Renate das Verschickungskind, kommt an

Renate das Verschickungskind, kommt an

21. Juni 2022 Aus Von Karin Diestel

19. Juni 2022 von Karin Diestel

Zwei Jahre war Renate auf der Suche nach dem Heim, in dem ihr all die Quälereien angetan wurden. Mehr als sechzig Jahre war sie die Bilder in ihrem Kopf nicht losgeworden, auch wenn sie mittlerweile Frieden mit dem Entschluss ihrer Eltern, sie als knapp Sechsjährige einfach allein in einen Zug zu setzen, geschlossen hatte. Die wollten damals, Mitte der 50iger, nur das Beste und glaubten dem Arzt, der ihr Kind für zu dünn hielt. Sie konnten nicht ahnen, dass ihr Kind in ein Haus voller Kälte und Abweisungen geraten würde.

Hätten sie die Kinder gesehen, die hier den Befehlen folgen mussten, hätten sie das leise Wimmern nachts in den Schlafsälen hören können. Und wären sie dabei gewesen, als eine Tante das kleine Handgelenk des angstvollen Mädchens ergriff, den Löffel mit dem Erbrochenen wieder auf den Teller füllte, um es zurück in den kleinen Mund des weinenden Mädchens zu löffeln. Und hätten sie in das beschämte Gesicht ihres Kindes geblickt, als es auf der alten Holztreppe stand, in der langen Schlange warten musste, bis es endlich auf die Toilette durfte, obwohl die Blase bereits nachgegeben hatte. Drei Mal am Tag, nie in der Nacht, durften die Kinder zur Toilette gehen. Jeder Stuhlgang wurde von den Tanten begutachtet. Und dann kam die Angst vor einer Strafe. Auch das hätten die Eltern in den Augen ihres Kindes lesen können. Die Strafe erfolgte meist nachts. Dann wurde das kleine Mädchen aus dem Bett gerissen, in den kalten Flur an die Wand gestellt. Sie wusste bereits, hier musste sie barfuß, im Nachthemd für mehrere Stunden aufrecht im Dunkeln stehen. Die Aufseherin in ihrem warmen Zimmer hinter der Tür riss diese immer mal wieder auf, um das das Kind zu kontrollieren. Nie war es vor Müdigkeit an der Wand heruntergerutscht, denn es wusste, welche Strafe andere Kinder dafür bekommen hatten.

Und dann, nach sechs langen Wochen öffnete sich endlich die Tür des Heimes und ein Bus brachte sie, zusammen mit anderen Kindern, zurück zum Bahnhof. Die meisten zeigten den gleichen traurigen Gesichtsausdruck, als sie zu ihr stiegen. Wieder erwartete alle eine lange Zugfahrt. Sie hatten Bad Sachsa überlebt. Offensichtlich wollen meine Eltern mich doch wiederhaben, dachte das kleine Mädchen, sie hatte nicht mehr daran geglaubt. Sechs lange Wochen sind für ein kleines Kind nicht abzuschätzen. Renate wollte sich freuen, doch das Lächeln hatte sie verlernt. Und dann endlich kam sie in Hamburg an. Sie hatte Schwierigkeiten, ihre Eltern auf dem Bahnsteig zu entdecken, endlich erkannte sie ihre Mutter und ihren Vater. Doch sie lief ihnen nicht in die Arme, die Eltern waren ihr fremd geworden. Misstrauisch ließ sie sich drücken und herzen.

Es brauchte eine Zeit, bis sie über das Erlebte sprechen konnte, dann aber sprudelte es aus ihr heraus. Doch ihre Mutter wies sie ab. Schob die erinnerten Gräueltaten auf ihre Fantasie, auf ihren Wunsch nach Aufmerksamkeit. Das kleine Kind war verunsichert. Sie versuchte es noch ein paar Mal, die Mutter blieb jedoch bei ihrem Urteil. Der Arzt hätte davon wissen müssen. Außerdem gab es solche Heime nicht mehr. Schließich war die Nazizeit beendet. Renate zog sich in sich zurück, nie wieder in ihrem Leben kam sie mit Problemen zu ihren Eltern. Nie wieder kamen die Worte Mutter und Vater über ihre Lippen. Nach und nach verblassten die Erinnerungen.

Als erwachsene Frau, mittlerweile mit eigenen Kindern, träumte sie noch immer den Traum von dem dunklen Keller, in den sie gestoßen wurde. Dann kamen die alten Bilder zurück und sie wusste, ihr war in dem Verschickungsheim in Bad Sachsa Schlimmes widerfahren. Doch sie sprach nicht darüber, zu tief saß die Angst, dass man ihr nicht glauben werde. Eines Tages aber, ein Arbeitskollege erzählte von den schlimmen Zuständen in einem Kinderheim in Bad Sachsa, erkannte sie, das ist alles wahr gewesen! Es schlug wie eine Welle über sie zusammen. Doch die Bilder legten sich bald wieder brav zurück an den Platz, wo sie so lange geschlummert hatten. Die erwachsene Frau verdrängte sie immer noch.

