„Nichts als Asche“ – Teil 6

„Nichts als Asche“ – Teil 6

5. Februar 2022 Aus Von Jens Nielsen

Ein historischer Fortsetzungsroman aus der Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig. Kapitel 6.

Bild: Jens Nielsen

Kapitel 6

Nirgendwo ist Sicherheit

Anne Platensleger blickte sich nur flüchtig in dem Raum um, in den man sie gebracht hatte. Es schien sich lediglich um eine schlichte Schreibstube zu handeln und ihr verkrampfter Körper entspannte sich etwas auf dem schlichten Holzstuhl, auf dem sie nun saß. Noch war sie allein. Der grimmig aussehende Mann mit der heiseren Stimme und der Kiepe hatte sie hierhergeführt und ihr im Befehlston bedeutet, den Raum nicht mehr zu verlassen. Dann war er mit schweren Schritten gegangen, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen. Vermutlich stand auch ein Amtsdiener zur Bewachung vor der Tür, aber das konnte Anne nur erahnen, sie hätte sich nicht getraut nachzusehen. Sie wartete. Ihr Zittern hatte ein wenig nachgelassen und auch der Schwindel war verflogen. Nur kalt war ihr immer noch. Schließlich hörte sie dumpfe Schritte vor sich im Gang, die immer näherkamen. Die Tür öffnete sich und ein hagerer Mann, in schlichtes Schwarz gekleidet, betrat den Raum, den Anne auf Grund seiner Kleidung und seines demütigen Wesens für den Amtsschreiber halten musste. Dieser setzte sich auch gleich geschäftig an das einzige Schreibpult im Raum, nahm eine der Federn, spitzte sie an und tauchte sie in ein Tintenfass. Noch immer hatte er kein Wort gesagt und blickte erwartungsvoll auf die Tür. Diese öffnete sich erneut und Peter Eggerdes, der Stadtvogt, erschien im Raum. Wieder strich er sich, mit einer für ihn typisch gewordenen Bewegung, geistesabwesend über den Spitzbart, um diesen daran zu hindern, leicht nach vorn abzustehen. Eggerdes umrundete Anne mit seiner hochaufgeschlossenen Gestalt und betrachtete sie genau, bis sie begann, sich noch unwohler zu fühlen, als sie es ohnehin schon tat. Sie wagte nicht, sich zu rühren oder gar aufzublicken.

