„Nichts als Asche“ – Teil 8

„Nichts als Asche“ – Teil 8

19. Februar 2022 Aus Von Jens Nielsen

Ein historischer Fortsetzungsroman aus der Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig. Kapitel 8.

Bild: Jens Nielsen

Kapitel 8

Beihilfe zur Flucht

Peter Eggerdes kehrte sehr nachdenklich in sein Haus zurück. Er hatte soeben eine Unterredung mit dem ersten Bürgermeister gehabt, welcher ihm dringend nahegelegt hatte, seine Amtsgeschäfte längere Zeit ruhen zu lassen. Zu brisant und zu folgenreich waren die Tatvorwürfe, die Caterina als seiner Schwester angelastet wurden, wenn es tatsächlich zu einem Schuldspruch kam. Und der galt als sicher. Beer hatte ihm mittgeteilt, dass der Tatvorwurf der Hexerei Caterina schon sehr viel länger anhaftete, als der Stadtvogt selbst wusste und dass sie nur wegen des Amtes ihres Bruders nicht schon vorher öffentlich beklagt worden war. Anlässe hätte es genug gegeben. Mit der Beweislast der Ermordung des Bunthmakers war es aber nun nicht mehr länger möglich, über die Tatsachen hinwegzusehen, so hatte es Bürgermeister Beer ausgedrückt. Gemeint hatte er wahrscheinlich, dass Caterinas schlechter Leumund nunmehr auch auf ihren Bruder, den Stadtvogt, und damit auf den Rat der Stadt zurückfiel. Das konnte man in keinem Fall dulden. Peter Eggerdes war es bei der Unterredung mit dem Bürgermeister nicht nur unangenehm gewesen, dass er, der von Berufs wegen alles wissen musste, über bestimmte Vorgänge Caterina betreffend offensichtlich nicht ausreichend unterrichtet worden war. In ihm nagten zusätzlich Gewissensbisse, da er Johannes Beer bei weitem nicht über alles informiert hatte, was er in Eckernförde über Caterina und über den Arzt erfahren hatte. Letztendlich tat es aber auch nichts mehr zur Sache. Das Ergebnis war das gleiche: Das gegen Caterina vorliegende Untersuchungsmaterial reichte, damit sie vor dem Stadtgericht angeklagt und in Gewahrsam genommen werden konnte. Da der letzte Prozess gegen drei Zauberinnen erst wenige Jahre her war, hatte die Stadt mittlerweile einiges an Erfahrung mit der Verfolgung und der Bestrafung von Zauberinnen. Peter Eggerdes hatte vom Bürgermeister nun aber die eindringliche Weisung erhalten, sich aus dieser Sache gänzlich herauszuziehen. Der Stadtvogt bedauerte das zutiefst, hatte er sich doch bereits tief in die Materie eingearbeitet und, zusammen mit dem Scharfrichter, die Verhörmethoden mittlerweile so perfektioniert, dass es keiner vermaledeiten Hexe mehr gelingen würde, dem Scheiterhaufen zu entkommen. Nun aber musste er seinen Platz frei machen. Dem Stadtvogt war seine Enttäuschung wohl anzusehen gewesen, denn Beer hatte begütigend auf ihn eingeredet. Der Bürgermeister wolle im Gegenzug zu Eggerdes vorübergehender Niederlegung des Amtes dafür Sorge tragen, dass die Familie des Stadtvogtes nicht weiter in diese Angelegenheit mit hineingezogen würde, so hatte er versprochen. Mehr könne er nicht tun, hatte Beer noch hinzugefügt und sich dabei selbstgefällig mit beiden Händen über den Bauch gestrichen.

