„Nichts als Asche“ – Teil 10

„Nichts als Asche“ – Teil 10

5. März 2022 Aus Von Jens Nielsen

Ein historischer Fortsetzungsroman aus der Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig. Kapitel 10.

Bild: Jens Nielsen

Kapitel 10

Das Böse ist in der Stadt

Paul Eddelmann war nun schon seit einigen Jahren Scharfrichter in Schleswig. Er hatte dereinst das Amt übernommen, indem er die Witwe des vormaligen Henkers heiratete. Diese hatte, mit Zustimmung des Rates, sowohl das Amt als auch zwei kleine Kinder mit in die Ehe gebracht. Eddelmann hatte mit der Amtsübernahme nach der Hochzeit bereitwillig einem Vertrag zugestimmt, in dem er einwilligte, sich einem stillen, frommen, zurückgezogenen und straffreiem Lebenswandel zu befleißigen. Obrigkeit und Einwohner der Stadt hatten ihm im Gegenzug, außer seinem Salär, den Titel „Meister“ zugebilligt, auch wenn ihm die eigentlichen Ehren eines Meisters und Vorsitzender einer Zunft in der Stadt versagt blieben. Eddelmann war in der Stadt, wie allgemein üblich, der einzige Henker und so manches Mal waren seine Dienste nicht nur im Stadtkreis, sondern auch im Amt Gottorf angefordert worden. Zusätzlich war ihm zum Broterwerb das Amt des Schinders und Abdeckers in der Stadt zugeteilt. Diesem Umstand verdankte die Umgebung seiner Wohnstätte einen strengen und sehr aufdringlichen Gestank nach Tierkadavern und nach Verwesung, war doch die Schindergrube direkt hinterm Haus.

Es hatte zwar nie Mangel an Bewerbern um das Amt des Scharfrichters gegeben, aber nur selten wurden solche Stellen vakant. Auch Eddelmann war nun schon einige Jahre im Dienst und hatte nicht so schnell vor, sein Amt zu verlassen. Nur wenige vermochten es, so wie er, den Kopf eines Verurteilten mit einem scharfen Richtschwert mit nur einem einzigen Hieb sauber vom Rumpf zu trennen. So manches Mal musste anderenorts nachgeschlagen werden – nicht aber bei Meister Eddelmann.

Erfreulich für den Scharfrichter war, dass ihm in der Stadt als Amtsträger der feuerrote Mantel und der große schwarze Schlapphut erspart geblieben waren, die andere Vertreter seines Standes in anderen Städten als Dienstkleidung wohl tragen mussten. So konnte der Henker weiterhin seine etwas altertümlich anmutende grobgewirkte Kapuze überstülpen, die er immer dann zum Schutz anlegte, wenn er das Rathaus verließ.

Zwischen ihm, dem Rat der Stadt und den Schleswiger Einwohnerinnen und Einwohnern herrschte im alltäglichen Miteinander ein über alle Maßen distanziertes Verhältnis, hatte der Scharfrichter doch mit seiner Amtsübernahme ausdrücklich zugestimmt, gesellschaftlich separiert zu bleiben. Und das Gefühl ausgestoßen zu sein, konnte er sich an jeder Straßenecke in der Stadt abholen. Wer wollte schon freiwillig Kontakt mit dem „Totenmann“ haben?

Nur mit dem Ersten Bürgermeister Johannes Beer pflegte Eddelmann fast unbemerkt einen Umgang, den man bei genauerem Hinsehen als vertraut empfinden konnte. Auch wenn der Scharfrichter nirgends ein gern gesehener Gast war und auch wenn ihm christliche Nächstenliebe überall versagt bleiben musste, hatte sich zwischen dem Bürgermeister und dem Scharfrichter etwas eingeschlichen, was man, milde ausgedrückt, als gegenseitigen Respekt bezeichnen konnte. Nur hätte selbst das keiner so zu formulieren gewagt, weil es eben verboten war, mit dem Henker in einen wie auch immer gearteten persönlichen Kontakt zu treten.

