Auf den 5. Schleswiger Barocktagen

Auf den 5. Schleswiger Barocktagen

31. Juli 2022 Aus Von Andreas Franke

Ein großartiges Event für die ganze Familie

Die Mitwirkenden der Schleswiger Barocktage kommen aus ganz Deutschland und aus den Niederlanden in unsere Schleistadt. Foto: Andreas Franke

Bereits zum fünften Mal fanden nun auf dem Holm die Schleswiger Barocktage statt. Die Veranstaltung findet immer auf dem schönen Hinterhof des Hauses an der Süderholmstraße 23 statt, dass der Holmer Fischer Jörg Nadler für die zweitägige Veranstaltung für die Besucher öffnet. Im Gegensatz zu vielen anderen „historischen“ Events, wo es gern mal mit der Authentizität nicht so genau genommen wird, wird es hier mit dieser sehr genau genommen und so sind der überwiegende Teil der ausgestellten Exponate Originale aus der Zeit des Barock und Rokoko, die die Jahrhunderte überlebt haben. Auch die Kleidung der ca. 30 aus ganz Deutschland und aus den Niederlanden angereisten Mitwirkenden wurde penibel nach gut dokumentierten Vorlagen aus der Zeit hergestellt, Stoffe wurden aus den Materialien nachgewebt, mit originalen Mustern bedruckt, in Handarbeit genäht, so wie es in eben dieser Epoche üblich war. Hier hat man dann auch mal die Gelegenheit sich die Kleidungsstücke mal im Detail anzuschauen, wobei man schnell feststellt, dass hier auf Langlebigkeit gesetzt wurde, ganz im Gegensatz zu unserer heutigen Wegwerfmode à la Kick, Takko, H&M und wie sie alle heißen. Nachhaltigkeit war angesagt, denn der Zeitaufwand für die Produktion war entsprechend hoch und damit der Wert der Produkte eben auch. Auf den Schleswiger Barocktagen geht es darum, den Besuchern das Alltagsleben in unserer Region zu dieser Zeit näher zu bringen und so sieht man die Mitwirkenden dort eben in der Alltagskleidung des 18. Jahrhunderts ihren jeweiligen Tätigkeiten nachgehen.

Womit wurde im Barock gespielt? Hier wurde es gezeigt. Foto: Andreas Franke

Was wurde also in diesem Jahr gezeigt? Gleich vor dem Haus an der Süderholmstraße, direkt neben der Kasse, konnte man Spielzeug der Kinder des Barocks bestaunen, von Rasseln, Klappern und Puppen aus Holz, Schachfiguren und Würfel aus Knochen, Murmeln und kleinen Tieren aus Ton, sowie bemalte Miniaturen aus Zinn. So manch eines dieser Spielsachen, gerade derer aus Holz, findet man noch in heutiger Zeit in den Spielzeugfachgeschäften. Genauso wie Kartenspiele, die regional unterschiedlich waren und deren Herstellung monopolisiert war.

Infos über die Geschichte des Buches vom Buchbinder. Foto: Andreas Franke

Sobald man dann den Hinterhof und den eigentlichen Ort der Veranstaltung durch den schmalen Gang von der Süderholmstraße betrat, konnte man sich beim Buchbinder über sein Handwerk informieren. Wie alle anderen Mitwirkenden der Barocktage auch, weiß dieser über viele spannende Details seines Handwerks zu erzählen und auch über die Geschichte des Buches im Allgemeinen.

Flexible Korsettstangen aus Walbarten. Foto: Andreas Franke

Auch in diesem Jahr war der Walfang erneut ein Thema, dass bei den Besuchern auf großes Interesse stieß. Die blutige und sehr gefährliche Jagd auf die großen Meeressäuger und die Vielfalt an Produkten, die man aus den Tieren zu dieser Zeit herstellte, erstaunt große und kleine Besucher jedes Mal erneut. Maschinenöl, Kerzen, Ambra für die Parfümherstellung, oder auch der Vielfältige Einsatz der Walbarten zum Beispiel flexible Stützen in Korsetts oder Schirmen und sogar zur Federung ganzer Kutschen, sorgt oft für herunterklappende Kinnladen. Auch wenn, wiederkehrende Besucher wie ich, den Walfänger schon kennen, weiß er doch in jedem Jahr erneut etwas Neues zu erzählen und man lernt immer wieder etwas dazu.

Navigation mit Oktanten. Foto: Andreas Franke

Wer auf See unterwegs ist, muss wissen wo er sich befindet, und so war in diesem Jahr die Navigation im 18. Jahrhundert ebenfalls ein Thema, über das man sich im Detail informieren konnte. Auch hier wieder anhand vieler Originalgerätschaften aus der Zeit, aber auch von Nachbauten. Kompass, Oktant und Kartenmaterial konnten bestaunt werden. Aber auch etwas Kurioses, wie das verkleinerte, aber funktionstüchtige Modell einer Mittagskanone. Diese wurden mit Pulver bestückt und ein an der Kanone angebrachtes Brennglas war so ausgerichtet, dass es das Pulver bei höchstem Sonnenstand automatisch entzündete. Was auf den Barocktagen auch vorgeführt wurde, da viele Wolken am Himmel waren musste zwar mit einem größeren Brennglas etwas nachgeholfen werden, aber das Prinzip wurde klar.

