„Nichts als Asche“ – Teil 11

„Nichts als Asche“ – Teil 11

12. März 2022 Aus Von Jens Nielsen

Ein historischer Fortsetzungsroman aus der Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig. Kapitel 11.

Bild: Jens Nielsen

Kapitel 11

In völliger Dunkelheit

Schweißgebadet schreckte Elisabeth aus dem Schlaf hoch. Völlig verwirrt und leicht benebelt setzte sie sich in ihrem Butzenbett auf und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Schon in der Nacht war sie wiederholt wach geworden und hatte schließlich nicht mehr versucht, wieder einzuschlafen und sich ihren Gedanken hingegeben. Auch hatte sich der kleine Johann irgendwann neben seiner Großmutter ins Bett gelegt, wollte er doch nach der Verhaftung seiner Mutter im Dunkeln nur ungern allein bleiben. Johann hatte sich mehrmals im Bett gedreht und laut im Schlaf gesprochen, ohne dass man aus seinen Worten hätte etwas Sinnvolles ableiten können. Elisabeth hatte ihn immer wieder neu zudecken und über das heiße Gesicht streichen müssen. Gegen Morgen musste Elisabeth schließlich doch eingeschlafen sein, denn als sie hochschreckte war es schon heller Tag. Sie spürte, dass ihr Nachtgewand förmlich von Schweiß durchtränkt an ihrem Rücken klebte und sie leicht frösteln ließ. Auch das Laken fühlte sich kalt und klamm an.

Johann hatte offenbar nichts von dem plötzlichen Aufschrecken seiner Großmutter bemerkt, atmete er doch ruhig, so als würde er endlich tief und fest schlafen. Elisabeth hatte, so erinnerte sie sich jetzt, Caterina und auch Abelke ganz deutlich im Traum gesehen. Nachdem sie sich ihre Augen gerieben und sich kurz gestreckt hatte, konnte sie sich an jedes Detail ihres Traumes genau erinnern. Beide, Caterina und Abelke, hatten flehentlich die Hände nach ihr ausgestreckt und sie um Hilfe gebeten. So sehr Elisabeth auch versuchte, die Erinnerung an das soeben im Traum erlebte abzustreifen, um richtig wach zu werden, desto klarer wurde ihr, dass ihr der Traum etwas Wahres hatte mitteilen wollen. Fröstelnd zog sie sich die Decke über die Schultern und ihre Knie an ihren Leib. Der Traum ließ sie nicht mehr los.

Sie hatte Caterina geschworen, sollte diese je verhaftet werden, ihr das gut verborgene Päckchen mit der Schierlingswurzel unter dem Küchentisch in der Kräuterküche zukommen zu lassen und auch Abelke durfte doch in dieser bedrohlichen Gefahr nicht sich selbst überlassen bleiben. Irgendwie hatten es alle drei geahnt, dass dieser Zeitpunkt eines Tages kommen würde. Spätestens nach der Hinrichtung der drei angeblichen Zauberinnen vor wenigen Jahren auf dem Großen Markt in Schleswig hätte es den Frauen klar sein müssen, dass sie ab diesem Tag immer in Gefahr schweben würden. Sie und auch viele andere Frauen in der Stadt.

Abelke war jetzt selbst in Haft und konnte die Wurzel nicht mehr überbringen, und so blieb diese Aufgabe notgedrungen an Elisabeth hängen. Das, so vermutete sie, hatte ihr der Traum ganz klar mitteilen wollen. Der Zeitpunkt war gekommen. Elisabeth stand leise auf, hängte sich, immer noch fröstelnd, ihren Überwurf über, stopfte Johann noch einmal fest in seine Decke und eilte barfuß in die Kräuterküche. Hier holte sie zielstrebig das Päckchen mit der Schierlingswurzel unter dem Tisch hervor und betrachtete es nachdenklich. Das kleine, in Tuch eingewickelte Päckchen wirkte unscheinbar und nichts von seinem totbringenden Inhalt war zu sehen oder zu spüren. Trotzdem konnte Elisabeth nichts dagegen tun, dass ihre Hand zu zittern begann und ihr sofort die Tränen in die Augen stiegen, als sie das Päckchen an sich nahm. Ihre Aufgabe musste getan werden.