Selbst in der Domkirche musste sich Eddelmann mit einem eigenen abgetrennten Kirchstuhl bescheiden und war von der übrigen christlichen Gemeinde und besonders von den Vertretern der Stadt streng getrennt. Der Scharfrichter durfte den Gottesdienst erst betreten, wenn alle anderen schon saßen und musste vor den Gottesdienstbesuchern das Kirchengebäude verlassen haben. Nur mit den ihm untergebenen Schinder- und Abdeckerknechten durfte er den Kontakt suchen und so saß er mit diesen als Zechkumpanen nach getaner Arbeit gelegentlich beisammen.

Dem Bürgermeister aber gehorchte er aufs Wort und war ihm gegenüber streng loyal. Loyaler noch als er es dem Stadtvogt gegenüber zu sein vermochte, zumal dieser um seine Geschäfte mit getrockneten Fingern wusste, die er den Hingerichteten abgenommen und als Glücksbringer in der Stadt verkauft hatte. Bürgermeister Beer wusste die Loyalität seines Scharfrichters wohl zu nutzen, hatte er doch Pläne, bei denen es sehr hilfreich war, einen zupackenden Mann um sich zu haben, der keine Fragen stellte. Niemals hätte sich Beer öffentlich zu Meister Eddelmann bekannt, geschweige denn, sich schützend vor ihn gestellt. Und auch wenn Paul Eddelmann einen Schutz des Bürgermeisters nicht nötig gehabt hätte, man wusste einander zu schätzen und zu würdigen, ohne dass es jemanden auffiel.

Doch nicht nur zwischen dem Stadtoberhaupt und seinem Scharfrichter, auch zwischen dem uralten Gemäuer des Rathauses und dem Scharfrichter hatte sich ungewöhnlicherweise im Laufe der Jahre eine besondere Beziehung entwickelt, die durchaus als innig zu bezeichnen war. Nicht nur, weil er dem Gebäude sehr zugetan war, auch die Tatsache, dass er vom gesellschaftlichen Leben durch eine imaginäre Wand fast völlig abgetrennt war und von den Menschen gemieden wurde, hatte bei Eddelmann dazu geführt, dass er sich dem alten Bauwerk mehr hingab als es bei einem Menschen allgemein üblich gewesen wäre. So verbrachte er viel Zeit in Bereichen, die auch bei Tageslicht dunkel blieben.

Eddelmann kannte in dem ehemaligen Klostergebäude jeden Stein und jeden Gang, jeden versteckten Winkel und jede geheime Pforte. Nach Jahren hatte sich der Scharfrichter schließlich sogar die Fähigkeit erworben, in den dunklen Gängen und Verliesen ganz ohne Fackelschein auszukommen. Ein innerer Kompass in seinem Kopf hatte mehr und mehr die Navigation in den vertrauten Gängen und Verliesen übernommen, so dass er sich hätte zurechtfinden konnte, wenn er völlig blind gewesen wäre. So gab es im ganzen Rathaus keinen Winkel, keine Treppe und keine Höhe, die er nicht erkundet oder bestiegen hätte.

Die vom Rat gewollte und im Vertrag festgehaltene Distanz des Scharfrichters zu seinen Mitmenschen war ihm schließlich so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er sich nur noch mit einer großen Portion Widerwillen den Menschen in der Stadt zeigte. Er hatte kaum noch Verlangen nach menschlichem Kontakt. Auch das Zusammensein mit seinen Schinderknechten war auf Dauer für ihn nur noch mit Hilfe von Branntwein zu ertragen. Des Scharfrichters Frau und auch deren Kinder wohnten zwar in derselben Behausung, doch kümmerte sich der Henker nicht weiter um sie. Er verschaffte ihnen Kleidung und besorgte Essen. Das musste genügen, so war er der festen Überzeugung. Seine wahre Zuneigung galt dem Rathaus und seinen diversen Räumen, Winkeln und Verliesen.