„Ich habe Caterina auf den Scheiterhaufen gebracht“, sagte Peter Eggerdes kurz darauf leicht resigniert zu seinem Vetter Claus Hasse, der ihm nun in der geräumigen Stube an dem großen schweren Eichentisch im Hause der Familie Eggerdes direkt gegenübersaß. Es kam zwar öfters vor, dass Hasse auf dem Weg von seinen Geschäften bei seinem Vetter einkehrte, doch nur selten sah er diesen so niedergeschlagen. „Wat hest du?“[1], entgegnete er und sah Peter mit großen erschrockenen Augen und offenem Mund an. „Ich habe meine eigene Schwester vor Zeugen angeklagt und auch schon in der Büttelei abgeliefert. Zur Stunde sitzt sie dort im Verlies und wird bestimmt zeitnah peinlich befragt werden“, antwortete Eggerdes und stützte seinen Kopf erschöpft mit beiden Händen ab. Er war, noch als er an der Mühle vor Caterina gestanden hatte und sie im Namen der Stadt der Zauberei bezichtigte, sehr überzeugt gewesen, das Richtige zu tun. Jetzt aber plagten ihn schwere Zweifel. Was war, wenn sie etwas aussagte, was ihn als Bruder in seinem Amt belastete, oder die Ehre der Familie auf ewig in den Schmutz zog? Hasse starrte ihn weiterhin an, sagte aber zunächst nichts. Schließlich klappe er seinen Mund wieder zu und redete auf den Stadtvogt ein: „Du darfst das nicht zulassen. Du musst sie da wieder herausholen. Du treibst ein sehr gefährliches Spiel mit uns allen.“ Der Stadtvogt nickte bestätigend. „Ja, du hast recht“, sagte er nur und drehte gedankenverloren an seinem prunkvollen Ring, den er seit seiner Amtsübernahme an seinem rechten Ringfinger trug und seitdem niemals abgelegt hatte. „Aber ich kann nichts mehr tun“, fügte er dann hinzu, „van Kosel hat den Fall übernommen und ich habe keine Befugnis mehr in dieser Sache.“ „Glaubst Du denn, dass Caterina überhaupt die Möglichkeit erhält, sich zu ihrer Verteidigung zu äußern und mehr auszuplaudern, als gut für uns wäre?“, fragte Claus Hasse, während er sich und seinem Vetter einen Becher gewürzten Wein einschenkte, den eine der Mägde auf dem Tisch bereitgestellt hatte. „Verteidigung?“, lachte Peter Eggerdes laut auf, um dann vehement mit dem Kopf zu schütteln. „Sie wird sich eher auf dem Scheiterhaufen wiederfinden, bevor sie noch weiß, wie ihr geschieht. Das Urteil ist längst festgelegt, alles andere nur reine Formsache. Sie muss nur noch gestehen.“ Der Stadtvogt hatte nun begonnen, mit seinem Zeigefinger resigniert in den Tropfen auf dem Tisch herumzurühren, die beim Einschenken des Weines daneben getropft waren. „Nun denn Vetter“, entgegnete Hasse, „dann ist doch alles gut, sie wird, da ihr wohl kaum das Wort gelassen wird, nichts verraten können und die Ehre der Familie bleibt unangetastet.“ „Da täuscht Du dich, Claus“, sagte Eggerdes, nachdem er einen weiteren tiefen Zug aus seinem Becher genommen hatte, „die peinliche Befragung bringt so manches an den Tag, was besser ungesagt bliebe. Der Stadtvogt ging erregt zum Fenster und öffnete es. „Oft sprechen die Frauen mehr, als gut für sie ist – und für uns“, fügte er nachdenklich hinzu. „Meister Eddelmann wird es ans Licht bringen, was auch immer da ans Licht gebracht werden muss.“

