„Nichts als Asche“ – Teil 14

„Nichts als Asche“ – Teil 14

2. April 2022 Aus Von Jens Nielsen

Ein historischer Fortsetzungsroman aus der Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig. Kapitel 14.

Bild: Jens Nielsen

Das letzte Kapitel und eine Ankündigung

Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Jens Nielsen diesen Fortsetzungsroman in den letzten 13 Wochen samstäglich hier, in unserem kleinen Stadtmagazin, veröffentlicht hat und das dieses kleine „Experiment“ bei unseren Lesern augenscheinlich gut ankam. Heute erscheint hier nun das letzte Kapitel und damit endet der historische Roman „Nichts als Asche“ auf Schleswig LEBT!.

Vielen Dank Jens!

Der Fortsetzungsroman erscheint als Schleswig LEBT!-Taschenbuch im Buchhandel.

„Nichts als Asche“ erscheint als Buch

Es gab bereits seitens der Leserschaft Anfragen an den Autor, ob „Nichts als Asche“ auch als reguläres Buch erscheinen wird und auch ich hatte Jens, im Laufe der Veröffentlichungen an dieser Stelle, bereits darauf angesprochen, ob wir den Roman nicht gemeinsam, quasi als Schleswig LEBT!-Edition, als Buch veröffentlichen sollten. Das kann ich nun an dieser Stelle offiziell bekannt geben und bestätigen. Der genaue Zeitpunkt der Veröffentlichung wird hier im Stadtmagazin noch bekannt gegeben. Der hier veröffentlichte Rohtext erfährt gerade ein paar Korrekturen seitens des Autors und ich erstelle gerade das Layout und Cover für das kommende Buch. Der Vorgang ist bereits weit fortgeschritten und sollte in den nächsten Tagen abgeschlossen sein. „Nichts als Asche“ von Jens Nielsen wird also bald als Taschenbuch überall im Buchhandel erhältlich sein.

Nun aber viel Spaß beim Lesen des letzten Kapitels von Jens Nielsens „Nichts als Asche“.

Andreas Franke
(Schleswig LEBT!)


Kapitel 14

Späte Rache

Nach den schrecklichen Vorfällen des Jahres 1551 waren für die Bewohner und Bewohnerinnen der Stadt einige wenige Jahre der Ruhe ins Land gegangen. Es war eine den Umständen entsprechend fast ereignislose Zeit geworden, da die Anklagen und Besagungen derer, die der Hexerei verdächtig wurden, weniger geworden und schließlich ganz verebbt waren. Doch der Schein trog, bahnte sich doch unmerklich und leise bereits eine dritte Welle der Hexenjagd in der Stadt an. Wer genauer hinsah, hätte erkennen können, dass die Schergen des Stadtvogtes wieder überall ihre Augen und Ohren auftaten. Während sie, wie andere, scheinbar unbeteiligt durch das Marktgeschehen drängten, am Nachbartisch in der Schänke saßen oder am Brunnen dem Geschwätz der Waschfrauen lauschten, sammelten sie auf Geheiß des Vogtes bereits erneut Informationen über einzelne Frauen in der Stadt, konnte das Böse doch überall lauern.

Gegen den Stadtvogt Peter Eggerdes selbst hatte man nach dem Prozess gegen seine Schwester jeglichen Verdacht fallen lassen, obwohl es zeitweilig nicht gut um ihn gestanden hatte. Als Bruder einer wegen Zauberei zum Tod durch das Feuer verurteilten Frau, hätte er nicht damit rechnen können, je wieder in sein Amt eingesetzt zu werden. Kurzzeitig hatte man in der Stadt hinter vorgehaltener Hand sogar gemutmaßt, dass die Gabe der Zauberei in der Familie sich eventuell nicht nur auf weiblicher Seite, sondern auch auf ihn als Bruder ausgebreitet haben könnte. Schließlich aber waren auf Zutun des Bürgermeisters alle Vorbehalte und Verdachtsmomente gegen ihn für nichtig erklärt worden, ohne dass man die ihn belastenden Gedankengänge näher untersucht hätte. So konnte der Stadtvogt nach einer längeren Zwangspause sein Amt wieder übernehmen – wenn auch zunächst nur unter Vorbehalt.