Doch nicht nur mit der Stätte seines Wirkens, auch mit seinem Beruf fühlte sich Eddelmann im Laufe der Jahre auf besondere, für den normal fühlenden Menschen eher abstoßende Weise immer mehr verbunden – war er doch oft Folterer wie auch Heiler in einem. Viele Male hatte sich der Scharfrichter intensiv mit der Wirkung von Kräutern, Salben und Verbänden auseinandersetzen müssen, um die von ihm verursachten blutenden und eiternden Wunden im Ernstfall heilen zu können – wenn auch nur, um das Leiden der Gemarterten zu verlängern. Für die Verhöre standen Meister Eddelmann im Rathaus zwei große Räume zur Verfügung. In dem einen war in die tragende Außenwand ein großer Kamin eingelassen worden, der die Arbeit des Scharfrichters zusätzlich erleichterte.

Eddelmann stand nun vor dem Kamin und drehte die Zangen und Scheren vor ihm auf dem Rost, bis diese gleichmäßig rotglühend wurden. Der Rost war extra für des Henkers Zwecke geschmiedet und angebracht worden, so dass er immer mehrere Marterwerkzeuge gleichzeitig im Feuer halten konnte. Es waren mehrere Verhöre angesetzt, die es erforderlich machten, dass die Delinquenten schon durch den Anblick der durchgeglühten Marterwerkzeuge so in Angst und Schrecken versetzt wurden, dass sie bereitwillig alles gestanden, was man ihnen in den Mund legte. Die Schwester des Stadtvogtes hatte in ihrer ersten Vernehmung kaum etwas gesagt. Das konnte man nicht ignorieren. Darum mussten weitere Zeuginnen her, um das vermaledeite Kräuterweib zu belasten – so hatte van Kosel es dem Scharfrichter eingeschärft.

Der Henker drehte mit Hilfe einer weiteren Zange die Marterwerkzeuge erneut auf dem heißen Rost herum, während er sich seinen Gedanken hingab. Obwohl das mächtige Feuer im Kamin und die von diesem in alle Richtungen stiebenden Funken den Raum in einen glühenden Widerschein tauchten und somit die an der Wand angebrachten Fackeln in ihren Halterungen in dem flammenden Inferno kaum mehr zur Geltung kamen, wirkte der grobschlächtige Mann mit seiner vernarbten Haut nicht, als würde ihm die Hitze irgendetwas ausmachen können. Kein Schweißtropfen war an seinem Körper zu erkennen. Nicht mal eine Rötung seiner Haut war wahrzunehmen.

Der Scharfrichter hatte eine Menge Dinge in seinem Kopf zu bearbeiten, so dass er abgelenkt war und die Glut des Feuers ohnehin kaum bemerkte. Auch wenn er ein Meister seines Faches war, gehörte das intensive Nachdenken nicht zu seinen leichtesten Übungen. Heute aber war es wichtig, sich über mehrere Dinge Klarheit zu verschaffen, die ihn beschäftigten. Er hatte schon bei einer ganzen Reihe von Verhören seine handwerklichen Dienste dargeboten und auch die Zahl der auf dem Großen Markt zur Verstümmelung oder zum Tode verurteilen Delinquenten war nicht klein. Hinzu kamen jedoch einige wenige, die ohne Protokoll und Urteil und nur auf besondere Anordnung des Bürgermeisters in den Nachtstunden befragt, gefoltert und letztendlich auch getötet worden waren.

Zu ihnen hatte der Dieb Thomas Hansen aus Arenholz gehört, welcher nicht offiziell angeklagt, aber trotzdem auf besonderen Wunsch des Bürgermeisters ergriffen und gefoltert worden war. Hansen war bei dem Verhör gestorben. Eddelmann, der genau wusste, dass auch der Bürgermeister genau einschätzen konnte, wie weit er bei den Verhörmethoden gehen durfte, ohne dass der Delinquent dabei starb, musste annehmen, dass das Ableben des Mannes gewollt gewesen war. Der Grund hingegen war ihm nicht klar – Eddelmann fragte aber niemals. Das wäre gegen seinen selbstauferlegten Ehrenkodex gewesen.

Auch zwei weitere Männer, Marx Knutzen und Peter Otzen, zwei Einwohner der Stadt, die am Rande der alten Stadtbefestigung lebten, waren auf Anordnung des Bürgermeisters ohne Protokoll und ohne Zeugen in ein und dergleichen Nacht im vergangenen Winter verhört worden. Eddelmann hatte sie nach ihrem Ableben außen an der Mauer des Kirchhofes begraben müssen.

