Die Seenotretter: Vor Seekrankheit ist niemand gefeit

Die Seenotretter: Vor Seekrankheit ist niemand gefeit

1. Juni 2022 Aus Von Andreas Franke
Archivfoto: Die Seenotretter – DGzRS

Jeder hat es schon einmal selbst erlebt: Auf dem Schiff, im Flugzeug oder Bus klagen Menschen plötzlich über Schwindel, Kopfschmerzen oder Übelkeit – sie hat die Reisekrankheit erwischt. Fachleute sprechen von Kinetosen oder einer Bewegungskrankheit. Dazu gehört auch die Seekrankheit. Vor ihr sind Seeleute genauso wenig gefeit wie Wassersportler oder Fährschiffpassagiere. Jeden kann es treffen, manchen schon bei wenig Welle, andere erst, wenn es kachelt. Fallen deswegen Besatzungsmitglieder aus, kann es schnell zu einem Seenotfall kommen, der den Einsatz der Seenotretter erfordert. Warum unser Körper auf schwankende Boote mit Unwohlsein und auch Erbrechen reagieren kann und was hilft, damit man nicht seekrank wird, weiß Dr. Jens Kohfahl. Der Facharzt für Allgemein- und Notfallmedizin ist freiwilliger Seenotarzt der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) in Cuxhaven.

Quelle: Die Seenotretter – DGzRS

Auf einer Segelyacht schaue ich mir unter Deck auf meinem Smartphone Fotos vom Landgang an. Plötzlich wird mir schwindelig, mein Kopf dröhnt. Warum?

Weil die eigene Körperhaltung nicht mit der Umgebungsbewegung übereinstimmt. Die Augen signalisieren dem Gehirn „Ich sitze ruhig am Tisch“, aber das Gleichgewichtsorgan im Innenohr meldet „Ich bewege mich“, da sich das Boot im Seegang hebt und senkt. Muskeln und Gelenke nehmen ebenfalls Bewegung wahr, sie gleichen das Schwanken unbewusst aus. Diese nicht übereinstimmenden Sinneseindrücke führen zu einem sogenannten intersensorischen Konflikt. Unser Gehirn hat früh gelernt, dass wir uns entweder auf festem Boden bewegen – oder nicht. Eine gegenteilige Wahrnehmung führt zu einem Konflikt aller zeitgleich zu verarbeitenden Informationen.

Wie reagiert mein Körper auf diese widersprüchlichen Informationen?

Mit einer Stressreaktion: Schwindel und Übelkeit, von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Es hängt von Dauer und Intensität der Schiffsbewegungen, Gesamtsituation, Alter und Geschlecht ab. Kleinkinder bis zu zwei Jahren werden nie seekrank.

Woran merke ich neben Schwindel und Übelkeit, dass ich seekrank werde?

Erste Anzeichen können regelmäßiges Gähnen, nachlassende Motivation oder Aktivität, Müdigkeit, Sehstörungen und Kopfdruck sein. Kommen Blässe, tränende Augen und Schweißausbrüche hinzu, sollte schnell gegengesteuert werden.

Wie mache ich das?

Frische Luft hilft, und konzentriertes Arbeiten lenkt ab. Wichtig ist, an Deck passende Kleidung zu tragen. Kälte verkehrt die positiven Effekte frischer Seeluft ins Gegenteil. Der am wenigsten schwankende Ort liegt meist in der Schiffsmitte, diesen sollte ich, wenn möglich, aufsuchen. Was ebenfalls hilft: In Fahrtrichtung auf die Kimm zu blicken. Das beruhigt. Und für die Augen ist der Horizont eine stabile Referenz, um die Bewegung des Bootes zu erfassen. Damit sich die Sinneseindrücke abgleichen können, sollte im Augenwinkel das Schiff zu sehen sein – auch um das Gehirn besser an die Schiffsbewegungen zu gewöhnen. Das Fahrzeug sollte sich gleichmäßig auf und ab bewegen. Unregelmäßige, eiernde Bewegungen begünstigen Seekrankheit. Auf einem Segelboot sollte die Schiffsführung über eine Kursänderung nachdenken, um angenehmere Bewegungen zu schaffen.