In diesem Moment sah Peter Eggerdes durch das geöffnete Butzenglasfenster einen seiner Knechte auf den Hof reiten, den er vor Stunden, so erinnerte er sich, wegen eines Botendienstes zunächst in das nahe gelegene Moldenit und weiter nach Kappeln geschickt hatte. Das Gesicht des Knechtes konnte er vom Fenster aus nicht erkennen, aber die sehnige dürre Gestalt war unverkennbar: Das war Henning, einer seiner Stallknechte. Seinen Nachnamen wusste der Stadtvogt nicht. Da der Knecht eine auffällig dunkel pigmentierte Hautfarbe hatte, wurde er überall nur Henning Duster oder eben nur einfach Henning genannt. Auch daran erinnerte sich der Stadtvogt jetzt wieder. Eggerdes Familie besaß sowohl in Moldenit als auch in Kappeln einiges Land und so war es nicht ungewöhnlich das die Bediensteten oftmals zwischen Schleswig, Moldenit und Kappeln mehrmals hin und her pendelten. Es waren Anweisungen zu überbringen, Aufzeichnungen und Listen entgegenzunehmen oder aber Arbeitskräfte zu ergänzen. Der Knecht sah etwas müde aus, so konnte Eggerdes von weitem erkennen, als dieser kurz seinen breitkrempigen Hut lüftete und dann mit steifen Beinen vom Pferd stieg. Diesen stelzigen Gang sah man oft bei Reitern, die über lange Strecken und mit zu wenig Pause im Sattel gesessen hatten. Der Mann musste den langen Weg am heutigen Tag bereits mehrmals geritten und so über Stunden ohne Rast geritten sein. Doch der Umstand des Reitens und die Entfernung zu seinen Höfen beschäftigte den Stadtvogt nur am Rande. Der Knecht mit seinem weit heruntergezogenen Hut machte ihn nachdenklich. Kaum hatte dieser den Stall betreten, um sein Pferd abzusatteln, hatte Eggerdes plötzlich jenen wahnwitzigen Einfall gehabt, von dem er im gleichen Moment wusste, dass nur die Verzweiflung ihm diesen eingegeben haben konnte. Er beugte sich weit aus dem Fenster und rief seinem Knecht hinterher, der sich eben im Inneren des Stalls daran gemacht hatte, den Sattelgurt des Pferdes zu lösen. „Henning“, schrie der Stadtvogt nun weit vernehmlich in den Hof hinunter, „sattle unsere Pferde. Hasse und ich müssen noch in dieser Stunde nach Moldenit. Und Du kommst mit. Du kannst Dein Pferd gleich aufgezäumt lassen.“ Der Knecht stand wie vom Donner gerührt im Stall und blickte fassungslos Richtung Haus. Dann fluchte er und hob drohend die Faust in Richtung seines Herrn. Wie gut, dass ihn der Stadtvogt vom Haus aus so nicht sehen konnte, hätte er dieses Verhalten seines Knechtes doch unter schwere Strafe gestellt. Eggerdes blickte indessen auffordernd zu seinem Vetter und sagte zu ihm: „Wie steht´s Claus, ich erzähl‘ dir alles unterwegs.“ Während sie nur Minuten später im leichten Trab gen Moldenit ritten, machte Peter Eggerdes Hasse verschwörerisch raunend mit seinen Plänen vertraut. Der Knecht Henning ritt erschöpft und zornig hinter ihnen, hatte er die beschwerliche Strecke tatsächlich seit den frühen Morgenstunden schon mehrmals zurückgelegt, bevor er weiter nach Kappeln geeilt und hier zur Feldarbeit eingeteilt worden war. Er konnte sich kaum noch im Sattel halten und sein dunkles Gesicht war blasser als sonst. Der Stadtvogt indessen drängte sein Pferd noch näher an das von Claus Hasse heran, bevor er diesen leise ansprach und sich dabei zusätzlich noch misstrauisch nach beiden Seiten umsah: „Es gibt nur eine Möglichkeit Claus. Wir müssen Caterina befreien und in Moldenit oder besser in Kappeln als Magd unterbringen. Wenn wir sie entsprechend gewanden und ihre Haare färben, dürfte das keinem auffallen, da ja ständig neues Personal zwischen meinen Höfen hin und her wechselt.“ Hasse blieb erneut der Mund weit offenstehen, bevor er endlich herausbrachte: „Peter, wenn das schief geht, bist du nicht nur Dein Amt als Stadtvogt auf ewig verlustig, sondern es fällt auch ein nie mehr zu tilgender Schatten auf unsere Familienehre. Bedenke was Du tust“. „Es darf einfach nicht schief gehen“, raunte Peter erneut zu seinem Vetter hinüber, „ich habe da einen unfehlbaren Plan.“ Dann begann er seinen Vetter eindringlich über sein Vorhaben zu informieren, welches schon in der darauffolgenden Nacht durchgeführt werden sollte. Die beiden emsig miteinander tuschelnden Reiter waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, sahen nicht hinter sich und konnten demzufolge kaum erkennen, welchen wölfischen Gesichtsausdruck das Gesicht des vorher erschöpften Knechtes soeben angenommen hatte, der in Windrichtung hinter den beiden Herren reitend alles mit angehört hatte. Sollte es so leicht sein, sich Vorteile und Genugtuung gegenüber seinem Herrn zu verschaffen, dachte Henning hämisch grinsend. „Wenn ich es geschickt anfange, ist diese Nachricht Goldes wert“, sinnierte er vor sich hin und konnte sich eines erneuten Grinsens nicht erwehren. Nun überaus folgsam begleitete er Peter Eggerdes und Hasse nach Moldenit und wartete geduldig, bis diese ihre Vorbereitungen getroffen, das Personal eingeschworen und die Anweisungen an den Verwalter herausgegeben hatten. Henning Dusters Erschöpfung war wie durch Zauberhand wie weggeblasen und jetzt einer wachsamen Erregung gewichen. Auf dem Rückweg hätte er am liebsten vergnügt vor sich hin gepfiffen, wusste er doch nun etwas, was den amtierenden Stadtvogt Herrn van Kosel bestimmt brennend interessieren würde und diesem bestimmt auch eine Belohnung wert war. In Gedanken sah sich Henning schon im Wirtshaus sitzen, um seine Belohnung zu verprassen. Runde um Runde würde er schmeißen. Diese Vorstellung hob seine Laune beträchtlich.