Auch wenn Elisabeth große Angst verspürte, hatte sie es versprochen, ja sogar geschworen, dass Päckchen ins Rathaus gelangen zu lassen und sie durfte sich dieser schweren Prüfung nicht verweigern. Schnell nahm sie eines der vielfältig eingekerbten oft benutzten Schneidebretter vom Bord an der Wand und begann die getrocknete Schierlingswurzel aus dem ausgewickelten Päckchen in kleine Stücke zu zerschneiden, um diese dann anschließend in dem bereitgestellten Mörser zu Pulver zu zermalmen. Das so gewonnene Pulver schüttete sie zurück auf das Brett. Zwischendurch horchte sie immer wieder auf und wendete ihren Kopf, um zu registrieren, ob nicht Johann erwacht war und sie zu suchen begann.

Elisabeth war eine erfahrene Kräuterfrau und wusste genau, wie und wofür die Pflanzen am besten anzuwenden waren. Der gefleckte Schierling war als Giftpflanze sehr wirkungsvoll, nur führte er zu einem unnötig qualvollen Ende, wenn seine Dosierung nicht genau abgestimmt war, so wusste sie. Diese Gefahr konnte aber vermindert werden, wenn man genügend Erfahrung im Umgang mit der Wirkung von Pflanzen und deren Wechselwirkungen hatte. Und diese traute Elisabeth sich sehr wohl zu.

Mit zitternden Fingern bediente sie sich weiterer Substanzen, die sie nun routiniert und sicher aus den jeweiligen Töpfen zusammensuchte. Auch öffnete sie zusätzliche kleine Päckchen, die, wie die Schierlingswurzel, ebenfalls unter dem Tisch aufbewahrt worden waren, roch an ihnen und streute einige der Blätter und Pflanzenteile auf ihr Schneidebrett zu dem Schierlingswurzelpulver. Elisabeth wusste, dass ihr vor allem die Nadeln der Eibe und Teile des frisch geernteten Maiglöckchens bei ihrem Vorhaben einen besonders guten Dienst erweisen würden. Die routiniert ausgeführten Handgriffe hatten sie ruhiger werden lassen, so dass das Zittern ihrer Hände ein wenig nachgelassen hatte. Geübt vermischte sie auf dem Brett das Wurzelpulver des Schierlings zu gleichen Anteilen mit den kleingeschnittenen Pflanzenteilen der Eibe und den Stückchen des Maiglöckchens, von dem sie immer einen kleinen Vorrat hatte, war die Pflanze doch ein wirkungsvolles Heilmittel gegen Herzbeschwerden. Dann fügte sie noch einige beruhigend wirkende Wurzelstücke des Baldrians und getrocknete Lavendelblüten hinzu. Schließlich verstaute Elisabeth die selbst hergestellte Mischung als gesamtes wieder in dem Päckchen, in dem vorher nur die Schierlingswurzel aufbewahrt worden war. Sie wusste jetzt genau, was zu tun war. Und es musste schnell getan werden.

Zurück in ihrem Schlafgemach, kleidete Elisabeth sich vollständig an, gab dem noch immer schlafenden Johann einen Kuss auf die Stirn und verließ leise das Haus. Die Köchin würde sich später um das Kind kümmern, so wusste sie. Dass sie ihrem Sohn begegnete, brauchte Elisabeth nicht zu fürchten, hatte Hans Toffelmaker sich doch schon seit Tagen nicht mehr in seinem Hause sehen lassen. Es stand zu vermuten, dass er sich irgendwo in einem Wirtshaus betrunken hatte und danach vorübergehend woanders untergekommen war – bis Gras über die Sache mit Caterina gewachsen war. Vielleicht war auch schon wieder eine neue Frau im Spiel. Das hätte sie bei ihrem Sohn nicht gewundert. Doch damit konnte sich Elisabeth jetzt nicht beschäftigen.