Eggerdes hatte sich sofort eifrig daran gemacht, weitere Fälle von Zauberei, Ketzerei, Teufelsbuhlschaft aber auch von Ehebruch und von Wahrsagerei in der Stadt ans Licht zu bringen und zu verfolgen, um seine Ehre und das in ihn gesetzte Vertrauen wieder herzustellen. Bereits wenige Jahre später waren erneut die Scheiterhaufen für drei Schleswiger Frauen in der Stadt aufgelodert. Diese sollten nach Eggerdes Befragung und der daraufhin erfolgten Aburteilung eigentlich noch am Tag ihrer Urteilsverkündung dem Feuer überantwortet werden. Da es an diesem Tag aber geregnet hatte, verschob man die Hinrichtung auf den darauf folgenden Tag. Der Kampf gegen Geister, Hexen und Dämonen war erneut aufgenommen worden.

Der Rat der Stadt Schleswig hatte, im Gegensatz zu den vorausgegangenen Fällen, kurzentschlossen tatsächlich noch versucht, das Leben der drei Frauen zu retten und die drohende Todesstrafe in eine drastische Geldstrafe umzuwandeln – war man doch durch den Ablauf des zweiten Prozesses vorsichtig geworden, zumal sich starke Zweifel an der Vorgehensweise des Stadtgerichts gemehrt hatten. Doch etliche Blutgierige in der Stadt forderten nachdrücklich den Feuertod der Frauen und so leistete man ihrem Wunsch schließlich Folge. Man schrieb den 16.8.1557 als die Feuer auf dem Großen Markt erneut brannten.

Auch andere einschneidende Ereignisse waren den Schleswigern und Schleswigerinnen nur über einen kurzen Zeitraum erspart geblieben, wehten doch mit dem Eroberungsfeldzug des Herzogs Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf gegen die Bauernrepublik Dithmarschen, den man als die Letzte Fehde bezeichnet hatte, wieder die Fahnen des Krieges im Wind. Der Herzog hatte mit seinen Mitregenten ein großes Heer im Land ausgehoben und hatte an den Dithmarschern blutige Rache wegen der fast sechzig Jahre zurückliegenden Schmach der Schlacht von Hemmingstedt genommen. Doch auch wenn der Feldzug nur drei Wochen gedauert hatte, war er doch nicht weniger grausam geführt worden, als die ihm vorangegangenen Schlachten.

Während sich die Nordfriesen im Lande zusätzlich mit Sturmflutschäden auseinander zu setzen hatten und anderenorts der „Schwarze Tod“ ausgebrochen war, war es in Schleswig, außer der Verfolgung der Zauberinnen und dem Krieg gegen die Dithmarscher, fast eintönig geblieben – sah man von den vielen Streitigkeiten wegen Land und Besitz, von den Eifersüchteleien, dem Machtgebaren und dem Neid und der Missgunst ab, wie sie sich zu allen Zeiten in unterschiedlichen Spielarten in der Stadt präsentiert hatten.  

Nikolaus Lucht, obwohl noch immer Pastor auf dem Michaelisberge, hatte seine gut dotierte Position als Zöllner mittlerweile eingebüßt, da er beim König in Ungnade fiel und auch der Herzog ihm nur wenig gewogen war. Auch Lucht war im Nachhinein zur Last gelegt worden, dass die auf sein Zutun vorangetriebenen Verfolgungen und Verurteilungen wegen Hexerei, womöglich zum Teil auch aus Übereifer begangen worden waren. Die Schuld der verbrannten Frauen des zweiten Prozesses schien rückblickend nun doch nicht mehr so eindeutig zu belegen gewesen zu sein, wie es zunächst den Anschein gehabt hatte. Wenn man auf den Ausgang der Prozesse sah, war es letztendlich für Lucht nicht schlau gewesen, auch gegen die Schwester des Stadtvogtes zu hetzen, war doch ein Teil seiner Anstrengungen tatsächlich wie befürchtet auf ihn zurück gefallen.

Und auch wenn die Inhaftierung der Heilerin Eggerdes nicht von Lucht direkt zu verantworten gewesen war, waren nicht nur ihre, sondern auch die Anklagen und die Aburteilungen der anderen Frauen doch insgesamt ziemlich substanzlos gewesen – so war im Nachhinein der Eindruck entstanden, zumal die Schwester des Stadtvogtes keine der ihr und ihren angeblichen Helfershelferinnen vorgeworfenen Taten gestanden hatte. Diesen Umstand und seine, wenn auch verkappte, übereifrige Anklagewut hatte man Lucht noch Jahre später zum Vorwurf gemacht.

Zusätzlich hatte der Wegfall seiner Einnahmen durch die Zollstelle, sein über einen langen Zeitraum übertriebener und für einen Pastoren gänzlich unangemessener fast feudaler Lebenswandel und mehrere Fehlspekulationen in Geldgeschäften dafür gesorgt, dass die Familie nunmehr völlig verarmt war. Obendrein mussten noch, von dem wenigen was sie besaßen, weitere Schulden getilgt werden.