Zuletzt hatte er den Knecht des Stadtvogten Eggerdes mit Namen Henning Duster dort verscharrt. Einem Mann mit auffällig dunkler Haut, der kurz nach dem angesetzten Verhör in der Zelle verblutet war. Eddelmann nahm an, dass der Knecht dem Bürgermeister bei seinen Plänen im Weg gestanden haben musste, da Johannes Beer den Mann beim Verhör immer wieder zu den angeblichen Befreiungsplänen der einsitzenden Hexe, der Schwester des Eggerdes, befragt hatte.

Während er den Knecht im Auftrag des Bürgermeisters malträtieren, töten und letztendlich begraben musste, hatte Eddelmann von Beer den Befehl erhalten, den Bürger Claus Hasse, den er um Mitternacht am Rathaus ergriffen hatte, als dieser in seine Scharfrichter-Wohnung einsteigen wollte, freizulassen. Eddelmann hatte den Bürgermeister unmittelbar nach dem Ergreifen und Festsetzen des Mannes über den Fang informiert. Offenbar war Johannes Beer aber bereits durch den besagten Knecht über das mögliche Erscheinen Hasses am Rathaus unterrichtet gewesen.

Auch der Stadtvogt Eggerdes selbst hätte eigentlich in Erscheinung treten sollen, dieser war aber nicht zu sehen gewesen. Der Scharfrichter hatte den gefangenen Claus Hasse mit seinen Marterwerkzeugen lediglich abschrecken und ihm daraufhin das Versprechen abnehmen sollen, die Befreiung der Hexe auf ewig zu vergessen und niemals wieder versuchen zu wollen, diese zu befreien.

Sogar die von ihm selbst zugefügte Bisswunde hatte Meister Eddelmann, auf Anweisung des Bürgermeisters, versorgen müssen, blieb doch zu befürchten, dass sich diese entzünden und einen Brand verursachen könnte, der oftmals zum Tod, oder zumindest zum Verlust des Beines führte.

Offenbar hatte Bürgermeister Beer beschlossen, seinen Stadtvogt Eggerdes und dessen Vetter zu schützen und ihnen den Befreiungsversuch an der Schwester unverständlicherweise durchgehen zu lassen. Wohl befürchtete Beer, dass dem Ansehen des Rates der Stadt durch diese Geschichte größerer Schaden entstehen konnte, sollte der Befreiungsversuch bekannt werden. Eddelmann hatte wieder nicht gefragt, sondern die Anweisungen seines Brotherren still und genauestens ausgeführt, so dass von dem toten Knecht des Stadtvogtes keine Spur mehr übrig blieb, da dieser, wie die anderen, an der Kirchhofsmauer verscharrt worden war.

Hasse und der Stadtvogt waren hoffentlich abgeschreckt genug und würden künftig Stillschweigen in dieser Sache bewahren. Zunächst aber sollte die Magd der Hexe, Abelke Steenbrügger, in diesem Raum verhört werden, so wusste der Scharfrichter. Diese sollte zunächst erst einmal nur mit dem Zeigen der Marterwerkzeuge als erste Stufe der Folter geschreckt werden. Alles andere würde sich dann von allein ergeben, sollte man weitere Stufen benötigen.

Abelke hatte sich kurz nach der Ergreifung Caterinas aus Angst aus der Stadt entfernt. Das war ihr als Flucht und zugleich auch als Schuldeingeständnis ausgelegt worden. Unter der Bewachung mehrerer bewaffneter Gerichtsknechte hatte man sie zurück in die Stadt gezerrt.

Das Schlagen der Turmuhr hatte Eddelmann in der „Hechte“ nicht hören können, da sich aber die Tür öffnete und mehrere Zeugen für das anberaumte Verhör in einer langen Prozession den Raum betraten, musste der Henker davon ausgehen, dass es hohe Zeit war, seine Vorbereitungen zu beenden.

