„Nichts als Asche“ – Teil 7

„Nichts als Asche“ – Teil 7

12. Februar 2022 Aus Von Jens Nielsen

Ein historischer Fortsetzungsroman aus der Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig. Kapitel 7.

Bild: Jens Nielsen

Kapitel 7

Im Vorhof zur Hölle

Für Caterina war es in dem stockdunklen Verlies unmöglich geworden zu erkennen, wer die Zelle betrat, da nur beim Öffnen der schweren Eichenholztür ein wenig Licht aus dem vorgelagerten Gang in den Raum drang. Das Licht verschwand bis auf einen schmalen Spalt alsbald darauf wieder, als der nun eintretende Mann die Tür hinter sich angelehnt hatte. Caterina konnte ihn nur kurz sehr schemenhaft erkennen. Außer dass der Mann ungewöhnlich breite Schultern hatte und offenbar sehr kurz rasiertes Haar trug, war fast nichts von ihm in dem kurzen Lichteinfall zu sehen gewesen. Dagegen war sein starker Geruch nach Schweiß, gemischt mit der süßlichen Note von Blut, selbst wenn man wollte, kaum zu ignorieren. Caterina wich ängstlich vor der riesenhaft wirkenden Gestalt und vor dem abstoßenden Geruch bis an die Hinterwand der Gefängniszelle zurück, während sich der Mann im Dunkeln ihr zielsicher näherte und mit nur wenigen Schritten die Mitte des Raumes erreicht hatte. Sie konnte ihn noch immer nicht sehen, aber umso deutlicher riechen. Mit aller Kraft stemmte sich Caterina gegen die Mauer, als hoffte sie, die Steine würden nachgeben und ihr wie durch ein Wunder einen Fluchtweg freigeben, oder zumindest einen größeren Abstand zwischen ihr und dem Mann ermöglichen. Aber nichts dergleichen geschah. Lediglich die kalte feuchte Mauer in ihrem Rücken mit ihren kleinen steinernen Unebenheiten bohrte sich äußerst schmerzhaft durch ihr Kleid in ihre Haut. Den Umhang hatte man ihr schon an der Mühle abgenommen, hätte ihr dieser doch als Schutz vor der Wand jetzt dienlich sein können. Der vor ihr stehende und in der Dunkelheit umso bedrohlicher wirkende Mann sprach weiterhin kein Wort zu ihr, als wollte er seine Unsichtbarkeit und seine Macht über sie weiterhin still auskosten. Er bückte sich jetzt, wobei er ein wenig schwer atmete und wiederholt trocken husten musste und stellte einen Napf und einen Becher fast geräuschlos auf den Boden. Der Mann schien sich auch im Dunkeln gut orientieren zu können, da er sich alsbald darauf ohne Zögern umdrehte und wieder zielstrebig auf die Türöffnung zusteuerte. Dann verschwand er – genauso wortlos, wie er gekommen war. Nur sein Hüsteln war noch im Gang zu hören. Nachdem sich Caterina vergewissert hatte, dass die Tür nunmehr geschlossen blieb und der Mann auch nicht mehr zurückkam, wagte sie es, langsam wieder hervorzukriechen und sich auf allen Vieren dem Napf und dem Becher in der Mitte der Zelle zu nähern. Obwohl sie keinerlei Hunger verspürte, nahm ihre empfindliche Nase doch vorsichtig wahr, dass das Essen sehr würzig und, im Gegensatz zum Überbringer, nicht unangenehm roch. Sie konnte mit ihren Fingerspitzen fühlen, dass der wohlduftende Napf zusätzlich auch noch warm war. Was auch immer sie sich vorgestellt hatte, was es in den Kerkern der Stadt zu essen gab, mit diesem Nahrungsangebot hatte sie hier nicht gerechnet. Ein grauer Brei oder ein trockenes Stück Brot wäre ihrem Seelenzustand allerdings angemessener gewesen. Caterina schob den Napf zur Seite und griff lediglich nach dem ertasteten Becher, der offenbar aus Holz gefertigt war, welches am Rand vom häufigen Gebrauch leicht faserig geworden war. Vorsichtig und argwöhnisch roch sie auch an dem Gefäß und nahm daraufhin prüfend einen kleinen Schluck. Zu ihrer Überraschung schmeckte Caterina frisches klares kaltes Wasser auf ihrer Zunge, welches sie nun gierig in einem Zug austrank, bis der Becher gänzlich leer war. Erschöpft kroch sie zurück, lehnte sich wieder an die Kerkerwand und strich sich mit ihrem Kleiderärmel das restliche Wasser aus den Mundwinkeln. Was hätte sie jetzt für ein wenig Licht gegeben.

