Zweiter Schleswiger Inklusions-Schnack

Zweiter Schleswiger Inklusions-Schnack

6. Februar 2022 Aus Von Andreas Franke

Die „Interessengemeinschaft Schleswig inklusiv“ formiert sich.

v.l.n.r.: Horst Rieger, Elisabeth Simonsen-Relski, Inke Asmussen und Sina Clorius nach dem zweiten Inklusions-Schnack. Foto; Andreas Franke

Sina Clorius von den Grünen Schleswig-Flensburg lud am 01.02.2022 zum 2. Schleswiger Inklusions-Schnack ins Hotel Alter Kreisbahnhof ein. In ihrer Einladung zu diesem Partei- und Institutions-übergreifenden Gespräch stellte Sina Clorius folgende Fragen, die aufzeigen, worum es bei diesen offenen Gesprächsrunden geht:

  • Wie gestalten wir Inklusion in Schleswig?
  • Wie weit ist die Umsetzung des Konzepts der barrierefreien Stadt?
  • Wie erreichen wir, dass auch Menschen mit Behinderungen am öffentlichen Leben, an Kultur und Politik wirklich teilhaben und ihre Wünsche und Bedürfnisse gehört werden?

Nach dem ersten Inklusions-Gespräch im November sollte das Thema jetzt weiter vertieft werden und so wurden diesmal gerade auch Betroffene zu einer offenen Diskussionsrunde eingeladen und erschienen zahlreich um aus ihrem Alltag als Menschen mit Behinderung zu erzählen und ihre Wünsche und Gedanken für ein inklusiveres Schleswig mitzuteilen. Dabei waren Betina Möller (Arbeitswohnassistenz, Arbeitskreis Teilhabe), Birgit Dischereit (Schleswiger Werkstätten, 1. Vorsitzende des Werkstattrates), Elisabeth Simonsen-Relski (Schleswiger Wohn-Assistenz, ABW-Rat), Jim Morris, Thure Kröger (Schleswiger Werkstätten, 2. Vorsitzender des Werkstattrates), Peter Fraas (Schleswiger Arbeitsbegleitung), Sven (Schleswiger Arbeitsbegleitung), Tim Ullrich (Schleswiger Wohn-Assistenz, Erzieher), Jan Runde (Schleswiger Wohn-Assistenz, Reetdachhaus, 2. Vorsitzender im Bewohner-Beirat), Marie Buchfink (Schleswiger Wohn-Assistenz, Reetdachhaus, 1. Vorsitzende im Bewohner-Beirat), Christian Strohschön (Schleswiger Wohn-Assistenz, Trollberg, Schriftführer im Bewohner-Beirat), Kai Radtke (Schleswiger Wohn-Assistenz, Bellmannstraße, Schriftführer im Bewohner-Beirat).

Wie bereits im November waren einige Vertreter der lokalen Politik (Die Grünen: Sina Clorius und Christian Judith, SPD: Inke Asmussen, Maren Korban, Freie Wähler: Bärbel Kahlund, Heidi Hoffmann), der städtischen Verwaltung (Horst Rieger, Behindertenbeauftragter der Stadt Schleswig) und der AWO (Maren Korban) im Alten Kreisbahnhof zum Gespräch erschienen.

Was treibt die Menschen mit, aber auch ohne Handicap um? Was wünscht man sich für Schleswig? Das fragte sich Elisabeth Simonsen-Relski vom ABW-Rat und hat herumgefragt und die Antworten einmal zusammengefasst:

  • Vorhandene Geschäfte erhalten, neue nicht vorhandene Geschäfte ansiedeln (5 Schuhgeschäfte und diverse Bäckereien und Cafés sind genug). Man wünscht sich also für Schleswig ein Shoppingerlebnis mit deutlich mehr Vielfalt.
  • Alteingesessene Unternehmen müssen weiter bestehen können. Es kann nicht angehen, dass diese verschwinden, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten können. Dies sei ein absolutes No-Go.
  • Man wünsche sich eine Parkanlage oder ähnliches zum Abschalten und/oder Ausruhen, die aber bitte auch zum Teil Wind und Wetter geschützt ist. Da man ja nicht nur bei Sonnenschein draußen unterwegs ist, wäre ein trockener Sitz-Platz/Bereich wo man seine Kräfte wieder auftanken kann, sehr wünschenswert. Als eine mögliche Fläche wäre hier der Bereich des abgerissenen Hertie-Gebäudes genannt. Nur eben etwas hübscher und durchdachter.
  • Der Stadtweg muss für Menschen barrierefrei gestaltet werden. Der Bodenbelag muss unbedingt eben gestaltet werden, ohne Stolperfallen und Kopfsteinpflaster. Geschäfte mit Stufen am Eingang sollten mit Rampen versehen werden, oder wenn möglich komplett entfernt werden.
  • (Öffentliche) WCs müssen für Rollstuhlfahrer erreichbar gemacht werden.
  • Es fehlt ein ruhiger Bereich für stillende Mütter und Fläschchen gebende Väter.
  • Ein barrierefreier Zugang zu Ärzten. Oft befinden sich die Praxen in höheren Stockwerken und Fahrstühle sind nicht überall vorhanden. Ebenso befindet sich das erste Hindernis schon vor dem Eingang zu Gebäuden in Form von Stufen. Ein Problem für jeden Menschen der auf den Rollstuhl oder Rollator angewiesen ist. Gerade wenn man einen Facharzt benötig ist dies wohl oft ein Problem.
  • Besserer Informationsfluss bei Veranstaltungen. Es fällt vielen auf, dass man in Schleswig entweder gar nicht oder aber oft zu spät informiert. Wenn ein gratis Wochenblatt über Veranstaltungen am Wochenende informieren möchte, aber erst am Samstagabend um 18:00 Uhr im Briefkasten liegt, sei dies einfach für eine Veranstaltung am Samstag oder Sonntag sehr knapp.
  • Veranstaltungen sollte generell behindertengerecht durchgeführt werden so dass sie möglichst für alle Menschen geeignet ist. Damit sind nicht nur Behinderte mit Rollstuhl gemeint, sondern zum Beispiel auch Hörgeschädigte, die man mit Gebärdensprache unterstützt und so an Aufführungen teilhaben lassen könnte.
  • Bordsteinkanten konsequent und so flach absenken, wie es möglich ist. Viele Bordsteinkanten sind laut den Betroffenen zwar abgesenkt, aber leider immer noch zu hoch. Es gab bereits Fälle bei denen Bürger mit Rollator kopfüber auf die Fahrbahn stürzten und sich dabei heftig verletzten. Bordsteinkanten sollten im abgesenkten Bereich maximal eine Fingerdicke hoch sein.
  • Die Überquerungszeit bei Bedarfsampel ist immer noch viel zu kurz für viele Menschen mit Handicap. Hier wird immer noch der Fluss des Autoverkehrs, der sicheren Überquerung der Fußgänger dem Vorzug gegeben. Als schlechtes Beispiel sei an dieser Stelle ausdrücklich die Bedarfsampel hinter dem Schlei-Center an der Königstraße genannt.