Und wenn das alles nichts nützt?

Dann kann es zu starker Übelkeit und Erbrechen, Elends- und Vernichtungsgefühl bis hin zum Kreislaufzusammenbruch kommen. In einer solchen Situation entstehen zusätzliche Probleme, wenn jemand regelmäßig Medikamente einnehmen muss. Es brauchen nicht alle Krankheitsanzeichen aufzutreten, ehe Übelkeit einsetzt. Manchen Menschen ist nur übel ohne Erbrechen, andere übergeben sich ohne Vorwarnung. Dafür ist der Überträgerstoff Histamin mitverantwortlich: Unser Körper interpretiert Schwindel und Kopfschmerzen als Anzeichen einer Vergiftung. Irgendwann will er den Mageninhalt loswerden. Ein Trost: An Seegang gewöhnen wir uns in der Regel innerhalb eines Tages, meist klingen die Symptome dann ab. Solange sollten wir Betroffene trösten, auf unpassende Sprüche verzichten, sie mit Wasser versorgen und ihnen am ruhigsten Ort unter Deck beim Einschlafen helfen. Sie sollten am besten schiffsmittig auf dem Rücken in einer geeigneten Seekoje liegen, die mit einem Leesegel gegen ein Herausfallen ausgestattet ist. An Deck ist bei schweren Symptomen die Gefahr sehr groß, über Bord zu gehen. Falls sie sich dort doch aufhalten müssen, sollten sie mit einem Lifegurt gesichert sein, das ist extrem wichtig.

Im April 2012 ist das Tochterboot GLÜCKAUF des Seenotrettungskreuzers ALFRIED KRUPP vor Borkum im Einsatz für eine Segelyacht. Erst nach dem Übersetzen eines Seenotretters auf den Havaristen kann eine Leinenverbindung hergestellt werden. Die seekranke Besatzung ist dazu nicht mehr in der Lage gewesen. Archivfoto: Die Seenotretter – DGzRS

Sollten wir Seekrankheit auf jeden Fall ernst nehmen?

Unbedingt! Fallen Besatzungsmitglieder aus, kann das die Schiffssicherheit erheblich gefährden. Es kann zu akuten Notfällen kommen, die den Einsatz der Seenotretter erfordern. Erkrankte laufen Gefahr, zu dehydrieren, also auszutrocknen, und mit Elektrolyten unterversorgt zu sein. Schwere Seekrankheit darf keinesfalls bagatellisiert oder gar belächelt werden. Sie ist nicht zu unterschätzen. Wir sollten offen mit ihr umgehen.

Quelle: Die Seenotretter – DGzRS

Was kann ich machen, um gar nicht erst seekrank zu werden?

Ausgeruht, entspannt und fit an Bord gehen. Kaum etwas senkt den Histaminspiegel so schnell und effektiv wie Schlaf. Auch ganz wichtig: zuversichtlich sein und bleiben! Wer Angst hat, wird schneller seekrank. Vitamin C baut Histamin ab, vorbeugend kann man zwei Gramm pro Tag einnehmen. Ingwer wirkt magenberuhigend, die Dosis sollte 500 Milligramm alle vier Stunden betragen. Manche schwören auf Akkupressurbänder, um durch Druck auf das Handgelenk Seekrankheit zurückzudrängen. Außerdem gilt: ausreichend trinken und die Nahrung anpassen. Am besten sind kohlenhydrathaltige, aber nicht zu voluminöse Mahlzeiten mit wenig Fett. Empfehlenswert sind frisches Obst und Gemüse, rohe Karotten, Suppen, Zwieback, Kamillen-, Pfefferminz- und Ingwertee. Vermeiden sollte man Histaminhaltiges wie Salami, Hartkäse, Thunfisch aus der Dose, Sauerkraut, Tomaten, Erdbeeren, Spinat, Schokolade, Knabbergebäck, Walnüsse, Bananen, Kaffee, schwarzen oder grünen Tee sowie Alkohol. Und alles was einem aus persönlicher Erfahrung gegen Seekrankheit nützt, hilft – selbst, wenn es nur einen Placeboeffekt hat.

Gibt es Tabletten gegen Seekrankheit?

