„Nichts als Asche“ – Teil 12

„Nichts als Asche“ – Teil 12

19. März 2022 Aus Von Jens Nielsen

Ein historischer Fortsetzungsroman aus der Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig. Kapitel 12.

Bild: Jens Nielsen

Kapitel 12

Asche über der Stadt

„Dieses vermaledeite Weib. Das hätte nicht passieren dürfen.“ Bürgermeister Beer ging erregt in seinem Amtsstube auf und ab. Seine Bartenden zitterten über dem Spitzenkragen, so aufgebracht war er, als man ihm die Nachricht überbracht hatte, dass „das Hexenweib“, die Schwester des Stadtvogtes, tot in der Zelle gelegen hatte. Der Scharfrichter hatte keine weiteren Spuren gefunden, die auf eine Fremdeinwirkung von außen hätten schließen lassen. Auch war nichts weiter Verdächtiges in der Zelle bemerkt worden. Und auch wenn die Frau wohl noch Spuren von Schaum in den Mundwinkeln aufgewiesen und ihr Gesicht so ausgesehen hatte, als wäre sie erstickt, konnte nicht ausgeschlossen werden, dass sie letztendlich an den Auswirkungen der Folter gestorben war. Das musste auch Meister Eddelmann zu seiner Schande eingestehen. Es lag im Bereich des Möglichen, dass er die Frau vor Ende des Prozesses getötet hatte.

Schlimm war für Beer nur, dass bis dato kein verwertbares Geständnis der Frau vorlag. Während sie selbst von Vielen innerhalb und außerhalb der Stadt als Hexe besagt worden war, hatte sie selbst niemanden benannt – und sie hatte auch keine der ihr angelasteten Verbrechen gestanden. Das stellte wahrlich ein Problem dar, war sich der Bürgermeister mehr als bewusst. Die Anklage der Zauberei verlangte ein eindeutiges, in den Protokollen niederzulegendes Geständnis, um einen Prozess sauber abzuschließen. „Wie war das nur möglich. Wie konnte das passieren?“

Beer konnte sich immer noch nicht beruhigen. Zu viele Fragen waren mit dem vorzeitigen Tod der Angeklagten verbunden, die sich zu massiven Problemen und schließlich zur kritischen Hinterfragung seiner Amtsführung auswachsen konnten. Schließlich klingelte er nach dem Gerichtsdiener. An der Heftigkeit des Bedienens der Glocke hätte dieser bereits erahnen können, dass irgendetwas vorgefallen sein musste. „Man möge die inhaftierte Magd Abelke Steenbrügger noch ein weiteres Mal auf das schärfste verhören. Meister Eddelmann soll sie sich erneut vornehmen. Ich brauche eindeutige Aussagen von ihr, die unzweideutig auf Zauberei hinweisen und die ihre Herrin belasten.“ Beer gab klar und bestimmt seine Anweisungen. Dann rief er nach dem Schreiber. Boye betrat unmittelbar darauf die Schreibstube, als hätte er nur darauf gewartet, vom Bürgermeister gerufen zu werden. Beer schien das aber offensichtlich nicht weiter aufzufallen, war er doch viel zu sehr mit seinen Belangen beschäftigt.

„Heut ist ein schwarzer Tag für Schleswig Boye. Ich möchte, dass ihr ein Urteil in mehrfacher Ausfertigung vorbereitet und es mir heute Nachmittag zur Urteilverkündung fertig auf den Tisch legt. Das Stadtgericht wird in den frühen Nachmittagsstunden zusammentreten und folgendes Urteil beschließen: „Frau Caterina Eggerdes, Frau des Pantoffelmachers Hans, ist der Zauberei durch vielerlei Geständnisse überführt worden. Sie hat vor Zeugen eingestanden mit dem Teufel Unzucht getrieben zu haben, so dass er des Nachts in ihre Gestalt schlüpfen konnte. Weiterhin ist die Beklagte mehrere Male zu nachtschlafender Zeit bei üblen Treiben in den Straßen Schleswigs eindeutig erkannt worden. Sie ist somit zweifelsfrei der Zauberei überführt. Das Urteil lautet auf den Tod durch das Feuer. Sie wird am morgigen Sonntag, den 17 Junius im Jahre des Herrn 1551 auf dem Scheiterhaufen auf dem großen Markt verbrannt werden.“