Peter Eggerdes hatte schon am nächsten Tag die für sein Vorhaben notwendige Information ihn Erfahrung gebracht, dass die anberaumte Befragung Caterinas auf mehrere Termine verteilt worden war. Kurz nachdem in der Stadt kundgetan wurde, dass seine Schwester im Verdacht der Zauberei stand und gefänglich eingezogen worden war, kamen zahlreiche Schleswiger Bürger und Bürgerinnen, Einwohner und Einwohnerinnen zum Rathaus, um ihre Aussagen vor dem Gerichtsschreiber zu machen. Nur wenige von ihnen waren konkret vorgeladen worden. Hatte man sich vorher vor Caterina gefürchtet? Eggerdes erstaunte es, wie viele Feinde und Ankläger seine Schwester plötzlich hatte. Das war ihm vorher nicht bewusst gewesen, glaubte er doch, dass sie als Heilerin fast überall in der Stadt beliebt und angesehen gewesen war. Das Gegenteil schien jetzt der Fall zu sein. Es schien als wäre mit der Verhaftung Caterinas ein Damm aufgebrochen, der die Menschen davon befreite, weiter Zurückhaltung zu üben, stellte die angeklagte Hexe für sie doch jetzt keine Gefahr mehr dar. Obwohl er dem Bürgermeister versprochen hatte, sich aus den Ermittlungen und Befragungen herauszuhalten, hatte der Stadtvogt sich unter dem Siegel der Verschwiegenheit an seinem Stehpult die Protokolle vom Schreiber zeigen lassen und so in Erfahrung gebracht, wie viele Parteien in der Stadt jetzt Klage gegen Caterina führen wollten. Die durch die Anklage der Stadt ausgelösten Ermittlungen hatten zusätzlich weitere neue Verdachtsfälle ergeben und so waren weitere Frauen aus Schleswig und auch aus den umliegenden und auch weiter entfernten Dörfern besagt worden, derer man jetzt nach und nach versuchte habhaft zu werden, um sie zu verhören. Ein Prozess mit so vielen verdächtigen Frauen würde sich hinziehen und so musste der Stadtvogt schnell handeln, wollte er Caterina vor mehreren peinlichen[2] Verhören und letztendlich damit auch vor dem Feuer bewahren. Peter Eggerdes hatte in den Protokollen interessiert gelesen, dass nicht nur der Rüstungsschmied Hinrick Platensleger und seine Frau Anne die Chance ergriffen und Anzeige wegen Schadenszauber erstattet hatten, wohl um so doch noch an ihr Geld zu kommen. Auch das nächtliche Umherirren Caterinas vor dem Haus der Platenslegers war von Anne in diesem Zusammenhang zu Protokoll gebracht worden, so wie sie es schon dem Stadtvogt bei der Befragung geschildert hatte. Peter Eggerdes las auch mehrere andere Namen, die ihm persönlich in der Stadt bekannt waren. An einigen der hier beschriebenen Vorgänge, Untersuchungen und Verhöre hatte er als Stadtvogt selbst schon im Vorfeld federführend mitgewirkt. Nur war Caterinas Name bisher nie dabei gefallen. Peter Eggerdes konnte dem braunen Protokollbuch jetzt entnehmen, dass auch der ehrbare Schleswiger Bürger Hans Juversen als Kläger gegen Caterina in Erscheinung trat, von dem er bisher nur wusste, dass Hans Toffelmaker ihn dereinst im Streit mit einem Spieß angegriffen hatte. Da ihm der Fall damals persönlich vorgetragen worden war, war der Stadtvogt über diesen Angriff, der beinahe zum Tod des Angegriffenen geführt hätte, bestens im Bilde. Durch einen ergänzenden Eintrag in das Protokollbuch der Stadt erfuhr Peter Eggerdes nun, dass Hans Juversen auch schon vor dem besagten Angriff lange im Streit mit dem Ehepaar Hans Toffelmaker und Caterina Eggerdes wegen angemahnter Mietschulden für ein von ihnen früher bewohntes Haus gelegen hatte und dass Caterina damals, zusammen mit ihrer Magd Abelke Stenbrugger, versucht haben soll, benanntem Hans Juversen durch einen Topfzauber zu schaden. Juversen war mittlerweile verarmt. Darauf beruhte auch seine Klage. Auch von einer Frau mit Namen Metke Framen war in den vom Stadtschreiber gemachten Aufzeichnungen zu lesen, die in ihrem Bemühen, dem Vikar am Schleswiger Dom und gottorfischen Zöllner Nikolaus Lucht zu schaden, von Caterina wohl ebenfalls mit Zauberei unterstützt worden war. Zauberei, so war es dort für Peter Eggerdes deutlich zu lesen gewesen, war tatsächlich in den meisten Fällen der Grund zur Klage. Neben der Anschuldigung wegen Schadenszauber von dem Eckernförder Arzt Christoffer Schmidt, von dem Peter Eggerdes wusste, dass dieser selbst in Sachen Zauberei kein unbeschriebenes Blatt war, fand sich auch eine Anklage wegen eines Liebeszaubers gegen Caterina in den Akten, in dessen Zusammenhang eine ältere Frau aus Esperstoft mit Namen Botellt Alsen mit besagt worden war. Als Kläger fand sich der Name Hinrick Lange aus Schleswig, Kürschnergeselle. Weiterhin sollte Caterina gegen Olaf Olefsen, der ebenfalls im Streit mit ihrem Mann Hans Toffelmakers lag, böse Worte ausgesprochen haben, die auch bei Olefsen zur Verarmung geführt hatten, stand dort zu lesen. Eggerdes musste unwillkürlich schmunzeln, wusste er doch, dass Olefsen sein Geld in jeder freien Minute ins Wirtshaus trug. Der Mann von Wolber Glasemakers aus Schleswig, so war weiterhin zu lesen, wurde von Caterina bestraft, weil wohl Wolber selbst die Zutaten für die Verrichtung eines Schadenszaubers nicht besorgen hatte können. Caterina sollte auch dem Kramer Henneke Putters und dem Beutelmacher Roleff Ruscher aus Rache jeweils einen Hexenschuss angehext haben, so stand es geschrieben. Auch die beiden Namen waren in der Liste der Ankläger zu finden. Seite um Seite folgten weitere Anschuldigungen gegen Caterina, musste der Stadtvogt feststellen. Insgesamt hatte Peter Eggerdes bei Durchsicht der Protokolle neunzehn Anklagen gegen seine Schwester zählen können. Damit würde das Stadtgericht einige Zeit beschäftigt sein.