Ja, es gibt eine Reihe wirksamer Medikamente gegen Seekrankheit. Sie liegen auch in jeder gut ausgestatteten Rettungsinsel. Schiffbrüchige sollten sie im Notfall unverzüglich einnehmen. Die prophylaktische und therapeutische Wirksamkeit ist je nach Substanzklasse sehr unterschiedlich und nur mit gewisser Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Antihistaminika blockieren den Histamin-Rezeptor und sollten mindestens vier Stunden vor Ablegen genommen werden, Antihistaminika mit calciumantagonistischer Wirkung sollen weniger müde machen. Parasympatholytika beruhigen den Magen und unterdrücken den Brechreiz im Gehirn. Aufgrund zu erwartender Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Sedierung und reduzierten Reaktionszeiten kann die eigene Einsatzfähigkeit eingeschränkt oder gar nicht mehr gegeben sein. Standard-Medikamente gegen Seekrankheit sollte jeder nach ärztlicher Rücksprache vor einer Seereise testen. In jede Bordapotheke gehören sie sowieso.

Waren Sie selbst schon einmal seekrank?

Ich bin glücklicherweise noch nie seekrank gewesen, aber gleichzeitig weiß ich: Auch mich könnte es erwischen. Niemand ist davor gefeit, selbst ein gestandener Seemann mit Tausenden von Seemeilen nicht. Bis zu 90 Prozent der Menschen sind für Seekrankheit anfällig, vor allem aber in einer Überlebenssituation wie dem Aufenthalt in einer Rettungsinsel kann es wirklich jeden treffen.

Aus dem Seenotretter-Logbuch

Auf der Außenweser kommen die Seenotretter im August 2021 einem unterkühlten und stark seekranken Mann zu Hilfe. Die Segelyacht mit zweiköpfiger Crew ist unterwegs von Helgoland zurück an die Küste. Weil sie nicht weitersegeln können, ankern sie außerhalb des Fahrwassers. Sie alarmieren die Seenotretter.

Ebenfalls im August 2021 befindet sich der neue Seenotrettungskreuzer für den Darß in seinem ersten Einsatz: Bei starkem Regen, eingeschränkter Sicht und rauer See mit Böen von sechs Beaufort nimmt das Tochterboot eine manövrierunfähige Segelyacht in Schlepp. Es stellt sich heraus: Seekrankheit hat zwei der vier Besatzungsmitglieder an Bord zeitweise stark zugesetzt.

Im Juli 2020 strandet ein Alleinsegler an der Steilküste von Hiddensee. Dabei verletzt er sich schwer am Kopf. Die Seenotretter sind an seiner Abbergung beteiligt – ein Hubschrauber fliegt den Mann in ein Krankenhaus. Einige Tage zuvor ist der 53-Jährige südlich von Kopenhagen (København) zu seinem Törn aufgebrochen. Nach eigenen Angaben ist er unterwegs seekrank geworden, zudem hat der Motor seines Bootes nicht mehr einwandfrei funktioniert.

Über die Seenotretter

Die DGzRS ist zuständig für den maritimen Such- und Rettungsdienst in den deutschen Gebieten von Nord- und Ostsee. Zur Erfüllung ihrer Aufgaben hält sie rund 60 Seenotrettungskreuzer und -boote auf 55 Stationen zwischen Borkum im Westen und Usedom im Osten einsatzbereit – rund um die Uhr, bei jedem Wetter. Jahr für Jahr fahren die Seenotretter mehr als 2.000 Einsätze, koordiniert von der deutschen Rettungsleitstelle See, dem MRCC Bremen der DGzRS (MRCC = Maritime Rescue Co-ordination Centre). Die gesamte unabhängige und eigenverantwortliche Arbeit der Seenotretter wird ausschließlich durch freiwillige Zuwendungen finanziert, ohne Steuergelder. Seit Gründung der DGzRS 1865 haben ihre Besatzungen annähernd 86.000 Menschen aus Seenot gerettet oder drohenden Gefahren befreit. Schirmherr der Seenotretter ist der Bundespräsident.


Spenden

Die DGzRS ist auf eure Spenden angewiesen, dass könnt ihr auch online: https://spenden.seenotretter.de/