Schließlich sprach Eggerdes sie an: „Euer Name und Euer Stand?“ Anne war froh etwas sagen zu können, würde sich doch nun hoffentlich alles aufklären. „Ich bin Anne Platensleger, die Frau des Rüstungsschmieds Hinrick Platensleger aus der Mühlenstraße“, sagte sie und hatte das Gefühl einen Kloß im Hals zu haben, so dass sie sich mehrmals räuspern musste, bevor sie weiter hätte sprechen können. Sie traute sich nicht, gegen ihre Ergreifung zu protestieren und erst recht nicht, ihre sofortige Entlassung aus dieser Situation zu fordern. Hastig ging sie in Gedanken die letzten Tage durch. Weshalb war sie hier? Was konnte der grimmig aussehende Mann mit dem Korb auf dem Rücken dem Stadtvogt erzählt haben? Sie hatte sich doch nichts zu Schulden kommen lassen. Woher wusste er von ihr? „Nun denn, Anne, Frau des Hinrick Platensleger. Ich habe nur ein paar Fragen an Dich. Danach darfst Du gehen“, sagte der Stadtvogt jetzt, in dem er dabei nachdenklich an seinem gestärkten Kragen zupfte. Anne wurde wieder von Schwindel ergriffen. Diesmal aber vor Erleichterung. Der Vogt hatte nichts von Anklage gesagt und auch sonst wirkte der Raum nicht so, als hätte sie Schlimmes zu befürchten. Sie merkte wie die Anspannung aus ihrem Körper wich und sie betrachtete verstohlen die tiefen Einkerbungen, die ihre Fingernägel in ihren beiden Handballen hinterlassen hatten. Peter Eggerdes hatte durchaus wahrgenommen, dass sich die Frau zu entspannen begann. Er ging aber nicht darauf ein, sondern nahm diese Beobachtung lediglich zur Kenntnis. Um ehrlich zu sein, hatte er Anne auch gar nicht wirklich herholen lassen, um ihr bedeutsame Fragen zu stellen, da der Fall Platensleger/Toffelmaker für ihn eigentlich schon klar auf der Hand lag und die Nachforschungen abgeschlossen waren. Er hatte sie bringen lassen, um abschätzen zu können, was für eine Frau Anne Platensleger war und ob sie sich für sein weiteres Vorhaben in einem weiteren Prozess als Zeugin nützlich erweisen könnte. So stellte er in einem sachlichen Ton eine Frage nach der anderen und bedeutete dem Schreiber alles genaustens zu protokollieren. Boye, so war offenbar der Zuname des Schreibers, da der Stadtvogt diesen mehrmals während der Befragung so ansprach. Anne glaubte auch herausgehört zu haben, dass ihn der Stadtvogt einmal Johannes nannte, das wiederholte sich danach aber nicht mehr. „Von wem stammte das Geld, welches Hans Toffelmaker angeblich im Namen Deines Mannes an sich genommen hat?“, fragte der Stadtvogt jetzt ohne Vorwarnung und ohne einleitende erklärende Sätze. Dabei blickte er Anne scharf an. Sein kurzer Spitzbart zeigte ein weiteres Mal nach vorne und es wirkte, als deutete die Spitze seines Bartes genau auf sie. Sie fiel sofort zurück in ihre alte Starre und ihre Ohren begannen leicht zu summen, obwohl nichts weiter Schlimmes für sie passiert war. Was wusste der Stadtvogt von dem Geld und was durfte sie hier sagen, ohne sich vorher mit ihrem Mann besprochen zu haben? „Wir hätten die 100 Taler von einem dänischen Edelmann, dessen Name mir nicht bekannt gemacht wurde, erhalten sollen, dafür dass mein Mann beauftragt war, einen Harnisch für ihn anzufertigen“, antwortete Anne vorsichtig. „Soso, 100 Taler“, murmelte Peter Eggerdes in seinen Bart und machte dem Schreiber Boye ein Zeichen, diese Angabe genauestens zu notieren. Hatte sie etwas Falsches oder zu viel gesagt, dachte Anne jetzt. Der Vogt hatte ja vorher gar nicht nach der Summe gefragt. „Was geschah dann?“, fragte Eggerdes unbestimmt, indem er seine Runde um Anne herum weiter fortsetzte. „Toffelmaker muss das Geld für eigene Geschäfte ausgegeben haben. Zumindest hatte er es nicht mehr, als mein Mann ihn danach fragte. Er mahnte Hans Toffelmaker mehrere Male wegen dieser Summe“, berichtete Anne und wieder fühlte sie, dass sich die Finger ihrer beider Hände verkrampften. Sie wäre jetzt am liebsten aufgestanden und weggerannt. „War es nicht vielmehr so, dass Ihr mit Eurem Mann und einigen Gesellen und Lehrlingen versucht habt, Euch das Geld mit Gewalt zu holen?“, fragte Eggerdes lauernd. Anne fühlte Panik in sich aufsteigen. Sie hatte jetzt doch den Eindruck, unter Anklage zu stehen und musste kräftig schlucken. Schnell schob sie ihre jetzt wieder zu zittern begonnenen, verkrampften Hände unter ihr Kleid, damit sie das Zittern im Sitzen besser kontrollieren konnte. „Später ja, aber zuerst versuchte mein Mann es mit Mahnungen und Aufforderungen. Das blieb aber vergeblich“, antworte Anne vorsichtig.