Boye schrieb das was der Bürgermeister ihm aufgetragen hatte, aber er musste sich sehr zusammenreißen, um bei der Sache zu bleiben und sich nichts anmerken zu lassen. Beer durfte auf keinen Fall merken, dass er über Caterinas Tod längst informiert war. Mochte dieser glauben, dass Boye krank war, denn es ließ sich kaum mehr verleugnen, dass der Schreiber blass, krank und ausgezehrt aussah. Auch das Zittern seiner Hand hätte einem aufmerksamen Beobachter auffallen können.

Boye hatte Abelke bisher kein Päckchen mit Gift in das Gefängnis zukommen lassen können. Dieser Umstand setzte ihn zunehmend unter Druck, wühlte ihn auf und ließ ihn kaum noch essen, geschweige denn schlafen. Während es bei Caterina ein Leichtes gewesen war, ein Teil des Päckchens mit den giftigen Pflanzenteilen unter ihren Teller zu legen, der regelmäßig gut sichtbar in der Stadtwache in Nähe seiner Schreibstube gestanden hatte, bevor Meister Eddelmann das Tablett geholt hatte, war für Abelke offenbar zu diesem Zeitpunkt keine Nahrung und auch kein Wasser in der Haft mehr vorgesehen. Da sich kaum jemand von den hohen Herren in die Stadtwache oder gar in den Bereich mit den Zellen verirrte, hatte der Scharfrichter kaum Anstalten gemacht, sein Tun zu kaschieren und hatte das von Peter Eggerdes bezahlte und für seine Schwester bestimmte Essen in regelmäßigen Abständen ganz offen in der Wache stehen lassen.

Abelke versuchte man offensichtlich, zusätzlich zur Folter, durch Nahrungsentzug zu weiteren Geständnissen zu zwingen. Dem Bürgermeister rannte die Zeit davon. Das war hier ganz klar ersichtlich. Ihm als Schreiber war ein Zugang zum Bereich der Zellen gänzlich verwehrt. Wie hätte er seinen Aufenthalt im Gefangenentrakt erklären sollen. Da Boye wusste, dass Abelke angekettet war, hätte er ihr ohnehin das Gift nicht einfach unter der Kerkertür durchschieben können. Es wäre für sie nicht zu erreichen gewesen und die Gefahr einer Entdeckung war groß. Der Schreiber hatte weiterhin auf eine günstige Gelegenheit gehofft. Doch mittlerweile betete er vielmehr um eine Eingebung, wie sein Plan überhaupt noch umsetzen sei. Bisher hatte sich nichts ergeben und die Zeit drängte.

Boye löschte nach Fertigstellung seiner Notizen die Tinte mit Sand ab, blies den Sand von dem Schriftstück und steckte sich die Gänsefeder wie gewohnt zurück in seinen Ärmelaufschlag. Dann verließ er fast fluchtartig die Schreibstube des Bürgermeisters, wobei ihn seine Müdigkeit und Erschöpfung leicht schwanken ließ. Beer hatte ihm leicht argwöhnisch nachgeblickt, aber das hatte Johannes Boye schon nicht mehr gesehen.

„Boye scheint sich dem Trunke ergeben zu haben“, dachte der Bürgermeister noch, bevor er seine unruhige Reise vor seinem Schreibpult fortsetzte. Das Böse über der Stadt hatte bedrohliche Formen angenommen. Inzwischen hatte auch ihn die Aussage aus dem Protokollbuch erreicht, dass die verstorbene Hexe an einem Schadenszauber beteiligt gewesen sein soll, der wohl in Form einer Tonkruke unter einem der Stadttore vergraben lag. Beer hatte unmittelbar darauf Suchtrupps losgesandt, die unauffällig an den Toren graben sollten. Es wurde aber nichts gefunden. Nicht auszudenken, wenn in seiner Amtszeit die Stadt in dem Maße zu Schaden kam, wie jetzt befürchtet werden musste.