Für die Bevölkerung von Schleswig schien Elisabeth nicht mehr vorhanden zu sein. Hatte man sie als Mutter des Toffelmakers und als Schwiegermutter der Heilerin Caterina Eggerdes in der Vergangenheit auf der Straße noch höflich gegrüßt, machte man jetzt einen großen Bogen um sie und blickte starr auf den Erdboden, wenn man sie von weitem kommen sah. Einige spuckten sogar vor ihr aus, verbanden sie doch Caterinas Anklage mit ihrer Person als Schwiegermutter der Zauberin. Elisabeth beschloss, sich in acht zu nehmen.

Sie eilte quer über den Großen Markt durch die Töpferstraße und ging dann zielstrebig auf das kleine Haus des Schreibers Boye nahe der Fischbrücke zu und betrat dieses ohne anzuklopfen. „Was willst du hier?“, rief die kleine alte Frau im Eingangsbereich des Hauses, die dem Schreiber den Haushalt führte, seitdem diesen die Ehefrau vor Jahren gestorben war. Elisabeth zuckte auf Grund der barschen Anrede kurz zusammen, ließ sich dann aber nicht beirren und überging das ungebührliche Betragen der Alten. „Sag Johannes Boye, dass ich hier bin und mit ihm zu sprechen wünsche“, entgegnete sie und nestelte an ihrem Überwurf, um diesen abzulegen. Doch der Schreiber kam bereits in die Diele, noch bevor die alte Frau ihn holen konnte.

„Was ist Euer Begehr Frau Toffelmaker?“, fragte er, wesentlich zuvorkommender und freundlicher als seine Bedienstete, und deutete dabei eine leichte höfliche Verbeugung an. Elisabeth war von den Manieren des Schreibers fast noch mehr überrascht als von dem ungebührlichen Verhalten der alten Frau, war sie doch auf der Straße nicht mit Zuvorkommenheit verwöhnt worden. Sie musste sich erst mehrmals vernehmlich räuspern, bevor sie sprechen konnte. „Ich habe etwas mit Euch zu besprechen, Schreiber Boye, was keinen Aufschub duldet“, sagte sie dann und hatte es endlich geschafft, die Schnalle ihres Überwurfes zu lösen und diesen abzustreifen. „Das geht aber nur unter vier Augen“, fügte Elisabeth noch hinzu und blickte dabei bedeutungsschwer auf die Alte. Diese blickte nur noch verständnislos zwischen den beiden hin und her, sagte aber nichts mehr.

Boye schob seine Magd freundlich aber sehr bestimmt zur Seite. „Ich denke, ich komme schon klar Maria. Danke“, sagte er und öffnete ihr einladend die Tür, die wohl zur Küche führte. Weiterhin ratlos verschwand die alte Frau in der Öffnung und nur ihrem unverständlichen Gebrummel konnte man entnehmen, dass sie mit der Vorgehensweise ihres Herrn nicht einverstanden war. „Dann folgt mir“, forderte Boye Elisabeth nun auf und geleitete sie in die geräumige große Stube. Hier schob er ihr einen weich gepolsterten Holzsessel mit einem roten Kissen zu und setzte sich selbst auf ein ebensolches Sitzmöbel. In der Stube sah man, wenn man Johannes Boye so anschaute, dass der Schreiber wohl schon längere Zeit große Sorgen hatte. Er sah bleich, angestrengt und leicht zerknittert aus, so als machte er sich dauerhaft Gedanken um etwas. „Was kann ich für Euch tun?“, fragte der Schreiber, erneut zuvorkommend und höflich.