Caterina hatte einen guten Orientierungssinn und wusste, dass sie sich an der sogenannten „Heiligen Stätte“ befand. Diese war so benannt worden, weil hier an dieser Stelle einst der ehemalige Chorraum der Klosterkirche der Franziskanermönche angesiedelt gewesen war. Doch leider war der ursprünglich hellste Ort des Gebäudes, der einst für die Auferstehung und das Leben stand, jetzt ein Ort der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit und vor allem der unüberwindlichen Dunkelheit geworden. Hier an der „Heiligen Stätte“ wohnte in unmittelbarer Nähe auch der Scharfrichter mit seiner Familie und irgendwo hier musste sich auch die „Büttelei“ befinden, von der Caterina wusste, dass man sie in Schleswig auch als „Hechte“ bezeichnete. Hier hatten zahlreiche Verhöre oft unter der Aufsicht ihres Bruders stattgefunden, so wusste Caterina. Und so war es noch immer. Ihr graute vor diesem Ort. Sie vermutete, dass der breitschultrige Mann, der ihr das Essen brachte, ein Amtsknecht ihres Bruders oder gar der Scharfrichter selbst gewesen war. Ob sie Peter die gute Beköstigung zu verdanken hatte? Das wäre eigentlich kaum anzunehmen. Welchen Grund hätte er gehabt, ihr die Haft zu erleichtern? Nach all dem was vorgefallen war.

