„Nichts als Asche“ – Teil 13

„Nichts als Asche“ – Teil 13

26. März 2022 Aus Von Jens Nielsen

Ein historischer Fortsetzungsroman aus der Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig. Kapitel 13.

Bild: Jens Nielsen

Kapitel 13

Verschmähte Liebe

Nikolaus Lucht streckte seine Beine aus und reckte die Arme über den Kopf, so dass sich seine Muskeln nach dieser Prozedur spürbar entspannten. Danach nahm er genießerisch einen tiefen Schluck aus dem Krug voll Bier, der vor ihm auf dem Tisch stand und wischte sich behaglich den Schaum vom Bart. Lucht konnte weiß Gott mit sich zufrieden sein, war doch die Verbrennung der vermaledeiten dritten Hexe am heutigen Sonntag, die weitestgehend auf sein Betreiben hin erfolgt war, erfolgreich abgeschlossen worden. Metke Framen hatte sie geheißen. Und auch wenn nicht alles genau nach Plan gelaufen war, war das Gesamtergebnis seiner Bemühungen doch so, wie er es sich ausgemalt hatte. Lucht verspürte kein Bedauern dem Hexenweib gegenüber. Jetzt nicht mehr.

Obwohl die Zaubergenossin der Framen, die Schwester des Stadtvogtes Eggerdes, auf der Folter nicht gestanden hatte und unglücklicherweise auch noch vor Prozessende an den Folgen der Misshandlungen gestorben war, war doch noch alles gut geworden. Hatte man daraufhin doch ihre Magd und Helfershelferin, Abelke Steenbrügger, nachdem man ihrer nach ihrer Flucht nach Kahleby habhaft werden konnte, einer besonders schmerzhaften Tortur unterzogen. So konnte die Anklage gegen das Weib Caterina Eggerdes doch noch nachträglich untermauert werden. Die Magd Steenbrügger hatte nicht nur sich, nicht nur Caterina, sondern eben auch Metke Framen, die dritte im Bunde, unter der Folter schwer belastet. Mittlerweile waren alle drei Frauen verbrannt – und sein, Luchts, Name war dabei erfreulicherweise kaum in den Protokollen genannt worden.

Nikolaus Lucht lehnte sich selbstgefällig in seinem gepolsterten Sessel zurück und streifte die Ärmel seines Talars hoch, um seine kräftigen Arme zu betrachten. Für andere kaum merklich hatte er die letzten Wochen und Monate seinen Teil dazu beigetragen, dass der Prozess letztendlich diesen Ausgang nahm. Hatte er doch schon lange vor dem eigentlichen Prozessbeginn Caterina, Abelke und auch Metke vorgeworfen, sein Vieh durch Zaubermittel getötet zu haben. Lucht hatte öffentlich hier und da immer mal wieder laut gemutmaßt, dass die Frauen, wohl mit Hilfe weiterer Zauber-Kumpaninnen, einen tönernen Krug auf seinem Grundstück vergraben hätten, der wohl die Ingredienzien eines Schadenszaubers enthalten haben müsste. Vermutlich hätte er Knochen von Toten, Menschenhaare, Fingernägel und Kinderfett enthalten, so hatte Lucht seine Überlegungen mit denen geteilt, die es hören wollten. Weiterhin hatte er durchblicken lassen, dass die wohlhabende Witwe Metke Framen es zusätzlich verstanden hatte, sein Land und sein Korn durch Zauberei zu verderben.

Neben Caterina und neben ihrer Helferin Abelke, war es Nikolaus Lucht ein besonderes Anliegen, Metke Framen aus Schleswig auf der Anklagebank zu sehen. Sie hatte unter seiner Anschuldigungen besonders leiden sollen. So hatte Lucht nicht nachgelassen, immer wieder darauf zu pochen, dass ihm Recht geschehen müsse und dass besonders diese Frau schwer zu bestraft sei. Als die Eggerdes schließlich offiziell in den Verdacht der Zauberei geraten und verhaftet worden war, hatte Lucht seine Chance gesehen und hatte unmittelbar die beiden anderen Frauen beim Stadtgericht angezeigt.