Aus diesem Grund hatte Elisabeth Lucht, trotzdem sie nach der Geburt ihres vierten und letzten Kindes nie mehr so richtig auf die Beine gekommen war und oft kränkelte, begonnen, mit Näh-, Web- und Spinnarbeiten etwas zu den Einnahmen der Familie beizutragen. Die Kirche stellte zwar weiterhin kontraktgemäß einen Teil Ackerland zur Bebauung und das Haus zur Versorgung der Pastorenfamilie zur Verfügung und auch jede Taufe, jede Trauung und jeder Todesfall brachte zusätzliche Geld- und Lebensmittel in den Pastorenhaushalt, doch fraßen die hohen Schulden weiterhin Vieles hinweg und die sechsköpfige Familie mit einer Magd und einem Knecht mussten auch ernährt und gekleidet werden.  

Nikolaus Lucht sah es zwar nicht gerne, dass seine Frau sich um Aufträge und um Zusatzverdienste mühte, hatte er doch nach wie vor Schwierigkeiten, sich in der Rolle eines gewesenen Zöllners und nun verarmten Stadtpastoren zurecht zu finden und sich mit dieser zu identifizieren. Doch es half nichts, wollte die Familie überleben, mussten weitere Geldmittel und auch Lebensmittel beschafft werden.

Ohnehin kam der Zusatzverdient Elisabeth Luchts eher schleppend zustande, hatte doch niemand in der Stadt auf die Arbeit einer vormals eher wohlhabenden und in der Vergangenheit auch oft überheblichen Pastorenfrau gewartet. Hilfe war vielerorts von Nöten, warum sollte man ausgerechnet bei der in Ungnade gefallenen Pastorenfamilie beginnen. War in dieser Sache nicht auf wunderbare Weise Recht geschehen? Hatte nicht auch Jesus die Geldwechsler und -verleiher und die Händler aus dem Tempel vertrieben? Hatte nicht der Pastor selbst von der Kanzel verkündet, dass die, die sich selbst erhöhen, erniedrigt werden? So war es nun gekommen.

Aus diesem Grund saß Elisabeth Lucht zunächst nur sehr vereinzelt auf ihrem hölzernen Stuhl am offenen Fenster und betätigte das Spinnrad oder beugte sich hier über ihre Näharbeiten, wenn dann doch noch einmal eine Anfrage nach einer Handarbeitsunterstützung kam. Am Fenster war doch noch immer das meiste Licht zu bekommen.  

So hatte sie auch eines Tags im Spätsommer hier gesessen und gestickt, während die Kinder auf dem Vorhof des Pastoratshauses gespielt hatten. Auch wenn es kein Auftrag im eigentlichen Sinne war, sondern nur das dünn gewordene Altartuch der Kirche dringend ausgebessert werden musste, hatte sich Elisabeth Lucht doch zufrieden an die Arbeit gemacht.

Sie hatte noch kurz vorher beim Gang über den Hof gesehen, dass ihre drei Jungen mit Stöckern und Steinen einen Staudamm gebaut hatten, womit sie die Rinnsale aufzufangen versuchten, die aus dem an die bewohnten Zimmer angrenzenden kleinen Stall durch die Steine auf den Hof rannen. Als ihnen das Spiel zu langweilig wurde, hatten die Jungen schließlich begonnen, mit den für den Staudamm nicht verbauten handflächengroßen Steinen auf das große Stall- und Eingangstor des Hauses zu werfen, so dass man gelegentlich bei einem Treffer ein nicht allzu lautes Aufschlaggeräusch hörte. Elisabeth Lucht war zu müde gewesen, ihre Kinder zu maßregeln und das Geschehen zu unterbinden und so hatte sie es geschehen lassen.

Plötzlich hatten mehrere gellende Kinderschreie die Luft durchschnitten, die von vor dem Haus gekommen waren. Wie von der Tarantel gestochen, war die Frau des Pastors, trotz ihrer Müdigkeit, daraufhin aufgesprungen, hatte ihre Stickarbeit von sich geschleudert und war auf den Hof gerannt, um zu sehen, was den Kindern Schreckliches zugestoßen war, oder von wo ihnen eine Gefahr drohte.

Als sie über die Diele auf den hellen Hof rannte, hatte sie schon vom weitem in der hellen Sonne gesehen, dass mehrere schwarze noch nicht näher zu erkennende Schatten aus der Luft ihre Kinder attackiert hatten. Beim Heraneilen bemerkte die Frau des Pastors schließlich, dass es sich um Raben handeln musste, die immer wieder auf die Kinder herunterstürzten und sich mit ihren Krallen so manches Mal in deren Haaren festkrallten.