Der Scharfrichter wandte sich vom Kamin ab und nahm mit ausdruckslosem Gesicht, seine Position nahe des Schreibpults des Gerichtsschreibers Boye ein, welcher merkwürdigerweise noch nicht eingetroffen war. Gewöhnlich war Boye bei einem Verhör immer zuerst anwesend. Nach und nach erschienen weitere Männer, die offensichtlich ebenfalls als Zeugen zugelassen worden waren, bis schließlich van Kosel den Raum betrat. Auch wenn er den gestärkten, beim letzten Verhör Caterinas mit Blut bespritzten, Spitzenkragen an seiner Gewandung diesmal weggelassen hatte, stolzierte er eher wie ein modebewusster Pfau als wie ein verhörender Stadtvogt auf seinen Pult zu. Van Kosel trug, um seine Position zu betonen, einen blauen Überrock, den man gemeinhin als Schaube bezeichnete, mit langen weiten Ärmeln und einem großen Kragen im Rücken, den man in modisch bewussten Kreisen Koller nannte. Darunter lugte ein gelbes Wams, eine kurze enge Weste, hervor, deren gestreiften angenähten Arme unter dem Überrock kaum noch zu erkennen waren. Zum Wams trug van Kosel eine mit Rosshaar ausgestopfte helle Pluderhose, dazu eine wohlproportionierte Schamkapsel mit außergewöhnlich großen Schleifen. Seine langen Strümpfe gingen in überbreite Schuhe über, mit denen er offensichtlich nur sehr langsam vorankam. Kurz nachdem van Kosel seinen Platz eingenommen hatte, wurde auch Abelke, am ganzen Leib zitternd, von einem der bewaffneten Gerichtsknechte unsanft in den hellerleuchteten Raum gestoßen und angekettet.

Abelke taumelte vor Entsetzen und atmete stimmhaft ein, als sie den großen und breitschultrigen Scharfrichter mit seinen bösen kleinen Augen und seinen Marterwerkzeugen im Hintergrund des Raumes sah. Noch ein weiteres Mal öffnete sich die Tür und der Schreiber Boye betrat den Raum. Er blickte beschämt auf den Boden und murmelte eine Entschuldigung. Boye war auffallend bleich, hatte leicht rote Augen und wirre Haare. Auch schlich er mehr als was er ging, bis er endlich seinen Schreibpult erreicht hatte. Boye rückte sein Tintenzeug zurecht, setzte sich zurecht und bog seinen Rücken auf dem Schemel gerade durch, so dass er schließlich selbst starr wie einer seiner Gänsekiele wirkte, mit denen er gewöhnlich schrieb. Schließlich blickte der Schreiber in Richtung des amtierenden Stadtvogtes, um seine Schreibbereitschaft zu signalisieren.

Van Kosel hatte nichts gesagt, als der Schreiber den Raum verspätet betreten hatte und Boye nur wütend mit seinen Blicken verfolgt, bis dieser seinen Platz erreichte. Der amtierende Stadtvogt beschloss aber, die Verfehlung des Schreibers stillschweigend zu ignorieren, brauchte er doch sein ganzes einstudiertes Auftreten für das jetzt folgende Verhör. Jede Abweichung würde seinen Auftritt schmälern. Jede Bewegung, jedes Wort und selbst die Färbung seiner Stimme hatte van Kosel mehrmals vor dem Spiegel probiert und wollte sie jetzt vor Publikum bis ins Detail anwenden. Die Leute sollten sein verhörtaktisches Genie bewundern und erkennen, dass er im Vergleich zu Peter Eggerdes eindeutig der bessere Stadtvogt wäre.

Wie eine zum Sprung bereite Katze ging van Kosel lauernd auf Abelke zu. Dann sprach er mit einer betont sanften und überaus freundlichen Stimme die völlig Verängstigte an: „Mein liebes Mädchen, wollt Ihr mir nicht sagen, was Ihr mit Eurer Herrin am Haus der Platenslegers vergraben hattet. Und wollt Ihr den hier anwesenden Zeugen nicht erzählen, wo in der Stadt Ihr solches noch vergrubt?“

„Wir haben nichts vergraben“, entgegnete Abelke ängstlich. „Wir haben Pflanzen und Wurzeln ausgegraben und das nicht nur am Hause des Rüstungsschmiedes, sondern überall in der Stadt. Besonders an einer Stelle im Wald haben wir regelmäßig bei Vollmond…“ Abelke unterbrach sich, hatte sie doch vor ihrem geistigen Auge plötzlich Caterina gesehen, die so oft mahnend zu ihr gesagt hatte: „Eine gute Heilerin weiß, wann sie zu schweigen hat“, wenn Abelke zu geschwätzig wurde.