Der vergrabene Tonkrug auf dem Besitz Luchts, der sein Vieh angeblich getötet hatte, konnte zwar nie gefunden werden, aber die Geschichte war nun in der Welt und verbreitete sich ohne weiteres Zutun wie ein Lauffeuer in der Stadt. Da Nikolaus Lucht, so wusste man, sogar am königlichen Hofe aus und ein ging und schon seit vielen Jahren Pastor zu St. Michaelis auf dem Michaelisberge und zusätzlich Vikar am St. Petri-Dom war, hatte sein Wort einiges an Gewicht in Schleswig. Auch durch seine zusätzliche Position als Zöllner von Gottorf hatte sich Nikolaus Lucht über die Jahre Ansehen und Macht zu verschaffen gewusst. Im Rahmen der Nord-Süd-Verbindung der Handelsrouten war der Gottorfer Zollstelle und damit auch dem Zöllner Lucht eine herausragende Bedeutung zugekommen. Das machte sich besonders im sehr einträglichen Ochsenhandel bemerkbar. Die Gottorfer Zollstätte war zur Hauptzollstätte des Landes geworden und gehörte deshalb mit zu den größten Bareinnahmequellen der Fürsten. Auch Lucht selbst war durch diesen Umstand vermögend geworden.

Wie hatte das Volk bewundernd zu ihm aufgesehen als er beispielsweise auf Geheiß des Königs im Sommer 1547 der Witwe des Münzmeisters Reinhold Junge in Flensburg die Ausgaben für Reparaturarbeiten an der Flensburger Münze erstattet hatte. Nicht nur ihm, auch seiner Frau Elisabeth und den drei Söhnen und auch der einzigen Tochter wurde spätestens seitdem diese Geschichte durchgesickert war, große Ehrerbietung in der Stadt entgegengebracht.

Dem einflussreichen Zöllner und Pastoren Lucht war es ein Leichtes gewesen, als eine seiner Kühe und das Kalb dazu verendete, sofort den Verdacht auf die drei Frauen Caterina, Abelke und Metke Framen zu lenken, wovon die beiden ersteren ohnehin ja schon, so wusste auch Lucht, im Verdacht der Zauberei standen. So wurden die Untersuchungen gegen die Frauen von Seiten der Stadt auf seinen Wunsch maßgeblich immer weiter vorangetrieben. Es wurden gründlich Beweise gesammelt, Theorien angestellt, Befragungen vorgenommen und Verhöre durchgeführt, um von Amts wegen den Verdächtigungen auf den Grund zu gehen, aber auch um den Herrn Pastor und Zöllner zufrieden zu stellen. Da allerdings Caterina, als Schwester einer Amtsperson, die auch noch Mitglied des Stadtrates war, bisher unter einem besonderen Schutz gestanden hatte, drohten die Bemühungen Luchts in der Vergangenheit mehrmals ins Stocken zu geraten oder sogar gänzlich im Sande zu verlaufen.

Der Pastor hatte in dieser Sache wiederholt nachdrücklich sein Recht verlangen müssen. Er hatte auf dem Schreibpult des Bürgermeisters mehrmals wortwörtlich darauf gepocht, dass in seiner Sache gegen die Frauen wegen Hexerei weiter ermittelt und letztendlich auch bestraft werden musste. Er würde darauf bestehen. Lucht hatte so lange in seiner Forderung nicht nachgelassen– bis dieser schließlich stattgegeben wurde.

Nun, am Ziel seiner Pläne, hätte alles zu Luchts Zufriedenheit verlaufen können, denn Metke Framen hatte schließlich, als letzte der drei Frauen, unter schwerster Folter alle ihr vorgeworfenen Taten auch gestanden. Unglücklicherweise hatte sie heute, nur einen Tag nach dem letzten Verhör und nach ihrem Eingeständnis aller Schuld, im Angesicht des Scheiterhaufens ihr Schuldeingeständnis doch noch einmal widerrufen. Als man sie trotzdem mit der Leiter in die Flammen gestürzt hatte, hatte sie voller Angst laut und verzweifelt geschrien, dass sie unschuldig sei. Es waren zuletzt tatsächlich Zweifel an ihrer Schuld aufgekommen, so viel hatte Lucht erfahren, hatte er als Pastor seiner Gemeinde doch immer ein Ohr am „Maul des Volkes“. Diese Zweifel hätten auf ihn, als Vorantreiber der Anklage, zurückfallen können und seinen Stand bei Hofe und in der Stadt stark ins Wanken bringen können.

