Schleswig in der Nachkriegszeit – Dr. Karl Werner Kugler

Schleswig in der Nachkriegszeit – Dr. Karl Werner Kugler

23. November 2022 0 Von Jens Nielsen

Ein Nationalsozialist auf dem Stuhl des Bürgermeisters[1]

Er „besaß die Energie und Tatkraft, die Geschicke der Stadt mit dem Blick auf die Zukunft zu meistern…“[2]

Der aus Dresden gebürtige Schleswiger Bürgermeister Dr. jur. Karl Werner Kugler (* 18. September 1910; † 9. August 1973) wird in unseren Tagen überwiegend nur noch in Verbindung mit dem Bau des Wikingturmes und dem damals drohenden Baustopp Anfang der 1970-er Jahre genannt, obwohl auch andere Projekte in der Stadt seinen Stempel tragen. Obwohl offiziell an Herzversagen gestorben, wurde in der Stadt hinter vorgehaltener Hand in Verbindung mit der damals drohenden Insolvenz des Sylter Architekten und Investors Horst-Günther Hisam lange Jahre etwas von einem „Freitod“ Kuglers auf der Insel Sylt gemunkelt. Kugler hatte sich sehr engagiert für das Bauprojekt „Port Wiking“ in der Stadt Schleswig eingesetzt. Die Gerüchte um seinen angeblich von eigener Hand herbeigeführten Tod kursieren bis heute. Dr. Kugler war Ehrenmitglied der „Holmer Beliebung“ und seine Urne ist auf dem Schleswiger Holm beigesetzt worden. Er war von Haus aus Verwaltungsjurist und soll sich in diesem Zusammenhang „überragende Kenntnisse und Fähigkeiten besonders in der Kommunalpolitik“ erworben haben.[3]

Diese kurze Abhandlung soll sich mit dem Wirken Dr. Kuglers in den Jahren 1933 bis 1945 beschäftigen, in denen er zum hochrangigen Funktionär des nationalsozialistischen Gewaltregimes aufgestiegen war. Innerhalb der Hierarchien der Reichsjugendführung der Hitler-Jugend hat Kugler unter anderem die Ideologie einer totalen Erziehung vom Kleinkind bis in das Erwachsenenalter für den totalen Krieg maßgeblich mitgestaltet. Nach dem Krieg trat Kugler in die CDU ein und wurde 1955 Bürgermeister von Schleswig. Er blieb bis zu seinem plötzlichen Tod 1973 in dieser Position.

Bereits mit seiner Volljährigkeit war Karl Werner Kugler am 1. November 1931 der NSDAP beigetreten (Mitglieds-Nr. 713.884). Er studierte Rechtswissenschaften. 1933 wird er als Justizinspektor erwähnt[4]. 1936 promovierte er abschließend an der Universität in Leipzig. Das Thema seiner in diesem Zusammenhang eingereichten 63-seitigen juristischen Dissertation lautete: „Die ersatzrechtlichen Beziehungen der Fürsorgeverbände zu den Trägern der Sozialversicherung“. Die Inaugural-Dissertation erschien 1936 in der Buchdruckerei des Dittert & Co Verlages in der Pfotenhauerstraße in Dresden auch als Broschur-Druck mit papierverstärktem Rücken.

Ab 1939 war Karl Werner Kugler in der Reichsjugendführung der Hitler-Jugend tätig. Hier war er bereits ab Januar 1939 zum Obergefolgschaftsführer (Ogff.) und ab November 1939 zum Hauptgefolgschaftsführer (Hgf.) befördert worden. Auch wurde er im gleichen Jahr unter dem Gebietsführer Helmut Möckel (1909–1945)[5] Abteilungsleiter in der Behördenabteilung der Reichsjugendführung. Später stieg er hier ins Zentralamt auf und wurde im Januar 1940 zum Stammführer (Stf.) und im Januar 1943 zum Bannführer (Bf.) befördert. In Folge weiterer Beförderungen und vermutlich einer erlittenen Kriegsverletzung[6] wechselte Kugler schließlich in das Reichsministerium des Inneren. Nicht wenige HJ-Führer wurden wie Kugler Abteilungsleiter und Referenten in den Reichs- und Landesministerien.[7]