Bettina Möller wies mit Ausblick auf die kommende kalte Jahreszeit auf ein weiteres Problem hin, und zwar darauf das im Winter Bushaltestellen unbedingt für Rollstühle und Rollatoren freigehalten werden müssen, leider sei dies nicht immer der Fall und Bürgersteige werden (mit Schnee) zugeschüttet, was auch für die Übergänge an den Straßen gilt. Darauf müsse man mehr achten.

Marie Buchfink zeigt ein weiteres Problem an den Bushaltestellen auf. Die Schrift auf den Fahrplänen ist für Menschen mit Sehbehinderung einfach viel zu klein und könne von diesen einfach nicht entziffert werden, diese müssen unbedingt größer gestaltet werden. Sina Clorius wünscht sich Busfahrpläne, die auch jemand auf Anhieb versteht, auch wenn er nur gelegentlich Bus fährt und nicht so „geübt“ im Lesen dieser doch recht kryptischen Fahrpläne ist.

Auch Bärbel Kahlund konnte von einem Problem in unseren Bussen erzählen. Oftmals stimmen die Namen der Haltestellen auf den Anzeigetafeln nicht mit dem Namen der aktuellen Haltestelle überein, auch die dazugehörigen Ansagen der Haltestelle werden häufig nicht gemacht, was auch der Autor dieses Artikels schon oft erlebt hat, oder sie sind einfach zu leise, so dass man sie einfach nicht verstehen kann, wie Jan Runde als Betroffener mit Sehbehinderung ergänzt. Als Beispiel für falsch angezeigte Haltestellen brachte Bärbel Kahlund ihre Fahrt mit dem Bus durch die Moltkestraße, dort wird in der Anzeige Haltestelle Krankenhaus angezeigt und in der Durchsage heißt die Haltestelle dann Lornsenschule. Nicht nur ein Problem für Menschen mit Handicap, sondern auch für Ortsunkundige Besucher unserer Stadt, möchte man meinen. Heidi Hoffman sprach ein weiteres Problem im Zusammenhang mit dem Busverkehr in Schleswig an. Sie würde sich wünschen, dass die Haltestellennamen deutlich sichtbar, auch aus dem Bus heraus, angebracht an den jeweiligen Haltestellen angebracht werden würden. Auch das wäre sicher ein Traum für jeden ortsunkundigen Kunden des ÖPNV in Schleswig.

Man sieht, es gibt einige Baustellen, die die betroffenen Mitbürger hier aufzeigen. Nicht alle haben erstaunlicher Weise mit ihrem Handicap zu tun, sondern sind Thematiken, die auch viele Schleswiger Bürger ohne Behinderung umtreiben. Dabei zeigt dieser Umstand deutlich, dass wir Menschen mit Behinderung unbedingt direkt befragen und einbeziehen müssen, wenn es um ihre Belange und das Thema Inklusion geht.

Interessengemeinschaft Schleswig inklusiv

Solche Treffen und Gespräche sind wichtig und müssen regelmäßig durchgeführt werden. Aus diesem Grunde wurde an diesem Abend die „Interessengemeinschaft Schleswig inklusiv“ ins Leben gerufen. Unter diesem Label soll die Inklusionsarbeit in unserer Stadt weitergetrieben werden und das nicht unter einer Flagge einer einzigen Partei oder Organisation, sondern alle gemeinsam, Hand in Hand. Inklusion muss man leben.

So wurden nach Findung eines Namens für die neue Interessengemeinschaft Kontakt-Adressen ausgetauscht und gesammelt, um sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten und zu Informieren. Sina Clorius, Inke Asmussen und Horst Rieger werden als Ansprechpartner und Anlaufstelle der IG fungieren und die notwendigen organisatorischen Angelegenheiten gemeinsam in die Hände nehmen.

Welche Aktionen sind in der nahen Zukunft geplant?

Im Hinblick auf die kommenden Landtagswahlen in Schleswig-Holstein möchte man Menschen mit Behinderungen und die jeweiligen Kandidaten zusammenführen und vorhandenen Probleme direkt anzusprechen und klarzumachen was man von der Landespolitik erwartet. Eine Podiumsdiskussion soll den entsprechenden Rahmen bilden und wird seitens der Interessengemeinschaft zeitnah geplant.