Eggerdes hatte sich immer darauf verstanden, den Teufel und die Zauberei überall aufzuspüren. Er war nicht nur kundig, sondern geradezu begierig darauf, jeden Anflug von Zauberei aufzudecken und im Keim zu ersticken. Vermutlich hatte ihn sein persönliches Schicksal mit so einer Schwester dazu bestimmt, den Kampf gegen das Böse als oberste Dienstpflicht zu betrachten. Beer bedauerte, seinen altgedienten Stadtvogt in dieser Sache nicht einsetzen zu können.

*

In der Stadt Schleswig ging es zu, wie in einem Bienenschwarm. Dabei war es gar nicht so, dass die Leute auf den Straßen und auf dem Markt dringende Besorgungen und Geschäfte zu erledigen hatten, zumal ohnehin Sonntag war. Aber eine Hexenverbrennung in der Stadt war doch schon etwas Besonders. Zwar war erst kürzlich die Schwester des Stadtvogtes an gleicher Stelle verbrannt worden, nur hatte man schon zu Beginn der Hinrichtung sehen können, dass die Knechte der Obrigkeit bereits einen leblosen Körper aus dem Wagen geholt, auf den Scheiterhaufen gebunden und verbrannt hatten. Das konnte man nicht als Hinrichtung bezeichnen, war doch die Bevölkerung um den eigentlichen Akt der Tötung gebracht worden.

Zu allem Übel war der Tag der Verbrennung der Schwester des Stadtvogtes auch noch ein ungewöhnlich feuchter und schwüler Tag gewesen, so dass nicht nur das Feuer erst nicht brennen, sondern auch der Rauch bei der Verbrennung nicht abziehen wollte. Zusätzlich bedürfte es mehrerer Anläufe, die Leiter mit der angebundenen Leiche ins Feuer zu stoßen. Man hätte glauben können, dass das Feuer sie abgelehnt hatte. Und als ob dies noch nicht genug gewesen wäre, hatte die Asche der Verbrannten nicht abziehen wollen und hatte sich in der feuchten Luft zusätzlich noch auf die Menschen auf dem Markt und die umliegenden Dächer verteilt.

Missmutig hatten die Menschen nach der Hinrichtung die Stätte verlassen. Böse Zungen hatten in der Asche auf den Dächern und auf der Bevölkerung Schleswigs großes Unglück sehen wollen, welches nun über der Stadt hing und nicht mehr zu tilgen war. Auch nahm man eine ungewöhnlich große Anzahl schwarzer Vögel auf den Dächern, Bäumen und Buden war. Man befürchtete „zauberische Nachwirkungen“ nach dieser missglückten Hinrichtung.

Heute aber war alles anders. Es lag eine Stimmung wie vor einem großen Fest in der Luft. Der Himmel war blau und die Sonne schien hell und kräftig vom Himmel herunter. Einige Menschen tanzten ausgelassen und übermütig auf dem Marktplatz herum. Man konnte in den Garküchen Leckereien erwerben und an verschiedenen Buden wurden hochprozentige Getränke ausgeschenkt.

Meister Eddelmann hatte mit Hilfe seiner Schinderknechte innerhalb eines Tages einen großen Scheiterhaufen auf dem Marktplatz errichtet. Da das Wetter gut war, durfte auch das Holz trocken und leicht entflammbar geblieben sein. Neben dem Scheiterhaufen war noch das Podest der letzten Hinrichtung zu sehen. Zu Abschreckung aller, die glaubten sich eines unehrlichen Lebenswandels befleißigen zu müssen, hatte man die zuletzt abgeschlagenen Köpfe danach auf Pfosten gesteckt und auf dem Podest stehen lassen, so dass sich die Vögel die Reste herauspicken konnten.