Kuglers Name taucht im Reichsministerium in der Gesundheitsabteilung des Staatssekretariats unter Leonardo Conti (1900–1945) auf.[8] Conti war als Reichsgesundheitsführer gleichzeitig Chef der Reichsärztekammer. Zudem war er Leiter des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes (NSDÄB), Hauptdienstleiter der NSDAP und Leiter des Hauptamtes für Volksgesundheit. Von 1937 bis 1939 bekleidete Conti zudem die Funktion des Präsidenten des Weltverbandes für Sportmedizin (Fédération Internationale de Médecine du Sport, FIMS). Leonardo Conti gehörte außerdem dem ausgesuchten Personenkreis an, dem unter strengster Geheimhaltung im Januar 1940 im Alten Zuchthaus Brandenburg zu Vergleichszwecken die Tötung von Menschen in einer Gaskammer und die Tötung mit Injektionen veranschaulicht wurde. Laut einer Zeugenaussage soll er dabei selbst totbringende Injektionen verabreicht haben.[9] Diese sogenannte „Brandenburger Probevergasung“ muss als experimentelle Vorbereitung gesehen werden, die die „Aktion T4“, die massenhafte Tötung von Kranken, vorbereitete. Auch soll Conti an Fleckfieberversuchen im KZ Buchenwald beteiligt gewesen sein.[10] Das Aufgabengebiet Dr. Kuglers im Reichsministerium ist noch unklar.

Dr. Karl Werner Kugler erhielt im Laufe seiner Dienstzeit mehrere Auszeichnungen. So wurde ihm unter anderem 1943 das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse (KVK II. KL.) und unmittelbar darauf das Kriegsverdienstkreuz 1. Klasse (KVK I. Kl.) auf Grund „hervorragender Verdienste bei der Erfüllung unmittelbarer Kriegsaufgaben auf dem Gebiet der Jugendpflege und Jugendhilfe“ verliehen. Eine Auszeichnung mit dem Kreuz bedurfte der persönlichen Zustimmung Adolf Hitlers.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war Kugler als Oberregierungsrat im Reichsinnenministerium in Berlin tätig. Laut Theo Christiansen in seinem Buch „Schleswig und die Schleswiger. 1945–1962“ war Dr. Kugler allerdings in der Kommunalabteilung des Reichsinnenministeriums beschäftigt. Christiansen nennt keine Quellen für diese Angabe. Die Untersuchungen zum tatsächlichen Aufgabenfeld Kuglers dauern noch an. Nach Kriegsende geriet Dr. Karl Werner Kugler in Kriegsgefangenschaft. Es ist ebenfalls noch unklar, ob sich eine noch vorhandene Interniertenkarte aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft eines Dr. Werner Kugler auf den Gesuchten bezieht[11]. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Kugler der CDU bei. Zusätzlich absolvierte er eine Tischlerlehre, die er mit der Gesellenprüfung abschloss. In Fulda wurde er 1949 schließlich Rechtsrat und erfüllte diese Funktion bis zu seinem Weggang nach Schleswig[12]. Im März 1955 wurde er mit 18 Stimmen der „Deutschen Liste“, einem Zusammenschluss der sogenannten „bürgerlichen Parteien“, bei Enthaltungen von SPD und SSW in Schleswig zum Bürgermeister gewählt und trat am 1. Juni 1955 seinen Dienst als Nachfolger des vorherigen Bürgermeisters Bruno Lorenzen an, welcher am 30. Dezember 1954 verstorben war. Dr. Kugler bezog in Schleswig die Bürgermeisterdienstwohnung in der Chemnitzstraße 69 mit Blick auf die Schlei. Nach den ersten 12 Jahren seiner Amtszeit war Bürgermeister Kugler auch nach der 1966 erfolgten Wiederwahl bis zu seinem Tod 1973 Verwaltungschef der Stadt Schleswig. In weiteren Positionen war er Vorsitzender des Fremdenverkehrsverbandes Nordmark e. V. in Hamburg im Bieberhaus neben dem Hauptbahnhof und saß auch im Vorstand des Deutschen Fremdenverkehrsverbandes. Außerdem bekleidete er das Amt des Vizepräsidenten des Deutschen Städtebundes.