Die gravierendste Anklage allerdings, die der Stadtvogt hatte lesen müssen, machte ihm jetzt noch Gedanken. Er war nach jahrelanger Tätigkeit als Stadtvogt einiges gewohnt, hatte vieles erlebt und noch mehr als Lüge aufgedeckt. Als er aber die Hauptanklage gegen Caterina im Protokoll gelesen hatte, hatte er sich doch erst einmal setzen und etwas Hochprozentiges zu sich nehmen müssen. Man hatte seine Schwester angeklagt, zusammen mit mehreren anderen Frauen, einen Topfzauber zum Schaden der Stadt vollführt zu haben. Ein Tontopf der wohl mit Totenknochen und anderem Gebein, mit Tierhaaren und allerlei merkwürdigem Pulver angefüllt war, sollte unter einem der alten Stadttore vergraben worden sein, auf dass die Stadt Schleswig ewiglich verarmen möge. Peter Eggerdes hatte Caterina so manches zugetraut, aber das ging jetzt doch viel weiter, als er geahnt und befürchtet hatte. Ein Schadenszauber gegen die Stadt. Schon als Kind war ihm seine Schwester nicht geheuer gewesen. Er hatte sich ohnehin, weil sie ein Mädchen war, viele Jahre kaum für sie interessiert. Wenn überhaupt hatte er versucht sie zu ärgern oder auflaufen zu lassen, da sie schon als Kind früh außergewöhnlich hochgewachsen und von eher kräftiger, leicht dicklicher Gestalt gewesen war. Caterina hatte sich aber nicht gut ärgern lassen und so mied er sie schließlich, wenn es möglich war. Richtig abgestoßen oder vielmehr erschreckt hatten Peter Eggerdes aber schon immer die Augen seiner Schwester. Dabei war es nicht die Farbe oder die Form, die ihn auf Abstand brachten. Caterinas Augen waren groß, klar und leicht mandelförmig, konnten als schön gelten und gaben keinen Grund zur Beanstandung. Sie hatte aber etwas so Tiefgründiges und Hintersinniges in ihrem Blick gehabt, als könnte sie auf den Grund seiner Seele sehen und tief in seine Gedanken eindringen. Das hatte Peter Eggerdes in Unruhe, wenn nicht sogar in Angst versetzt. Überhaupt schien sie schon immer alles vorher gewusst zu haben, noch bevor die Dinge wirklich eintraten. Trotz ihres früher leicht fülligen Körperbaus war sie immer schneller als Peter, konnte höher in die Bäume klettern und war ihm auch an Geisteskraft weit überlegen gewesen. Das hatte ihn maßlos geärgert. Zudem war sie die Jüngere und hatte von allen Mägden und auch von der Mutter immer am meisten Zuneigung bekommen. Wenn er sich recht entsann, hatte er Caterina schon immer abgelehnt, seitdem er ihrer in seinem Leben gewahr geworden war.