Peter Eggerdes strich sich zufrieden den Bart. Mit dieser Frau würde er leichtes Spiel haben. „Stimmt es nicht auch, dass die Frau des Toffelmakers Euch persönlich bedrohte?“, fragte Eggerdes und statt seiner Bartspitze wies jetzt sein rechter Zeigefinger auf Anne. „Ja“, sagte Anne schlicht, bevor ihr einfiel, dass der Vogt ja von seiner eigenen leiblichen Schwester gesprochen hatte, die sie gerade einer Untat bezichtigt hatte. Für eine Verneinung der Frage war es jetzt zu spät, und ohnehin schien der Stadtvogt bereits alles zu wissen, und so nickte Anne nur bekräftigend und sagte erst dann: „Sie stand vor mir mit einem Stock und schwor mir, dass wir, mein Mann und ich, alsbald verarmen werden und dass mein Mann in naher Zukunft die Stadt verlassen und nie mehr lebend zurückkommen werde.“ „War sie allein?“, wollte Eggerdes jetzt wissen. „Nein“, erinnerte sich Anne, „sie hatte ihren Sohn Johann oder Johannes an der Hand.“ „Nun gut“, sagte Eggerdes fast freundlich, „habt Ihr mir noch mehr in dieser Sache zu erzählen?“ Anne wollte gerade verneinen, als ihr etwas siedend heiß einfiel: „Die Eggerdes, Verzeihung, Eure Frau Schwester, hat sich danach noch über viele Nächte vor unserem Haus herumgetrieben und irgendetwas vergraben oder ausgegraben. Das weiß ich ganz sicher. Das hat sie im letzten Jahr auch schon einmal getan“, betonte Anne eifrig. „Was denkt Ihr hat sie vergraben oder ausgegraben? Hat man etwas gefunden? Könnt Ihr das beschwören?“ Eggerdes wurde jetzt hellhörig und sein Spitzbart vibrierte leicht. Das war ja tatsächlich eine Neuigkeit, von der ihm seine Leute noch nichts berichtet hatten. „Davon weiß ich nichts“, entgegnete Anne. „Ich habe noch nicht die Gelegenheit gehabt, nachsehen zu können“, fügte sie noch hinzu. Peter Eggerdes war mit seinen Gedanken schon weiter als er erst dem Schreiber Johannes Boye ein Zeichen gab und dann zu Anne im sanften Ton sagte: „Ihr könnt nun gehen Anne Platensleger. Frau des Hinrick Platensleger. Aber haltet Euch zu meiner Verfügung.“ Anne erhob sich, vorsichtig prüfend ob ihre Beine sie tragen würden. Dann verließ sie eilends die Amtsstube, stolperte die Treppe im Rathaus herunter und verließ das Gebäude. Erst als sie unter den Leuten auf dem Großen Markt stand, traute sie sich hörbar auszuatmen, so dass die um sie herumeilenden Leute sie misstrauisch ansahen. „Ich danke Dir mein Gott“, schickte Anne ein Stoßgebet zum Himmel. Zurück zur Mühlenstraße ging sie jedoch ganz langsam und doch noch ein wenig unsicher und schwankend. Sie war noch immer ganz verstört, als sie fast die Werkstatt ihres Mannes erreichte und diesem in die Arme sank. Hinrick Platensleger hatte wartend an der Pforte gestanden. Er trug seinen neuen Überwurf mit dem Pelzbesatz und war offenbar dabei gewesen, sie suchen zu gehen. Anne konnte zunächst nur schluchzen und es war ihr nicht möglich, auch nur ein Wort ihrem Mann gegenüber herauszubringen. Diesen Tag würde sie so schnell nicht mehr vergessen. Willenlos ließ sie sich von Platensleger ins Haus führen und ins Bett legen und war bald darauf fest eingeschlafen. Ihr Mann würde sich für eine Erklärung bis zum nächsten Tag gedulden müssen. Sie versprach ihm aber, alles zu berichten.

