„Nichts als Asche“ – Teil 9

„Nichts als Asche“ – Teil 9

26. Februar 2022 Aus Von Jens Nielsen

Ein historischer Fortsetzungsroman aus der Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig. Kapitel 9.

Bild: Jens Nielsen

Kapitel 9

Namenloses Entsetzen

Caterina hatte von all dem, was vor und hinter dem Rathaus passiert war, nichts mitbekommen. Sie hatte nicht mehr versucht einzuschlafen, waren ihre Sinne doch ohnehin auf das Äußerste angespannt und somit an Schlaf nicht zu denken. So lauschte sie in die absolute Stille, bis sie in einen Zustand völliger Teilnahmslosigkeit geriet. Ihr war völlig klar, was jetzt mit ihr passieren würde. Sie hatte sowohl die Berichte ihres Bruders über stattgefundene Verhöre als auch die Verfolgungen der drei Frauen vor einigen Jahren, die in Schleswig erfolgreich abgeurteilt und öffentlich in einem Ofen auf dem Rathausmarkt verbrannt worden waren, genauestens verfolgt. Caterina gab sich keiner Illusion mehr hin. Auch sie würde ihr Leben auf dem Scheiterhaufen beschließen müssen.

Sie hatte erwartet, dass sie Angst hatte oder verzweifelt war. Jetzt aber fühlte sie nichts von dem. Sie nahm sich unwirklich und weit entfernt wahr, gerade so, als würde ihr Körper nicht mehr zu ihr gehören. Als würde es die Caterina Eggerdes, die sie geglaubt hatte mit jeder Pore ihres Daseins zu sein, schon jetzt nicht mehr geben. Als hingeworfener Fleck nahm sie sich wahr. Das Einzige, was sie noch mit ihrem Leben und ihrer Vergangenheit verband, war das Gesicht ihres Sohnes, so wie er als Kleinkind ausgesehen hatte. Sein Bild hatte sie dauerhaft vor ihrem inneren Auge. Sie empfand unvorstellbar große Trauer darüber, dass sie ihn nun nicht würde aufwachsen sehen. Dass sie ihn nicht mehr würde begleiten und schützen können. „Gott sei seiner Seele gnädig“, dachte sie. Elisabeth würde sich jetzt um ihn kümmern müssen.

Irgendwie musste Caterina doch eingeschlafen sein, weil sie durch ein plötzliches Geräusch an der Tür in die Höhe schreckte. Sie brauchte eine Zeit, um sich in der Dunkelheit zu orientieren, aber jetzt hörte sie es ganz deutlich, dass sich jemand an der Tür zu schaffen machte. Sie spürte schließlich mehr als sie es sah, dass die Tür geöffnet wurde, obwohl es im Verlies völlig dunkel blieb. Selbst das sonst so charakteristische Kreischen und Knirschen der Türangeln war jetzt nicht mehr zu hören gewesen. Offenbar hatte jemand die Angeln mit Schweinefett eingerieben, oder anders gangbar gemacht. War es das, was sie kurz zuvor gehört hatte? Die Tür stand nun einen Spalt breit offen, doch noch immer war kein Laut zu hören. Caterina hatte sich auf ihrem Strohlager aufgesetzt und lauschte in die Dunkelheit.

Plötzlich spürte sie, dass sich etwas wieselhaft auf sie zu bewegte. Sie wurde steif vor Angst und hielt vor Entsetzen die Luft an. Ehe sie noch vermochte, sich zu bewegen, fühlte sie eine behandschuhte Hand, die sich fest auf ihren Mund drückte. Der Handschuh schmeckte nach hartem alten Leder und Caterina konnte nur noch mit dem Kopf schütteln, um zu versuchen, den Griff abzuwehren. Ihre Hände wurden mit der anderen Hand der Gestalt, die in die Zelle eingedrungen war, fest an ihren Körper gedrückt. Sie hätte schreien mögen, aber der Handschuh machte das unmöglich. Die Stimme hätte ihr vermutlich ohnehin versagt, selbst wenn die Hand auf ihrem Mund nicht gewesen wäre, so panisch war sie.

