Die Möwen in Schleswig

Die Möwen in Schleswig

22. November 2022 0 Von Jens Nielsen

Sagen aus Schleswig Teil 1

König Abels Leute, die ihm bei der Ermordung seines Bruders Erich halfen, sind alle eines elenden Todes gestorben; der eine ward beim Spiel erstochen; ein andrer gerädert; der dritte von seinen eignen Leuten erschlagen. Sie und alle die zwanzig Ritter, die mit dem Könige den Reinigungseid taten, sind nach ihrem Tode für immer an den Ort ihrer Schandtat gebannt.

Nahe an Schleswig, der Stelle wo Abels Schloss stand gegenüber, in der Schlei erhebt sich eine kleine Insel, der Möwenberg; alljährlich kommen am Gregoriustage die Möwen dahin und nisten ungestört; die Stadt bestellt ihnen einen Fischer zum Hüter, der der Möwenkönig heißt. Wenn sie nun zweimal Junge gebrütet haben und die dritten eben aus dem Ei gekrochen sind, dann stürmt es an einem Sonnabendmittag, sowie die Uhr zwölf schlägt, von allen Seiten auf den Berg. Knaben greifen die nackten Jungen; die andern erreichen die Schützen, die ganze Schlei ist mit Böten bedeckt und Schüsse knallen ringsherum. Bis zum Sonntagmittag um 12 Uhr dauert der Möwenpreis. Die noch lebenden Möwen sind dann traurig davon gezogen; aber in jedem Jahre müssen sie wieder kommen und brüten.

Denn die Möwen sollen Abels Leute sein und sie können nicht von dem Orte loskommen. Nur wenn einmal ihr Möwenkönig sie nicht beschützt und sie in der Zeit vor dem Möwenpreise keine Ruhe haben, brauchen sie in sieben Jahren nicht wieder zu kommen. Das ist noch im Anfange dieses Jahrhunderts geschehen, wo sie in einem bösen Kriegsjahre gestört wurden. Aber erst wenn dreimal nacheinander ihnen das Gleiche geschieht, man also binnen einundzwanzig Jahren gegen die alte Sitte verfährt, werden sie erst vom Fluche frei. – Andre sagen, dass auf der Möweninsel in einem Schlosse vor alten Zeiten ein mächtiger Herr gewohnt hat, der mit seinen Dienern und Knechten die Leute der Umgegend hart bedrückte. Das Schloss ist darnach versunken und er mit seinen Dienern in Möwen verwandelt, die seit der Zeit die Insel allein bewohnen.

(Mündliche traditionelle Überlieferung. Schriftlich fixiert in: Mühlenhoff Karl, Sagen, Märchen und Lieder, 1845, vergleiche Volksbuch 1844. Siehe auch: Grässe, Johann Georg Theodor, Sagenbuch des preußischen Staats, Band 2, 1868/1871)

Die Geschichte der Möweninsel wird ausführlich behandelt in: Nielsen, Jens, Lang schon verschwunden ist die Burg, BoD, 2021, ISBN-13: 9783755710882