Caterina blieb für viele Tage und Nächte in dem Verlies, ohne dass irgendwer Notiz von ihr genommen, geschweige denn sie zu einer Befragung geholt hätte. Da die Anklage auf Zauberei vor Zeugen bereits ausgesprochen und dem Stadtgericht wohl auch schon mitgeteilt worden war, hatte sie nicht mehr mit einem glimpflichen Ausgang zu rechnen, bei dem sie lediglich zur Sache vernommen worden wäre. Einmal am Tag kam der weiterhin fast unsichtbare breitschultrige Mann, der weiter schwer atmend, hustend und stinkend das sehr anregend duftende Essen vor sie auf den Boden stellte, sich aber ansonsten nicht weiter um sie kümmerte. Seine Besuche wurden während ihrer Haft zu Caterinas einzigen, regelmäßig wiederkehrenden Orientierungspunkten und so wartete sie schließlich geradezu auf seine Ankunft. Sie hätte mittlerweile nicht mehr zu sagen gewusst, ob es Tag oder Nacht war. Den Mann anzusprechen, um ihn zu fragen, wagte sie nicht. Es wäre ohnehin vergeblich gewesen, so ahnte sie. Nach anfänglichem Zögern aß sie schließlich nach mehreren Tagen Abstinenz aus dem Napf, welcher noch immer jeden Tag neu, stumm, duftend und mit immer dem gleichen Ritual vor sie hingestellt wurde. Der Mann hatte tagtäglich auch den vorher dagelassenen Napf und den Becher wieder an sich genommen, ob sie nun gegessen hatte oder nicht. Caterina hatte nach Tagen der Teilnahmslosigkeit beschlossen, bei Kräften bleiben zu wollen. Die Kälte und die Feuchtigkeit waren leichter zu ertragen gewesen, wenn nicht auch noch der Hunger hinzukam. Für ihre Notdurft war wohl ein Eimer vorgesehen, der in der Ecke der Zelle zu ertasten gewesen war. Nach anfänglicher Scham hatte sie ihn schließlich auch benutzt und einen abgerissenen Zipfel ihres Kleides und etwas Trinkwasser verwendet, um sich rein zu halten. Ihr Körper hatte die Verdauung die ersten Tage zunächst eingestellt, was sich schließlich in krampfartigen Bauchschmerzen deutlich machte. Caterina hatte aber trotz starken Unwohlseins mit ihren Fingern Stück für Stück den ganzen Raum erkundet und dabei gefühlt, dass es auch eine Stelle gab, an der Stroh aufgeschüttet worden war. Offenbar war dies als ihre Schlafstätte vorgesehen. Hier lag sie nun über Stunden, ohne sich weiter im Raum zu bewegen. Die Dunkelheit machte sie müde und träge. Je länger Caterina allein in der kalten und feuchten Dunkelheit saß oder lag, desto größer wurde aber auch ihre Angst. Wofür musste sie all das hier ertragen? Hatte man sie hier vergessen? Was hätte man ihr wirklich vorwerfen können? Warum half ihr niemand? Und wie konnte Gott das alles zulassen? Das waren die Fragen, die sie sich immer wieder stellte. Für die Frau des Bunthmakers hatte sie nur Verachtung und namenlose Wut übrig. Wie schändlich diese gehandelt hatte. Caterina verdrängte sie schließlich aus ihren Gedanken, als sie merkte, dass ihre hilflose Wut sie schwächer zu machen begann. Auch die Gedanken an Johann versuchte sie zurückzudrängen. Zu schmerzhaft wäre die Erinnerung an ihren geliebten Sohn gewesen. Und Elisabeth? Ihre so bewunderte und geliebte Schwiegermutter? Wie hatte sie Caterina so verraten können? Caterina konnte es nicht glauben. Das passte nicht zu ihr. Es musste einen anderen Grund gegeben haben, warum ihr Bruder mit den Zeugen und den Knechten plötzlich an der Mühle aufgetaucht war. Elisabeth hätte niemals ein Wort zu irgendjemandem darüber gesprochen, da war sie sich jetzt ganz sicher. Diese Gedanken taten ihr gut, wusste sie sich doch jetzt nicht ganz verlassen. An ihren Mann dachte Caterina kaum und wenn nur mit Gleichgültigkeit. Nach Tagen hatte Caterina ohnehin aufgehört zu denken und versank wieder in dumpfe Lethargie. Es war ihr, als wäre sie innerlich verloschen. Sie hatte nicht nur jedes Gefühl für Zeit verloren, auch der Geruch des Toiletteneimers und der Schmutz an ihrem Körper und auf ihrem Kleid war für sie bedeutungslos geworden. Caterina war in der Dunkelheit mit sich allein und fühlte nunmehr – nichts mehr. Auch das Essen hatte sie irgendwann wieder eingestellt. Ihr tat die anhaltende Stille in den Ohren weh. Offenbar war sie die einzige Gefangene an der „Heiligen Stätte“ oder die anderen waren in einem ähnlichen Raum untergebracht worden, der kaum einen Schall durchließ. Manchmal war es ihr, als beginne der Raum zu schweben, oder sie verlor das Gefühl wo oben und wo unten war. Schließlich verbrachte sie die Tage in einem Dämmerzustand, der nur gelegentlich von Schlaf unterbrochen wurde.

Am zwölften Tag ihrer Haft wurde Caterina zum ersten Mal aus ihrem Verlies geholt. Sie empfand das Licht vor den Zellen so hell und gleißend, dass sie die Augen zu kleinen Schlitzen verengen musste und fast blind durch den Gang stolperte. Auch war sie fast zu schwach zum Gehen, so dass sie vorübergehend von den Knechten gestützt werden musste.  Man stieß sie am Ende des Ganges in einen Raum, in dem sie, da er nicht besonders hell ausgeleuchtet war, lediglich erkennen konnte, dass er ein Gewölbe an der Decke aufwies. Von den vielen Menschen, die sich wohl mit ihr in diesem Raum befanden, konnte sie kaum etwas sehen, außer deren schemenhafte Umrisse an den Wänden. Da ihr auch nicht bekannt gemacht wurde, wer diese Leute waren, die zunächst weder mit ihr sprachen noch sonst sich zu erkennen gaben, beschloss Caterina sie vorerst zu ignorieren, brauchte sie doch ihre ganze Kraft und Aufmerksamkeit für sich selbst. Sie hatte weiterhin Mühe sich auf den Beinen zu halten und ihre Augen taten ihr weh. In der Mitte des Gewölbes an der Decke war ein großer schwerer eiserner Haken eingelassen. Der Raum selbst war nur mit mehreren, vereinzelt angebrachten Kienspänen notdürftig erhellt worden, so dass Caterina im Halbdunkel mehrere Ketten und Stricke erahnen konnte, die an den Wänden angebracht waren, oder am Rande bereit lagen.