„Still. Ich bin es.“ Caterina erkannte sofort die Stimme ihres Bruders. Sie begann unkontrolliert zu zittern. Caterina versuchte nicht mehr, sich zu wehren, war aber weiterhin von einem namenlosen Entsetzen ergriffen. Was konnte Peter von ihr wollen? Auch oder gerade von ihm hatte sie nichts Gutes zu erwarten. Der Stadtvogt umklammerte sie mit der einen Hand ganz fest, während er die andere immer noch auf ihren Mund presste. „Ich hol dich hier raus. Bleib ruhig. Ich nehme die Hand jetzt weg. Aber bleib um Gottes Willen leise.“ Seine Stimme klang rau und sehr angespannt. Caterina spürte, wie sie wieder freier atmen konnte und sie begann hektisch und unregelmäßig einzuatmen, obwohl die abgestandene und nach Exkrementen riechende Luft im Verlies alles andere als angenehm roch.

Ihr Bruder begann sie nun ungeduldig in die Höhe zu ziehen. „Komm schnell. Wir haben keine Zeit. Uns bleiben nur wenige Minuten.“ Peter zerrte an ihr, bekam aber im Dunkeln nur ihr Kleid zu fassen, welches nun ein ganzes Stück der Länge nach einriss. Trotz ihrer Schwäche und ihres Zitterns kam Caterina auf die Beine. Sie hörte ihren Bruder kurz würgen, der sich an die Luft in dem Kerker wohl nicht so ohne Weiteres gewöhnen konnte.

Schließlich erreichten die beiden mit wenigen Schritten die offene Kerkertür, in der noch der große Schlüssel im Schloss steckte. Ungeduldig zog der Stadtvogt seine Schwester in den Gang und auch hier sog Caterina noch immer gierig den Luftzug ein, der durch das ganze Gewölbe strömte. Sprechen konnte sie noch immer nicht, so verwirrt und panisch fühlte sie sich. Wohin brachte er sie?

Plötzlich erstarrte ihr Bruder, packte Caterina erneut und stieß sie mit einem kräftigen Stoß zurück in die Zelle. „Es kommt jemand. Ich hole dich, so schnell, wie ich kann“, flüsterte er aufgeregt und schloss schnell, aber genauso leise, die Tür, so wie er gekommen war. Außer einem leichten Rascheln im Gang war von seiner Anwesenheit nichts mehr wahrnehmbar – doch auch das verstummte jetzt und eilige Schritte entfernten sich von der Tür.

Offenbar hatte sich der Stadtvogt in aller Eile irgendwo im Gewölbe verborgen. Caterina spürte vor lauter Verzweiflung den Schmerz an ihren Knien kaum, die sie sich beim Sturz auf den Boden im Verließ zugezogen hatte, auch ihre Beine waren arg zerkratzt und bluteten. Hier saß sie nun, um auf das zu warten, was noch kommen konnte. Tränen stiegen ihr in die Augen, bis sie schließlich hemmungslos zu schluchzen begann. Ihr Bruder hatte sie offenbar befreien wollen, so glaubte sie jetzt. Aus welchem Grunde auch immer. Voller Verzweiflung biss sie sich auf die Unterlippe und versuchte, sich zu kontrollieren. Noch ehe sie aber die Gedanken über Peter zu Ende denken und ihre Tränen abwischen konnte, hörte sie die bekannten Schritte des Scharfrichters im Gang und auch sein Hüsteln sowie sein schweres Atmen waren deutlich zu vernehmen – begleitet von dem Klirren von mehreren Ketten, die beim Gehen aneinander schlugen und schließlich mit lautem Scheppern vor der Tür ihrer Zelle abgelegt wurden.