„Nun, mein Kind, nur weiter. Was wolltest du sagen?“, redete van Kosel jetzt süffisant auf sie ein, dabei hatte er die Finger hinter den Saum seiner Pumphose gehakt und wippte mit den Zehenspitzen auf seinen breitem Schuhwerk vor und zurück. „Ich habe gesagt, was zu sagen war“, antwortete Abelke sehr bestimmt und versuchte ihrer Stimme einen festen Klang zu geben, obwohl doch jeder ihr Zittern sehen und ihre Zähne hören musste, die aufeinander klapperten. „In diesem Fall, meine Liebe, habe ich leider die Pflicht, deiner Erinnerung ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Meister Eddelmann, wenn ich Euch bitten dürfte!“ Van Kosels Stimme hatte jetzt jede Liebenswürdigkeit verloren. Sie klang scharf und sehr bestimmend.

Mit unsäglichem Entsetzen starrte Abelke den Scharfrichter an, der mit großen Schritten auf sie zutrat. Eddelmann fasste das Mädchen am Arm und führte sie auf den Kamin zu, vor dem auf dem Rost die glühenden Marterwerkzeuge lagen. Schon die Berührung seiner groben Hände hatten Abelke einer Ohnmacht nahe gebracht. Völlig verstört blickte sie im Raum umher, als würde die Hitze sie schon jetzt versengen. „Abelke“, sagte van Kosel in seiner liebenswürdigsten Stimme und stellte sich dabei direkt vor das Mädchen, „Abelke Steenbrügger, ich frage dich zum allerletzten Male. Was habt ihr in der Stadt vergraben? Und wo?“ Abelke konnte nicht mehr sprechen. Aus ihrem Mund kamen nur noch gestammelte und völlig unverständliche Laute.

„Dann muss ich, so leid es mir tut, die Pflichten meines Amtes erfüllen. Es wäre gut, wenn dir noch mehr einfallen würde. Zum Beispiel ein paar Namen von Frauen, die bei eurem Zauberwerk noch dabei gewesen sind“ Van Kosels Stimme klang ein wenig resigniert. Er gab Meister Eddelmann ein Zeichen. Eine Zeitlang musterte er noch das Mädchen mit einem leicht gelangweilten Blick. Dann wandte er sich um und blickte gedankenverloren auf seine Fingernägel.

Abelke überkam das Gefühl des Verlassenseins mit seiner ganzen Härte. Niemand konnte ihr jetzt noch helfen. Sie wollte schreien und weinen und konnte es nicht, als der Scharfrichter begann, ihr das Kleid vom Leib zu reißen, ihre Ketten mit denen an der Decke zu verbinden und ihr eine der glühenden Zangen vor ihren Körper zu halten. Abelke war wie erstarrt, als der Scharfrichter immer dichter kam und die Hitze der Zange ihre Haut zu versengen begann. Namenloser nie enden wollender Schmerz erfasste sie…

Als einige Tage später über Schleswig die Frühlingssonne aufging, hätte man denken können, dass der Stadt ein schöner, warmer und ereignisloser Tag bevorstand. Wie hätten die Menschen auch ahnen sollen, was sich Entsetzliches hinter den Mauern des Rathauses abgespielt hatte. Doch es war nicht überall hell. Ein paar Straßen weiter waren die Auswirkungen der dramatischen Ereignisse der vergangenen Tage noch immer zu spüren. Peter Eggerdes stützte seinen Kopf mit beiden Händen und mit angewinkelten Ellenbogen auf den schweren Eichentisch. Für ihn war der noch frühe und sonnige Tag so dunkel und verhangen wie all die Tage vor ihm. Was er soeben erfahren hatte, war so unvorstellbar schrecklich, dass er trotz der frühen Stunde gleich nach Hause getaumelt war, um seine Gedanken in Branntwein zu ertränken.

