„Für mehr Familienfreundlichkeit alte Zöpfe abschneiden“

„Für mehr Familienfreundlichkeit alte Zöpfe abschneiden“

4. Mai 2022 Aus Von Andreas Franke

Lokales Bündnis für Familie Schleswig-Flensburg als „Bündnis des Monats Mai“ ausgezeichnet

man and woman carrying babies while sitting on chair
Foto: Victoria Borodinova

Schleswig, 1. Mai 2022. Alte Zöpfe abschneiden! – Das ist das Motto des Lokalen Bündnisses für Familie in der Region Schleswig-Flensburg und steht über allen Inhalten und Vorhaben der Akteurinnen und Akteure. Hinter dieser Redewendung steht die Motivation, innovative Ideen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern und mit alten Traditionen der Zuweisung von Familien- und Erwerbsarbeit zu brechen. Es geht darum, neuen Herangehensweisen an das Thema Familienfreundlichkeit Platz zu schaffen. Bei der Gründung des Lokalen Bündnisses im Juni 2005 war die örtliche AWO eine der treibenden Kräfte. Sehr schnell waren der damalige Landrat, der Bürgermeister und weitere Akteurinnen und Akteure bereit, im Bündnis mitzumachen. Schon bald bildete sich eine Arbeitsgruppe zum Thema Vereinbarkeit. Die Arbeitsgruppe Arbeitswelt ist bis heute die Konstante, mit der das Lokale Bündnis Schleswig-Flensburg den Fokus auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf legt.

Lücke bei den Fach- und Arbeitskräften verkleinern

„Unser Bestreben in der Bündniszusammenarbeit ist es, die Fachkräftelücke in der Region zu reduzieren“, sagt Stefan Wesemann, Leiter der Geschäftsstelle der IHK Flensburg. Gemeinsam mit IHK, HWK, BA, Jobcenter, AWO und den Gleichstellungsbeauftragten der Stadt und des Kreises will das Bündnis die Frauenerwerbsquote erhöhen. Denn das sei in der Region der Hebel mit der größten Wirkung, um die Fach- und Arbeitskräftelücke zu schließen, meint Wesemann.

„Besonders dankbar sind wir dafür, dass einige ehrenamtlich weiter bei uns mitarbeiten, auch wenn sie im Ruhestand sind“, erklärt Karin Petersen-Nißen, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Schleswig, die seit vielen Jahren im Bündnis aktiv ist. Die größtenteils hauptamtliche Struktur ist für die Verantwortlichen ein wichtiger Faktor für die stabile und kontinuierliche Arbeit. Ehrenamt ist aber ein sehr wesentlicher Baustein. „Wichtig ist, dass man als Bündnis breit aufgestellt ist“, betont Stefan Wesemann.

Veranstaltungen: Lust auf das Thema Vereinbarkeit

Ein Projekt des Lokalen Bündnisses sind regelmäßige Veranstaltungen zum Thema familienfreundliche Arbeitswelt. Ausbildung in Teilzeit, Führung in Teilzeit und Mitarbeiter*innen gewinnen sind Titel von wiederkehrenden Formaten, die bei Unternehmen und anderen Bündnisakteurinnen und -akteuren sehr gefragt sind.

2018 entstand bei einer dieser Veranstaltungen die Idee, familienfreundliche Unternehmen auszuzeichnen.

„Wir haben damals mit 30 bis 40 teilnehmenden Betrieben gerechnet, am Ende waren fast 100 Vertreterinnen und Vertreter von Unternehmen vor Ort. Wir haben dort eine ungeheure Kraft und Lust auf das Thema wahrgenommen und uns überlegt, wie wir diesen Geist kanalisieren und konservieren können“, sagt Wesemann. Petersen-Nißen ergänzt: „Wir wollten Unternehmen ins Licht stellen, die besonders kreativ und originell an das Thema Familienfreundlichkeit herangehen.“

Seitdem werden alle zwei Jahre Unternehmen aus der Region mit der Plakette „Familienfreundlicher Betrieb“ ausgezeichnet. Eine Jury, bestehend aus Bündnisakteurinnen und -akteuren, sichtet Bewerbungen und entscheidet, wer die Auszeichnung erhält. „Ziel ist es, einerseits die Bestrebungen der Unternehmen wertzuschätzen und andererseits den Ideentransport zu anderen Arbeitgebern durch Veranstaltungen zu fördern“, so Wesemann.