Die Tür öffnete sich, es wurde plötzlich schmerzhaft hell und statt des Stadtvogtes erschien wie befürchtet tatsächlich Eddelmann mit wildem Blick im Türrahmen und warf ein unerkennbares Bündel achtlos in die Zelle, welches er über der Schulter getragen hatte und welches neben Caterina vernehmlich zu stöhnen begann. Caterina wich entsetzt zurück, als der Scharfrichter, entgegen seinen Gewohnheiten im Dunkeln zu bleiben, ihr einen brennenden Kienspan direkt an ihr Gesicht hielt. Offenbar wollte Eddelmann untersuchen, ob Caterina noch da war, wo er sie am Tag vorher verlassen hatte. Dann untersuchte er mit der Beleuchtung auch das Schloss und die Tür und bewegte anschließend argwöhnisch die Tür in ihren Angeln. Wusste er von dem Eindringen des Stadtvogtes? War ihm aufgefallen, dass die Tür jetzt sehr viel leiser zu öffnen und zu schließen war? Meister Eddelmann fand wohl alles zu seiner Zufriedenheit und das Schloss und den Riegel unversehrt vor, denn er grunzte vernehmlich. Wenn er etwas bemerkt haben sollte, ließ er sich jedenfalls nichts anmerken. Schließlich trat der Scharfrichter wieder in den Gang hinaus, holte die mitgebrachten Ketten herein und legte sie Caterina an. Diese begann erneut verzweifelt zu schluchzen, als sie das kalte Metall an den Hand- und Fußgelenken spürte, war doch jetzt so schnell an eine Flucht nicht mehr zu denken.

Der Scharfrichter riss sie hoch und gab dem undefinierbaren und noch immer stöhnenden Bündel neben ihr einen kräftigen Tritt in die Magengrube, dass sich die Gestalt noch mehr krümmte – und schließlich regungslos liegen blieb. Erkennen konnte Caterina die Person nicht, falls es überhaupt ein menschliches Wesen war. Eddelmann zog sie nun in den Gang hinaus und schleifte sie hinter sich her in den Raum, den Caterina durch den Beginn des Verhöres nun schon kannte.

Auch die hier Anwesenden waren die gleichen, wie beim letzten Mal, als Caterina hierher geschleppt worden war. Nur wirkte der Raum jetzt sehr viel heller, aber bei weitem nicht freundlicher. Im Gegenteil: Als die Anwesenden einen Blick auf Caterina, mit ihrem fast vollständig zerrissenen Kleid, den blutenden Beinen und Knien und ihrem Gesichtsausdruck mit den bleichen, hohlen Wangen und ihren schwarzen Augenringen warfen, war ihnen die Abscheu deutlich ins Gesicht geschrieben. Einige hielten sich pikiert Tücher vor den Mund, so sehr stieß sie das Erscheinungsbild der einstigen Heilerin ab.

Obwohl der Raum durch die Fackeln recht warm war, wurde Caterina plötzlich eiskalt. Sie spürte, wir ihr kalte Schweißtropfen über den Rücken und über die Stirn liefen. Es musste eine Täuschung sein, aber sie hatte zunehmend das Gefühl, als würde ihr Körper auf die Ablehnung und auf den Ekel geradezu reagieren, den sie jetzt immer deutlicher im Raum wahrnehmen konnte. Notdürftig versuchte sie mit ihren verketteten Händen ihr arg ramponiertes Kleid vor der Brust zusammenzuziehen.

Van Kosel trat vor Caterina hin und betrachtete sie mit unverhohlener Verachtung. Er hatte sich extra anlässlich dieses Verhörs mit feinen Spitzen und in Samt gekleidet. Seine Schuhe und der Gürtel waren mit Silber beschlagen und dazu passend trug er edle, geschlitzte Beinkleider und ein aufwendig gearbeitetes Barett. Der Blick des amtierenden Stadtvogtes wanderte langsam von Caterinas Füßen bis zu ihren Haaren, um dann darauf bei ihrem Gesicht stehen zu bleiben. Dann drehte er sich abrupt weg und sagte zu dem Schreiber Boye, der, im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten, gewohnt schlicht und unauffällig gekleidet an seinem Schreibpult hockte: „Boye, notiere, dass das Weibsstück es wagt, sehr unschicklich gekleidet vor den ehrbaren Zeugen und dem wohlgeborenen Stadtvogt zu erscheinen.“

Caterina konnte nicht widersprechen. Wie hätte sie auch erklären sollen, wie ihr Kleid zuschanden kam. Sie konnte schon froh sein, dass man ihr, aufgrund ihres Erscheinungszustandes keine Teufelsbuhlschaft anzuhaften versuchte, in der der Leibhaftige mit ihr in der Zelle Unzucht getrieben hatte. Letztendlich aber war es egal, was Caterina ab jetzt zu ihrer Verteidigung vorbringen würde. Nichts würde sie retten, das war ihr völlig klar.