Auch wenn Nicolaus Lucht an seinen schwarzen bis zum Knie reichenden Wollstrümpfen und den schlichten Schnallenschuhen und an seinem Talar, den er meistens nicht nur zu kirchlichen Anlässen trug, deutlich als Geistlicher zu erkennen war, hätte der, der ihn nicht kannte, ihn eher für einen Soldaten halten mögen. Nicht so sehr wegen seiner dichten länglichen schwarzen Haare und dem schwarzen Vollbart, sondern viel mehr wegen seiner dicken roten Narbe, die knapp über der Nasenwurzel ansetzte und bis zur rechten Augenbraue herüber verlief. Zudem hatte er stechende dunkle Augen und zog, wenn er zornig war, und das war er oft, seine Augenbrauen eng zusammen. Man sah ihm seine jähzornige kämpferische Natur meist schon von weitem an und schon oft hatte sein Erscheinungsbild für Irritation oder gar Unmut bei den Gemeindemitgliedern, aber auch bei seinen Vorgesetzten gesorgt. Nikolaus Lucht war sich in seiner Amtsführung als Geistlicher besonders einer Sache immer sehr sicher gewesen und blieb dieser Haltung in jeder Beziehung treu – der Kampf gegen das Böse und gegen die Zauberei in seinem Kirchspiel musste ohne Zargen auf das härteste geführt werden.

Und auch wenn sein alter Widersacher, der Lektor Caeso Enigma am Dom, der noch heute neben Lucht am Scheiterhaufen gestanden hatte, zu ihm gesagt hatte: „Wenn die armen Frauen unschuldig sind, möchte ich nicht an deiner Stelle sein, weil Gott dann wunderbar strafen wird“, war das für den Zöllner und Pastoren Lucht genauso ohne Bedeutung, wie die Stimme des Volkes für ihn mittlerweile ohne Bedeutung war. Enigma war schon immer ein Bedenkenträger und Gegner der allzu stringent betriebenen Hexenverfolgung gewesen und die Menschen redeten ohnehin gern und viel – aber die Rache war heute sein, Luchts, und sie schmeckte besonders süß. Beim Prasseln der Flammen und dem Aufsteigen der Asche hatte er sich frei gefühlt, frei – und vor allem mächtig.

Metke Framen hatte es verdient. Sie hatte ihn verhext. Da war er sich ganz sicher. Es mochte schon fast ein Jahr her gewesen sein, als sie ihn zurückgewiesen hatte. Mehr noch, er hätte wegen ihres ungebührlichen Betragens beinahe um Amt und Würden fürchten müssen. Die Witwe Metke Framen hatte schon in jungen Jahren einen reichen Kaufmann geheiratet, der „auf dem Schild“, nahe des Großen Marktes, gewohnt hatte. Nach seinem frühen Tod blieb ihr sein ganzer Besitz. Lucht hatte zunächst nur Interesse an ihrem Land und ihrem Besitz und hoffte bei ihr als alleinstehender Witwe leichtes Spiel zu haben. Doch Metke Framen wollte nicht an Lucht verkaufen und wies in brüsk zurück. Später hatte er sie so manches Mal auf dem Markt gesehen, den sie sich nicht nehmen ließ, regelmäßig in eigener Person zu besuchen, und sich durch ihre Gestalt und ihre lebensfrohe Art zu ihr hingezogen gefühlt. Sie hatte, im Gegensatz zu manch anderer der Frauen aus den bürgerlichen Kreisen, kecke Sommersprossen gehabt und ihr Haar unter der Haube hatte blond und mit kaum zu ordnenden Locken hervorgelugt. Anfangs hatte er sie aus seinen Gedanken verbannen wollen, aber je mehr er es versucht hatte, desto weniger gelang es ihm. Immer öfter ertappte sich Nikolaus Lucht dabei, wie er den Markt aufsuchte, um nach der Witwe Ausschau zu halten oder wie er sich in Nähe des Kaufmannshauses aufhielt, in dem sie wohnte. Einmal war er im Gedränge auf dem Marktplatz absichtlich gegen sie gelaufen, um ihre Nähe zu spüren und nur für Sekunden ihren Geruch einzuatmen und hatte sie dann danach leicht missbilligend in der Menschenmenge betrachtet, als wäre sie es gewesen, die unachtsam gewesen war.