Als sie dann, mit ihrem Mann, im Harz Urlaub machte, begaben sie sich eines Tages auf die Suche nach ihrem damaligen Heim. Noch gingen sie davon aus, es hätte nur ein einziges Heim in Bad Sachsa gegeben. Sie fragten sich bei Einwohnern durch und standen schließlich vor einer Ansammlung bedrohlich wirkender, verkommender Holzhäuser, umgeben von Wald. Die Fläche vor dem ehemaligen Kinderheim war zum Stellplatz für Wohnmobile geworden. Renate schlich um die Häuser herum. Beklemmung stieg auf, Angst mischte sich darunter. Und dann entdeckte sie den Bach, am Ende des Grundstückes. An den erinnerte sie sich genau. Sie glaubte, angekommen zu sein und verfasste einen Bericht in dieser Zeitung.

Es kehrte trotzdem keine Ruhe ein. Sie erfuhr, dass es viele solcher Heime gegeben habe, auch hier in Bad Sachsa. So recherchierten sie und ihr Mann weiter. Schrieben das Archiv in Bad Sachsa an, lasen gründlich Berichte von anderen Opfern aus diesem Ort im Harz und konnten so ihr tatsächliches Heim eingrenzen. Nun wollte sie noch einmal hin, um zu merken, ob es eine Wiedererkennung geben wird. Doch irgendetwas hielt Renate noch davon ab, diesen Schritt zu tun. Da kam ihr die Anfrage einer Filmemacherin recht. Die suchte ehemalige Verschickungskinder aus Bad Sachsa und hatte von Renate gehört. Sie meldete sich. Schon das erste Telefongespräch machte ihr Mut, den Schritt zu wagen.

Ein Filmteam reiste an, wollte sie kennenlernen, stellte Fragen, interessierte sich für ihr jetziges und ihr früheres Leben. Renate fühlte sich sicher, ihr Mann saß neben ihr und hielt ihre Hand. Und dann verabredeten sie sich alle in Bad Sachsa. Die Regisseurin hielt ihr Wort, sie wollte ihr helfen, das richtige Heim zu finden. Bis zum Termin vergingen weitere vierzehn Tage. Eine Zeit, in der die Frau sich darüber im Klaren werden konnte, ob sie wirklich noch einmal dorthin wollte. Doch sie erkannte auch die Chance. Die Filmleute würden ihr Türen öffnen, die für sie verschlossen blieben. Sie entschied sich zu fahren.

Karin im Archiv

In Bad Sachsa verbrachten sie einen ganzen Tag zusammen. Dieses Mal öffnete der Archivar seine Tür weit. Er erwies sich als wandelndes Lexikon, zumal sie längst nicht die Einzige geblieben war, die nach ihren Erinnerungen suchte. Er wusste Vieles aus jener Zeit, kannte die Lage der Gebäude und hatte sich mit deren Geschichte auseinandergesetzt. Den entscheidenden Hinweis gab auch hier wieder der kleine Bach. Er wusste von einem, tief hinter dem Haus Warteberg. Dieses Heim war von einem Arzt geleitet worden, der bei den Nazis während des Krieges einen bedeutenden Posten innehatte. Sie war ihrem Ziel so nahe.

Haus Warteberg heute

Nur eine kurze Autofahrt trennte sie noch von der alten Erinnerung. Einiges glaubte Renate sogleich wiederzuerkennen. Der Eingang an der Seite. Das kleine Fenster im Dach, wo man sie für lange Zeit isoliert und vollkommen allein gelassen hatte. Die Erinnerungen trafen sie hart. Sie hatte mit Zahnpasta auf die Wand neben ihrem Bett Bilder gemalt, um sie anschließend wieder abzulecken, weil sie unerträglichen Durst verspürt hatte. Aber, sie brauchte Gewissheit, sie musste erst noch den Bach finden. Eine Bewohnerin erlaubte ihr, das Grundstück zu betreten. Als sie, an der Hand ihres Mannes, an der Hausrückseite ankam, schossen ihr die Tränen aus den Augen. Da war er, der Abhang, an dem unten das Bächlein floss. Genau hier am Beginn einiger Stufen hatte sie gestanden, denn der Aufenthalt unten am Wasser war verboten. Plötzlich waren Bilder da. Die verschneite Landschaft, Kinder in Grüppchen. Tanten in dicken Mänteln und sie sah sich, frierend im dünnen Sommermantel, allein und unendlich traurig. Hier war sie als Kind gewesen. Hier hatte man ihr das alles angetan.

Von hier hinunter zum Bach

Die Filmleute durften nicht mit auf das Grundstück, sie blieben vor der Einfahrt stehen, die Kamera war ausgeschaltet. Alle nahmen sie in den Arm, die Regisseurin, der Ton- und Kameramann. Sie sah Tränen in den Augenwinkeln schimmern. Ihre Reise war zu Ende. Endlich konnte sie die Erinnerungen zuordnen. Sie wusste, das würde sie beruhigen. Renate hatte ihr Ziel erreicht.

Und jetzt möchte Renate ihren Namen ablegen, ich heiße Karin, bin Ehefrau, Mutter und Oma und es ist meine eigene Geschichte, die ich hier beschreibe. Ich will allen ehemaligen Verschickungskindern mit diesem Artikel Mut machen, nicht länger zu schweigen. Für diejenigen aber, die Glück gehabt haben, die ihre Verschickung als schöne Zeit in Erinnerung behielten, freue ich mich von ganzem Herzen.


Teil 1: Renate – ein Verschickungskind aus den 50er-Jahren