Caterina war indessen völlig klar geworden, dass sie ihres Lebens nicht mehr sicher sein konnte, solange ihr eine Anklage wegen Giftmischerei oder gar Zauberei drohte. Auch wenn die Schergen ihres Bruders sie noch nicht verhaftet hatten, konnte es nur eine Frage der Zeit sein, dass sie sie und vielleicht auch Abelke holen und ins Rathaus schleifen würden. Für Caterina lag es inzwischen auf der Hand, dass die Bunthmakersche sie der Tat bezichtigen würde, oder aber der Arzt aus Eckernförde sie angezeigt hatte. Anders konnte es gar nicht sein. Da auch von ihrem Bruder keine Hilfe zu erwarten war, hatte sie lange über eine Möglichkeit nachgedacht, sich in Sicherheit zu bringen. Für ihr Kind und auch für Abelke wäre es das Beste, dass sie nicht weiter in diese Sache verwickelt werden würden, und so lag es für Caterina klar vor Augen, was jetzt zu tun war. Sie würde fliehen und sich verbergen müssen, so lange, bis sich von irgendeiner Seite Hilfe abzeichnete. Und das konnte lange dauern – falls überhaupt Hilfe kam. Sie stand mit vielen Frauen in der Stadt in Verbindung, aber keine wäre einflussreich genug gewesen, ihr zu helfen. Wohin aber sollte sie gehen. Schon seit geraumer Zeit hatte sie einen alten Verschlag hinter der Gottorfer Erbpachtsmühle am Busdorfer Teich im Blick gehabt, den sie für diesen Zweck in ihrer Situation mehr als geeignet hielt. Die mit einem Wasserrad betriebene Mühle gehörte nicht mehr in das Stadtgebiet, sondern war eine hochfürstliche Mühle, die den Bediensteten des Schlosses zur Verfügung gestellt wurde, damit diese das für ihre Haushalte benötigte Korn an zwei Freitagen in der Woche mahlen konnten. Hier herrschte also die Gerichtsbarkeit der Gottorfer. Vielleicht konnte sich das als nützlich erweisen. Niemand aus der Stadt würde Caterina hier in dem kleinen verfallenen Nebengebäude vermuten. Auf ihren nächtlichen Touren außerhalb der Stadtgrenzen hatte sie bemerkt, dass dieser hölzerne Verschlag an der Wassermühle seit langem ungenutzt und wohl nur noch von Ratten besucht wurde. Hierhin beschloss sich Caterina nun bis auf Weiteres zu verkriechen. Die Grenzen des Stadtkreises Schleswig noch weiter zu verlassen und beispielsweise nach Esperstorf zu gehen, traute sie sich nicht mehr, stand doch zu befürchten, dass sie womöglich alsbald im Amt überall gesucht und sogleich ergriffen werden würde. Caterina wollte niemanden in ihr Schicksal mit hineinziehen. Es würde schwer werden, ohne Hilfe an Nahrung und Wasser zu gelangen, war doch davon auszugehen, dass sie einige Zeit in dieser notdürftigen Unterkunft würde zubringen müssen. Auch und gerade Abelke wollte sie mit ihrer Flucht völlig unbehelligt lassen, falls noch Hoffnung bestand, dass ihre Magd, Gehilfin und Freundin nicht mit angeklagt werden würde. Caterina beschloss, sich allein ihrer Schwiegermutter Elisabeth Toffelmaker anzuvertrauen. Auch wenn Caterinas Mann, Hans Toffelmaker nur sehr kurz in Haft gewesen war und es durch seinen Einfluss vermocht hatte, vorerst nicht weiter in Gefangenschaft gehalten zu werden, schien es Caterina gänzlich ausgeschlossen, sich ihm mitzuteilen, war sie sich doch seiner Loyalität zu ihr überhaupt nicht mehr gewiss. Eilends suchte sie ihre Schwiegermutter auf, die sich gerade geschäftig in der Kräuterküche zu schaffen machte, um alles weitere zu besprechen. Elisabeth hörte ihr ruhig zu, als Caterina ihr ihr Leid klagte und sah sie danach lange und traurig an. Dann nickte sie mehrmals vor sich hin, als wolle sie vor sich selbst bekräftigen, was ihr eben durch den Kopf gegangen war. „Ich denke auch, dass Dich sowohl der Bürgermeister als auch Dein Bruder bereits ins Visier genommen haben“, sagte sie dann gefasst, „mir war heut Nacht als säße ein Alb auf meiner Brust, so schwer fiel mir das Atmen. Da ist mir klar geworden, dass große Gefahr über unserem Hause schwebt. Du musst wirklich fort und das sehr schnell. Ich werde so lange auf Johann achtgeben.“