Elisabeth Lucht hatte ihren drei Jungen noch zurufen wollen, dass die Angriffe von Raben für Menschen nicht gefährlich seien und dass sie weg laufen sollten, als sie plötzlich sah, dass die Kinder beim Werfen mit Steinen offensichtlich zwei der Jungtiere verletzt hatten, die jetzt blutend und mit ihren Flügeln schlagend auf dem gestampften Lehmboden lagen. Das wohl hatte die Rabeneltern besonders wütend und angriffslustig gemacht.

Die Frau des Pastors hatte noch aus dem Augenwinkel gesehen, wie eines der Elterntiere krächzend auf sie zugeflogen kam, als sie plötzlich zuerst einen Schlag am Kopf und den Bruchteil einer Sekunde darauf einen unsagbaren Schmerz am linken Auge gespürt hatte. Unmittelbar darauf schwanden ihr die Sinne.

Der Knecht hatte Elisabeth Lucht später ins Haus getragen und führsorglich auf die Ofenbank gelegt. Eine der Krähen hatte ihr das linke Auge ausgehackt, so war unzweifelhaft zu erkennen, so dass man an Stelle des Auges nur noch eine große, rote und stark nässende Wunde ausmachen konnte. In der Küche des Pastorates, wo die Ofenbank stand, hatte es daraufhin nicht nur wie üblich leicht nach Kuhmist, sondern auch stark nach Blut gestunken.

Als Nikolaus Lucht, nachdem ihn die schreckliche Nachricht erreicht hatte, eilends sein Haus betreten hatte, lag seine Frau noch immer still auf der Bank. Ihr eines noch erhaltenes Auge war fest geschlossen und ihr Gesicht so weiß wie Schnee.

Der Pastor, der das Lager seiner Frau näher betreten hatte, hatte schon vom weitem erkennen können, dass man das zerstörte Auge notdürftig, in Ermangelung eines Verbandstoffes, mit einem Stück Stoff aus der alten weißen Altardecke verbunden hatte, die sich jetzt rötlich verfärbt hatte. Diesen Pflegedienst hatte der herbeigerufene Küster übernommen, der sich nicht anders zu helfen gewusst hatte und nicht mehr länger auf die Übelkeit erregende Wunde blicken wollte.

Lucht hatte erstaunt bemerkt, wie klein und zerbrechlich seine Frau auf der Ofenbank gewirkt hatte. Unweigerlich fühlte er sich beim Anblick der Wunde, als er den Stofffetzen wegnahm, zuerst an seine Zeit als Soldat im Feld und dann unmittelbar an die Rabenplage von vor ein paar Jahren in der Stadt erinnert, die zur Zeit der Verhöre und Prozesse über Schleswig gewütet hatte.

Später war die Frau Pastor tatsächlich aus ihrer Ohnmacht erwacht und hatte das eine intakte Auge auch öffnen können, sprach aber nicht mehr und starrte nur einäugig unentwegt an die Decke des reetgedeckten Hauses. Man hätte zwar den Eindruck gewinnen können, dass sie am folgenden Tag besser und frischer ausgesehen hatte, doch stellte sich schnell heraus, dass wiederum lediglich das Fieber ihre Wangen gerötet hatte. Da sich Nikolaus Lucht geweigert hatte, einen Arzt kommen zu lassen, den er ohnehin nicht hätte bezahlen können, und ihm natürlich keine diese vermaledeiten Kräuterweiber ins Haus kam, verfiel seine Frau zusehends mit jeder Stunde.

Offenbar hatte der schwarze Vogel nicht nur ihr Auge zerstört, sondern auch ansonsten das Böse in ihren Körper geleitet. Der Küster hatte noch versucht anzuregen, die Wunde mit Branntwein auszuspülen, aber auch das hatte der Pastor abgelehnt, so dass der Kirchendiener den Vorschlag, die Wunde auszubrennen erst gar nicht mehr geäußert hatte.