Caterina erschauderte, als sie jetzt den großen breitschultrigen Mann in dem spärlichen Licht wiederzuerkennen glaubte, der ihr so lange das Essen gebracht hatte. Meister Paul Eddelmann, seines Zeichens Scharfrichter, war auch im Halbdunkel besehen ein grobschlächtiger Mann, der sich bisher im Stadtleben bestimmt nicht durch besonders feingeistige Bemerkungen und durch gnadenvolle Taten hervorgetan hatte, aber das gehörte ja beileibe auch nicht zu seinen Aufgaben. Wie er und seine Familie zu diesem im wahrsten Sinne des Wortes edlen Familiennamen gekommen waren, wusste niemand. Doch schon sein dumpfer Blick verriet, dass er in der Ausübung seines Amtes nicht besonders zimperlich sein würde. Um ihn herum waren passend dazu auf zwei hölzernen Tischen verschiedene Zangen, Messer, Brandeisen und andere Marterwerkzeuge sauber angeordnet, die teils zusätzlich mit Stacheln und Dornen versehen worden waren. Im Raum war es jetzt fast ganz still geworden. Nur leises Hüsteln und Scharren und das schwere Atmen des Scharfrichters waren zu vernehmen. Endlich waren weitere Schritte vor der Tür zu hören und ein Mann betrat den Raum, den Caterina ebenfalls noch nie zuvor gesehen hatte. Trotzdem er nicht besonders groß war und auch ansonsten eine eher unauffällige Gestalt bot, wies sein hageres bleiches und kantiges Gesicht mit dem dünnen Schnurrbart und einem ebensolchen Kinnbart auf eine besondere Strenge im Charakter hin. Es war Jürgen Maes van Kosel, der amtierende Stellvertreter des Stadtvogtes in Schleswig. Da man Peter Eggerdes von diesem Fall urplötzlich abgezogen hatte, da seine Verwandtschaft zu Caterina nicht erwarten ließ, einen öffentlichen Prozess über die Bühne bringen zu können, welcher frei von dem Verdacht der Befangenheit war, hatte man ihn kurzfristig ausgetauscht oder besser vorübergehend durch einen Amtskollegen ersetzt. Van Kosel schien für diese Aufgabe der richtige Mann zu sein, so glaubte Bürgermeister Beer, war er doch unbestechlich, tugendsam, gottesfürchtig und scheute sich nicht, hart durchzugreifen, wenn es Not tat. Immerhin hatte man es hier mit einer Hexe zu tun. Der Stellvertreter des Stadtvogtes, der sich mit der Übernahme der Amtsgeschäfte sichtbar wohl fühlte, baute sich jetzt direkt vor Caterina auf, trotzdem sie ihn um Haupteslänge überragte und blickte ihr scharf in die Augen. Dann rümpfte er die Nase und sah ihr Erscheinungsbild von oben bis unten verächtlich an. „Name?“, fragte er ganz unvermittelt, ohne dabei den Blick von ihr zu lassen. „Caterina“, antwortete Caterina wahrheitsgemäß, „Caterina Eggerdes, Frau des Pantoffelmachers Hans“. „Dein Mann tut hier nichts zur Sache“, entgegnete van Kosel schneidend, „dieser ist als Zeuge geladen und wird uns im weiteren Verlauf Deiner Befragung noch zur Verfügung stehen.“ Verständnislos sah Caterina auf den Verhörenden hinunter. Sie sagte aber nichts. Van Kosel machte dem im Hintergrund anwesenden Schreiber ein Zeichen, den Taufnamen der Frau zu notieren. Offenbar hatte man ihm aber aufgetragen, sich nicht weiter nach der Familie zu erkundigen, da er schnell die Erfragung der weiteren Familienverhältnisse überging. „Ich höre, Ihr habt Euch als Kräuterweib in der Stadt betätigt. Stimmt das?