Die nationalsozialistische Vergangenheit des Schleswiger Bürgermeisters und CDU-Mitglieds Dr. Kugler ist bisher in der Schleistadt kaum thematisiert worden. Es wäre zu hoffen, dass auch die Folgewirkungen des Nationalsozialismus in der Stadt nach 1945 kritisch betrachtet werden und die Thematik nicht mit der Erarbeitung eines Konzeptes zur Erinnerungskultur bis zum Kriegsende abgeschlossen ist. Begrüßenswert wäre auch eine Aufarbeitung der CDU im Zusammenhang mit ihrer Parteigeschichte – ist für Schleswig mit Dr. Kugler neben Dr. Helmut Lemke doch nunmehr ein weiterer Fall bekannt, in dem ein ehemaliges Mitglied der NSDAP nach dem Krieg in die CDU eintrat und die Politik maßgeblich mitgestaltete. Die Urne des Dr. Karl Werner Kugler wurde am 23. August 1973 mit allen Ehren auf dem Holmer Friedhof beigesetzt – seine nationalsozialistische Vergangenheit ist dabei nicht thematisiert worden.


[1] Personalunterlagen: Landesarchiv Berlin, C Rep. 375-01-08 Nr. 2968, Alt-/Vorsignatur: C Rep. 375-01-08 Nr. BARCH ZA I 02968, Vorl. Nr.: C Rep. 375-01-08 Nr. 23009, Kontext: C Rep. 375-01-08 Ministerium für Staatssicherheit der DDR, Abteilung IX/11, NS-Sondersammlung – Teil Berlin: NSDAP, SA, SS >> P, HJ-Gebiet Berlin (3)

[2] Schleswigs damaliger Bürgervorsteher August Lüthen nach dem Ableben Dr. Kuglers

[3] So ist es in den Beiträgen zur Schleswiger Stadtgeschichte, Heft 18, 1973 auf Seite 89 zu lesen

[4] Unterlagen des preußischen Innenministerium aus dem Berlin Document Center (BDC), Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. HA Rep. 77, Nr. 7494

[5] Helmut Möckel wurde im August 1940 als Stabsführer der HJ Stellvertreter des Reichsjugendführers der NSDAP beziehungsweise des Deutschen Reiches

[6] Siehe dazu Christiansen, Theo „Schleswig und die Schleswiger. 1945–1962“, 1987, S. 51

[7] BA, R 18/5317, Bl. 119 ff. (Plan für die Überführung von HJ-Führern in den Staats- und Gemeindedienst)

[8] Buddrus, Michael, „Totale Erziehung für den totalen Krieg“, 2003, S. 1173

[9] Aussage von Werner Heyde, zitiert in: Thomas Vormbaum (Hrsg.): „Euthanasie“ vor Gericht. Die Anklageschrift des Generalstaatsanwalts beim OLG Frankfurt/M. gegen Dr. Werner Heyde u. a. vom 22. Mai 1962, BWV, Berlin 2005, S. 156.

[10] Laut Maibaum, Thomas „Die Führerschule der deutschen Ärzteschaft Alt-Rehse. Universität Hamburg, Dissertation im FB Medizin, 2007, S. 242.

[11] Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 904/2 Nr 38257

[12] Kugler ist in Fulda 1950 als Verwaltungsjurist in der Baugulfstraße 3 zu finden