Elisabeth nahm Caterina fest in den Arm. Obwohl ihre Schwiegermutter wesentlich kleiner war, als sie und Caterina sich demzufolge stark bücken musste, um Elisabeth umarmen zu können, fühlte sie sich doch für einen kurzen Augenblick gestärkt. Auch wenn die Tränen ihre Augen jetzt förmlich überfluten wollten und ihr Herz sich anfühlte, als würde es brechen, ging für einen kurzen Augenblick etwas Wärmendes und Ermutigendes von Elisabeth aus. Caterina beschloss noch am Abend loszuziehen, um den erwählten Holzverschlag an der Mühle zu beziehen. Da es nunmehr überall Frühling zu werden schien, dürfte die Versorgung mit Essbarem tatsächlich nicht allzu schwerfallen, gab es doch eine Menge an Pflanzen, die sie verzehren konnte. Caterina war ortskundig und kannte auch die hochfürstliche Waldquelle am nahen Hirschhornbrunnen, deren Wasser als Heilwasser galt. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn es ihr nicht gelang, sich zumindest bis zum Herbst mit allem zu versorgen. Die Umgegend war dicht bewachsen, so dass die Möglichkeit gegeben war, sich für lange Zeit versteckt zu halten. Noch während sich die Frauen verabschiedeten, hatte indessen Hans Toffelmaker seinen Horchposten an der Tür der Kräuterküche verlassen. Trotz seiner enormen Körperfülle hatte er sich, geschickt wie eine Katze, leichtfüßig von der Küche bis zu seiner Werkstatt geschlichen und dabei befriedigt vor sich hin gegrinst. „Du sollst Dich noch umsehen Weibstück“, dachte er in sich hinein und beschloss, noch in dieser Stunde dem Bürgermeister Beer eine Nachricht zukommen zu lassen, so wie es besprochen worden war. Der Bürgermeister hatte Toffelmakers Verhaftung und die nachfolgende mehrmonatige Gefängnisstrafe wegen Betruges und Veruntreuung in eine kurze Arreststrafe umgewandelt, da Toffelmaker sich einsichtig gezeigt und bereit erklärt hatte, seine Frau zu beobachten und entscheidende Veränderungen dem Stadtvogt sofort mitteilen zu wollen. Für dieses Entgegenkommen war ihm die Reststrafe erlassen worden. Auch wenn Toffelmaker wusste, dass der Stadtvogt für seine Meldung zuständig gewesen wäre und er diesen auch als alleinige Kontaktperson genannt bekommen hatte, hasste er seinen Schwager wie die Pest und wollte diesem in keinem Fall irgendeinen beruflichen Vorteil ermöglichen. Sollte doch der Bürgermeister seinen Vogt über den Aufenthaltsort Caterinas in eigener Person informieren. Zufrieden schloss Toffelmaker die Tür seiner Werkstatt und dachte an ein lang geplantes neues Leben, welches er mit einer weitaus jüngeren Frau vorhatte zu beginnen. Wie leicht auf einmal alles werden würde. Welche Frau er erneut zu ehelichen gedachte, wusste er noch nicht, aber es würde sich schon eine finden lassen und Johann würde sich schon neu an eine Mutter gewöhnen können, so war sich Toffelmaker sicher. Toffelmaker drehte den Schlüssel zu seiner Werkstatttür herum und steckte ihn schmunzelnd ein.