Eines Nachts, als Luchts Frau Elisabeth, die nach der Geburt des vierten Kindes oft kränklich gewesen war, ihn wieder einmal abgewiesen hatte, als er sich ihr nähern wollte, hatte er es nicht mehr ausgehalten, dem Wein über Gebühr zugesprochen und war bei seinem anschließenden nächtlichen Spaziergang, wie so oft, unweigerlich erneut in die Nähe des Kaufmannshauses gelangt – ohne dass er das vorgehabt hatte. Lucht wusste, dass Metke Framen ihre Schlafkammer auf der Rückseite des Hauses im ersten Stockwerk des Hauses hatte. Schon zu Lebzeiten des Kaufmannes war dies ihr Schlafgemach gewesen. Wie durch Hexerei oder vielmehr magische Anziehung hatte es Lucht in dieser Nacht direkt hinter das stattliche Gebäude gezogen. Die Witwe musste aber wohl einen zu leichten Schlaf gehabt haben, denn als er sich über den am Hause stehenden Baum und mit Hilfe des wildwuchernden Efeus Zugang zum Gebäude verschafft hatte und in der Folge in ihre Kammer eindrang, war sie bereits wach und saß aufrecht auf ihrer Bettstatt. Vielleicht hatte sie aber auch schon vorher aus unbekannten Gründen den Schein der kleinen Laterne im Hof bemerkt, die der Pastor ob der Dunkelheit bei sich getragen hatte und sich deshalb erschreckt aufgesetzt.

Noch ehe die junge Witwe aber so recht begreifen konnte, was geschehen würde, hatte Lucht sich zu ihr ins Bett gedrängt. Welcher Teufel ihn damals geritten hatte, in ein fremdes Haus einzusteigen und sich in einem ehrbaren Kaufmannshaus in das Bett der Frau zu legen, hätte er heute nicht mehr zu sagen gewusst. Es musste Zauberei gewesen sein, dass er sie von hinten umschlossen und sich an ihren Körper gedrückt und begonnen hatte, die Frau zu streicheln.

Metke Framen war vor Entsetzen wie gelähmt gewesen und hatte zunächst keinen Laut heraus gebracht. Er aber hatte seine Lippen auf ihren Hals gepresst und war immer dichter an sie herangerückt. Der Teufel musste ihm die Worte eingegeben haben, als er der Frau keuchend ins Ohr geflüstert hatte „Ehrbare Frau Framen, erhöret mich. Ich kann euch nicht länger widerstehen. Wie glühendes Feuer verzehrt mich meine Liebe zu euch. Erhört mein Flehen.“ Er hatte ihre beiden Handgelenke dabei fest umklammert gehalten und so hatte sich die Frau nicht zu wehren vermocht. Schließlich aber hatte sie doch geschrien, weil er eben nur ihre Hände fest, aber ihren Mund nicht hatte zuhalten können. Wie von einer Schlange gebissen war er daraufhin in die Höhe geschnellt und hatte ihr noch „Das wirst Du bereuen, Du Hexe“ zuzischen können, bevor er in Windeseile die Kammer wieder verließ. Lucht hatte noch gehört, dass die Frau weinend auf ihrem Strohlager zusammenbrach, hörte aber gleichzeitig auch das Herannahen von Hunden und Menschen, die von dem Schreien der armen Witwe offenbar wach geworden waren. Vermutlich war das Gesinde daran gewöhnt, beim geringsten Geräusch oder aber beim Rufe der Herrschaft sofort aus dem Schlaf zu schrecken und gleich hellwach zu werden, zumindest war innerhalb kürzester Zeit das gesamte Haus in heller Aufregung.

Der Pastor hatte die Kammer gerade noch rechtzeitig durch einen gewagten Sprung aus dem noch offenstehenden Fenster hinein in den Baum verlassen können, als das Gesinde und wohl auch helfende Nachbarn von allen Seiten auf ihn zugelaufen kamen, um ihn als Eindringling zu ergreifen. Die Laterne hatte Lucht schon vor seinem Einstieg verlöschen und am Fuße des Baumes stehen lassen, so dass er nun nach dem Herunterklettern auf dem Hof mehrmals im Dunkeln über irgendwelche Hindernisse stolperte. Fast hätte man ihn gestellt und erkannt. Nur durch seine Schnelligkeit und durch seine guten Ortskenntnisse war es ihm gelungen, über eine überwachsene Mauer auf der Hinterseite des angrenzenden Gartens zu entwischen. Später hatte er sich am Rande des Mühlenbaches über einen Umweg zurück nach Hause geschlichen.