Der Atem der Frau ging sehr schnell und ihre Wunde im Gesicht begann alsbald auch faulig zu riechen. Als Lucht seiner Frau am dritten Tage Wasser geben wollte, schrak er zurück, wie heiß sich ihr Gesicht anfühlte. Am vierten Morgen schließlich fand man sie tot in ihren Kissen. Sie hatte einen schrecklichen Tod gehabt. Das Leichentuch hatte sich über Nacht über das Hause des Pastors gebreitet und sollte sich auch bereits wenige Jahre später erneut hier niedersenken, denn auch Nikolaus Lucht starb auf dramatische Weise. Man fand ihn im Jahre des Herrn 1560 verkrümmt vor seiner Bettstatt in seinem Hause. Sein Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, dass er ebenfalls eines sehr qualvollen Todes gestorben war, war sein Mund doch weit geöffnet und seine Gesichtszüge verzerrt, als hätte er in seinen letzten Minuten verzweifelt nach Luft gerungen. Das ansonsten reinliche Zimmer hätte sehr auffällig nach Mäuseurin gerochen, so behauptete man später. Man vermutete wohl auch, dass er vergiftet wurde, lag doch neben ihm ein silberner Becher auf dem Boden. Da der Herr Pastor aber auch dem Wein fleißig zugesprochen hatte, verwarf man diese Überlegung wieder. In den geschriebenen alten Dokumenten darüber ist über diesen Vorgang nichts mehr zu entnehmen. Man hat den verarmten und verwitweten Herrn Pastor Lucht mit allen Ehren und Würden seines Amtes bestattet.

Den Scharfrichter Paul Eddelmann sah man noch viele Jahre auf dem Posten des Henkers. Wer aber Gelegenheit hatte, ihn aus nächster Nähe zu betrachten, hätte bemerken können, dass sich sein Geist getrübt haben musste. Die einst bösen, aber ansonsten sehr wachen Augen hatten einen stumpfsinnigen ja fast blödsinnigen Ausdruck angenommen. Auch sprach er unentwegt mit Personen, die nicht in seiner Nähe auszumachen waren. Zwischendurch gab er ein hohes und schrecklich unmenschlich klingendes Kichern von sich. Wer ihn bei Fegen und Sauberhalten der Richtstätte auf dem Marktplatz sah, was kontraktgemäß zu seinen Aufgaben gehörte, musste unweigerlich erkennen, dass der Meister sich innerlich zurückgezogen hatte und dem Wahnsinn verfallen war.

Gegen Hans Toffelmaker, als des Ehebruchs Überführter und als einstiger Mann einer abgeurteilten Hexe, ist zu keinem Zeitpunkt in den Jahren danach weiter vorgegangen worden. Elisabeth Toffelmaker, seine Mutter, hingegen, blieb nach der Hinrichtung Abelkes 1551 auf dem Rathausmarkt zu Schleswig spurlos verschwunden. Keiner hatte sie wieder gesehen, noch je etwas wieder von ihr gehört.

*

Jahre später fand man auf einer Lichtung im Wald nahe Schleswigs ein Skelett. Da man es keiner vermissten Person in der Stadt zuordnen konnte, wurden die Überreste an ebenjener Stelle im Wald verscharrt, wo man es gefunden hatte. Das Skelett hatte keinerlei erkennbae Kleidungsstücke oder andere Utensilien mehr bei sich gehabt, an denen man es hätte identifizieren, bzw. einer Person zuordnen können. Nur ein kleines ledernes Säckchen an einer Schnur, so hieß es, lag noch auf dem vorhandenen Brustbein des oder der Verblichenen. In ihm fand man einige unscheinbare zerbröselte Pflanzenreste. Mit einer Hand hatte der oder die Sterbende das Säckchen offenbar noch im Tode festgehalten, weil die Fingerknochen noch immer so geformt waren, als ob sie das Säckchen umschließen würden. Nicht allen aber schienen die Umstände der oder des zu Tode gekommenen unbekannt zu sein.

Noch heute an einem Tag in jedem Frühling kommen, weil der Brauch es so will, einige Schleswiger Frauen und Frauen aus der Umgebung mit ihren Töchtern auf die besagte Lichtung im Pöhler Gehege und verweilen hier einige stille Momente. Sie betrachten schweigend die die Lichtung umschließenden Bäume und gehen dann wieder zurück durch den Wald in die Stadt oder woher sie gekommen waren. Oftmals findet man hernach kleine zurückgelassene Steine am Fuße einiger Bäume. Der Hintergrund oder die Entstehung dieses Brauches ist heute den meisten Schleswigern und Schleswigerinnen nicht mehr bekannt, da das Wissen seit Jahrhunderten immer nur in einigen wenigen Familien in der Stadt von der Mutter auf die älteste Tochter weitergegeben worden ist. Man munkelt, ohne dieses weiter belegen zu können, noch immer von einer vorhandenen Schwesternschaft, die die Rituale der Pflanzenernte und das Wissen um ihre Verarbeitung und Wirkung noch immer zelebriert. Und noch immer existiert, so weiß man, ein alter, mündlich überlieferter Leitspruch in der Stadt, welcher in diesem Zusammenhang gesehen werden könnte. Er lautet:

„Eine gute Kräuterfrau weiß wann sie zu schweigen hat.“

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