Alle Bürger und Bürgerinnen, Einwohner und Einwohnerinnen und auch das Gesinde schien heute auf den Beinen zu sein. Schon ab dem frühen Morgen standen sie an der kurzen Strecke vom Rathaus zum Markt, von der man wusste, dass der Schinderkarren diesen Weg nehmen würde. Aber auch an anderen Stellen auf dem Markt gruppierten sich große Menschenansammlungen. Einige stadtbekannte Honoratioren flanierten vor ihren Giebelhäusern und flüsterten diskret miteinander, während das gemeine Volk lauthals schwatzend und lachend durch die Straßen rund um den Markt tobte. Um alle herum tollten Kinder und auch Hunde und Schweine rangelten auf den Straßen umher, in der Hoffnung, noch etwas Fressbares abgreifen zu können. Auch Krüppel und Beutelleute sah man vereinzelt an den Straßenecken, ihre mageren Hände nach Münzen oder etwas Essbarem ausstreckend.

Mitten in der wogenden Menge stand Elisabeth. Sie hatte ihren Augen nicht trauen wollen, als sie aus dem Hause getreten war und sah, wie viele Menschen für Abelkes Verbrennung auf den Beinen waren. Müde und geknickt hatte sie sich zunächst durch die Menge schieben lassen. Ihr Ziel war es, möglichst dicht am Scheiterhaufen zu stehen. Nur war dieses Unterfangen nicht leicht zu bewerkstelligen, da schon seit dem frühen Morgen die Plätze direkt an der Hinrichtungsstätte besetzt gehalten worden waren. Wenn sie Abelke schon zu Lebzeiten nicht hatte helfen können, wollte sie ihr zumindest beim Sterben Beistand leisten, dachte Elisabeth und versuchte zaghaft, sich bis zum Scheiterhaufen durchzudrängeln.

Auch van Kosel eilte geschäftig hin und her und war überall gleichzeitig beschäftigt. In seiner Verantwortung lag es, Abelke Steenbrügger dem Scharfrichter am Scheiterhaufen zu übergeben und erst, wenn die Übergabe erfolgt war, war er seiner Verantwortung für die Verurteilte ledig. Der Delinquentin durfte nicht jetzt noch etwas zustoßen, sonst hätte er gleich seinen Hut nehmen können. Eine Tote mit unaufgeklärter Todesursache in seiner Amtszeit reichte.

Man hatte großen Aufwand betrieben für den heutigen Tag, damit alles reibungslos funktionierte. Der Schinderkarren war repariert, geschmiert und ausgebessert und der Weg zwischen Rathaus und Markt von Kot und Unrat befreit worden. Auch die Stadtknechte hatten ihre Ausstattung ausgebessert und die Helme und Waffen auf Hochglanz poliert.

Plötzlich ging ein erregtes Raunen durch die Menge. Der Schinderkarren rumpelte den kurzen Weg von der „Hechte“ bis zum Hinrichtungsplatz heran. Abelke stand aufrecht auf dem Wagen und war fest an einen Pfahl geschnürt. Man hatte ihr die Haare stark gekürzt und sie in ein viel zu großes Büßergewand gesteckt. Doch auch wenn sie sich kaum mehr allein auf den Beinen halten konnte, war ihr Geist noch immer klar und stark. Sie wusste, dass sie jetzt keine Folterungen mehr zu erwarten hatte und der Schmerz bald ein Ende haben würde. Ihr Tod würde eine Erlösung sein, so wusste sie. Gefasst blickte Abelke auf den Scheiterhaufen vor sich. Sie hatte in der Zelle nur wenig Zeit gefunden, sich auf ihr Ende vorzubereiten, doch hatte sie sich schließlich damit abgefunden. In ihrem Innern wusste sie, dass auch Caterina seit kurzem nicht mehr am Leben war und wenn die Verheißungen stimmten, würden sie sich alsbald wiedersehen. Abelke war damit eine große Last genommen, hatte sie doch befürchtet, mit ihrer Freundin am gleichen Tag sterben und das schreckliche Ende ihrer so geliebten Caterina mit ansehen zu müssen. Doch schon im Verlies war ihr plötzlich klar geworden, dass Caterina ihr bereits vorausgegangen war. Sie wusste es einfach, ohne, dass es ihr gesagt worden war. In der „Hechte“ hätte so etwas schnell die Runde machen können, wenn eine der inhaftierten Frauen zu Tode gekommen wäre, nur hatte man Abelke streng isoliert von den anderen gehalten. Und trotzdem war ihr in dem Moment, als sie aus dem Verlies gezerrt worden war, bewusst geworden, dass Caterina nicht mehr am Leben war. Mit diesem Wissen konnte sie halbwegs gefestigt den Tod in die Augen sehen.