Es ging wohl manche Woche danach ins Land, in denen Nikolaus Lucht befürchtet hatte, dass die Witwe ihn auf dem Rathaus angezeigt hatte. Offenbar war aber der jungen Frau die Scham über das Vorgefallene in dieser Nacht so in die Glieder gefahren, dass sie kein Wort mehr über diese Sache verloren hatte, so schien es. Zumindest war es ruhig geblieben und Luchts Sorgen schienen unbegründet.

Doch noch immer hatte er die Frau und ihren Geruch nicht vergessen können, schlimmer noch, er war geradezu besessen von der Vorstellung, sie erneut aufzusuchen. So manches Mal, wenn er nach dem Gottesdienst auf einem Bänkchen nahe dem Pastoratshause gesessen hatte, hatte er mit sehnsüchtigem Blick auf den Punkt über den Dächern der Stadt geschaut, von dem er sich vorstellte, dass ihr Schlafgemach ungefähr dort gelegen sein müsste. Von Metke Framen selbst hatte er seitdem weder etwas gehört noch sie gesehen. Auch in den Reihen der Marktbesucher und -besucherinnen war sie seither nicht mehr auszumachen gewesen. Lucht konnte die Vorstellung nicht aus seinem Kopf verbannen, sie erneut aufzusuchen. Noch größer jedoch war die Angst, Metke Framen würde plaudern und sein Geheimnis verraten. Wer aber würde ihr schon glauben? Das Wort einer jungen unbedeutenden Witwe gegen das des ehrbaren Pastoren und Zöllners Nikolaus Lucht. Pah, das wäre ja gelacht. Lucht musste sich trotzdem ganz sicher sein. Er musste Metke zuverlässig zum Schweigen gebracht haben, bevor sie ihm ernsthaft gefährlich werden konnte.

Wie durch einen Zufall hatte Pastor Lucht wenige Wochen später mitbekommen, wie eine Kranke aus seiner Gemeinde, Mette Klonhammer, die Frau des Grobschmieds, die heilkundige Eggerdes mit ihrer Magd zu Unterstützung zu sich gerufen hatte. Da die Krankheit der Frau aber, trotz der kundigen Behandlung der Schwester des Stadtvogtes, nicht hatte weichen wollen, rief man zu später Stunde nach dem Pastor. Da Lucht wusste, dass der Schmied und seine Familie fromme Mitglieder seiner Kirche und obendrein zahlungswillige treue Gottesdienstbesucher waren, hatte er sich den rabenschwarzen Umhang übergestreift, seinen Talar geschürzt und in Begleitung des Küsters und dem tragbaren Krankengerät für das letzte Abendmahl, die Kranke zu Fuß aufgesucht, obwohl es der Tage viel geregnet hatte und die Wege in der Stadt vielerorts fast unpassierbar geworden waren.

An der Bettstatt der Kranken war Lucht auf Caterina und auch auf Abelke getroffen, die sich zusammen noch immer aufopferungsvoll um die Frau gekümmert hatten. Lucht hingegen hatte es von Anfang an sehr missfallen, wie betulich sich die Weibsbilder am Lager der Kranken gebärdeten, kam doch alle Krankheit von Gott als seine den Menschen auferlegte Prüfung und nur der Herr allein konnte sie auch wieder nehmen. Wie konnte sich die Eggerdes erdreisten sich in Gottes unerklärlichen Ratschluss in dieser Form einzumischen und versuchen zu heilen? Und auch ihre Magd traf eine Mitschuld, stand sie doch ihrer Herrin in dieser blasphemischen Tat zur Seite. In Nikolaus Lucht reifte der Plan, sich dieser Weiber und ihres ungebührlichen und gotteslästerlichen Betragens ein für alle Mal zu entledigen. Er hörte die Stimme des Herrn hier ganz deutlich, die ihm unmissverständlich auftrug, Schleswig von dem üblen Geschmeiß, den Gespielinnen des Teufels ein für alle Mal zu reinigen.