Sie blickte unruhig im Raum hin und her wie ein eingesperrtes Tier und versuchte ihrer Verzweiflung Herr zu werden. Dabei bemerkte sie, dass der Raum sich im Gegensatz zu ihrem letzten Aufenthalt, unabhängig von den hell leuchtenden Fackeln, noch weiter verändert hatte. Die Tische mit den einsatzbereiten Marterwerkzeugen waren neu angeordnet und weiter in den Raum hineingezogen worden und Caterina erkannte zusätzlich eine große hölzerne Winde im Raum von der ein Seil bis zur Decke ging. Hier an der Decke war eine große Rolle angebracht worden, die ebenfalls aus Holz gearbeitet war und die Caterina in ähnlicher Form von den Fischerboten kannte, die vor dem Holm vor Anker lagen. Verwunderlich, dass ihr in dieser bedrohlichen Situation plötzlich Bilder von der Fischersiedlung kamen. Das verwirrte sie zusätzlich und machte die Situation für sie noch unwirklicher als sie ohnehin schon war. Die hölzerne Rolle an der Decke war aber sehr viel größer und breiter als Caterina sie je vorher an einem Boot oder auch an großen Schiffen gesehen hatte. Das Seil von der Winde führte über diese Rolle und war dann mit einer dünnen Kette verbunden, die wiederum bis zum Boden herabhing und sich dort wie eine Schlange ringelte.

Caterina war vorbereitet. Sie wusste genau, wozu diese Rolle, das Seil und die Kette dienten. Sie versuchte sich auf einen Punkt tief in ihrem Körper zu konzentrieren und sich einzureden: „Es ist nur ein Gefühl. Der Schmerz ist nur ein Gefühl. Du bist stark. Zeig ihnen nicht, dass du Angst hast. Verschaffe ihnen nicht diese Genugtuung. Zeig ihnen nicht, dass…“

„Guck mich an, Hexe“, schrie sie van Kosel plötzlich unvermittelt an. „Als erstes möchte ich von dir wissen, was du vor dem Haus der Platenslegers des Nachts zu suchen hattest. Was treibt dich zu den Häusern ehrbarer Leute. Es heißt, du hättest an den Häusern etwas vergraben. Was hast du vergraben?“

„Ich habe nichts vergraben!“, rief Caterina. Ich suche des Nachts nach Kräutern und Wurzeln. Daran ist nichts Unredliches.“

Der Stadtvogt nickte dem Scharfrichter zu. Dieser trat vor und zog Caterina an ihren Ketten zu sich heran. Dann drückte er sie zur Wand und verband ihre Fesseln mit einem Haken, der am Ende der Kette befestigt war, die von der Decke hing. Ruckartig zog er mit Hilfe der Kette ihre Hände hoch über den Kopf, so dass Caterina kaum noch den Boden mit ihren Fußspitzen berühren konnte.  Mit einer blitzschnellen Bewegung riss der Scharfrichter Caterina die Reste ihres Kleides vom Körper. Dann nahm er sich eine Weidenrute aus einem extra dafür vorgesehenen Bottich mit Wasser und prüfte fachmännisch deren Biegefähigkeit. Seine ohnehin schon kleinen Augen verengten sich als er sich zu Caterina herumdrehte und ihr wohlgezielt Schlag neben Schlag auf ihren Rücken versetzte.

Alsbald platzte die Haut auf und Blut sickerte heraus. Das Blut vermischte sich mit dem Schweiß auf Caterinas Rücken und wurde durch die Schläge überall im Raum verteilt. Auf den Boden, auf der Schürze des Scharfrichters und schließlich auch auf van Kosels gestärkten Spitzenkragen, der entrüstet und angeekelt an diesem herumzuwischen begann.

Caterina blieb still. Kein Laut drang über ihre Lippen. Ihr Gesicht sah aus, als wäre sie ganz weit weg und nicht mehr von dieser Welt. Als nach etlichen Schlägen immer noch kein Ton aus Caterinas Mund kam, machte sich Ungeduld unter den wartenden Herren breit. Schließlich hing Caterina wie leblos in den Ketten und van Kosel hielt den Scharfrichter zurück: „Haltet ein Meister Eddelmann. Sonst bringt ihr sie noch um.“

Eddelmann gehorchte sofort. Er war es gewohnt, solcherlei Anordnungen unmittelbar umzusetzen, wusste er doch, genau wie die jeweiligen Stadtvögte, aus jahrelanger Erfahrung, wieviel man den jeweiligen Delinquenten zumuten durfte, damit sie nicht vor Ende des Verhöres das Zeitliche segneten und noch ihre Aussagen machen konnten. Das war oft eine Frage von Körperstatur, Geschlecht und Zustand des oder der Gefangenen.