Elisabeth hatte versucht, es sich auf dem weichen, ihr angebotenen Sitzmöbel so bequem wie nur möglich zu machen. Obwohl das Polster und auch das Kissen alle Annehmlichkeiten aufwies, die man an solch einen Holzsessel nur stellen konnte, war sie zu unruhig und ihre Muskeln viel zu angespannt, um wirklich eine angenehme Sitzposition finden zu können. So rutschte sie auf der Kante des Sitzpolsters hin und her, bis sie schließlich eine halbwegs zufriedenstellende Position gefunden hatte.

Der Schreiber hatte geduldig gewartet, bis sie sich zurechtgerückt hatte und blickte sie auch jetzt noch aufmunternd und höflich an. Doch Elisabeth brauchte noch ein wenig, um sich in das nun bevorstehende Gespräch einfinden zu können. Sie wusste, dass sie nur einen Versuch hatte, den Schreiber von ihrem Vorhaben zu überzeugen – falls das überhaupt möglich war.

Sie hatte das Päckchen mit den zusammengestellten Giftpflanzen aus einem ihrer ausladenden Kleiderärmel hervorgenommen und hielt es nun fest umklammert auf ihren Knien. So fest, dass sie alsbald ein leichtes Kribbeln in den Fingern und in der Handfläche verspürte. Das ist der schwierigste Tag in meinem Leben und die größte Prüfung, die mir je auferlegt worden ist, dachte sie, bevor sie endlich anfing zu sprechen.

„Johannes Boye, ich weiß, dass ihr ein Mann von Anstand und von Ehre seid, und deshalb komme ich mit einem Anliegen zu Euch, welches ich Euch antragen möchte.“  „Nun, es ehrt mich, dass ihr so einen positiven Eindruck von mir gewinnen konntet und ich hoffe, dass ich diesem gerecht werden kann. Was also kann ich für Euch tun?“ Eine leichte Spur von Ungeduld war in Boyes Stimme jetzt doch zu erkennen, zumal er zusätzlich vernehmlich mit seinen Fingerknöcheln zu knacken begann.

Elisabeth hielt sich weiter an dem Pflanzenpäckchen fest, welches noch immer in ihren Händen auf ihrem Schoß lag. Wie oft hatten die vielen Pflanzen, die sie in ihrem Leben kennen- und schätzengelernt hatte, Heilung und Trost gebracht. Wie lieblich und auch anregend war oftmals der Geruch einer frisch zubereiteten Mischung aus getrockneten Kräutern für sie gewesen, besonders wenn bei den zu Heilenden bald darauf Erlösung von Schmerzen oder dringend benötigte Ruhe eintrat. Schon beim Einatmen der Kräuter war bei vielen Kranken der erste Schritt zur Heilung erfolgt, noch bevor der aus den Pflanzen zubereitete Sud oder das Öl den Mund oder die Haut der oder des Leidenden benetzt hatte. Wie oft hatte sich Elisabeth über die Jahre daran erfreut, wie manchmal unscheinbar wirkende getrocknete Blätter eine so große Wirkung hatten entfalten können. Gerade in Kombination mit unterschiedlichen Pflanzen und Gewürzen war in der Heilkunst so einiges denkbar.

Und jetzt? Elisabeth war drauf und dran, ihre wertvollen zahllosen Eindrücke des Heils und oft auch der Freude, der Gesundung von Kranken und der Linderung von Schmerz ins Gegenteil zu verkehren. Sie hatte vor, ihre Heilkunst zu verraten, so dachte sie missmutig. Mit einem Male wurde sie von schierem Entsetzen erfasst. Das unscheinbare Päckchen in ihrer Hand fühlte sich plötzlich unsagbar schwer an. Zu schwer, um es noch länger tragen zu können. Anstatt ein Instrument der Heilung wollte sie etwas Böses aus ihrem Wissen machen. Sie hatte tatsächlich vor, Menschenleben mit ihrer Kunst auszulöschen.