Mette Klonhammer wurde wieder ganz gesund, was umso erstaunlicher war, wenn man sich vergegenwärtigte, dass sie sogar so krank gewesen war, dass man bereits den Pastor für das letzte Abendmahl gerufen hatte. In ihrer schweren Krankheit, die mit hohem Fieber einherging, hatte sie allerdings immer wieder „Caterina“ oder auch „Frau Eggerdes“ gerufen und sich dabei auf ihrem Lager hin und her gewälzt, so als würde eine große Last auf ihr liegen.

Nikolaus Lucht, der auf Nachfrage beim Schmied Klonhammer davon erfahren hatte, dass dessen Frau Metke nicht verstorben und demzufolge auch keine Beerdigung zu zelebrieren war, beschloss diesen Umstand trotzdem für sich zu nutzen, hatte doch die Kranke offenbar schwere Seelenqualen durch die Heilerin auszustehen gehabt. Gut, nur, dass die Klonhammersche selbst dem Bösen nicht völlig erlegen war und sich anschickte wieder vollständig zu gesunden, neigten Frauen doch generell leicht dazu, dem Teufel und seinen Verlockungen oder seinen Bestrafungen schnell zu erliegen.

Weniger glücklich als im Hause des Schmieds ging es zeitgleich in anderen Häusern in der Stadt zu. Viele waren jetzt in den wärmeren Monaten an einem Fieber mit starken Schweißausbrüchen erkrankt, von dem man sagte, dass englische Seeleute es in die Stadt getragen hatten. Besonders einige ältere Menschen mussten ihr Leben lassen. Caterina und Abelke hatten in diesen Tagen alle Hände voll zu tun gehabt, um das Fieber zu senken, Trost zu spenden, oder den ausgezehrten Hinfälligen wieder auf die Beine zu helfen.

Zusätzlich war in diesem Sommer durch die starken Regenfälle ein Teil der Getreideernte vernichtet worden. Auch eine Rabenplage hatte Schleswig heimgesucht, wie man sie die Jahre vorher nicht gesehen hatte. Während die gefiederten Unglücksboten traditionell nur vereinzelt immer mal wieder an oder auf der Richtstätte saßen, oder sich in den Wäldern um das Schloss Gottorf ihre Nester bauten, waren die großen Vögel jetzt in vielfacher Zahl auf den Giebeln der Häuser und auf den Dächern der Kirchen auszumachen. Ihr ununterbrochenes Gekrächze war in der ganzen Stadt nicht mehr zu überhören. Auch kämpften sie gelegentlich am Himmel, so dass man so manches Mal Klauen, Federn, abgerissene Vogelköpfe oder sogar gar ganz und gar zerfetzte Vogelleichen auf dem Boden fand.

Nikolaus Lucht war immer unruhiger geworden, als die zahlreichen Boten des Unglücks über der Stadt nicht weichen wollte und auch immer noch neue hinzukamen. Sollten die Hexen auch hier ihre Finger mit im Spiel gehabt haben? So langsam schien sich in Luchts apokalyptischer Vorstellung alles zu einem vollständigen Bild zu fügen. Hatte seine Magd beim Backen nicht das Brot verderben lassen, obwohl er ihr eingeschärft hatte die Brotlaibe grundsätzlich mit dem Kreuzzeichen zu versehen und war nicht das Neugeborene im Hause Matzen ohne einen Daumen an der rechten Hand auf die Welt gekommen?

Als auch noch ein warmer Südwind von der Schlei her einfiel und wiederum die Menschen wie die Fliegen an Fieber starben, war Lucht sich seiner Sache gewiss. Eines Freitags vormittags war er aufgebracht beim Stadtschreiber erschienen und hatte seinen Verdacht auf Zauberei gegen Metke und gegen Abelke zur Anzeige gebracht. Obwohl Caterina zu diesem Zeitpunkt bereits gefänglich eingezogen worden war, lag zu diesem Zeitpunkt, außer der Anzeige des Arztes Christoffer Smyth, noch nichts weiter offiziell gegen sie vor. Trotzdem traute sich der Pastor mit seiner Anzeige nicht direkt an sie heran. Da sie die Schwester des Stadtvogtes war, befürchtete er, dass sich eine mögliche Anklage von seiner Seite irgendwie gegen ihn selbst richten könnte. So hatte er sich damit begnügt, lediglich die anderen beiden Frauen als Zauberinnen zu benennen. Wichtig war Lucht vor allem, dass Metke Framens Fall zur Anzeige kam.