Der Stellmacher arbeitet an einem Kutschenrad. Foto: Andreas Franke

Zum ersten Mal dabei war in diesem Jahr ein Stellmacher, den man bei der Fertigstellung eines Kutschenrades beobachten konnte. Dabei trifft Mathematik auf Handwerkskunst, denn hier geht nichts ohne die Zahl Pi. Noch beeindruckender wurde das ganze dadurch, dass der Stellmacher diese anstrengende Arbeit mit nur einem Arm erledigte. Auch zeigte sich, dass für die Arbeit benötigte Werkzeuge, wie zum Beispiel der Hobel, sich bis in die heutige Zeit nicht wesentlich verändert und sich in ihrer Form einfach haben.

Mit Gänsefeder und Tinte. Schreiben wie im Barock. Foto: Andreas Franke

Geschrieben wurde im Barock noch mit Gänsefeder und Tintenfass und dass das eine Herausforderung ist und es einiges an Übung braucht, bis man seinen Text sauber und ohne Kleckse aufs Pergament bringt, durfte man auf den Barocktagen gern einmal selbst ausprobieren. Die Korrespondenz ging dann damals mit dem Postillon auf dem Pferd oder per Kutsche auf die Reise zum Empfänger. Das war offensichtlich, im Gegensatz zu heute, mit einem gewissen Risiko verbunden und so waren die Überbringer mit Schusswaffen ausgerüstet um sich gegen räuberisches Gesindel zu Wehr zu setzen. Dabei kamen zum Beispiel Pistolen zum Einsatz die mich, mit ihrem sich trichterförmig erweiternden Laufende, an die Pistole des Räuber Hotzenplotz erinnern. Zum einen sorgt diese Trichterform für eine erweiterte Streuung von Schrotmunition und erhöhte damit die Wahrscheinlichkeit einen Treffer zu landen, zum anderen konnte man so die Pistole auf einer schwankenden Kutsche einfacher laden. Wieder ein Detail gelernt. Auch kam damals das Posthorn regelmäßig zum Einsatz. Man signalisierte so zum Beispiel bereits aus der Ferne die nächste Poststation über die Ankunft und so konnte man sich dort schon auf einen etwaigen Pferdewechsel vorbereiten. Auch warnte man so andere Menschen auf den Postrouten vor dem Herannahen der Postkutschen, denn die konnten schnell und schwer sein und in Gefahrensituationen nur mühsam abgebremst werden. Auch wurden die Posthörner durchaus zur Unterhaltung der mitfahrenden Passagiere eingesetzt. Die Freude der Reisenden darüber, hing allerdings stark vom musikalischen Talent des jeweiligen Postillons ab. 😉

Der Postillon vor der Süderholmstraße 23. Foto: Andreas Franke

Schusswaffen spielten zu dieser Zeit natürlich auch an anderen Stellen eine große Rolle. Zum einen beim Militär und zum anderen bei der beruflichen Jagd. Entsprechende Waffenkunde und Details über deren Einsatz, gab es dann auch auf den diesjährigen Barocktagen. Wie immer gekrönt von ein donnernden Schussvorführung. Ohne Kugel, nur mit Pulver und Papier versteht sich, aber nicht minder eindrucksvoll!

Viele Fischerei-Exponate und die dazugehörigen Informationen von Jörg Nadler. Foto: Andreas Franke

Jörg Nadler selbst erzählte von der Fischerei im Barock und zeigte dabei wieder die eine große Anzahl an Exponaten aus der Zeit, die er über die Jahre angesammelt hat. Darunter z.B. auch originale Schraubendreher, die bis zum heutigen Tage im Einsatz sind. So reparierte ein Mitwirkender der Barocktage noch am Schlusstag der Veranstaltung sein Auto aus dem 21. Jahrhundert mit einem der Schraubenzieher aus dem 18. Jahrhundert. Ob sich der Handwerker, der das Werkzeug damals hergestellt hat, auch nur ansatzweise hat vorstellen können?

Ein Seil entsteht auf der historischen Seilerbahn. Foto: Andreas Franke

Die kleine Seilerei Jörg Nadlers hat, gerade bei den kleinen Besuchern, wohl schon Kultstatus. Hier dürfen die Lütten ebenfalls mal selbst aktiv werden und ihr eigenes Seil herstellen. Gefragt ist hier die gute Einteilung der eigenen körperlichen Kräfte und Ausdauer, was Mädchen offensichtlich besser im Griff haben als Jungs, die sich am Anfang der Herstellung schnell verausgaben und dann während des Prozesses einfach etwas nachlassen, was man dann am Endprodukt deutlich sehen kann. Für einen Materialkostenpreis von 8 Euro, durfte man sein selbstgemachtes Seil auch gern mit nach Hause nehmen.