Es war gänzlich unmöglich, dass Caterina ein Entkommen aus dem Rathaus allein gelingen könnte, falls sie überhaupt auf die Idee gekommen wäre, es zu versuchen. Zudem wäre ein Weglaufen auch unsinnig gewesen, da sie in dieser Situation ohnehin nicht mehr weit kommen würde. Der amtierende Stadtvogt und der Stadtrat hätten sofort nach Bekanntwerden ihrer Flucht die ganze Region nach ihr abgesucht und sie wohl alsbald auch wieder ergriffen. Wohin hätte sie jetzt noch gehen können? Auch verstecken würde sie keiner mehr. Peter Eggerdes machte sich nichts vor. Er wusste um die Verhältnisse im Kerker und um die Kunst des peinlichen Verhörs des Scharfrichter Eddelmann. Caterina würde auf Dauer zu schwach sein, wenn er sie nicht bald wieder aus dem Verlies holen würde. Zwar war der Scharfrichter bereitwillig auf sein Angebot eingegangen, dass er dafür, dass er Caterina gutes, warmes und unverdorbenes Essen und klares Wasser brachte, damit rechnen durfte, dass Peter Eggerdes darüber Stillschweigen bewahrte, dass Eddelmann die Finger von Hingerichteten in getrocknetem Zustand als Glücksbringer verkauft hatte – weiter aber durfte der Stadtvogt den Scharfrichter nicht ins Vertrauen ziehen. Eine Zeit lang hatte Eggerdes darüber hinweggesehen, dass die Leichengräber ihm berichtet hatten, dass die außen an der Friedhofsmauer zu verscharrenden Leichen der Hingerichteten oftmals ohne Hände waren und nur noch blutige, sauber abgetrennte Stumpen aufwiesen – bis er nach Caterinas Verhaftung beschlossen hatte, dieses Wissen gegen den Scharfrichter nutzbringend einzusetzen. Nur dieser konnte für die Verstümmelungen in Frage kommen. Eddelmann hatte ihn aus kleinen bösen Augen wütend angefunkelt, als Eggerdes ihn stellte und Eddelmann so erfuhr, dass sein Dienstherr um seinen Nebenverdienst wusste. Bereitwillig aber hatte er sich dann auf den Handel eingelassen. So hatte der Stadtvogt das Essen bezahlt und Eddelmann hatte es Caterina in unbeobachteten Momenten in die Zelle gebracht. Und unbeobachtete Momente gab es in diesen Tagen der Verhöre viele, da sich kaum einer in die Nähe der „Heiligen Stätte“ verirrte, wenn er nicht von Amts wegen kommen musste, oder gewaltsam hierher verschleppt wurde. Für eine mögliche Befreiung Caterinas musste eigentlich nur der passende Zeitpunkt abgewartet und der Scharfrichter weggelockt werden, so dachte sich der Stadtvogt und strich sich dabei nachdenklich wiederholt über seinen Spitzbart. Einen Zugang zu allen Kerkern und zum Haupttor besaß Eggerdes natürlich in Form eines großen Schlüsselbundes, der immer in der Wachstube hing, schwierig blieb nur das Problem der stetigen Anwesenheit des Scharfrichters. Es war nicht zu erwarten, dass van Kosel zusätzliche Wachen, ergänzend zur andauernden Wache des Scharfrichters, hatte aufstellen lassen, um eine mögliche Flucht zu verhindern. Die dicken Steinwände der ehemaligen Klosterkirche machten ein Entweichen unmöglich, so musste man annehmen. An eine Befreiung würde er ohnehin nicht denken. Wer hätte die Hexe befreien sollen? Die kalten, verächtlichen Blicke, die van Kosel Caterina zugeworfen hatte, so wusste Peter Eggerdes vom Schreiber Boye, konnten nur bedeuten, dass der amtierende Stadtvogt Frauen generell und Caterina im Besonderen nichts zutraute und sich ihrer in der Zelle ganz sicher fühlte. Van Kosel würde mit einer Flucht niemals rechnen. Doch es gab noch ein weiteres Problem, so wusste der Stadtvogt aus leidvoller Erfahrung. Außer Hasse durfte keiner von dem Vorhaben wissen. Andere durften nicht eingeweiht werden, zu groß war die Gefahr, dass das Unternehmen doch noch verraten würde, oder dass man zumindest versuchen würde, die beiden, Eggerdes und Hasse, von dem irrwitzigen Plan abzubringen. Als Stadtvogt hatte er sich zu eigen gemacht, niemanden zu vertrauen. Zu oft waren beispielsweise geplante Hausdurchsuchungen und Verhaftungen wegen des Umgehens der Sperrstunde in den Schankwirtschaften nach dem Zapfenstreich verraten worden und die zu Überprüfenden rechtzeitig ausgeflogen. Nein, er würde den Plan mit Hasse allein durchziehen.