Plötzlich hörte Elisabeth durch das Fenster neben sich den Lärm von Wagenrädern und Pferden auf der Straße. Auch wenn die Geräuschkulisse die ganze Zeit vorhanden gewesen sein musste, erwachte sie durch die plötzliche Wahrnehmung der Geräusche aus ihrer gedanklichen Erstarrung und ihr wurde wieder deutlicher bewusst, wo sie sich befand. Sie zog ihre Haube, mit der sie sich beim aus dem Haus gehen rasch bedeckt hatte, tiefer über die Ohren, um die Geräusche von der Straße noch ein wenig länger auszusparen. Dabei rutschte ihr das Päckchen fast aus der Hand. Fieberhaft griff sie danach, um es kurz darauf wieder mit beiden Händen auf ihrem Schoß zu bewahren.

Der Schreiber hatte sie die ganze Zeit beobachtet und das Erstaunen war ihm ins Gesicht geschrieben. Wahrscheinlich war er schon weit über den Punkt hinweg, an dem er noch ernsthaft mit einer Antwort der Frau gerechnet hatte, die ihm als die Mutter des Toffelmakers Hans wohl bekannt war. Jetzt wunderte er sich nur noch. Die Frau kam ihm leicht verwirrt und abwesend vor. Warum sprach sie nicht? War sie krank? Tatsächlich schien das Entsetzen über ihr Vorhaben Elisabeth so sehr zu lähmen, dass sie sich am Sprechen gehindert fühlte. Schließlich wurde ihr Gesichtsausdruck sogar starr und ausdruckslos und wie zu sich selbst sprach sie plötzlich mit leidenschaftlicher Stimme die Worte: „Tochter, liebe geliebte Tochter Caterina. Mein armes, armes liebes Kind. Was tue ich? Muss es wirklich so sein? Soll ich dich wirklich nie mehr wieder sehen? Gott, Vater, warum tust du mir das an?“ Schluchzend schlug sie sich daraufhin an die Brust.

Johannes Boye schüttelte jegliches Erstaunen und jegliche Ungeduld von sich ab. Wenn auch spät, hatte er erkannt, dass diese Frau dringend Hilfe und Unterstützung brauchte. „Maria“, rief er in Richtung Küche. „Maaaria, eil dich und bring den Würzwein vom Tisch und zwei Becher.“ Elisabeth wirkte noch immer wie in Trance. Jetzt wippte sie mit dem Oberkörper vor und zurück, schlug sich noch immer an die Brust und weinte schließlich ungehemmt. Boye goss ihr einen Becher von dem eben gebrachten wohlriechenden Wein ein, drückte ihn ihr förmlich in die noch freie Hand und nötigte sie, einen Schluck zu trinken.

Erst saß er danach ein wenig linkisch und unbeholfen vor der weinenden Frau, doch dann sprach er mit ruhiger Stimme auf sie ein. „Meine liebe Frau Toffelmaker, ich ahne, warum sie gekommen sind. Ich denke, dass es um ihre Schwiegertochter Caterina, der Schwester des Stadtvogts Eggerdes geht. Liege ich da richtig?“ Mit einem auffordernden Blick hatte er die Magd Maria dazu gebracht, wieder in der Küche zu verschwinden, die sehr interessiert an dieser ganzen Geschichte gewirkt hatte. „Ich kann ihnen bestimmt hilfreich zur Seite stehen, wenn Sie mir sagen, worum es ihnen geht. Auch wenn ich doch im Falle einer Anklage wegen Zauberei nicht viel machen kann.“