“, fragte er stattdessen. „Kräuterweib? Von wegen, sie ist eine Hexe!“, ertönte eine männliche Stimme aus dem Hintergrund, ohne dass man die Stimme jemandem zuordnen konnte, „Ruhe!“, brüllte van Kosel unvermittelt in den Raum, „das Verhör führe ich allein.“ „Ich bin kein Kräuterweib“, sagte Caterina äußerlich ruhig, „ich habe den Kranken und Notleidenden meine Dienste in der Stadt und im Umkreis von Schleswig angeboten.“ Ein verächtliches Schnauben war zu hören. Es kam offenbar aus der gleichen Ecke des Raumes, aus der vorher der Zwischenruf erklungen war. Caterina fühlte erneut Panik in sich aufsteigen. Sie versuchte nun auch die Person im Raum im Auge zu behalten, die ihr offensichtlich Böses wollte. Nur konnte sie ihn nicht erkennen. Wer konnte das sein? Gegen die Lügen der Frau des Bunthmakers glaubte sie sich wehren zu können, von wem ging aber noch eine weitere Bedrohung aus? Von dem Eckernförder Arzt? Es schien ihr nun von mehreren Stellen Gefahr zu drohen. Caterina merkte, wie ihr die Beine fast einknickten und sie zu zittern begann. „Ich bin keine Hexe“, schrie sie verzweifelt und leicht schrill in den Raum. „Noch nie habe ich jemandem Böses getan. Ich habe immer nur versucht den Menschen zu helfen. Ihr kennt mich doch.“ Caterina sah sich jetzt hektisch um. Ihr fiel das Atmen schwer und ihre Ohren begannen leicht zu summen. Irgendjemand musste doch für sie sprechen. Sie konnte sich nicht entsinnen, wie vielen Menschen sie im Laufe der Jahre geholfen hatte. Oftmals nur für ein Brot, für ein paar Eier, oder für wenig Geld. Und das sollte jetzt der Dank dafür sein. Van Kosel fixierte Caterina kurz neugierig, blickte aber dann schnell wieder gelangweilt erscheinend in die Unterlagen, die neben ihm auf dem Pult lagen. Natürlich war zu erwarten, dass eine Hexe leugnen würde, eine solche zu sein. Sonst wäre die Kunst des peinlichen Verhörs ja gänzlich nutzlos. Die Frau würde schon noch gestehen. Da war er sich ganz sicher. Mit Interesse hatte auch er bemerkt, dass die Beine der Frau zu zittern begonnen hatten. Er wollte sich nicht eingestehen, dass die Sache begann ihm Spaß zu machen und so rief er sich selbst innerlich zur Ordnung. Er stand hier lediglich, um der Wahrheit zum Recht zu verhelfen, redete er sich ein. Und die Wahrheit lag schon jetzt glasklar vor ihm – auch ohne Prozess. Wiederum streifte er Caterina mit einem wohlüberlegten geringschätzenden Blick, bevor er sich zu dem Scharfrichter herumdrehte, der das Geschehen augenscheinlich eher unbeteiligt registriert hatte: „Nun denn Meister Eddelmann, bereitet alles für das peinliche Verhör vor. Ich will am morgigen Tage mit der Schreckung beginnen.“ Eddelmann nickte ehrerbietig und dehnte vielsagend seine Hände vor dem Oberkörper bis sie knackten, wofür er sich aber einen missbilligenden Blick von Seiten des Stadtvogtvertreters einfing. Eggerdes schien seine Leute nicht im Griff zu haben. Vielleicht ließe sich das zu einem betreffenden Zeitpunkt einmal nutzbringend verwenden, dachte van Kosel.