Essen wie im 18. Jahrhundert. Foto: Andreas Franke

Körperliche Arbeit macht hungrig, Abhilfe dagegen schafften die Damen vom Küchen-Team, die an ihrer Kochstelle unter freiem Himmel auf offenem Holzfeuer brutzelten und kochten. Speisen, wie sie damals ebenfalls auf den Tisch kamen. Zubereitet mit authentischen Küchenutensilien und dargereicht auf originalem Geschirr auf einer langen Tafel. Leckerer gebratener Fisch aus der Schlei kam hier auf den Tisch, dazu Pellkartoffeln und Quark mit frischen Kräutern und Brot und selbstgemachte Butter darf hier ebenfalls nicht fehlen. Extrem lecker sahen auch die Flusskrebse aus, die Jörg Nadler oft aus der Schlei entfernt. Hierbei handelt es sich um den amerikanischen Flusskrebs, der unserer heimischen europäischen Variante das Leben schwer macht, da er eine für die streng geschützten europäischen Flusskrebse tödliche Krank verbreitet. Deshalb sammelt Fischer Nadler die amerikanischen Invasoren aus der Schlei wo immer er ihnen habhaft werden kann, und friert diese dann ein, denn für den Menschen spielt die Krankheit keine Rolle und so kommt die leckere Krebsbeute dann auf den Tisch.

Der invasive amerikanische Flusskrebs aus der Schlei landet auf dem Tisch. Foto: Andreas Franke

Ich hoffe, ich konnte euch ansatzweise zeigen was für eine großartige Veranstaltung mit historischem Hintergrund die Schleswiger Barocktage darstellen. Ich habe bei meinem dortigen Aufenthalt so oft große Augen und großes Staunen bei den jungen Besuchern sehen können. Sie stellten dabei kluge Fragen an die Mitwirkenden, die diese dann sehr kompetent beantworteten und komme zu dem Schluss, dass ein Besuch einer Neuauflage der Schleswiger Barocktage, gerade für Familien mit Kindern, unbedingt empfehlenswert ist.

In diesem Jahr waren die Besucherzahlen leider nicht sehr berauschend, zudem gab es erneut einige Leute die sich den Zugang trotz des günstigen Eintrittspreises, über den Ausgangsbereich erschlichen haben. Für eine Veranstaltung die privat aus eigener Tasche mit mehreren tausend Euro finanziert wird, ist das mehr als ärgerlich. Für einen Schlei-Fischer ist ein entsprechendes Minus in der privaten Haushaltskasse nur schwer zu erwirtschaften und so waren Jörg Nadler und seine Frau am Ende der 5. Schleswiger Barocktage entsprechend enttäuscht. Da helft dann auch ein Zuschuss seitens der Stadt von 1000 Euro nicht viel weiter. Andere Sponsoren sind leider kaum oder gar nicht vorhanden, was ich persönlich nicht nachvollziehen kann. Viele Dinge auf der Veranstaltung wurden in Nachbarschaftshilfe geleistet, so zum Beispiel die Besetzung der Kassen, oder die Bereitstellung von Parkplätzen für die Mitwirkenden auf Nachbargrundstücken, dass ist wiederum großartig. Wünsche seitens der Besucher, wie zum Beispiel einer Beköstigung, ziehen leider für eine Veranstaltung dieser Größe zu viele Auflagen seitens der Behörden nach sich und damit weitere Kosten, weshalb man darauf erneut verzichten musste. Auch das Bewerben der Veranstaltung mittels Plakate in der Stadt ist nur sehr eingeschränkt möglich gewesen, erzählte mir Jörg Nadler, auch das die Plakate bereits am Folgetag des letzten Veranstaltungstages wieder entfernt sein müssen, ist für einen so kleinen privaten Veranstalter schon eine Herausforderung. Nach einem langen Veranstaltungswochenende noch in der Nacht alle Plakate abhängen? Ist das notwendig, oder könnte man dem Veranstalter da nicht auch zwei Tage Zeit geben? Ich weiß nicht, aber ich habe das Gefühl, dass Plakate größerer Veranstaltungen durchaus ein paar Tage länger nach deren Ende in der Stadt hängen.

Ich hoffe, dass Jörg Nadler für die 6. Schleswiger Barocktage mehr Sponsoren akquirieren kann und der Stadt Schleswig diese Veranstaltung in dieser Qualität erhalten bleibt. Die Aufenthaltsdauer der einzelnen Besucher auf den Schleswiger Barocktagen ist jedenfalls auffällig lang, was durchaus Rückschlüsse auf die Attraktivität der Veranstaltung für die Besucher zulässt.

Das waren die 5. Schleswiger Barocktage in Bildern:

Spielzeuge der Kinder im Barock

Textilien, Stickereien und Knöpfe in Handarbeit…

Jüdischer Bänderhändler

Küchenarbeit unter freiem Himmel

Schreiben mit Feder und Tinte

Navigation im 18. Jahrhundert

Der Postillon

Stellmacher – Ein Kutschenrad entsteht

Segelmacher

Walfang

Soldaten, Jäger und Waffen

Fischerei

Impressionen