Bei dem Wort Zauberei horchte Elisabeth auf. Es war, als wäre sie von einem plötzlichen Nebel befreit worden und sehe jetzt wieder klarer. Vermutlich hatte sie der Geschmack des Würzweines in die Wirklichkeit zurückgeholt. Solche Zustände der Entrückung musste sie früher in jüngeren Jahren schon gehabt haben, so erinnerte sie sich. Nur konnte sie sich kaum noch daran erinnern, wie lange das her gewesen sein mag. In der Tat, sie hatte sich auf den Weg zum Schreiber gemacht, weil er ihr als ein zugänglicher, gerechter und verständiger Mann beschrieben worden war. Sie hatte aber offenbar nicht damit gerechnet, wie schwer es ihr werden würde, den Mann in ihre verzweifelten Pläne einzuweihen. Vermutlich wurde Caterina schon in diesem Augenblick verhört und gefoltert und auch ihre Hinrichtung stand wohl unmittelbar bevor.

Elisabeth blickte den Schreiber jetzt direkt an und auch wenn ihr Blick von den Tränen noch immer ein wenig verschleiert wirkte, sprach sie mit fester Stimme „Schreiber Johannes Boye, im Namen der Menschlichkeit flehe ich Euch an, so wie ich hier vor Euch sitze. Ich brauche Eure Hilfe. Ich weiß, dass ich etwas von Euch verlangen werde, was euch abstoßend und niederträchtig vorkommt und ich vertraue mich Euch trotzdem an, auch wenn ich in Kauf nehmen muss, dass ihr sofort nach der Stadtwache rufen werdet.“

Elisabeth ließ den Schreiber jetzt nicht mehr aus den Augen und auch Boye blickte wie gebannt zurück. Dann schob sie ihm langsam und wortlos das Päckchen zu, welches seine rechteckige Form durch das Zusammendrücken verloren hatte und arg verdreht wirkte. Das Unsagbare konnte nicht gesagt werden, wusste Elisabeth plötzlich und hilflos sah sie den Schreiber an. Boye, der nicht auf den Kopf gefallen war und die Frau genau beobachtet hatte, verstand innerhalb des Bruchteils einer Sekunde, was hier gerade vor sich ging und was von ihm erwartet wurde.  Die Frau bat ihn um eine Beihilfe zur Tötung an der sich im Gefängnis befindlichen Schwester des Stadtvogtes und wohl auch deren Magd.

„Keine Tötung“, sagte Elisabeth jetzt ganz ruhig, als hätte sie die unausgesprochenen Worte des Schreibers gehört. „Ihr sollt nur der Überbringer des Päckchens sein, weil ich nicht ungesehen in das Rathaus gelangen würde. Die Frauen entscheiden selbst, was sie mit diesem Päckchen beginnen wollen. Was sagt Ihr?“

 Elisabeth fühlte sich jetzt völlig leer. Sie hatte sich dem Mann völlig ausgeliefert, ohne eine einzige Gegenleistung anzubieten und ohne ihn wirklich zu kennen. Sie sah sich plötzlich in der Gefahr, sich alsbald selbst in einer Zelle im Rathaus wiederzufinden, um auf ihren eigenen Prozess zu warten. Natürlich hätte man ihr das Giftpäckchen bei der Verhaftung sofort abgenommen und als Beweismittel gegen sie verwendet. Doch Boye tat nichts, um die Stadtwache zu rufen. Er saß ganz ruhig. So ruhig, dass er das Blut in seinen Ohren pulsieren hörte. Die Welt um ihn herum war nicht mehr vorhanden. Plötzlich wusste der Schreiber genau, wie es ihm gelingen konnte, sich zu befreien, sich von seinem jahrelangen Gewissensnöten reinzuwaschen und den Frauen zu helfen. Wenn er auch nur einen Botendienst verrichtete, wie er sich einredete, so fühlte er sich schon in Gedanken sogleich viel leichter. Die Verhöre und Folterungen hatten seiner Seele nicht gutgetan.