Ministerin begrüßt Auszeichnung zum Bündnis des Monats

Zur nächsten Preisverleihung am 13. Mai wird die Gleichstellungsministerin des Landes Schleswig-Holstein, Dr. Sabine Sütterlin-Waack, die Auszeichnungen an die Unternehmen überreichen und hat in diesem Jahr die Schirmherrschaft für den Preis Familienfreundlicher Betrieb übernommen. „Ich freue mich über diese Auszeichnung unseres Bündnisses. Familienfreundliche Arbeitsbedingungen werden angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels zu einem immer wichtigeren Standortfaktor. Nicht jeder kleine und mittelständische Betrieb kann da alleine alle wünschenswerten Voraussetzungen schaffen. Lokale Bündnisse für Familien können da den Unterschied machen.“, erklärt die Ministerin.

Projekte des Bündnisses für Familienfreundlichkeit in der Region

Verschiedene Projekte des Bündnisses haben in den letzten 17 Jahren dazu beigetragen, dass die Region familienfreundlicher geworden ist. „Besonders stolz sind wir auf das Ferienbetreuungsangebot „Kindernest“. Verbindliche Ferienangebote in Schulen oder Kitas gibt es bisher nicht. Das stellte insbesondere berufstätige Eltern vor die Herausforderung, die Betreuung der Kinder in den Schulferien abzudecken“, erklärt Petersen-Nißen.

In Kooperation mit der Stadt, dem Kreis und der AWO sowie mit reger Unterstützung von örtlichen Unternehmen bietet das Bündnis in den Herbst- und Frühlingsferien bezahlbare Betreuungsangebote an. Die Stadt stellt die Räumlichkeiten und übernimmt die Reinigungskosten, der Kreis beteiligt sich finanziell. Unternehmen sponsern z. B. Transportkosten, wenn die Kinder den Zoo oder Freizeitparks besuchen.

Ziel des Bündnisses ist es, das Projekt Kindernest beizubehalten und auch anderen Gemeinden und Bündnissen anzubieten. Das Bündnis und insbesondere die AWO beschäftigen sich momentan mit der Frage, wie ukrainische Kinder in dieses Betreuungsangebot integriert werden können.

Bewusstsein für gesellschaftlichen Wandel und Bedarfe

Weitere Ziele des Bündnisses sind, die Unternehmensauszeichnung weiterzuentwickeln und Veranstaltungen zum Thema Familienfreundlichkeit anzubieten. 2023 soll die Broschüre Vereinbarkeit neu aufgelegt und digitalisiert werden.

„Ansonsten müssen wir immer gucken, welche Themen auf uns zukommen, als Bündnis agil bleiben und mit der Zeit gehen. Wir werden genau schauen, wie es mit den schutzsuchenden Frauen und ihren Kindern aus der Ukraine weitergeht und was wir tun können, um bei der Arbeitsmarktintegration zu unterstützen“, meint Petersen-Nißen.

Stefan Wesemann stellt fest, dass sich das Bewusstsein für den gesellschaftlichen Wandel und sich verändernde Bedarfe von Unternehmen und Familien in der Region verbessert hat – vor allem durch die Arbeit des Bündnisses. „Die Betriebe sehen mittlerweile auch, dass es eine Reihe von kreativen Möglichkeiten gibt, an den Themenfeldern der Vereinbarkeit zu arbeiten“, fügt der Leiter der IHK-Geschäftsstelle hinzu.

„Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist durch unser Lokales Bündnis für Familie in der Region Schleswig-Flensburg sehr weit vorangebracht worden. Natürlich ist man in unserer Flächenregion im Rahmen der Bündnisarbeit viele Kilometer unterwegs, aber wir kriegen immer was auf die Beine gestellt und das ist schon beachtlich. Und natürlich wollen wir auch in den nächsten Jahren noch vorhandene alte Zöpfe abschneiden“, erklärt Petersen-Nißen weiter. „Die Schere liegt griffbereit“, ergänzt Wesemann schmunzelnd.

Hier erfahren Sie mehr über das Bündnis.

Hintergrund

Die Initiative „Lokale Bündnisse für Familie“ wurde Anfang 2004 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ins Leben gerufen. Ein Lokales Bündnis für Familie ist der Zusammenschluss verschiedener gesellschaftlicher Gruppen sowie Akteurinnen und Akteure mit dem Ziel, die Lebens- und Arbeitsbedingungen für Familien vor Ort durch konkrete Projekte zu verbessern und somit bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu unterstützen.

Derzeit engagieren sich rund 19.000 Akteurinnen und Akteure, darunter circa 7.900 Unternehmen, in etwa 8.000 Projekten. Rund 520 Lokale Bündnisse sind in der Initiative aktiv (Stand März 2022). Das Bundesfamilienministerium hat ein Servicebüro eingerichtet, das den Aufbau und die Weiterentwicklung der Lokalen Bündnisse bundesweit koordiniert und unterstützt. Die Initiative „Lokale Bündnisse für Familie“ wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.