Eddelmann befreite Caterina von den Ketten und ließ sie unsanft zu Boden gleiten. Ein prüfender Griff an ihre Halsschlagader überzeugte ihn, dass sie noch am Leben war. Danach griff er zu einem bereitgestellten Kübel mit Wasser und goss diesen über sie aus.

Als Caterina das Bewusstsein wiedererlangte, packte er sie und zog sie vor den Stadtvogt. Van Kosel bedachte sie nur kurz mit einem seitlichen Blick aus den Augenwinkeln, bevor er weiter in dem Stapel Papier blätterte, welches vor ihm auf dem Schreibpult lag. Schließlich schob er den Stapel zur Seite, rückte sein Barett zurecht und sah auf Caterina herunter, die noch immer auf dem Boden hockte.

„Nun noch einmal von vorne“, sagte er dann betont langsam. „Warum hast du dich mehrmals in der Nacht vor den Haus des ehrbaren Rüstungsschmiedes und seiner Frau herumgetrieben? Was wolltest du da und was hast du vergraben? Der drohende Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Ich sagte doch schon. Ich habe nichts vergraben“, entgegnete Caterina schwach. Sie versuchte, so gut es ging, ihre Blöße mit den Händen zu verdecken und hatte Mühe wieder auf die Beine zu kommen. Sie wollte auf keinen Fall sitzenbleiben. Van Kosel sah bedeutungsvoll auf den Scharfrichter, der daraufhin etwas vom Tisch nahm und einen Schritt auf Caterina zuging. Sie hatte stark sein wollen, aber beim Anblick des skrupellosen Henkers, dem die Mordlust förmlich ins Gesicht geschrieben stand, verließ sie jegliche Kraft. Sie fühlte sich müde und schwach und ihr Rücken brannte wie Feuer.

„Ich habe nichts getan“, schrie sie voller Verzweiflung in den Raum hinein. „Es war der Teufel, der in mich fuhr. Er hat in meiner Gestalt die Menschen des Nachts in den Straßen aufgesucht. Aber ich war es nicht. Ich bin ohne Schuld!“

Plötzlich war es still im Raum. So still, dass man nur noch das Flackern und Knistern der Fackeln und das leise Quietschen der Seilwinde hörte, die sich an der Decke in der warmen Luft leicht bewegte. „Na also“, sagte van Kosel mit eisiger Stimme in die Stille hinein. „Warum nicht gleich so“. „Los, schreib auf“, forderte er dann Boye auf. „Die angeklagte Hexe hat zunächst geleugnet, sich in der Nähe der Klägerin zu nachtschlafender Zeit aufgehalten zu haben. Mit Hilfe der hochnotpeinlichen Befragung konnte sie sich aber daran erinnern, dem Leibhaftigen begegnet zu sein und sich seiner Hilfe versichert zu haben, um ihren unschuldigen Mitmenschen zu schaden. Der herbeigerufene Satanas wird auch in den anderen Fällen eine Bedeutung haben, die es noch zu untersuchen gilt.“

Zufrieden ging van Kosel, jetzt mit den Händen auf seinem Rücken, hinter seinem Schreibpult hin und her. Plötzlich fuhr sein Kopf ruckartig in die Höhe und in Richtung des Schreibers gewandt knurrte er: „Was schreibst du denn so lange? Hast du es bald? Lies vor, was du geschrieben hast!“

Boye legte gehorsam die Feder zur Seite, streute bedächtig Sand auf die Tinte und blies dann vorsichtig über das Geschriebene. Dann las er laut und vernehmlich vor: „Die angeklagte Hexe hat zunächst geleugnet, sich in der Nähe der Klägerin zu nachtschlafender Zeit aufgehalten zu haben. Mit Hilfe der hochnotpeinlichen Befragung konnte sie sich aber daran erinnern, dem Leibhaftigen begegnet zu sein und sich seiner Hilfe versichert zu haben, um ihren unschuldigen Mitmenschen zu schaden. Der herbeigerufene Satanas wird auch in den anderen Fällen eine Bedeutung haben, die es noch zu untersuchen gilt.“