Der Schreiber griff nun inbrünstig Elisabeths Hände und sie ließ es geschehen. „Danke, dass Ihr zu mir gekommen seid“, sagte der Schreiber, „ich will Euer Bote sein und das Päckchen überbringen und ich will Verschwiegenheit bewahren. Das schwöre ich Euch.“ Elisabeth sah ihn dankbar an. Wieder konnte sie nur noch schluchzen. Dann aber beruhigte sie sich. Die beiden saßen noch eine Weile zusammen, bis der Krug leergetrunken war. Auch wenn sie kein weiteres Wort mehr gesprochen hatten, waren sie doch beide von einem Gefühl beseelt, als wäre eine schwere Last von ihnen genommen worden. Schließlich stand Elisabeth auf, um das Haus Boyes zu verlassen. Sie merkte den Würzwein in ihren Gliedern, hatte sie doch vorher nichts zu sich genommen. Auch das viele Weinen hatte sie ermüdet und ihr Kopfschmerzen bereitet. Elisabeth ging trotzdem, so schnell ihre Füße sie zu tragen vermochten, zurück zu dem Haus der Toffelmakers und zurück zu Johann.

Ihre Haube hatte sich auf der Straße leicht gelöst, so dass ihre Haare jetzt wild nach allen Seiten abstanden. Aber das störte Elisabeth nicht. Sie glich mit ihrem energiegeladenen Blick und den abstehenden Haaren, einer Wölfin, die ihr Rudel zwar nicht mehr beschützen konnte, aber das tat, was jetzt am Ende noch zu tun übrig blieb, um ihre wahre Familie vor weiterer Gefangenschaft und Folter zu bewahren. Johann durfte nie davon erfahren, dass sie geholfen hatte, seine Mutter zu töten …

*

Caterina lag am Boden ihrer Zelle. Sie hatte sich seit Stunden kaum noch bewegt und starrte an die Decke. War es Tag oder Nacht? Sie wusste es nicht, und es war auch nicht mehr von Bedeutung. Nichts hatte mehr Bedeutung. Ihr Körper schien ihr eine einzige große brennende Wunde zu sein. Hunger hatte sie schon lange nicht mehr verspürt, obwohl ihr Meister Eddelmann noch immer täglich die wohlriechendsten Lebensmittel vor die Nase stellte. Fast war es wie Hohn, dass man sie bis aufs Blut quälte, um ihr kurz darauf eine warme hochwertige Mahlzeit hinzustellen. Sie hatte schon länger nichts mehr davon angerührt. Aber der Durst war ihr unerträglich geworden und so schleppte sich Caterina zu dem Tablett mit der Mahlzeit und dem Becher frischen Quellwassers. Ihre Kette reichte offenbar genau bis zu dem, was der Scharfrichter ihr hingestellt hatte. Sie tastete im Dunkeln nach dem Becher.

Caterina war es hier im Verließ gewöhnt, ihre ganze Aufmerksamkeit in ihre Hände zu legen. Trotzdem ihr Körper fast überall wehtat, funktionierte das Fühlen über ihre Finger noch immer auffallend gut. Um so mehr noch, als fast alle anderen Sinne in diesem dunklen Verlies ausgeschaltet waren. Caterina strich über den Teller mit dem Bratenstück, vorbei an dem Stückchen frischem Brot und erwartete nun als nächstes, den Becher zu fühlen, als ihr Zeigefinger am Tellerrand über etwas weiches strich, was sich in der Dunkelheit zunächst ungewöhnlich anfühlte. Man hätte es für ein Stück Stoff, Pergament oder auch Papier unter dem Teller halten können. Caterina zog daran, um es sich an die Nase zu halten. Nicht etwa aus Hunger und um zu überprüfen, ob man es essen könne, sondern weil ihr jede Abwechslung in der Isolation und in ihrem körperlichen Schmerz eine vielleicht nur Sekunden dauernde Wohltat versprach.