Am Abend schlich sich Caterina wie geplant und mit Elisabeth besprochen aus der gemeinsamen Bettstatt mit ihrem Mann, der so tief und fest zu schlafen schien und so laut schnarchte, dass ihn bestimmt so schnell nichts aufgeweckt hätte. Caterina hatte es vermeiden wollen, sich von ihrem Kind zu verabschieden. Zum einen befürchtete sie, dass Johann seine Mutter sehen wollte, wenn er wusste, wo sie sich versteckt hielt, oder aber sich eventuell verplappern könnte, wenn er danach gefragt würde. Zum anderen aber befürchtete Caterina, dass sie nie mehr zurückkommen könnte, wenn sie die verabschiedenden Worte zu ihrem Sohn einmal ausgesprochen hatte. Sie wollte sich nicht von ihm verabschieden. Caterina wusste, dass es feige war und sie hätte sich die Stärke gewünscht, mit ihm darüber sprechen zu können, hatte es aber einfach nicht übers Herz gebracht. Dafür schämte sie sich. Sie wusste, dass er bei seiner Großmutter gut betreut sein würde und nahm sich vor, alsbald des Nachts dann doch an sein Fenster zu klopfen, um ihm in besseren Zeiten alles zu erklären. Während sich Caterina, mit dem wenigen was sie am Körper trug, reisefertig machte, drehte sich Hans Toffelmaker gerade zur Wandseite des gemeinsamen Schrankbettes um und starrte mit Genugtuung in die Dunkelheit, war doch bisher alles nach Plan gelaufen.