Zwei Schinderknechte hatten sie auf den Wagen geschleift und kurz drohte sie aus Schwäche in Ohnmacht zu fallen. Die hart angezogenen Stricke, mit denen sie fest an den Pfahl auf den Schinderkarren angebunden worden war, hatten sie aber wieder zur Besinnung gebracht. Der Karren rumpelte nun im Schritttempo auf die Mitte des Marktplatzes zu. Hinter dem Karren folgten die bewaffneten Ratsknechte und Boye mit seiner Mappe mit den beglaubigten Urteilen. Voran ging van Kosel und neben ihm der Bürgermeister – für diesen besonderen Tag waren beide auch besonders herausgeputzt. Während der Bürgermeister aber huldvoll lächelte und die Menschen links und rechts von ihm durch Zuwinken begrüßte, blickte van Kosel nur starr und angespannt vor sich hin. Die Menschen auf den Straßen schwatzten nach wie vor wild durcheinander, nur an den Stellen, an denen der Wagen mit seiner Prozession passierte, hielt man kurz inne und glotzte auf den Wagen und auf Abelke in ihrem Büßergewand. Einige drohten ihr mit der Faust, spuckten vor ihr aus, oder warfen mit verfaultem Obst und Gemüse nach ihr. Das Werfen von Steinen war für diesen Tag strengstens untersagt worden, wollte man die Hinrichtung doch nicht ein weiteres Mal gefährden, indem die Verurteilte tödlich verletzt wurde.

Abelke hatte den Kopf auf die Brust gesenkt und betete leise. Auf die gefalteten Hände beim Beten musste sie notgedrungen verzichten, da diese hinter ihr immer noch fest am Pfahl verschnürt waren. „Seht mal“, schrien die Leute und stießen sich an „sie schämt sich jetzt für ihre Taten. Das Feuer wird sie endgültig läutern“, so war man sich sicher. Auch das Pferd, welches den Karren zog, hielt den Kopf die ganze Zeit gesenkt und so bot das Gespann als Gesamtes ein Bild der Demut. Man hatte wohl absichtlich ein altes sehr langsames Pferd ausgewählt, um dem Erscheinungsbild der „Hexe“ jegliche Kraft und Stärke zu nehmen. Auch ging man so der Gefahr aus dem Weg, dass das Pferd mit seiner Last durchgehen könnte.

Diese Frau würde nicht vor ihrer Hinrichtung sterben, da war sich van Kosel ganz sicher. Meister Eddelmann stieg beim Erreichen des Karrens am Scheiterhaufen mit einem der Schinderknechte und mit Hilfe der bereits für die Hinrichtung vorbereiteten Leiter auf den Wagen, nahm Abelke die Fesseln ab und zog sie vom Pfahl. Sofort sank sie in die Knie und musste von dem hinzueilenden Schinderknechte gestützt werden. Schnell griff auch der Scharfrichter mit zu, fühlte er sich doch für seine Delinquentin verantwortlich. Beide schleiften Abelke auf dem Wagen zu der Leiter, mit deren Hilfe sie ins Feuer gestoßen werden sollte.