Caterina wurde von zwei Amtsknechten wieder in ihr Verlies geführt. Sehnsüchtig blickte sie so lange sie konnte in die Sonne, die vom Gang aus kurz zu sehen war, bevor sich die Tür wieder hinter ihr schloss und sie in Dunkelheit zurückließ. Sie tastete sich zurück auf ihr Strohlager und blieb hier zitternd liegen. Ihre Knie hatte sie fest an den Oberkörper gezogen und sich so zusammengekauert. Weinen konnte sie nicht. Auch an Schlaf war nicht zu denken. Doch statt auf den nächsten Morgen zu warten, wurde Caterina schon wenige Stunden später in der Nacht von mehreren Männern geholt. Sie hatten sich durch lautes Rumpeln auf dem Gang und das plötzliche Aufschlagen der Tür angekündigt. Die Männer griffen zu viert nach Caterina, legten sie in Ketten und zogen sie aus ihrem Verlies. Sie hatte kaum noch Kraft und so war an Gegenwehr nicht zu denken. Das Verhörkomitee und die geladenen Zeugen waren bereits in dem gleichen Raum versammelt, den Caterina erst vor kurzem verlassen hatte. Nur war dieser durch Fackelschein jetzt hell erleuchtet, so dass sie die Anwesenden, im Gegensatz zu vorher, gut erkennen konnte. Außer dem Vertreter des Stadtvogtes und dem Scharfrichter konnte sie jetzt viele weitere Menschen aus Schleswig ausmachen, die sie auch alle zumindest mit Namen zuordnen konnte. Zum Teil waren auch Männer unter ihnen, die sie sogar sehr gut kannte, waren sie doch Kunden ihres Mannes oder seine Zechpartner aus dem Ratskeller. Unter anderen Umständen hätte man sich höflich begrüßt. Jetzt aber wirkten sie verschlossen und abweisend. Zwei Männer sah Caterina unter ihnen, zu denen sie schon in der Vergangenheit bei einer Erkrankung in deren Haushalt gerufen worden war. Das waren der Ratsmann und Kleinschmied Michael Grote und der Kupferdecker Marx Brasen. Auch so manchen angesehenen Bürger, darunter auch den jüngeren Jürgen Kosel, Hans Olefsen, den Schuhmacher Jurgen Ruthlandt, Hans Vos, Andreas Sulffgraw, den Knochenhauer Peter Jensen und Hans Tampsen erkannte sie wieder. Schließlich konnte sie auch den Gesellen Hinrick Lange versteckt in der Menge ausmachen, der jetzt wieder betreten zu Boden sah. Caterina konnte sich nun unschwer vorstellen, wer sie noch vor wenigen Stunden hier im Raum der Hexerei bezichtigt hatte. Lange vertrat offenbar den Haushalt der Buntmakerschen in dieser Runde. Caterina wurde leicht übel und sie merkte, wie ihr Herz schnell und stark zu klopfen begann. Man führte sie in die Mitte des Raumes und van Kosel nahm an dem kleinen Tisch Platz, an dem schon der Schreiber Johannes Boye saß. Dieser hatte sich einen Stapel Papier zurechtgelegt und hielt seine Feder einsatzbereit in den Händen, um sie sogleich in das ebenfalls bereitstehende Tintenfass zu tauchen. Es herrschte jetzt eine angespannte Stimmung im Raum, die Caterina für sich als sehr bedrohlich wahrnahm. Sie vermied es, die einzelnen Personen im Raum anzusehen, hatte sie doch Furcht, dass der Anblick dieses womöglich geballten Hasses und der kaum zu ertragenen Ablehnung ihr die Kräfte gänzlich schwinden ließen. So konzentrierte sie sich auf den Gerichtsschreiber Boye, schien er doch die neutralste Person im Raum zu sein. Auch tat ihr das schlichte Schwarz seiner Gewandung gut, da ihre Augen sich noch immer nicht an das Licht gewöhnt hatten. Van Kosel hatte jetzt ebenfalls einige Papiere vor sich ausgebreitet und schien mit Hilfe einer noch zusätzlich aufgestellten Kerze einige Schriftstücke intensiv zu studieren. Caterinas Nerven waren jetzt bis zum Zerreißen gespannt. Sie konnte die spürbare Feindseligkeit im Raum kaum noch ertragen. Zudem war ihr hundeelend, sie war müde und ihre Beine zitterten weiterhin. Als sie, um sich halbwegs beruhigen zu können, wieder das schwarze Obergewand des Schreibers betrachtete, sah dieser plötzlich hoch und ihre Blicke trafen sich für wenige Sekunden. Caterina glaubte aus Boyes Augen plötzlich Trauer und unendlich viel Mitleid lesen zu können. Dieser Blick erfasste sie innerhalb von Sekunden so sehr, dass sie kurz alles um sich herum vergaß. Der Schreiber versuchte ihr mit seinem kurzen, aber sehr intensiven Blick etwas zu vermitteln. Das war jetzt ganz deutlich. Caterina tat sein Blick so gut, dass sie fast glaubte, in die Augen eines Engels zu blicken. Dann aber blickte Boye fast zu hastig wieder nach unten, als befürchtete er, bei irgendetwas ertappt werden zu können. Spürbar brannte ein weiterer Blick auf Caterinas Antlitz, so dass sie jetzt, fast gegen ihren Willen, erneut hochsah. Sie blickte direkt in die kalten Augen des Scharfrichters, der sie und den Stadtschreiber, so schien es, argwöhnisch beobachtet hatte.

Fortsetzung folgt…


[1] Hebamme

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