Leise vor sich hin weinend machte sich Caterina im Dunkeln auf den Weg zur Mühle. Sie hatte lediglich ihren Umhang, ein Fell, ihre alten Handschuhe, einen Feuerstahl und einige kleine scharfe Messer aus ihrer Kräuterküche mitgenommen. Als sie nach rund einer Stunde an der Mühle angekommen war, suchte sie im Dunkeln nach dem Verschlag, wickelte sich in ihren Umhang, breitete ihre Besitztümer um sich herum aus und blickte durch das löchrige Dach in den Himmel, an dem man trotz der Dunkelheit noch immer leichte Wolken erkennen konnte. Caterina war viel zu aufgeregt um einschlafen zu können, auch war ihr kalt und sie machte sich große Sorgen. Eine Zeit lang lauschte sie den Tieren des Waldes und dem Rauschen der Blätter an den Bäumen, um sich abzulenken. Hier würde sie keiner suchen und finden. Erst gegen Morgen schlief sie vor Erschöpfung ein. Als sie erwachte, schreckte Caterina sogleich auf. Sie hatte Stimmen gehört. Vorsichtig lugte sie über eine Holzkante aus dem Verschlag und wich totenbleich zurück. Ihr Unterschlupf war in einem großen Kreis von Menschen umgeben, so dass es kein Entkommen mehr für sich gab. Ehe sie sich noch panisch aufsetzen konnte, hatte sich schon ihr Bruder mit langen Schritten durch die geschlossene Reihe der Umzingelung gedrängt und kam jetzt direkt auf sie zu. Die Menschen um den Bretterverschlag herum blickten Caterina durchgängig abweisend und böswillig an. Sie erkannte jetzt außer ihrem Bruder auch noch andere Männer aus der Stadt, die ihr vom Namen geläufig waren. Peter Eggerdes war vor seiner Schwester stehen geblieben, hatte sich in Positur gelegt, seinen Bart abgestrichen und sagte jetzt laut und vernehmlich über die ganze Lichtung, auf der die Mühle und der Verschlag standen, während er mit dem Finger auf sie deutete: „Caterina Eggerdes, Weib des Hans Toffelmakers, ich klage Dich der Zauberei an und verhafte Dich im Namen der Stadt Schleswig.“ Immer dichter trat er auf sie zu, während er seine Anklage noch ergänzte: „Das was Du getan hast, hat Dich unser Vater und unsere Mutter nicht gelehrt. Du hast Schande auf Dich geladen. Du wirst Dein Wissen von der sündhaften Bademume[1] Sissell erlernet haben, die ebenfalls angeklaget ist. Das wird sich noch erweisen. Jetzt ist Deine Zeit gekommen. Du sollst und musst brennen. Ich habe Dich oft gewarnt, Dein schändliches sündhaftes Verhalten zu ändern. Nun aber ist Schluss.“ Jedem der Zuhörenden war klar, dass der Stadtvogt diese Worte nur gewählt hatte, um eine Mitschuld seiner Familie und eine eigene Mitverantwortung von vornherein auszuschließen. Caterina hingegen war zunächst vor Schreck wie gelähmt, als man sie jetzt in Ketten legte und von ihrem Lager hochriss. Nachdem die Amtsknechte sie grob in ihre Mitte genommen hatten, wurde sie gewaltsam zu Fuß zurück durch die Siedlung Kratzenberg, dem parallel zur Schlei liegenden Lollfuß und weiter Richtung Stadt gezogen. Ein Fußmarsch mit Ketten an den Handgelenken und an den Füßen war für Caterina nicht weniger demütigend, als hätte man sie mit großem Gefolge und einem Karren mit einem Käfig von der Mühle bis zum Rathaus gefahren. Überall standen, allein oder grüppchenweise, Menschen und starrten sie an oder zeigten offen ihre Abscheu. Einige lachten oder klopften sich auf die Schultern, um sich gegenseitig auf diese ungeahnte Ablenkung hinzuweisen. Man hätte denken können, dass Caterina ganz bewusst an den vielen Menschen vorbeigeführt worden war, nur allein um gedemütigt und für die Verhandlung gefügig gemacht zu werden. Sie war sich nicht bewusst gewesen, wie schlecht ihr Leumund und wie verhasst sie offenbar in der Stadt gewesen war, sah man jetzt die vielen Finger, die schadenfroh auf sie deuteten und die vielen Menschen, die sie mit kleinen Steinen und Unrat bewarfen. Vielleicht aber hätten die Menschen vor und in der Stadt nach allem geschmissen, was in Ketten an ihnen vorbei getrieben worden wäre. Wer wusste das schon. Caterina kannte keinen und keine von ihnen, außer denen, die sie geholt hatten. Der Stadtvogt vornweg, gefolgt von seinen Knechten, die Caterina schonungslos an den klirrenden Ketten teils hinter sich herzogen, teils in ihre Mitte nahmen, erreichten sie alsbald, trotz des langen Fußmarsches, die Stadt. Die Gruppe der Zeugen der Verhaftung kam ihnen als Nachhut langsamer hinterher. Schnell gerieten sie vor Schleswig in das Gedränge, welches an Markttagen oft vor den Zugängen in die Stadt entstand. Caterina hatte sich auf dem langen Weg, den sie jetzt bei Tageslicht in umgekehrter Reihenfolge erneut