Dem Stadtschreiber verschwieg der Pastor allerdings ein Teil seiner gemachten Beobachtungen in der Stadt. Wie konnte man bei so einem Schreiberling auch ein Verständnis für das personifizierte Böse und seiner Spielarten voraussetzen. So gab der Pastor lediglich an, dass Abelke und auch die Witwe Metke Framen sein Vieh verhext hätten. Sollten doch die Schergen des Stadtvogtes ihre Ermittlungen selbst führen. Wichtig war nur, dass die Frauen beseitigt wurden.

Johannes Boye hatte all das notiert, was der Pastor ihm in die Feder diktiert hatte – wenn auch nur mit innerem Widerwillen. Nach außen hin hatte er Nikolaus Lucht ehrerbietig angesehen und zuvorkommend behandelt, so wie es dem Pastoren und Zöllner in seinem Amt und bei seinem Stand in der Stadt zukam. Innerlich aber hatte er sich voll Abscheu über so viel Missgunst den Frauen gegenüber von der Person des Pastors abgewandt. Allein, dass ein Geistlicher in die weltlichen Geldgeschäfte eines Zöllners verwickelt war, brachte Boye in Gedanken über diesen Frevel gegen den Herrn Pastor auf. Das dieser aber auch noch mit kaum zu beweisenden Geschichten die Frauen ins Unglück stürzen wollte, war zu viel für seine einfache Seele. Ob sich der Herr Pastor des Vorwurfs der Hexerei in diesem Fall bewusst war? War ihm klar, welchem Schicksal er die Frauen damit überantwortete? Bestimmt! Noch unter dem Eindruck der zurückliegenden grausamen Verhöre hatte Boye später, als er allein war, unter die Aussage von Nikolaus Lucht ergänzend in das Protokollbuch geschrieben:

„Ein Richter kann mit gutem, christlichen Gewissen einen Diebstahl, Mord, Totschlag, einen Ehebruch und andere eindeutig nachweisbare Verbrechen bestrafen, wobei ihm der Galgen, das Rad, das Schwert und anderes zu solcher Bestrafung zur Verfügung steht. Umso schwerer kann er mit verdächtigen und beklagten Zauberinnen umgehen, weil man von ihnen keine wirklichen Beweise haben kann. Scharfe, unermüdliche und harte Fragen zwingen zwar manche zum Geständnis, was aber gestanden wird, das wird oft widerrufen und wieder verneint. Wenn man es bemerkt und recht bedenkt, so sind die Weibsleute zum größten Teil von eher schwächerer und zarter Natur. Sie können oft nicht viel Plagen, Recken und Strecken an ihren Gliedern erdulden, so wie es manche Mannsleute können. Unschuldige zwingt der Schmerz zu lügen…“. Ein weiteres Mal hatte Boye diese Worte niedergeschrieben, entsprachen sie doch seinem tiefsten Innern. Ihm persönlich war mehr als klar, welche Folgen Luchts Aussage für Caterina, für Abelke und auch für Metke Framen nach sich ziehen würde. Er hatte das unerträgliche Leid der Frauen zuhauf miterleben müssen. Da die Richter von der Möglichkeit der Hexerei und der Richtigkeit einer diesbezüglichen Anzeige überzeugt waren, fanden sie nichts dabei, die Aussagen unter der Folter zu erzwingen. Auch der Stadtvogt und erst recht der Scharfrichter gingen von Amts wegen so vor und erkannten oft grundsätzlich auf die Anwendung der Folter, galt es hier doch unnachgiebig gegen Dämonen zu kämpfen. Und auch Pastor Lucht war sich der Anwesenheit von Teufeln, Geister und Dämonen ständig bewusst, die es mit Feuer und mit dem Schwert zu bekämpfen galt. Er würde Schleswig frei machen von dieser Art.

Das 14te und letzte Kapitel erscheint am kommenden Samstag. Also nicht verpassen!


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