Da man sich die Nachtstunden zur Ausführung vorgenommen hatte, nahmen sich Peter Eggerdes und sein Vetter deswegen vor, noch ein paar Stunden zu schlafen. Nach der Befreiung war an Schlaf ohnehin nicht mehr zu denken. Eggerdes wollte versuchen, von der Hinterseite des Rathauses durch das Noor mit einem Boot direkt an die von Schilf umgrenzte Gebäudewand heranzufahren und Caterina, nachdem man sie aus ihrem Verlies befreit hatte, durch die Müllluke nach draußen zu schaffen. Mit einem Widerstand von Caterina rechneten die Männer nicht, ging es doch um ihr nacktes Überleben.

Um kurz vor Mitternacht weckte Eggerdes seinen Vetter, der zu diesem Anlass extra mit im Haus geschlafen hatte. Eine Frau hatte der Stadtvogt schon seit Jahren nicht mehr, war diese doch mit dem neugeborenen Kinde bei der Geburt vor einigen Jahren gestorben. Caterina hatte damals nicht helfen können, da sie erst gerufen worden war, als die Mutter bereits zu schwach gewesen war, um die Geburt überleben zu können. Peter Eggerdes erinnerte sich noch Jahre später an die Sturzbäche von Blut, die das Laken des gemeinsamen Bettes bei der Geburt getränkt hatte. Seine Frau war am Ende bleich wie das Laken gewesen, welches man über sie und das Kind gedeckt hatte. Seit dieser Zeit ließ sich der Stadtvogt von seinen Mägden den Haushalt führen und nahm auch gelegentlich eine von ihnen mit in sein Bett, wenn es gar zu kalt in und um ihn wurde. Er hatte nicht mehr daran gedacht, erneut zu heiraten. Auch da ihm Kinder nicht vergönnt gewesen waren. Der Stand der Sterne wies darauf hin, dass die Stunde um Mitternacht kurz bevorstand und bald darauf hörte man auch die Turmglocke die zwölfte Stunde schlagen. Der Stadtvogt und Hasse warteten hinter dem Rathaus in ihrem Boot, bis der Nachtwächter, welcher allabendlich seine Runden drehte, vernehmlich laut singend das Rathaus mit seinem Spieß und seiner Laterne passiert hatte, bis sie das Boot leise an die Häuserwand auf der Hinterseite des Rathauses heranruderten. Alles schlief nun und die Feuer in den Herdstellen der Stadt waren wohl nun überall heruntergebrannt. Die beiden Männer konnten zwar noch miteinander sprechen, dies durfte allerdings nur sehr unterdrückt geschehen. „Es macht keinen Sinn, zu zweit zu den Verliesen zu gelangen. Einer von uns sollte beim Boot bleiben und die Luke im Auge behalten“, sagte Eggerdes leise, bevor er das Ruder ganz einzog, noch bevor es an der Steinwand entlangratschen konnte. „Ich werde allein gehen.“ Dann zog er geschickt das Boot mit Hilfe einer vorstehenden Mauerausbuchtung direkt in den Schatten der Hauswand, so dass die Beiden jetzt kaum mehr zu sehen waren. Nur das leise Gluckern und Schlingern des Bootes und das leise Rascheln des Schilfes hätte ihre Anwesenheit für sehr sensible Ohren noch verraten können. „Oho, nicht so voreilig lieber Vetter“, sagte Hasse und hielt Eggerdes am Arm zurück. „Die Sache könnte schnell gefährlich werden und Deinem Ruf erheblich schaden. Lass mich gehen“, sagte er dann eindringlich. „Nein Claus“, entgegnete der Stadtvogt, „es ist mein Verschulden und meine Schwester. Ich muss die Sache selbst bereinigen. Das bin ich mir und der Familie schuldig.“ „Wenn es aber misslingt, zahlst Du einen sehr hohen Preis“, wandte Hasse jetzt ein. „Sei vernünftig. Lass mich gehen“, fügte er dann hinzu. „Nun, wir wollen eine Probe machen, wer von uns geht. Was sagst Du?