zurücklegte, einen fernen Punkt auf der Schlei kurz über den Wellen gesucht und versuchte diesen so lange es ging zu fixieren, an nichts zu denken und die Leute, die sie teils neugierig, teils feindselig anstarrten, nicht weiter zu beachten. Zu schrecklich war die Gewissheit, dass ihre Flucht und ihr Unterschlupf so schnell entdeckt worden waren und dass auch die zuständige Gerichtsbarkeit des Amtes Gottorf offenbar keine große Bedeutung für den Stadtvogt hatte. Noch schrecklicher aber war die Gewissheit, dass Elisabeth sie verraten haben musste. Gelegentlich zuckte Caterina zusammen, wenn sie etwas traf, was die am Wegesrand Stehenden nach ihr geschmissen hatten – aber eigentlich erreichte sie der Schmerz kaum, zu groß war ihre Enttäuschung. Kurz bedauerte Caterina zu irgendeinem Zeitpunkt auf dem Weg, dass sie die Schlei nun nicht mehr sehen konnte. Vielleicht war es das letzte Mal, dass sie das in der Frühlingssonne hellblau schimmernde Wasser gesehen hatte, dachte sie kurz traurig. Sie hätte wohl auch gar nicht wahrgenommen, dass sie inzwischen bereits fast am Großen Markt angekommen waren, wenn nicht das laute Rumpeln eines Ochsenkarrens sie gänzlich aus ihrer geistigen Versenkung aufgeschreckt hätte. Der kleine Zug musste sich weiter durch das zunehmende Marktgedränge durchschieben, so dass die Knechte des Stadtvogtes so manches Mal sehr bestimmt und mit dem Einsatz ihrer Spieße für einen Durchgang sorgen mussten, bis sie endlich das Rathaus und damit die Zellen erreichten. Caterina hob langsam und unter großer Anstrengung den Kopf und betrachtete das ehrfurchtsgebietende Gebäude, welches vor einigen Jahren noch die Klosterkirche der Franziskanerbrüder in der Stadt gewesen war, so als hätte sie es nie zuvor gesehen. Sie verspürte keine Angst mehr, nur unendliche Müdigkeit und Traurigkeit. Schwerfällig drehte sie den Kopf, um noch einen letzten intensiven Blick in die Frühlingssonne zu werfen, bevor sich die beschlagene Eichenholztür hinter ihr schloss. Gern wäre Caterina hinter der Tür kurz stehen geblieben, um sich nach dem gleißenden Sonnenlicht im Dunkeln kurz abzustützen, da sie nichts mehr sehen konnte, aber einer der Knechte zog unerbittlich an der Kette, so dass sie kurz schwankte und an der Schulter ihres Bruders Halt suchen musste. Dieser streifte die Hand seiner Schwester fast entrüstet und leicht hektisch von seinem kostbaren Mantel ab, wollte er doch jede Verbindung zu der Angeklagten von vornherein weit von sich weisen. Umso unnachgiebiger zog der Knecht erneut an der Kette. Vermutlich hätte er sie gern fallen gesehen. Caterina blickte dem Mann mit eisigem Blick in die Augen, wie verachtenswert war einer, der eine wehrlos gefesselte Frau versuchte zu Fall zu bringen. Man sah plötzlich kurz die aufkommende Angst im Blick des Stadtknechtes. Offenbar war es in seiner Glaubenswelt gefährlich, den Blick einer vermeintlichen Zauberin zu erwidern oder gar ihren Zorn hervorzurufen. Schnell verzog sich der Mann mit dem Ende seiner Kette zurück ins Dunkel des Ganges. Das Gebäude war auch von innen durch viele architektonische Hinterlassenschaften noch immer eindeutig als Klosterkirche zu erkennen. Unter anderem die hohen dicken Säulen wiesen überall darauf hin. Am Ende des Ganges konnte Caterina in der Ferne hohe helle Fensteröffnungen erkennen. Sie wusste, dass sie getreu der architektonischen Idee des Kirchenbaus gerade symbolisch direkt Richtung Osten, in das Licht zum Herrn Jesus Christus ging. Die Stadt Schleswig hatte, nach der Schenkung des Gebäudes durch den Herzog, die dem Stadtvogt und seinen Helfern zur Verfügung stehenden Verhör- und Gefangenenzellen direkt an dem Platz unterbringen lassen, an dem zu Klosterzeiten einst der geweihte Altar gestanden hatte. Man drängte Caterina in eine der freien Zellen und sie sank sogleich erschöpft auf den kalten und feuchten Boden. Sie spürte, wie nicht nur die Feuchtigkeit und Kälte, sondern auch die wiederkehrende Angst jetzt doch langsam in ihr hoch krochen. Caterina klammerte ihre Arme fest um ihre Beine und drückte ihren Oberkörper an ihre Oberschenkel, um das Zittern besser ertragen zu können, welches sie jetzt unkontrolliert befiehl. Mehr einer Ohnmacht nah, fiel sie in einen erschöpften traumlosen Schlaf, bis sie von dem entsetzlichen Kreischen der aufschwingenden Kerkertür abrupt wieder geweckt wurde, Es war jetzt stockdunkel, so dass sie den breitschultrigen Mann in der Türöffnung kaum erkennen konnte.

Fortsetzung folgt…


[1] Hebamme

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