Van Kosel nickte befriedigt. Er hatte nicht sehen können, dass der Schreiber Johannes Boye noch einen Zusatz unter dem diktierten Text geschrieben hatte. Weder die Bürgermeister noch der amtierende Stadtvogt noch sonst irgendwer würden jemals erneut in die Unterlagen hineinsehen und der Stadtvogt Eggerdes hatte sich das Geschriebene schon vorher genauestens zeigen lassen. Auch bei ihm war nicht damit zu rechnen, dass er sich die Aufzeichnungen ein weiteres Mal vorlegen ließ.

Boye bedauerte die Frau. Er bedauerte alle Frauen, die auf so grausame Art und Weise hier im Rathaus verhört wurden. Auch wenn er Caterina und keine von ihnen helfen konnte, hatte er sich doch vorgenommen, seine Empörung über diese Vorgänge zumindest für die Nachwelt festzuhalten. Vielleicht würde jemand in späteren Zeiten besser über diese armen Frauen urteilen. So hatte er am Rande unter van Kosels diktiertem Text hinzugefügt: „Sie sagen bisweilen mehr, als sie wissen und als sie ihr Lebtagen zu tun gedacht; sagen auch, was man hören will, auf dass sie der Pein entledigt sind. Es ist wert, angemerkt zu werden, auch Unschuldige zwingt der Schmerz, zu lügen. Das ist: In der Folter werden oft Unschuldige angegeben, und zwar gezwungen durch die Marter. Darum sollen die Richter das Einsehen haben, solche Personen dem Kläger zu Gefallen nicht mit dem Schärfsten (der Folter) den Beklagten übereilen zu lassen. Es ist gefährlich, die Leute so zu behandeln.“

Caterina war froh gewesen, dass der Schreiber für seinen Text etwas länger brauchte, wurde ihr doch so eine kleine Atempause ermöglicht. Sie empfand erneut Dankbarkeit für diesen Mann, ohne ihn zu kennen oder je mit ihm gesprochen zu haben. Und sie erinnerte sich an den Blick, den er ihr beim letzten Mal zugeworfen hatte. Das harte Kratzen seiner Gänsefeder tat ihr gut, bedeutete doch jedes geschriebene Wort einige Sekunden Ruhe für sie.

„Kommen wir nun zu dem Geld, welches du mit deinem Mann veruntreut hast. Wo ist es hin? Was ist daraus geworden?“ Caterina wandte ihren Blick von Boye ab. Sie war trotz der Unterbrechung ihrer Gedanken fast erleichtert, dass sie diese Frage wahrheitsgemäß beantworten konnte. Müde antwortete sie: „Mein Mann hat das Geld im Königreich von einem dänischen Edelmann empfangen, damit er es an den Platensleger auf Treu und Redlichkeit übergibt. Dieser sollte damit einen Harnisch anfertigen. Da meinem Mann zur gleichen Zeit ein sehr einträgliches Korngeschäft angeboten wurde, nahm er das Geld leihweise, um damit das Korn zu kaufen, da er schnell zusagen musste. Leider verdarb ein Großteil des Kornes, so dass der Verkauf nicht den Erlös brachte, den er sich ausgemalt hatte. Sobald er das Geld zusammenhatte, wollte er dem Platensleger die 100 Taler auszahlen. Ich weiß nicht, was daraus geworden ist.“

„Und womit hast du den ehrbaren Bunthmaker vergiftet?“, fragte der Stadtvogt, ohne auf die letzte Antwort Caterinas zu reagieren. Er sah dabei betont gelangweilt auf seine Fingerspitzen. In Wirklichkeit aber beobachtete er Caterina ganz genau, als diese jetzt entrüstet ausrief: „Ich habe den Bunthmaker nicht vergiftet. Ich kam mit Abelke erst hinzu, als dem Manne schon nicht mehr zu helfen war.“

Van Kosel starrte Caterina jetzt so an, wie eine Raubkatze, die sich gleich auf ihre Beute stürzen würde. Dann wandte er sich wieder zu dem Schreiber: „Abelke? Abelke Steenbrügger? Haben wir diese Frau bereits in Gewahrsam?“ Caterina wurde schlecht vor Angst. Was hatte sie getan? Sie wollte Abelke auf keinen Fall dieser Hölle ausliefern.

