst ihr mir glauben“, warf Lange hastig ein. Anne nickte nur zustimmend. „Weiter, weiter“, sagte sie dann. „Ich bin als Kind oft krank gewesen und auch mein Vater war schon früh von Krankheit gezeichnet, so dass meine Eltern so manches Mal die Eggerdes aus Schleswig kommen ließen, wenn die Not gar zu groß wurde und sie nicht mehr weiter wussten. Sie kam dann auch und brachte Hilfe. Da meine Eltern nicht immer zahlen konnten, gaben sie der Schwester des Stadtvogtes so manches Mal nur das was sie erübrigen konnten. Das war manchmal auch nur ein Brot, ein Korb voller Eier oder sonstige lebensnotwendige Dinge, die wir entbehren konnten. Die Eggerdes kam trotzdem. Einmal haben mein Vater und ich sie als Gegenleistung für ihre Dienste von Jübek aus nach Esperstorf zu der Botellt Alsen fahren müssen. Die Eggerdes war zu Fuß zu unserem Hof nach Jübek gekommen und bat erschöpft darum, weiter gefahren zu werden. Die Alsen in Esperstorf und Frau Eggerdes schienen sich gekannt zu haben. Ich weiß noch, dass die Eggerdes an diesem Tage ungewöhnlich bleich und äußerst schlecht gelaunt auf meinen Vater und mich gewirkt hat, wir haben uns später darüber unterhalten. Caterina Eggerdes bat meinen Vater damals des Öfteren unwillig, unser dem Ackerwagen vorgespanntes älteres und einziges Pferd ein wenig anzutreiben.“ Anne hatte ihren Überwurf aus dem Mund genommen und starrte den Gesellen neugierig an, sagte aber nichts. „Nun als wir bei der Alsen in Esperstoft ankamen ging die Eggerdes sogleich in das Haus. Ich hatte nichts zu tun und lungerte ein wenig hinter dem Stall herum und hab wohl die Holzwand mit Mist beschmissen, um mir die Zeit zu vertreiben. Irgendwann setzte ich mich hinters Haus in die Sonne, während mein Vater das Pferd versorgte und das Zaumzeug am Wagen überprüfte. Hinterm Haus konnte ich undeutlich durch einen Riss im Fachwerk hören, dass die Eggerdes sich bei der Alsen sehr über ihren Mann beklagte, der sie wohl mit einer Magd aus der Hundestraße in der Nachbarschaft betrog. Auch ansonsten schien der Mann von der Eggerdes nichts anbrennen zu lassen und hat sich wohl den Weibern so manches Mal hingegeben, so erfuhr ich“. Anne war jetzt ganz still und rührte sich nicht mehr, um ja kein Wort zu verpassen. „Die Alsen hat lange zugehört und dann der Eggerdes irgendetwas gegeben – einen Trank oder so – und ihr Glück gewünscht. Ich glaube, die Magd aus der Hundestraße sollte mit Hilfe des Gebräus das Interesse an dem Toffelmaker verlieren. Später haben die beiden Frauen dann auch noch über kleine Krüge oder so gesprochen, die man unter der Türschwelle vergraben soll. Ich habe es genau gehört, meinem Vater aber nie davon erzählt. Nur als Ihr vom Vergraben spracht, dachte ich wieder daran. Kurz darauf kam ich dann nach Schleswig.“ Anne war jetzt hellwach und spürte vor Erregung, wie sich die Härchen an ihren Armen aufrichteten. Caterina Eggerdes hatte für ihren untreuen Ehemann Hans Toffelmaker offenbar einen Liebeszauber erwirkt und außerdem wusste Anne nun, wonach sie an ihrem eigenen Haus suchen musste. Es hörte sich so an, als sei ein kleines Gefäß mit einem Zauber an ihrer Hauswand vergraben worden, welches Schaden bewirken sollte. Eilends öffnete Anne die Tür und ging zurück in den Verkaufsraum. Hinrick Lange kam hinter ihr her. „Es kann sein, dass das noch einmal sehr wichtig wird, was Du gesehen und gehört hast Hinrick, aber jetzt musst Du erst einmal Stillschweigen bewahren. Versprichst Du das?“, sagte Anne jetzt, während sie sich noch einmal zu ihm umdrehte. Hinrick fiel jetzt in seine alte Wortkargheit zurück und nickte nur stumm vor sich hin. Anne genügte das als Bestätigung und sie verließ das Haus, nicht bemerkend, dass der grimmig aussehende Mann von der Straße mit der Kiepe auf dem Rücken nahe am Haus stand und sie argwöhnisch beobachtet hatte. Erst als sie fast in ihn hineingelaufen wäre, sah sie hoch und erschrak, als der Mann sie unsanft am Arm packte.

Fortsetzung folgt…


[1] Teil der Rüstung

TEIL 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4