“ Peter Eggerdes wies dabei in die Richtung, in der die Behausung des Scharfrichters zu suchen war. „Weißt Du, wo Meister Eddelmann mit seiner Familie schläft und weißt Du, was er in diesem Moment gerade tut?“, fragte er dann. „Nein“, antwortete Hasse. „Und doch wäre es für unser Vorhaben überlebensnotwendig zu wissen, wo der Scharfrichter sich gerade aufhält. Gehe hin und finde heraus, ob er schläft. Wenn dir das gelungen ist, komm wieder hierher zum Boot zurück. Dann gilt die Probe als bestanden und ich traue dir zu, dass Du meine Schwester aus dem Verlies befreist. Willst Du das tun?“ Eggerdes blickte seinem Vetter fest in die Augen. Man konnte ihm ansehen, dass er es ernst meinte. „Nun gut“, entgegnete Hasse, der die Notwendigkeit ebenfalls einsah, über den Aufenthaltsort des Scharfrichters informiert zu sein. Er kletterte geschmeidig wie eine Katze aus dem Boot und verschwand im Schilf, was auch auf der anderen Seite dicht heran wuchs. Kurz darauf war er verschwunden. Erst hörte man noch leises Plätschern, dann war es wieder fast ganz still. Nur sehr langsam hatte sich Hasse fortbewegen können, um zur Wohnstatt des Scharfrichters zu gelangen, die nur von der Westseite des Rathauses aus zugänglich war. Hasse nahm sich vor kein Licht zu machen und jede Versteckmöglichkeit zu nutzen, die sich ihm in der Dunkelheit bot. Jetzt war er doch aufgeregt, als ihm bewusst wurde, auf was er sich eingelassen hatte. Zentimeter um Zentimeter schob er sich vor, bis er die Fensterluken sehen konnte, die zu dem Bereich des Rathauses führten, die dem Scharfrichter mit seiner Familie zugeteilt worden waren. Hier roch es ständig nach feuchtem Leder und einem anderen Geruch, von dem man besser nicht wissen wollte, was es wirklich war. Gerade als Hasse sich an der Hauswand zum Fenster der Scharfrichterwohnung hochziehen wollte, umklammerte etwas seinen Fuß und riss ihn wieder herunter. Jemand musste auf ihn gewartet, oder genau im richtigen Moment abgefangen haben. Hasse schaffte es gerade noch sich wegzurollen als er unsanft auf den Boden schlug, bevor die mächtige Faust des Mannes, der ihn angegriffen hatte, zuschlagen konnte. Ohne Zweifel hatte er das Gesicht des Mannes im Bruchteil einer Sekunde erkennen können, welcher ihn jetzt, statt erneut zuzuschlagen, fest umklammerte, auf den Boden drückte und fest in seinen Unterschenkel biss. Hasse heulte zunächst auf vor Wut, konnte aber bei dem anhaltenden starken plötzlichen Schmerz einen lauten Schrei nicht mehr unterdrücken. Die Kraft und die abstoßenden Verteidigungsmethoden des Scharfrichters waren unverkennbar. Auch die kleinen bösen Augen waren im schwachen Licht der Sterne jetzt deutlich zu erkennen gewesen. „Hau ab“, konnte Hasse noch in die Nacht brüllen, wobei nicht klar war, ob er den Scharfrichter oder den im Schilf versteckten Stadtvogt damit meinte. Claus Hasse konnte jetzt nicht mehr entfliehen. Der Scharfrichter hatte sich nunmehr mit seinem ganzen Gewicht auf ihn gekniet und schnürte ihn jetzt mit festen Stricken zusammen. Sie waren verraten worden, so viel war gewiss. Da war sich Hasse ganz sicher.

Fortsetzung folgt…


[1] Die folgenden Unterhaltungen sind zum besseren Verständnis in unserem Sprachgebrauch wiedergegeben

[2] Pein=Schmerz, Verhöre unter der Folter

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