„Nein, Abelke ist unschuldig. Sie ist nur meine Unterstützung. Sie hat nichts getan oder gesagt“, bettelte sie. „Soso“, sagte van Kosel weiterhin lauernd. „Abelke ist unschuldig. Sie ist also deine Unterstützung! Und du? Gibst du deine Schuld damit zu?“ Caterina konnte nur noch resigniert mit dem Kopf schütteln. Der Scharfrichter zog sie erneut zu der Winde und befestigte die Kette an ihr. Dieses Mal reichten schon wenige Rutenhiebe bis Caterina wieder ohnmächtig in der Kette hing. Aus der Reihe der Zeugen hörte man eine ältere Männerstimme, die laut in den Raum hineinrief. „Die Hexe verstellt sich nur. Die ist nicht ohnmächtig. Schlagt weiter!“ „Ruhe!“, brüllte van Kosel. „Hier gibt es nur einen, der das Verhör führt und das bin ich! Haltet euch an die Vorgaben Knochenhauer Jensen oder ich schließe euch von weiteren Verhören künftig aus.“

Wesentlich ruhiger, fast freundlich forderte der Stadtvogt den Schreiber daraufhin auf, zu schreiben: „Notiere. Die Magd Abelke Steenbrügger ist gefangenzusetzen und sofort zum Verhör ins Rathaus zu holen.“ Gehorsam schrieb Johannes Boye das Aufgetragene nieder und nur wer ihn genau kannte, konnte an seiner gebeugten Gestalt, den zusammengezogenen Augenbrauen und den nach unten gezogenen Mundwinkeln bemerken, dass ihm nicht gefiel, was er schrieb.

Van Kosel nahm seinen Gang hinter dem Schreibpult, mit den verschränkten Händen auf dem Rücken, wieder auf. Er hatte gedacht, dass er mit dem Kräuterweib leichteres Spiel haben würde. An einer Fortführung des Verhörs war unter diesen Umständen nicht zu denken. Da aber ohnehin noch weitere Termine geplant waren, beschloss er die Befragung für diesen Moment zu beenden. „Macht sie los und bringt sie zurück in die Zelle“, befahl er dem Scharfrichter. Der Knochenbrecher Peter Jensen unter den Zeugen wollte erneut aufbrausen, besann sich aber dann eines Besseren.

Meister Eddelmann nahm Caterina ab, goss ihr einen weiteren Kübel Wasser über den Kopf und zog sie, als sie zu sich kam, an den Ketten hinter sich her, die er ihr nun wieder angelegt hatte. Während sie im halbwachen Zustand hinter dem Scharfrichter hinterher taumelte, nahm sie wahr, dass hinter ihr ein erregtes Gemurmel eingesetzt hatte, welchem der Stadtvogt mit lauter Stimme Einhalt zu gebieten suchte.

Als Meister Eddelmann die Verliestür öffnete lag das zurückgelassene Bündel noch immer regungslos auf dem Fußboden. Der Scharfrichter kettete Caterina an die Wand und wandte sich dann der Gestalt auf dem Boden zu. Durch das Fackellicht im Gang, welches ungewöhnlicherweise heute, wohl anlässlich des Verhörs, entzündet worden war, konnte Caterina erkennen, dass ein Mann in der Zelle lag. Trotz des vielen Blutes, mit dem sein Gesicht überströmt war, sah man, dass er ungewöhnlich dunkle Haut hatte. Caterina war sich fast sicher, dass sie diesen Mann schon einmal gesehen hatte. Er ähnelte zumindest einem Knecht ihres Bruders, den man Henning Duster nannte. Der Mann in der Zelle war mausetot.

Fortsetzung folgt…


[1] Die folgenden Unterhaltungen sind zum besseren Verständnis in unserem Sprachgebrauch wiedergegeben

[2] Pein=Schmerz, Verhöre unter der Folter

TEIL 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7