Claus Hasse war seit dem Vorfall am Rathaus für ihn ohnehin nicht mehr zu sprechen gewesen und auch Eggerdes selbst war schnell der Auffassung gewesen, dass er gut daran tat, über die vereitelten Pläne zu Caterinas Flucht keinen Gedanken mehr zu verlieren. Gleiches hatte ihm auch der Bürgermeister mit väterlich mahnenden Worten eindringlich klar gemacht.

Der Stadtvogt raufte sich den Bart und drehte so kraftvoll an seinem Ring, dass der betreffende Finger schon eine bedenkliche tiefrote Spur aufwies. Eggerdes ignorierte den leichten Schmerz des wunden Fingers. Wie hatte der Scharfrichter und der Bürgermeister nur von dem Plan erfahren können? Hatte sein Vetter ihn verraten? Das war unter keinen Umständen vorstellbar. Aber sonst hätte doch keiner von ihrem Vorhaben wissen können. Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Ein Wunder, dass der Bürgermeister dem Stadtvogt aus seinen Plänen keinen Strick gedreht hatte. Er hätte jedes Recht dazu gehabt, Eggerdes absetzen und verhaften zu lassen, um statt seiner den ehrgeizigen van Kosel auf seinen Platz zu setzen. Der Bürgermeister hatte es nicht getan und das irritierte den Stadtvogt mehr als er zugeben wollte. Er musste sich jetzt völlig in die Hand Beers begeben. Caterina war verloren. Daran gab es nun keine Zweifel mehr.

Doch Eggerdes hatte bei dem Termin mit dem Bürgermeister noch mehr erfahren und das war noch weitaus schlimmer, als er sich es hätte je ausmahlen können: Die Magd seiner Schwester, Abelke, war wohl im Rathaus insgesamt sechsmal verhört worden. Meister Eddelmann hatte ganze Arbeit geleistet. Sie hatte durch ihre Aussagen einen gewaltigen Stein ins Rollen gebracht, der so leicht nicht mehr zu stoppen sein würde.

Abelke hatte unter der Folter, so hatte es der Stadtvogt vom Bürgermeister erfahren, unter anderen eine Frau aus Angeln als Zauberin angegeben, die man gemeinhin als die Geelharsche kannte. Diese war dann sofort per Brief vom Rat der Stadt Schleswig bei ihrem Herrn, Henneke Rumor auf Gut Röst, angezeigt worden. Dieser hatte kurzentschlossen die Frau gefangen setzen lassen und eine Untersuchung angeordnet. Da die Angeliterin abstritt, dass sie etwas mit Zauberei zu tun hatte, bestand der Gutsbesitzer Rumor beim Schleswiger Rat auf eine Gegenüberstellung. Daraufhin war Abelke unter strengster Bewachung nach Angeln überführt und der Geelharschen gegenübergestellt worden. Während die Magd aber offenbar gar nicht zu Wort gekommen war, hatte die Frau auf dem Gut Röst sie und Caterina schwer belastet und Abelke wohl ins Gesicht gesagt, dass sie als Gehilfin und Freundin der Eggerdes nicht nur Wissen von Caterinas zahlreichen Zaubereien hatte, sondern dass sie selbst, Abelke, intime Kennerin des Schleswiger Hexenzirkels sei. Die Geelharsche hatte weiterhin damit geprahlt, dass sie Caterina nicht nur flüchtig kannte, sondern dass diese das Haupt des Angeliter Hexenzirkels gewesen war. Die Geelharsche hatte weiterhin bei ihrem Verhör – ganz ohne die Folter – eine Vielzahl von Personen benannt, die an Werken der Zauberei und Anschlägen beteiligt gewesen sein sollten.

Auch Abelke selbst hatte bei ihrem Verhör, außer der Geelharschen, noch weitere Frauen angegeben, die nun alle verhaftet und verhört werden sollten. „Gott steh uns bei“, raunte der Stadtvogt in seinen wirren zerrauften Bart und nahm einen tiefen Schluck Branntwein aus seinem Becher. Großes Unglück würde über Schleswig hereinbrechen. Das Böse war offensichtlich in der Stadt.

Fortsetzung folgt…


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