Abelke war unendlich müde. Ihre Gedanken waren immer noch bei Caterina und auch bei Elisabeth, von der sie seit ihrer Verhaftung nichts mehr gehört oder gesehen hatte. Was für eine schöne, erfüllende und lehrreiche Zeit hatte sie doch mit beiden verbracht. Wie viele schöne Jahre hatten die drei Frauen miteinander und mit dem kleinen Johann verbringen dürfen. Doch das war jetzt alles zu Ende. Für immer. Teilnahmslos ließ Abelke ihren Blick über den Markt schweifen. Sie sah zunächst die reichen Bürgersleute an ihren Häusern, die mehr aus standesgemäß auferlegtem Interesse als aus Anteilnahme das Geschehen verfolgten. Zwischendurch tupfte man sich mit einem Tuch nervös im Gesicht herum. Vermutlich waren sie es nicht gewöhnt, mit dem Pöbel gemeinsame Sache zu machen. Ein Mann mit einem Bauchladen ging durch die Reihen, um süße Honigware anzubieten und viele Leute griffen freudig zu. Für den Verkaufenden war so eine Hinrichtung wohl ein einträgliches Geschäft.

Plötzlich sah Abelke Elisabeth mitten in der Menge stehend, die sie mit tränenüberströmten Augen direkt ansah. Trotz ihrer eingesunkenen Gestalt hatte sie Elisabeth sofort erkannt. Abelke tat zunächst so, als hätte sie sie nicht gesehen und ließ ihren Blick weiter über die Menge schweifen. Ihr Herz hatte vor Freude einen kleinen Sprung gemacht und für wenige Sekunden hatte sie sich wieder frisch und belebt gefühlt. Sie wollte aber nicht, dass ihre Freude jemanden auffiel und so ließ sie geistesgegenwärtig ihren Blick weiter über die Menschenmenge streifen. Doch dann senkte sie ihren Kopf wieder und blickte Elisabeth nun von unten versteckt ins Gesicht und lächelte ihr kaum merklich zu. Wie unendlich glücklich war sie, sie ein letztes Mal zu sehen. Elisabeths Augen schrien ihr durch die Tränen förmlich zu: „Verzeih mir, dass ich dich im Stich gelassen habe“. Doch Abelke lächelte weiter begütigend ihrer ältere Freundin an. „Geh“, schienen ihre Blicke zu sagen „geh, und lebe. Alles ist gut. Lass mich jetzt allein und blick nicht zurück!“ Dann verabschiedete sie sich mit einen langen intensiven Blick, wandte sich schließlich ab und starrte ins Leere. Sie hatte ihren Frieden gemacht.

Einer der Knechte des Scharfrichters jedoch, der Abelke hatte lächeln sehen, blickte misstrauisch in die Menschenmenge, überprüfte ihre Fesseln an der Leiter und zog diese noch einmal so fest an, dass ihr das Blut in den Adern stockte – doch auch dieser Schmerz erreichte sie nicht mehr. Der Knecht, der trotzdem grausam lächelte, hatte glücklicherweise keine Verbindung zu Abelke und zu der weinenden Elisabeth hergestellt, die sich mit abgewandt hatte und sich eilig einen Weg durch die Menge bahnte. Sie war trotz ihrer namenlosen Trauer auch erleichtert. Abelke hatte ihr verziehen und trug ihr nichts nach. Mit der linken Hand hielt sie ein kleines Ledersäckchen fest, welches sie um den Hals trug. Sie küsste das Säckchen, enthielt es doch den dritten Anteil des Giftpackets, welches sie für ihre Freundinnen zusammengestellt hatte. Auf ewig würde sie es bewahren und wenn ihre Zeit kam auch anwenden. Das verschaffte ihr ein wenig Trost.

Elisabeth sah nicht mehr, dass das Feuer hinter ihr hoch aufloderte, als die Leiter mit Abelke daran in die Flammen gestoßen wurde. Sie hörte nur noch das Knistern der Funken, die hoch über den Marktplatz in den Himmel stoben, und dass lauthalse erregte Aufschreien der Menge. Sie drehte sich nicht mehr um und konnte von daher nicht sehen, dass die Glut und die überall herumfliegende Asche in einer geraden Linie klar zum Himmel empor flog.

Fortsetzung folgt…


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