Wie mühsam war das Leben geworden. Caterina roch an dem Gegenstand, den sie jetzt für ein Stück Papier hielt. Hatte sich jemand den üblen Scherz erlaubt, ihr in den völlig dunklen Kerker ein Papier mit einer Nachricht zu schicken – zumal der Scharfrichter das Papier jederzeit hätte entdecken können. Aber vermutlich hatte Meister Eddelmann das Essen noch nicht mal weiter überprüft, war er sich doch sicher, dass ohnehin kaum noch Leben in Caterina war.

Als Caterina das Stückchen Papier an die Nase hielt, musste sie kräftig schlucken, um dann kurz darauf in heftiges Weinen auszubrechen. Sie weinte und weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte. Dann strich sie liebevoll über das Papier. Elisabeth oder vielleicht auch Abelke hatten Wort gehalten und ihr den Schierling geschickt. Außerdem hatte sie noch andere Pflanzen riechen können, die sie jetzt aber nicht mehr zuordnen konnte. „Danke Elisabeth. Oder Danke geliebte Abelke. Ich hoffe, es geht euch gut. Ich liebe euch.“ Wie einen kostbaren Schatz hielt Caterina das Päckchen mit der einen Hand, während sie jetzt mit der anderen Hand zum Becher griff. Sie ließ den gesamten Inhalt des Päckchens in das klare und kalte Quellwasser rieseln und rührte die Pflanzenstücke dann mit dem Finger um. Ohne zu zögern, trank sie den Becher bis zur Neige aus und konzentrierte sich dabei vollkommen auf Johann. Das Bild ihres Kindes war das Einzige, was sie von dieser Welt mitnehmen wollte.

Als Heilerin hatte sich Caterina oft gefragt, wie es wohl sein mochte, wenn man starb. Was empfand man als Letztes? Ob es wohl stimmte, dass das Leben noch einmal vor dem inneren Auge ablief? Was war die letzte Erinnerung, die man bewusst erlebte? Sie kannte zwar die Wirkung vieler Tränke, Pilze und Gewürze am eigenen Leib, aber sie war nie so weit gegangen, eine Nahtoderfahrung herbeizuführen. Caterina spürte das instinktive Verlangen, tief Luft zu holen. Der starke Drang wuchs plötzlich und wurde mit jedem Augenblick stärker. Während sie immer schwerer Luft bekam, entrang sich ein Röcheln und ein Gurgeln ihrer Kehle. Plötzlich erschien wieder das Gesicht ihres Sohnes vor ihrem geistigen Auge – klar und deutlich – und Caterina wurde trotz der Atemnot ganz ruhig. Ihr war jetzt klar, dass dies die letzten wenigen Augenblicke ihres Lebens sein würden. Sprechen hätte sie jetzt ohnehin nicht mehr können. Doch mit wem auch. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Instinktiv schlug sie sich an die Brust, aber sie konnte hier nichts mehr ausrichten. Zusätzlich war ihr eiskalt geworden und sie spürte auf wundersame Art und Weise ihre Arme und Beine nicht mehr. Der Schmerz war vorüber. Bald würde sie nicht mehr existieren. Alles was sie einmal ausgemacht hatte, endete hier in einem Verlies des Rathauses zu Schleswig. An der heiligsten Stelle, die einmal die Klosterkirche der Franziskanermönche ausgemacht hatte.

In diesem Moment war Caterina deutlich bewusst, wie klein und unscheinbar ihr Leben in Anbetracht des großen Universums gewesen war. Sie hatte viel bewirkt. Aber in der großen Weite unter Gottes Sternenhimmel war es ein Nichts. Aber auch das hatte keine Bedeutung mehr. Der Schmerz in ihrer Lunge brannte für Sekunden wie Feuer. Dann sah Caterina nur noch ein helles, gleißendes Licht. Und dann gar nichts mehr. Alles war schwarz. Sie sackte auf die Seite und blieb leblos in der Mitte der Zelle liegen. Der Becher in ihrer Hand rollte auf den gestampften Boden und blieb schließlich direkt vor der Kerkertür liegen. Caterina Eggerdes war nicht mehr.

Fortsetzung folgt…


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